Archiv für die Kategorie ‘Würfelwürfe’

AtM X.16-20

Samstag, 24. Juli 2010

sklavereiheuteniger

X.16: „Warum schenken Sie gerne?“ – Weil es mir Freude macht und mich auch ein wenig mit Stolz erfüllt, wenn ich an der Miene des Beschenkten sehe, dass ich seinen Geschmack und seine Bedürfnisse besser erkannt und verstanden habe, als er für möglich hielt.

X.17: „Wieviel Eigentum an Grund und Boden brauchen Sie, um keine Angst zu haben vor der Zukunft? (Angabe in Quadratmetern.) Oder finden Sie, daß die Angst eher zunimmt mit der Größe des Grundeigentums? – Ich finde, dass meine Angst vor der Zukunft aus ganz anderen Gründen herrührt als aus solch nichtigen Fragen des Grundeigentums; und ganz gewiss lässt sich meine Angst nicht in Quadratmetern ausmessen.

X.18: „Wogegen sind Sie versichert?“ – Gegen einige mögliche Schadensfälle, gegen die ich machtlos bin, die nicht allzu unwahrscheinlich sind und deren Folgen ich nicht aus eigenen Mitteln beheben kann. Vermutlich muss ich aber zukünftig höhere Risiken eingehen, weil die Kosten einiger Versicherungen meine schrumpfenden Mittel übersteigen.

X.19: „Wenn es nur noch das Eigentum gäbe an Dingen, die Sie verbrauchen, aber kein Eigentum, das Macht gibt über andere: möchten Sie unter solchen Umständen noch leben?“ – Über Eigentum an Dingen, die mir Macht über andere geben, verfüge ich nicht, habe ich noch nie verfügt und möchte ich auch künftig nicht verfügen. Allenfalls könnte man die ,Macht‘, die ich über meine minderjährigen Kinder hatte, mit der Verfügungsgewalt über Dinge in Verbindung bringen, die ursprünglich von mir angeschafft wurden, wie deren Kleidung, die tägliche Nahrung usw. Aber das ist hier wohl kaum gemeint, und übrigens war die ,Erziehungsgewalt‘ kaum ein Aspekt, der meine Lebensfreude gehoben hätte, stand doch eine gleichzeitige Verantwortung dagegen, die mich vielmehr belastete und zeitweise regelrecht beschwerte. Ich kenne also die Lebensverhältnisse gar nicht, von denen hier die Rede ist. Und übrigens kommt es mir vor, als wäre ich eher ärmer als reicher, wenn mein Überlebenswille von solchen Umständen abhinge wie der Macht über andere.

X.20: „Wieviele Arbeitskräfte gehören Ihnen?“ – Vorab: Ich dachte, die Sklaverei [s. Titelbild] sei mindestens doch in Mitteleuropa abgeschafft. Und zur Frage: eine; nämlich meine eigene. (Allenfalls kurzfristig noch die bezahlte Arbeitskraft von Dienstleistern, wie des Taxifahrers, der Fußpflegerin usw. Aber die ,gehört‘ mir ja nicht eigentlich, ich ,miete‘ sie nur.)

AtM X.11-15

Freitag, 23. Juli 2010

ohnmachtdesprothesenmenschen

X.11: „Wenn Sie auf der Straße stehenbleiben, um einem Bettler etwas auszuhändigen: warum machen Sie’s immer so flink und so unauffällig wie möglich?“ – Das ist endlich einmal eine  Annahme, die auch auf mich halbwegs zutrifft. Tatsächlich ist mir die öffentliche Gabe von Almosen unangenehm, vielleicht sogar peinlich. Woran mag das liegen? Schäme ich mich vor den Passanten, die zufällig Zeuge meiner praktizierten Barmherzigkeit werden? Was ist daran beschämend für mich? Oder fürchte ich mich, dass der Bettler mich in ein mir unangenehmes Gespräch ziehen könnte? Am ehesten ist es wohl die uneingestandene Befürchtung, die Passanten könnten mir unterstellen, ich wollte mit dieser kleinen Mildtätigkeit nur meinen Wohlstand und meine Güte öffentlich zur Schau stellen. Ein Gabe ist ja nur dann rein, wenn sie frei von jedem Nutzen für den Schenker gewährt wird. Selbst der Dank des Beschenkten mindert insofern die Reinheit der Gabe und damit ihren Wert.

X.12: „Wie stellen Sie sich Armut vor?“ – Arm wäre ich, wenn ich nichts mehr geben könnte.

X.13: „Wer hat Sie den Unterschied gelehrt zwischen Eigentum, das sich verbraucht, und Eigentum, das sich vermehrt, oder hat Sie das niemand gelehrt?“ – Ich kenne den Unterschied zwischen Eigentum, das in nützlichem Gebrauch ist, und Eigentum, das nutzlos sich selbst genügt, allenfalls noch dem Eigentümer ein trügerisches Gefühl von Sicherheit verschafft. Grundsätzlich habe ich mich in allen Fragen der ,Lebenskunst‘, wozu auch die eigene Haltung zum Eigentum gehört, selbst unterrichtet und mich nicht auf fehlbare Lehrer verlassen.

X.14: „Sammeln Sie auch Kunst?“ – Zweideutige Frage! Es kann gemeint sein: ,Sammeln sie auch, wie manch andere wohlhabende Menschen, Kunst?‘ Oder aber: , Sammeln sie, neben manch anderem wie Büchern oder Briefmarken, auch Kunst?‘ Ich vermute, dass hier die erste Bedeutungsvariante gemeint ist, steht doch diese Leidenschaft immer unter dem Verdacht, keinen hehren ideellen, sondern schnöden materiellen Interessen zu gehorchen. Nein, ich sammle keine Kunst und würde es auch nicht tun, wenn mir die Mittel dazu zur Verfügung stünden. Wenn mir daran läge, die Kunst zu fördern, dann würde ich eher Akademien und Museen sponsern, Stipendien gewähren oder einen Kunstpreis ausloben.

X.15: „Kennen Sie ein freies Land, wo die Reichen nicht in der Minderheit sind, und wie erklären Sie es sich, daß die Mehrheit in solchen Ländern glaubt, sie sei an der Macht?“ – Der Fragende hat, wie es scheint, ein Verständnis von (nationaler, staatlicher) Macht, das ich mindestens nicht mehr für zeitgemäß halte, wenn es überhapt jemals mit der Realität übereinstimmte. Macht von Minderheiten über Mehrheiten in der menschlichen Gemeinschaft ist zu allen Zeiten immer ein labiler, vorübergehender, zahllosen Zufälligkeiten unterworfener Zustand gewesen. Die halbwegs solide Machthaberschaft hatte ihre beste Zeit in jenen Epochen, als die Gemeinwesen noch relativ autark voneinander existierten, Handel über größere Entfernungen die Ausnahme war, ein Expansionsdruck von Nachbarvölkern durch Übervölkerung, lokale Katastrophen, Rohstoffmangel u. ä. nicht auftrat. In der gegenwärtigen Menschenwelt des 21. Jahrhunderts sind selbst die sog. führenden Industrienationen mit den USA an der Spitze nicht mehr mächtig in dem Sinne, dass ihre politischen und wirtschaftlichen Führungseliten wirklich die Lage unter Kontrolle hätten, weder in den eigenen Staatsgrenzen noch nach außen hin. Vielmehr haben die Globalisierung der Handelswege und Finanzmärkte, die weltweite Vernetzung der Informations- und Kommunikationsmittel und die mehrheitliche Anerkennung eines globalen Standards von Menschenrechten zu einem vorübergehenden Zustand geführt, den ich ,balanciertes Chaos‘ nennen würde – vorübergehend deshalb, weil ein entscheidender Faktor, unsere Gesamtpopulation, global noch immer nahezu exponentiell zunimmt, zugleich jedoch nicht erneuerbare Energie- und Rohstoffressourcen immer schneller verbraucht werden. Dass auch die Mächtigsten heute gegenüber den Folgen unseres weiterhin ungebremsten Wachstums ohnmächtig sind, hat sich beispielsweise gerade bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko gezeigt [s. Titelbild], die weder der mächtigste Politiker der Welt, Barack Obama, noch das Management eines der mächtigsten Energiekonzerne der Welt, von BP, verhindern konnte. – Das Bild der Staatenwelt und ihrer Herrschaftsstruktur, das in der Frage aus dem vorigen Jahrhundert gezeichnet wird, kommt mir, zusammengefasst gesagt, vor wie ein Holzschnitt aus fernen, gemütlicheren Zeiten.

AtM X.6-10

Donnerstag, 22. Juli 2010

baumfaelligkeit

X.6: „Empfinden Sie das Geld schon als Eigentum oder müssen Sie sich dafür irgendetwas kaufen, um sich als Eigentümer zu empfinden, und wie erklären Sie es sich, daß Sie sich umso deutlicher als Eigentümer empfinden, je mehr Sie meinen, daß man Sie um etwas beneidet?“ – Zur Abwechslung zwei Fragen in einem Satz, dazu noch zwei, die auf den ersten Blick nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Zur ersten: Nein, Geld und konkrete materielle Güter gelten mir gleichermaßen als Eigentum, auch wenn ich das Geld noch lose in der Tasche trage und nicht einmal weiß, was ich mir dafür kaufen kann. Natürlich hat Geld als spezielle Form von Eigentum seine Besonderheiten, es verändert unter bestimmten Bedingungen seinen Wert, gewinnt oder verliert also an Kaufkraft, und so weiter. Aber auch andere Arten von Eigentum haben solche Eigenheiten. Es gibt verderbliches Eigentum (z. B. Obst), unbewegliches Eigentum (z. B. Boden), unersetzliches Eigentum (z. B. das Kriegstagebuch meines Vaters), und so weiter. Die zweite Frage unterstellt wieder einmal etwas Unzutreffendes: Mitnichten werde ich Eigentümer höheren Grades, wenn mich der Neid meiner Mitmenschen erreicht. Allenfalls erscheint mir das Eigentum, um das ich beneidet werde, dadurch wertvoller, aber ich empfinde mich doch nicht desto ,deutlicher‘ als Eigentümer einer Sache, je wertvoller sie ist oder anderen erscheint. Erneut richtet der Fragende hier einen Begriffssalat an, der mir nicht munden will und dessen Untersuchung nicht einmal unbeabsichtigt zu einem Erkenntnisfortschritt führt.

X.7: „Wissen Sie, was Sie brauchen?“ – Wenn dies die Frage nach dem Existenzminimum sein soll, dann habe ich davon mindestens eine ungefähre Vorstellung. Heutzutage, vierzig Jahre nach der Fragestellung, gibt es in Deutschland ja auch eine relativ genau Beschreibung des Mindestbedarfs eines Mensch hierzulande, um ein menschenwürdiges Leben, oder doch wenigstens ein Überleben ohne schwere Entbehrungen, Mangelerscheinungen und Krankheiten führen zu können. In Geld ausgedrückt sind das zurzeit maximal 359 Euro für einen allein lebenden (bzw. alleinerziehenden) Erwachsenen monatlich. Da ich aber in einer Bedarfsgemeinschaft lebe, wären es für mich nur 323 Euro. Hiervon müsste ich als Hartz-IV-Abhängiger meinen Bedarf an Nahrung, Getränken und Tabakwaren, Freizeit und Kultur, Bekleidung und Schuhen, Telefon und Internet, Körperpflege und Hygiene, Möbel und Haushaltsgeräten, Medikamenten und Hilfsmitteln zur Gesundheitspflege sowie zur Beförderung decken und meine Wohnneben- und Energiekosten bestreiten. (Miete und Heizkosten werden nicht pauschal abgegolten, sondern individuell abgerechnet.) Das würde sehr knapp, ist aber nach meiner Selbsteinschätzung möglich. Die größten Schwierigkeiten bekäme ich vermutlich mit der Aufrechterhaltung meines Weblogs, das für mein Selbstwertgefühl und meine Lebensfreude einen sehr hohen Stellenwert hat und dessen zwangsweise Unterbindung aus Kostengründen mit einem vermutlich folgenschweren Sinnverlust für mein Leben einherginge. Andererseits befinde ich mich in der komfortablen Lage, keine Kosten für Alkohol und Tabak tragen zu müssen, ebensowenig für ein Auto oder Handy – vier Posten, die bei den meisten meiner Zeitgenossen ganz gehörig zu Buche schlagen. Zudem ist die Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs für mich nahezu kostenfrei, da ich schwerbehindert bin. Zurück zur Frage: Weiß ich, was ich brauche? Ich habe einmal ausprobiert, wie es sich anfühlt, wenn ich zwei Wochen keine feste Nahrung zu mir nehme. So schnell fällt man nicht vom Fleisch; allerdings steigen im Winter durch Hungern die Heizkosten, weil man leichter friert. Da muss man dann sehen, dass man nicht an der falschen Stelle spart. Kurzum: Ich glaube, die Frage mit Fug und Recht mit ,Ja‘ beantworten zu können. Bei einem Absturz ins Existenzminimum würde ich keine große Überraschung erleben.

X.8: „Gesetzt den Fall, Sie haben ein Grundstück gekauft: wielange dauert es, bis Sie die Bäume auf diesem Grundstück als Eigentum empfinden, d. h., daß das Recht, diese Bäume fällen zu lassen, Sie beglückt oder Ihnen zumindest selbstverständlich vorkommt? – Dies ist wieder ein gesetzter Fall, in den ich mich schlecht bis gar nicht hineinversetzen kann. Unsere vorige Mietwohnung war von den Häusern wohlhabender Eigentümer umstellt, die ihre Verfügungsgewalt über Haus und Grund fortwährend durch aufwendige, geräuschvolle und für uns stille Nachbarn lästige Maßnahmen demonstrieren mussten [s. Titelbild]. Das Bäumefällen war dabei eine besonders nervtötende Intervention, zumal ich den Eindruck hatte, dass die betroffenen Gewächse lange vor der Zeit beseitigt wurden. Vor gleich welchen Eingriffen in die Natur halte ich mich an die Maxime: ,Nur so viel wie unvermeidlich!‘ Ein Gefühl der Beglückung aber würde ich beim Fällen eines Baumes gewiss niemals empfinden.

X.9: „Erleben Sie einen Hund als Eigentum?“ – Unsere Hündin erweist sich als unser Eigentum hauptsächlich durch die Pflichten, die wir ihr gegenüber wahrnehmen, durch unseren guten Willen, ihr ein artgerechtes, freudvolles Leben zu ermöglichen. Wir sorgen für ihre Ernährung, verschaffen ihr genügend freien Auslauf in der Natur und ein Dach überm Kopf. Wir waren sogar eine Weile bereit, ihr zu Nachwuchs zu verhelfen, weil wir diesen natürlichen Gang der Dinge als ihr unveräußerliches Recht empfanden, und führten sie mehrfach in der Hitze mit einem attraktiven Rüden namens Baloo zusammen. Dass es damit nicht geklappt hat und danach wegen unserer veränderten Lebensumstände nicht mehr zu verwirklichen war, bedauern wir noch heute und haben Lola gegenüber deswegen ein schlechtes Gewissen.

X.10: „Mögen Sie Einzäunungen?“ – Weder von innen noch von außen; es sei denn, sie bewahren mich davor, von Kampfhunden zerfleischt zu werden.

AtM X.1-5

Mittwoch, 21. Juli 2010

trollaufposten

X.1: „Können Sie sich erinnern, seit welchem Lebensjahr es Ihnen selbstverständlich ist, daß Ihnen etwas gehört, beziehungsweise nicht gehört?“ – Sonderbar, aber eine meiner frühesten Erinnerungen zu diesem Differenzierungsvermögen betrifft tatsächlich die klassische Spielsituation im Sandkasten: ,Das ist mein Schüppchen, gib mir das wieder her!‘ Da dürfte ich zwei, höchstens drei Jahre alt gewesen sein. Es verbinden sich damit ausgesprochene Unlust- und Angstgefühle, weil ich mich im Streit um die Dinge als der Unterlegene fühlte. Das führte zu einer allgemeinen Abneigung gegen das Spielen mit anderen Kindern und gar gegen den Aufenthalt im ungeschützten Raum, in der ,wilden‘ Fremde. Meine Beziehung zu meinen Spielsachen, Puppen usw. war sehr eng, was ich mir damit erkläre, dass ich (bis zum siebten Lebensjahr) keine Geschwister hatte. So war für lange Zeit mein Troll [s. Titelbild] vor dem Einschlafen mein einziger Gesprächspartner und wichtigster Ratgeber und Tröster. Er gehört mir noch heute.

X.2: „Wem gehört Ihres Erachtens beispielsweise die Luft?“ – Die Luft gehört nach meinem Verständnis niemandem, keiner Spezies, keiner Menschengruppe und erst recht keinen Individuen.

X.3: „Was empfinden Sie als Eigentum: a. was Sie gekauft haben? b. was Sie erben? c. was Sie gemacht haben?“ – Alle drei Sachen sind wohl nach geltendem Recht mein Eigentum. Ich kann über sie frei verfügen und muss gegebenenfalls für Schaden haften, der durch sie entsteht. Eine kleine Einschränkung gibt es vielleicht beim Gemachten, wenn das Material, aus dem es entstand, nicht mir gehörte. (Diese Frage bleibt auffällig blass, wie schon manch andere in diesen Fragebogen. Aufschlussreicher wäre doch gewesen, zum Beispiel nach d. Fundstücken zu fragen oder e. Geliehenem, das der Leihgeber vergessen hat oder f. nach den Leihgaben eines Verstorbenen, dessen Erben nichts davon wissen.)

X.4: „Auch wenn Sie den betreffenden Gegenstand (Kugelschreiber, Schirm, Armbanduhr usw.) ohne weiteres ersetzen können: empört Sie der Diebstahl als solcher?“ – Ach, bei den ersten beiden beispielhaft genannten Dingen ist im Regelfall gar nicht evident, ob der Verlust tatsächlich auf einen Diebstahl oder auf ein Versehen zurückzuführen ist. Allerdings habe ich einmal einen sehr wertvollen Kugelschreiber im Verkaufsraum der Buchhandlung eingebüßt, in der ich lange Jahre arbeitete. Die laienhafte Frage, warum ich denn das Risiko eingegangen bin, ein so teures Stück einem doch gewiss hohen Diebstahlsrisiko auszusetzen, ist schnell beantwortet. Es erwies sich nämlich, dass ich die billigen Einwegkulis, die ich zuvor bei mir trug, dauernd ,verlor‘. Vor dem erkennbar teuren Markenkuli hingegen hatten die Kunden, die ihn sich für einen Augenblick von mir liehen, um sich etwa einen Buchtitel zu notieren, offenbar gehörigen Respekt und gaben ihn brav zurück – alle Kunden bis auf einen. Empörung? Auch in diesem Falle nicht. Eher Neugier: Was war das wohl für ein ja offenbar außergewöhnlicher Zeitgenosse, der so aus der Reihe tanzte? Und noch zur Armbanduhr: Die ist mir noch nie gestohlen worden, weil ich sie außer im Bad niemals ablege.

X.5: „Warum?“ – Entfällt. Diebstahl von Gegenständen lässt mich, wie gesagt, eher kalt. Ich ärgere mich allenfalls über mich selbst, wenn ich es dem Dieb zu leicht gemacht habe. Und was mich auch wurmen kann, das ist die Ungewissheit nach dem Verschwinden von vertrauten Dingen: Sind sie tatsächlich gestohlen worden, oder habe ich sie nur verloren oder verlegt? Echte Empörung empfinde ich eher bei geistigem Diebstahl, wenn sich phantasielose, dumme, aber dreiste Menschen erfolgreich mit fremden Federn schmücken.

AtM IX. Intermezzo

Dienstag, 20. Juli 2010

kaminbibliothekglotze

Nun geht es um des Menschen Hab und Gut – und ob’s eigentlich gut ist, viel zu haben. Dass Geben seliger sei denn Nehmen, ist immerhin eine grundlegende Weisheit des Christentums und manch anderer Glaubenslehre. Und dass Eigentum gar Diebstahl sei, gilt als vielleicht glühendstes Fanal sozialistischer Revolutionen.

Immerhin irritiert es etwas, dass unser fragender Quälgeist nach seinem VI. Fragebogen, worin es um unsere Penunzen ging, hier ein sehr verwandtes Thema durchkaut, indem er uns nach unserem Verhältnis zum Eigentum ausfragt, und zwar an schlichten Dingen, Grundstücken, Kunstgegenständen, Tieren, Menschen – und auch wieder an Geld (s. Frage 6). Damit hat er’s offenbar.

Mir fällt dazu ein, dass der Fragende, nach einer Kindheit und Jugend in eher bescheidenen Verhältnissen, durch seinen Erfolg als Architekt und bald dann auch als Theaterautor schnell zu Geld kam und so, im Vergleich zur Mehrheit seiner Kollegen von der schreibenden Zunft, bald auf großem Fuße leben konnte: schnelle Autos, Flugreisen, mehrere Wohnsitze, Spendabilität gegenüber Freunden, Frauen und Notleidenden usw. Liebte er darum dieses Thema so? Oder hatte er deshalb ein besonders schlechtes Gewissen, sodass er selbstquälerisch immer wieder auf Eigentum und Finanzen zu sprechen kommen musste?

Einerlei! Wir tun ihm auch noch diesen Gefallen, es ist ja ein Ende in Sicht. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle einmal einflechten, wie preiswert die kompletten Fragebogen von Max Frisch heute zu haben sind. (Man bekommt sie ja glücklicherweise längst schon apart und muss sich nicht das ganze Tagebuch 1966-1971 ins Regal stellen.) Im Sortimentsbuchhandel ist eine Taschenbuch-Ausgabe für nur 5,50 € lieferbar (ISBN 978-3-518-39452-6), eine gebundenen Ausgabe für 11,80 € (978-3-518-22095-5). Antiquarisch findet man ältere Auflagen dieser Separatdrucke schon für 3,90 € bzw. 5,40 € zuzüglich Versandkosten.

Keiner meiner Leser sollte also auf den Gedanken kommen, die 276 Fragen hier aus meiner Online-Veröffentlichung herauszukopieren und auszudrucken! Das lohnt nicht den Aufwand und wäre zudem ein Verstoß gegen das Urheberrecht. Das Copyright an den meisten Texten von Max Frisch und auch an den Fragebogen liegt beim Suhrkamp-Verlag (Pappelallee 78-79 in 10437 Berlin). Die Rechte an der unbegrenzten Verwertung meiner Antworten hingegen übertrage ich hiermit für alle Zukunft der gesamten Menschheit.

[Titelbild: Max 1980 in seiner Wohnung in Küsnacht, Foto (Ausschnitt) nach du, a. a. O., S. 73.]

AtM IX.21-25

Montag, 19. Juli 2010

wildheimattier07

IX.21: „Gibt es Orte, wo Sie das Entsetzen packt bei der Vorstellung, daß es für Sie die Heimat wäre, z. B. Harlem, und beschäftigt es Sie, was das bedeuten würde, oder danken Sie dann Gott?“ – In den wenigen fernen Orten, die ich bisher besucht habe, war es nicht unbedingt entsetzlich, aber auch nicht so, dass ich sie hätte mit meiner Haimat vertauschen mögen. Kein fremder Ort dieser Welt könnte für mich zur Heimat werden, denn Heimat bedeutet für mich – ich wiederhole mich – jene Umgebung, in die ich hineingeboren wurde und in der ich seit über fünf Jahrzehnten lebe. Bei der Vorstellung, von hier vertrieben zu werden, um an einem anderen Ort leben zu müssen, packt mich zwar kein Entsetzen, aber es beschleicht mich doch ein Unbehagen. (Dabei wäre aber völlig gleichgültig, ob mein unfreiwilliges Exil Harlem, Hannover, Hongkong oder Helsinki heißen würde.)

IX.22: „Empfinden Sie die Erde überhaupt als heimatlich?“ – Teils, teils und mal mehr, mal weniger.

IX.23: „Auch Soldaten auf fremdem Territorium fallen bekanntlich für die Heimat: wer bestimmt, was Sie der Heimat schulden?“ – Die Heimat verdient von mir das, was ich eben einem dauerhaften Aufenthaltsort auf der Erde schulde: pfleglichen Umgang mit der Natur und den Einrichtungen der menschlichen Zivilisation, verständnisvolle Rücksichtnahme gegenüber meinen nächsten Mitmenschen und höfliche Zurückhaltung gegenüber Fremden. Vielleicht habe ich mich meiner Heimat dann als würdig erwiesen, wenn mein Fehlen dereinst ebensowenig auffällt wie jetzt mein Dasein.

IX.24: „Können Sie sich überhaupt ohne Heimat denken?“ – Nein.

IX.25: „Woraus schließen Sie, daß Tiere wie Gazellen, Nilpferde, Bären, Pinguine, Tiger, Schimpansen usw., die hinter Gittern oder in Gehegen aufwachsen, den Zoo nicht als Heimat empfinden?“ – Ich schließe das nicht. Grundsätzlich halte ich für unmöglich, über das Empfinden von Tieren mehr als bloße Spekulationen zu äußern. Bei den Zootieren könnte man zunächst fragen, ob sie ihre Heimat in freier Natur noch kennengelernt haben oder ob sie bereits im Zoo geboren sind. Wärter, die mit solchen und solchen Tieren vertraut sind, können vielleicht Verhaltensunterschiede ausmachen. Aber selbst damit ist für die evidente Einsicht in das Empfinden der Tiere noch nichts gewonnen.

AtM IX.16-20

Sonntag, 18. Juli 2010

stattheimat04

IX.16: „Gibt es Landstriche, Städte, Bräuche usw., die Sie auf den heimlichen Gedanken bringen, Sie hätten sich für eine andere Heimat besser geeignet?“ – Ich, wie ich nun mal bin, eigne mich am besten für die Heimat, durch die ich zu dem geworden bin, der ich bin. In einer anderen Heimat wäre ich vermutlich ein anderer geworden, und ob ich mich dann dort ebenso heimisch gefühlt hätte wie hier, das kann ich nicht wissen.

IX.17: „Was macht Sie heimatlos: a. Arbeitslosigkeit? b. Vertreibung aus politischen Gründen? c. Karriere in der Fremde? d. daß Sie in zunehmendem Grad anders denken als die Menschen, die den gleichen Bezirk als Heimat bezeichnen wie Sie und ihn beherrschen? e. ein Fahneneid, der mißbraucht wird?“ – Nur b. könnte mich heimatlos machen, eine Vertreibung, ganz gleich ob aus politischen oder sonst welchen Gründen.

IX.18: „Haben Sie eine zweite Heimat? Und wenn ja: […]“ – Nein, nein…

IX.19: „Können Sie sich eine dritte und vierte Heimat vorstellen oder bleibt es dann wieder bei der ersten?“ – … und nochmals nein. Es bleibt dabei!

IX.20: „Kann Ideologie zu einer Heimat werden?“ – Man spricht im übertragenen Sinn von ,geistiger Heimat‘. Mir gefällt diese Wortzusammenstellung nicht. Heimat ist für mich, wie ich hoffe nun ausreichend erklärt zu haben, ein möglichst unauffälliger, störungsfreier Umgebungsraum für mein Leben und Arbeiten. Dieser Raum soll mir Sicherheit, Bequemlichkeit, Ruhe vermitteln – weil meine Arbeit, die eine vorwiegend geistige ist, ganz im Gegensatz dazu mit Risiken, Anstrengungen und Erregungen einhergeht. Eine ,geistige Heimat‘ hingegen wäre ein Idyll, das in sich selbst keine Widersprüche kennt und der Entspannung dient – also völlig unproduktiv, wie ja auch Ideologien üblicherweise, und sei es ,dialektisch‘, in einem fort nur die Argumente zu ihrer eigenen Bestätigung reproduzieren. Insofern sind Ideologien für träge Denker ohne Bodenhaftung vermutlich geeignet zum Heimatersatz.  – Mir persönlich ist beides, Heimatlosigkeit wie Ideologieverwurzelung, gleichermaßen fremd.