Märchen (I)

mustafabush

In der Nacht auf den 28. Juli 2008 ereignete sich in einem Luxusapartment auf den Palm Islands in Dubai ein grausamer Mord. Die 30-jährige libanesische Popsängerin Suzan Tamim wurde durch zahlreiche Messerstiche getötet und anschließend verstümmelt. Der Täter entkam zunächst nach Ägypten, wurde dort aber bald gefasst, weil er am Tatort ein eindeutiges Beweisstück zurückgelassen hatte. In der kurzen Zeit, die er noch zu leben hatte, gestand Mohsen al-Sukkari der Polizei, dass er Suzan Tamim im Auftrag eines schwerreichen ägyptischen Geschäftsmannes umgebracht habe. Am 10. August wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden.

Heute rangierte der Artikel Tod einer Pop-Prinzessin von Ulrike Putz (Beirut) bei Spiegel online kurzfristig auf Platz 1 der „Most Wanted“-Artikel. Die Autorin beschäftigt sich darin eingehend mit der Frage, wer der ominöse Geschäftsmann war: „Anfangs sprachen die Teilnehmer der großen Talkshows im ägyptischen Fernsehen den Namen noch ganz offen aus. Etablierte Zeitungen wie der englischsprachige Daily Star erzählten die Gerüchte nach: Der mutmaßliche Mörder sei ein Bodyguard des Besitzers zahlreicher Luxus-Hotels gewesen. Es dauerte nicht lange, dann schritt Ägyptens oberster Staatsanwalt ein und verpasste der Presse einen Maulkorb: Keine Berichte über eine mögliche Verbindung des Mordopfers zu dem Unternehmer, der im ägyptischen Oberhaus sitzt. Trotzdem brodelte die Gerüchteküche – und die Kairoer Börse verzeichnete für seine Firma, die Hotels und Ressorts vermarktet, dramatische Kurseinbrüche. Der Kursverfall gehe eindeutig auf die ,anhaltende Berichterstattung über den Vorstandsvorsitzenden‘ zurück, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters Händler an der Kairoer Börse.“ Nachdem sich Suzan Tamim von ihrem zweiten Ehemann, dem Popmusik-Produzenten Adel Matuk, im Streit getrennt hatte, floh sie zunächst nach Kairo, wo sie dem ägyptischen Immobilien-Mogul begegnet sein soll, der sie anschließend unter seine Fittiche genommen habe. Doch vor etwa acht Monaten sei auch dieses Verhältnis in die Brüche gegangen. Daraufhin flüchtete sich Tamim nach Dubai, wo sie zuletzt bis zu ihrem gewaltsamen Tod wieder erfolgreich als Sängerin in Clubs auftrat.

Nachdem der Spiegel sich selbstgefällig einerseits über die „Klatschreporter der arabischen Welt“ ausgelassen hat, von denen seine Korrespondentin Ulrike Putz doch den größten Teil ihrer „Informationen“ bezieht; und nachdem der Spiegel andererseits die Zensur in Ägypten anprangert, die es möglich macht, den scheinbar guten Namen eines der mächtigsten Männer des Landes aus der Sache und aus den Medien herauszuhalten, obwohl es  gute Gründe gibt, seine Beziehungen zu dem Mordopfer öffentlich zu hinterfragen – erwartet man nun doch vom Spiegel, wir sind hier schließlich nicht in Ägypten, dass er seinen Lesern den Namen dieses Mannes verrät. Das tut er aber nicht. Und da drängt sich die Frage auf, warum der Spiegel sich in diesem Punkt eine solche, gelinde gesagt: befremdliche Zurückhaltung auferlegt, zumal es relativ einfach ist, dieses kleine Rätsel zu lösen. Man findet den Namen dieses „Egyptian businessman“ z. B. in einem Artikel der gulfnews vom 12. August und auch in dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel über Suzan Tamim. Er lautet Hesham Talaat Mustafa.

Mit diesen 19 Buchstaben kann der interessierte Leser nun weiter googeln und findet dann sehr bald einen aufschlussreichen Artikel von Barry Rubin in Heartland über die Muslimbruderschaft, in dem es über deren Aktivitäten in Ägypten heißt: “To carry out their operations, the Brotherhood groups are reasonably well funded. Their money seems to come from four major sources. First, rich adherents to the movements give donations. This is especially true of Egyptians who emigrated to Saudi Arabia or Kuwait and became rich there. One of the main Islamist Egyptian businessmen is Hisham Talaat Mustafa who is partner of the Saudi billionaire Prince al-Waleed ibn Tata’al al-Saud Saud.” [Hervorhebung von mir.]

Die 1928 von Hassan al-Banna gegründete Muslimbruderschaft ist eine der einflussreichsten islamisch-fundamentalistischen Bewegungen im Nahen Osten. Alle militant islamistischen Gruppierungen der Gegenwart, von der Hamas über die al-Dschama’a al-islamiyya bis hin zu al-Qaida sind ursprünglich aus der Bruderschaft hervorgegangen bzw. haben sich von ihr abgespalten. Wirklich interessant könnte es für einen investigativen Journalisten der freien Welt sein, die Gunst des Zufalls zu nutzen, dass ein trotteliger Auftragsmörder ein „eindeutiges Indiz“ am Tatort zurückließ, um an diesem Fall mehr zu enthüllen als das traurige Schicksal einer Pop-Prinzessin. Beim Spiegel aber werden offenbar nur noch Klatschreporter beschäftigt, zu dumm oder zu feige, um sich mit der rauen Wirklichkeit zu befassen. Und denen als Schlusssatz kein besserer einfällt als dieser: „Es ist ein Märchen.“

4 Responses to “Märchen (I)”

  1. Matta Schimanski Says:

    Tatsächlich wird mir der Sinn dieses Schlusssatzes überhaupt nicht klar.

  2. Revierflaneur » Blog Archiv » Donnerstag, 4. September 2008: Märchen II Says:

    […] Neulich habe ich hier von dem grausamen Mord an der libanesischen Popsängerin Suzan Tamim berichtet, nicht um den blutrünstigen Skandalmeldungen der Weltpresse Konkurrenz zu machen, sondern weil mich an diesem speziellen Fall die Wirksamkeit von Zensurmaßnahmen über die Grenzen eines halbtotalitären Staates wie Ägypten hinweg bis hinein in unsere angeblich doch so freie Medienwelt hinein empörte. […]

  3. Haase-Hindenberg Says:

    Die oben gemachte Aussage, dass Mohsen al-Sukkari am 10. August “tot in seiner Zelle aufgefunden” worden sei, ist definitiv falsch. Tatsächlich sitzt er nach wie vor höchst lebendig in derselben und tritt während der Gerichtsverhandlungen regelmäßig seinem einstigen Chef und nun Hauptangeklagten Hisham Talaat Mustafa – nur durch ein Gitter getrennt – gegenüber. Allerdings hat Mohsen al-Sukkari sein Geständnis, die Sängerin Suzan Tamim ermordet zu haben, inzwischen zurückgezogen.

  4. Revierflaneur Says:

    Jetzt schreibt Thomas Avenarius in der Süddeutschen Zeitung (Nr. 101 v. 4. Mai 2010, S. 9) erneut über den Fall: “Plötzlich unschuldig – Prozess um Mord an libanesischer Sängerin wird in Kairo neu aufgerollt. Kairo – Der Mann sitzt gewissermaßen mit geknüpfter Schlinge vor Gericht: Wegen Mordes an einer libanesischen Popsängerin war der ägyptische Bau- und Immobilientycoon Hisham Talaat Mustafa bereits zum Tod am Galgen verurteilt worden. Jetzt hat er die Wiederaufnahme des Verfahrens durchgesetzt, gemeinsam mit dem Polizisten, der den Auftragsmord ausgeführt haben soll. Und da das Justizsystem des Landes korrupt und offen für politische Einflussnahme ist, erwartet kein Ägypter wirkliche Gleichheit vor dem Gesetz: Der Milliardär Mustafa dürfte dank bester politischer Verbindungen Chancen haben, dem Henker zu entgehen. […] Mustafa, der einen hohen Posten in der herrschenden Partei Ägyptens sowie enge Beziehungen zu den Mächtigen hat, gerierte sich nun vor Gericht als Justizopfer: ‘Es stimmt alles nicht. Nichts dergleichen ist geschehen.'”

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