Krieg verbindet

Am 30. März 1974 schreibt Peter Weiss, unterwegs zu Recherchen in Spanien, in sein Notizbuch: „Es gibt immer viel mehr, was die Menschen verbindet, als was sie trennt. Warum dann Krieg? Immer viel mehr verständnisvolle Menschen als rohe. Warum dann diese Destruktion?“ (Notizbücher 1971-1980. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1981, S. 298.) Ich stutze. Stimmt das? Wie soll ich den Wahrheitsgehalt dieser Sätze prüfen? Ich vergleiche ihren Gehalt mit meinen eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen. Wenn ich fremde Menschen kennenlerne, dann empfinde ich sie vielmehr immer als haupsächlich anders. Nach Gemeinsamkeiten, die mich mit ihnen verbinden, muss ich lange suchen. Und wenn ich mich bemühe, mich ihnen verständlich zu machen, dann gelingt mir dies eher selten. – Aber vielleicht war Weiss ja ein ganz anderer Mensch als ich? Ich muss sogar gestehen, dass ich nahezu täglich, wenn ich mich unter die Menschen mische, beim Einkaufen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder einfach auf der Straße, eine Rohheit wahrnehme, die mich verschreckt und die mein Verständnis überfordert. Allerdings sehe ich auch, dass die Menschen durch viele Gemeinsamkeiten einander immer ähnlicher zu werden scheinen; mir jedoch werden sie so immer fremder und bedrohlicher. Kann es sein, dass der Schriftsteller in seinem schwedischen Exilidyll ganz weltfremd geworden war? Mögen immerhin seine subjektiven Empfindungen von den braven Mitmenschen wahrhaftig gewesen sein – aber wie kann ein Intellektueller, der vom dialektischen Materialismus geprägt war, die Wirklichkeit des Krieges aus der Perspektive subjektiver Empfindungen in Frage stellen? Sehr sonderbar.

One Response to “Krieg verbindet”

  1. Köppnick Says:

    Es gibt verschiedene Ebenen, auf denen Weiss zu seiner Erkenntnis gekommen sein könnte. Die einfachste ist, dass jeder Mensch spontan (und im Mittel) das Verhalten reflektiert, das ihm selbst entgegengebracht wird. Spreche ich also jemanden freundlich an und lächle dabei, dann ist die Chance einer vernünftigen Antwort und eines erwiderten Lächelns ziemlich groß.

    Auch auf einer abstrakten Ebene hat er Recht. Wenn z. B. jeder Mensch nicht getötet werden möchte, dann ergibt sich aus diesem einfachen Wunsch ganz zwanglos eines der Grundgebote jeder Religion und auch eine nichtreligiös philosophisch-ethisch ableitbare Regel: Du sollst nicht töten.

    Aber auch auf seine Frage zu dem scheinbaren Widerspruch gibt es eine einfache (abstrakte) Antwort: Wenn alle Menschen dieselben Ziele verfolgen und deren Realisierung außerhalb ihrer selbst liegt, dann konkurrieren sie notwendig um dieselben Ressourcen.

    Friedlich wird es also erst dann, wenn sie erkennen, dass die gewaltsame Durchsetzung ihrer eigenen Interessen ihnen auf lange Sicht selbst mehr schadet als nutzt.

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