Westropolis – ein Epilog (VI)

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Wie lautete noch gleich meine vierte Frage? (Wir kommen ja langsam zum Schluss dieses Epilogs auf ein komisches Trauerspiel.) „Welche Schlüsse kann man aus den Erfahrungen mit dem ,Experiment‘ Westropolis für die Voraussetzungen einer erfolgreichen Kulturplattform für das Ruhrgebiet im Internet der Zukunft ziehen?“ – Ich würde diese Frage nach meinen bisherigen Reflexionen so nicht mehr stellen, denn erstens ist „Kulturplattform“ ein ungenauer Begriff; sagen wir doch lieber „Kulturblog“. Und zweitens müssten wir uns darüber verständigen, woran wir den Erfolg messen wollen.

Was DerWesten unter seinem Karteikartenreiter „Kultur“ an Bildern und Texten ablegt, sortiert in die Sparten Film, Fernsehen, Musik, Bühne, Ausstellungen, Bücher, Wochenende, Events aktuell und TV-Programme, das kann man allerdings als „Kulturplattform“ bezeichnen, mit der Betonung auf „platt“. Ein Weblog, das zu sein Westropolis nicht ganz ohne Recht vorgab, ist dieser Gemischtwarenladen jedenfalls nicht mehr. Überdies sind die Schwächen, die ich schon am Experiment Westropolis aufgezeigt habe, noch einmal vertieft worden. Die konfuse Systematik der Website unterscheidet zwar zwischen „Fernsehen“ und „TV-Programmen“, schmeißt dafür aber andererseits alle Tonkunst von Oper bis Heavy Metal in einen Topf, wobei fraglich bleibt, ob dieser Topf mit „Musik“ oder „Bühne“ überschrieben ist. Und ein Profil als das kompetenteste Medium für die Revierkultur wird ebenfalls nicht erkennbar, wenn etwa bei „Literatur“ von John Updikes nachgelassenen Storys bis zu einem Hörbuch von Herbert Knebel alles verwurstet wird, was den WAZ-Redakteuren zufällig auf den Schreibtisch flattert oder plumpst. Und was drittens den Schreibstil der Autoren betrifft, so herrscht farbloses Mittelmaß vor, mit häufigen Ausrutschern nach unten und seltenen Ausreißern nach oben. – Ob diese Kulturplattform der konkurrenzlos beherrschenden Mediengruppe im Ruhrgebiet, als ein besch…eidener Teil ihres Internetauftritts, Erfolg hat, ist schwer zu sagen. Bei mir hat sie keinen, ich lese das nicht. Und der Rest der Welt? Man müsste die Klickzahlen kennen, aber differenziert nach den Hauptthemen. Nicht umsonst stehen ja die politischen Topnews auf der Startseite, einen Klick weiter folgen zunächst einmal „Lokales“ und „Sport“. Erst dann kommt die „Kultur“ an die Reihe – und nach ihr nur noch „Leben“, „Videos“ und „Spiele“. (Mal nebenbei: Was ist das für eine kuriose Ordnung vermeintlicher Humaninteressen?) Jedenfalls kann man mir den Verdacht nicht ausreden, dass hier die „Kultur“ bloß notgedrungen, zähneknirschend geduldet wird, wie die schreckliche Tante, die man leider auf alle Familienfeste einladen muss, wegen der Erbschaft. Man weist ihr ein Plätzchen im hintersten Eck zu und gibt ihr das kleinste Stückchen Torte. Und wie sehr sehnt man Tantchens Ableben herbei!

Ein Kultur-Weblog für das Revier müsste sich von dieser ungeliebten alten Schachtel ungefähr so unterscheiden wie Jean Seberg als Patricia Franchini in Godards À bout de souffle von Bette Davis als Jane Hudson in What Ever Happened to Baby Jane. Ein solches Blog müsste klug und schlank sein, geradlinig und ehrlich, beweglich und klar.

Ein paar präzise Regeln wären unumgänglich. Kultur im Revier bedeutet was es sagt und nichts darüber hinaus. Bücher zum Beispiel werden nur besprochen, wenn sie eine thematische Beziehung zum Revier haben; allenfalls noch, wenn die Autoren von hier stammen. Ausstellungen in Museen und Galerien und die Bühnenprogramme der Musiktheater und Schauspielhäuser im Ruhrgebiet sollten so frühzeitig gewürdigt werden wie möglich. Einmalige Events kann man vergessen, denn was nützt eine lobende Kritik dem Leser, wenn er keine Möglichkeit mehr hat, in den gleichen Genuss zu kommen. Im Bereich Kulturpolitik bin ich wenig beschlagen, aber gerade da könnte ein kluger Kopf mit spitzer Zunge sicher für große Aufmerksamkeit sorgen. Und dann gibt ’s ja noch das weite Feld der Alltagskultur. Hier könnte ein gutes Kulturblog sogar  Neuland betreten. Wie aufregend könnte es sein, die Einkaufsstraßen des Reviers kritisch unter die Lupe zu nehmen und zu vergleichen? Restaurants nicht nur nach der Speisekarte zu beurteilen, sondern nach der Atmosphäre und dem Publikum? Wer schreibt einen episodischen Reiseführer über die Wochenmärkte an der Ruhr? Und die Flaniermöglichkeiten in Stadtlandschaft und Natur lechzen geradezu nach der Erkundung durch einen scharfsichtigen Naiven. Selbst eine Würdigung architektonischer Auffälligkeiten in lockerer Folge könnte lesenswert sein, wenn der Blickwinkel ein anderer wäre als der von schlaumeiernden Bauhistorikern.

Vielleicht könnte man mit einer Truppe von sechs bis zwölf wirklich guten Schreibern an verschiedenen Standorten im Revier ein solches Projekt auf die Beine stellen. Pro Tag müssten zunächst nicht mehr als zwei, drei Beiträge erscheinen. Die meisten Webseiten schrecken ja durch eine Überfülle von Inhalten ab. (Auch was das betrifft ist DerWesten ein schlechtes Vorbild.) Gute Weblogs sind da oft schon ein  Stück weiter, und sei ’s weil die Blogger, die als Einzelkämpfer kaum mehr als ein Posting täglich absetzen können, aus der Not eine Tugend machen. – Wenn schließlich noch die Kommentarfunktion des Blogs von kompetenten Lesern genutzt würde, die Berichterstattung und Kritik der Autoren durch gut begründete abweichende Meinungen zu bereichern, dann könnte man wohl von einem Erfolg sprechen, der den Aufwand lohnte. Aber ist das ein realistischer Plan?

[Zur letzten Folge der Serie. – Zurück zum Anfang der Serie.]

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