Sturm

bastille

In der Mitte oder am äußersten Rand (oder gar noch jenseits von ihm); ganz oben an der Spitze der High Society oder tief unten im Abgrund, bei den Bettlern in der Gosse; drinnen in der warmen Stube oder draußen vor der Tür, in bitterer Kälte – diese Ortsangaben bezeichnen ganz konkret die soziale Stellung des einzelnen Menschen, seit Menschengedenken.

Die Gegebenheit solcher individuellen Unterschiede als Ungerechtigkeit zu empfinden, sie zu hinterfragen und notfalls mit Gewalt zu bekämpfen ist eine verhältnismäßig neue Entwicklung in der Geschichte der Menschheit. Zwar hat es Sklavenaufstände wohl immer schon gegeben, dass sich aber ihre Anführer nicht nur auf ihren Hunger, sondern auf den Weltgeist beriefen, ist gerade mal 219 Jahre her.

Reichtum und Armut, Macht und Ohnmacht galten bis zum 14. Juli 1789 wahlweise als natürlich oder gar gottgewollt. Dass die Nachkommen von Adam und Eva mit dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies für alle Zeiten verdammt seien, auf dem Bauch zu kriechen und Staub zu fressen, das hatten die Propagandisten der Nutznießer des christlichen Glaubens seit Jahrhunderten von der Kanzel gepredigt. Dass sie so lange Gehör und Glauben fanden, verdankten sie der existenziellen Angst ihrer Zuhörer vor dem Tod und der Reklame für ein besseres, zudem noch ewiges Jenseits.

Der Riss, der seit dem denkwürdigen Tag vor 219 Jahren durch das schöne Bild von der Gottgegebenheit der ungleichen Zustände hienieden geht, ist nie wieder geheilt. Dabei verdankt er seine symbolische Kraft einer ganz ähnlichen Mythologie, wie sie zuvor die Religionen für sich zu nutzen wussten. Auch der angebliche Ausspruch der Königin Marie Antoinette – „S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche.“ – der in seiner infamen Dummheit und feudalen Arroganz wirkte wie Öl, ins Feuer der hungernden Massen gegossen, diese ätzende Sentenz war nachweislich ein Mythos, ein klug ersonnener und auf Wirkung spekulierender Propagandatrick aus der Feder von Jean-Jacques Rousseau.

Der Sturm auf die Bastille, die Befreiung der Gefangenen aus einer grausamen Festung, in der sich die soziale Hierarchie der Gesellschaft noch einmal auf makabre Weise widerspiegelte, in der je nach Vermögenslage der Angehörigen „draußen“ die Unterbringung der Gefangenen von den privilegierten Zimmern unter den Zinnen bis in die höllischen Zellen im Keller eingerichtet wurde – dieser Sturm eines mit geladenen Waffen und heiligem Zorn versehenen Volkes war in seiner Symbolik ein historischer „point of no return“. Seither ist der messianische Gedanke ins Diesseits zurückgekehrt. So lange es noch Gefängnisse gibt, ist die Menschheit nicht frei.

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