Herztöne

„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ (Deutsches Sprichwort)

Und wer „das Herz am rechten Fleck“ hat, wird dann recht gesprochen haben.

„Wenn das Herz am rechten Fleck ist, spielt es keine Rolle, wo der Kopf ist.“ Das waren die letzten Worte von Walter Raleigh vor seiner Enthauptung am 29. Oktober 1618.

Wem aber „das Herz in die Hose gerutscht“ ist, dem kommt kein freies Wort über die zitternden Lippen.

Der sollte den Rat beherzigen: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“

12 Responses to “Herztöne”

  1. Matta Schimanski Says:

    Und Marie von Ebner-Eschenbach äußerte folgende sehr bedenkenswerte Weisheit:

    “So mancher meint, ein gutes Herz zu haben, und hat nur schwache Nerven.”

  2. Günter Landsberger Says:

    Auch wenn die Gedankenbahn des Beitrags nicht angetastet werden soll, das “deutsche Sprichwort” entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Bibelzitat. Es handelt sich um die Luthersche Übersetzung von Matthäus 12, 34.

  3. Günter Landsberger Says:

    Und da ich heute meine biblische Anwandlung im Blick auf die “Gebildeten unter ihren Verächtern” habe, zitiere ich jetzt noch (scheinbar humorlos) auch noch Lukas 19, 40: “Ich sage euch / Wo diese werden schweigen / so werden die Steine schreien.”

    In Analogie zu den vom Talmud für jede Thorastelle (ich weiß, dass wir uns bei meinem Bibelzitat nicht im AT, sondern im NT befinden) erwarteten 70 möglichen Auslegungen hier nur eine ganz eigenwillige: Wenn das Herz kalt geworden ist und stumm, meldet sich überraschend das als ausgekaltet und steinhart Abgetane zu Wort.

  4. Matta Schimanski Says:

    „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“

    Damit ist aber doch gemeint:
    W o v o n das Herz voll ist, d a m i t geht der Mund über. D. h. wer das Herz am rechten Fleck hat, wer Gutes darin hegt, dessen Mund wird Gutes sagen. Und wer Böses darinnen verbirgt, wird auch Böses sagen.

    Es gibt jedoch genügend Leute, die Böses im Herzen tragen und liebliche Worte sprechen, denn sie sind verlogen und nur auf ihren Vorteil bedacht, den sie mit dieser Taktik dann oft auch erlangen.

    Und es gibt Leute, die granteln herum, weil sie nicht zeigen wollen, dass sie in Wahrheit ein Herz aus Gold haben, denn das würde sie verletzbar machen. Damit ziehen sie aber den Unmut der meisten auf sich und haben viele Nachteile.

    Verkehrte Welt!

  5. Günter Landsberger Says:

    Nur, liebe Frau Schimanski, “wes” ist eben doch üblicherweise ein Synonym für “wessen” …, auch wenn das nachfolgende “des” (=”dessen”) etwas irritieren mag.
    Und Dir, lieber Manuel, sei bestätigend gesagt, dass diese Matthäusstelle in der Lutherschen Übersetzung z. B. durchaus als deutsches Sprichwort in die Sammlung “Die Deutschen Sprichwörter” (F.a.M. 1846) aufgenommen worden ist.

  6. Günter Landsberger Says:

    Zur anderen Übersetzungsvariante (zur Bestätigung von Matta Schimanski):
    in der Zürcher Bibelausgabe steht die Übersetzung:
    “Ihr Natterngezücht, wie könnt ihr Gutes reden, da ihr doch böse seid? Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.”
    Und dem Sinn nach ähnlich in der Übersetzung von Ulrich Wilckens: “Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, wo ihr böse seid? Denn der Mund spricht aus, wovon das Herz (überströmt).”

  7. Matta Schimanski Says:

    Eine neuere Übersetzung – ich habe es gerade extra nachgesehen – lautet aber:
    “[Ihr Natterngezücht! Wie könnt ihr Gutes reden, da ihr böse seid?] Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.”

    Und weiter (Matthäus 12,35) heißt es:
    “Der gute Mensch holt aus dem guten Schatze Gutes hervor, und der böse Mensch holt aus dem bösen Schatze Böses hervor.” (Ich weiß leider nicht, wie das bei Luther lautet.)

    Das ist doch genau der Sinn, den ich ansprach.

    Abgesehen davon ist die Bedeutung der Genitivform, z. B. “wes”, doch “von wem” oder eben auch “wovon”.

    Wären da nicht der Artikel (“Wes d a s Herz voll ist, des geht d e r Mund über) sowie die Wortstellung im Hauptsatz, würde ich Ihnen sofort Recht geben. Vergleichen Sie mit dem Sprichwort “Wes Brot ich ess´, des Lied ich sing´” .
    Aber so, glaube ich, kann man es hier nicht sehen.

  8. Matta Schimanski Says:

    Na, da haben sich unsere Kommentare ja überkreuzt!

  9. Revierflaneur Says:

    Was war also eher da, Henne oder Ei? Ich hatte im Büchmann, “Geflügelte Worte” gelesen:

    “Luther entscheidet sich bei der Übersetzung von Mt. 12,34 […], wie er im 1530 erschienenen ‘Sendbrief vom Dolmetschen’ (Weimarer Ausgabe, Bd. 30, Abt. 2, S. 637) erklärt, für die Wiedergabe der volkstümlichen Redeweise

    ‘Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.’

    Er hat damit ein altes Sprichwort aufgenommen, das uns schon 1515 im ‘Evangelibuch’ (Bl. 152 v., Sp. 2) des Johann Geiler von Kaisersberg (1445-1510) begegnet:

    ‘Wes das hertz vol ist, des loufft der mund uber.'”

    Somit schien mir erwiesen, dass der Wortlaut dieser Formel ursprünglich aus dem deutschen Volksmund stammt und von Luther lediglich als auf die Stelle bei Matthäus passend adaptiert wurde.

  10. Matta Schimanski Says:

    Junge, Junge, du schlägst uns mal wieder alle.

  11. Revierflaneur Says:

    Aber ich schlage doch nicht, tätschele allenfalls. – Mein des Altgriechischen kundiger Sohn meldet mir soeben aus Berlin, dass die wörtliche Übersetzung der Matthäus-Stelle ins Deutsche etwa lauten würde: “Aus der (Über-)Fülle des Herzens plaudert der Mund.” Dass Luther dieser Wort-für-Wort-Verdolmetschung ein beim Volk schon vordem bekanntes deutsches Sprichwort vorzog, ist ein schönes Beispiel für die Größe seiner Leistung als Übersetzer.

  12. Günter Landsberger Says:

    Und dass er dem Volk für seine Übersetzungen aufs Maul schauen wollte, ist ja bekannt.

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