Kleines 1×1 der Buchbeschreibung (X)

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Vor dem Zeichen war das Bild. Und so müssten eigentlich die Bilderbücher vor allen Lesebüchern Erwähnung finden. Immerhin spiegelt sich diese Entwicklungsgeschichte noch immer in dem Weg, den jedes Kind beschreitet, wenn es vom Seher zum Leser wird. Mein Vater hat meiner Ungeduld nachgegeben und mir lange vor der Einschulung eine appetitliche ,Bild-Buchstaben-Karte‘ gemalt und geschrieben: A a wie Apfel, B b wie Banane, C c wie Citrone und so fort bis Z z wie Zwetschge. Die ABC-Bücher und Fibeln für die I-Männchen sind die ersten Bücher, die den Weg in die neue Welt des Lesens, Verstehens und Phantasierens bereiten.

In den Büchern der Erwachsenen spielen Bilder meist eher eine Nebenrolle, zur gelegentlichen Illustration des Erzählten oder als schmückende Dekoration. Man mag ja sogar prinzipielle Einwände gegen solche Bebilderungen finden, die schließlich die Vorstellungskraft des Lesers in engere Bahnen lenkt und insofern seine Phantasie nicht beflügelt, sondern beschneidet. Bei Sach- und Fachbüchern können Abbildungen hingegen eine nahezu unverzichtbare Ergänzung sein. Botanische oder zoologische Monographien sind ohne Pflanzen- bzw. Tierbilder kaum vorstellbar, und auch ein Schachbuch erleichtert dem Nutzer den Nachvollzug erheblich, wenn das eine oder andere Stellungsbild eingestreut ist.

Jede literarische Epoche kennt aber auch für ihre poetischen Werke Meister der Bildkunst, die dem Sprachkunstwerk eine so kongeniale Visualisierung zur Seite stellen, dass ihre kretaive Leistung verdient, als gleichrangig gewürdigt zu werden. Dennoch ist es üblich, in Bücherverzeichnissen den Schriftsteller immer an erster, den Illustrator an zweiter Stelle zu nennen. Das mag seine Berechtigung schon deshalb haben, weil ja dieser sein Werk meist lange vollendet hat, bevor jener zum Pinsel oder Buntstift greift. Und schon gar wird sich der Umschlag- oder Einbandgestalter damit zufriedengeben müssen, in der Liste der Mitwirkenden an einem Buch erst an dritter oder vierter Stelle genannt zu werden.

Zweifelhaft wird die Rangfolge aber bei einer neueren Gattung illustrierter Bücher, den Comics. Denn hier arbeiten Autoren (wie z. B. René Goscinny) oft so eng mit Zeichnern (wie in diesem Fall Albert Uderzo) zusammen, dass man eine Vorrangstellung weder aus der zeitlichen Abfolge ihrer kreativen Leistungen noch aus deren Bedeutung für das Ergebnis ableiten kann.

Schließlich gibt es noch Bücher, bei denen die Abbildungen ganz im Vordergrund stehen oder die sogar ausschließlich Bilder zeigen und auf Text ganz verzichten, wie Bildbände mit Malerei oder Photographien. Hier sollte es im Regelfall natürlich der Künstler sein, der als Urheber des Werkes genannt wird, und nicht etwa ein Herausgeber oder Verfasser des Vorworts.

[Das Titelbild zeigt einen Ausschnitt aus der Umschlagillustration von Volker Kriegel zu dem 1987 im Haffmans-Verlag in Zürich erschienenen Buch Flauberts Papagei von Julian Barnes.]

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