Kleines 1×1 der Buchbeschreibung (IV)

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„In der arbeitsteiligen Wirtschaft des sozialistischen Staats ist ein Industrieprodukt wie das Buch naturgemäß Ergebnis von vieler Menschen Hände Arbeit. Papierhersteller, Setzer, Drucker, Buchbinder, Packer, Typografen, Grafiker, Layouter, Lektoren und andere produzierende und gestaltende Werktätige begleiten das Buch auf seinem Weg von der Idee zum konkreten Objekt.“ So oder ähnlich könnten die ersten beiden Sätze in einem Berufsschulbuch über Das Druck- und Verlagswesen in der DDR für Lehrlinge in Buchhandel und Verlag gelautet haben. Da bei der Lektoratstätigkeit die Hände keine vorrangige Rolle mehr spielen, hätte man deren Aufnahme in die Liste als eine jener vielen kleinen Unredlichkeiten der Volksgenossen im Kombinat ,Lehren und Lenken‘ hinnehmen müssen, die immer dann unterlaufen, wenn sich das Denken entlang ideologischer Leitlinien bewegen muss. Immerhin träfe auf die Lektoratsarbeit aber wieder zu, was im dritten Satz über die namenlosen Helfer gesagt worden wäre: „All diese Menschen verschwinden hinter ihrer fachkundigen Arbeit und sind namentlich im fertigen Buch nicht vermerkt, obwohl doch ohne sie dieses Produkte niemals den Markt erreichen und die Bürger belehren oder erfreuen könnte.“

Wem wird also dann die Ehre zuteil, mit seinem bürgerlichen Namen neben dem Autor als Mit-Urheber oder Koproduzenten irgendwo im Buch, wenn nicht gar auf der Titelseite genannt zu werden? Bei Neuausgaben älterer, vielleicht schon ,klassischer‘ Werke ist es oft ein Herausgeber, der sich um die Neuedition besondere Verdienste erworben hat, indem er die früheren Ausgaben verglich, vielleicht gar Manuskripte des Autors hinzuzog und so zu einer fehlerfreien, gar historisch-kritischen Ausgabe zu gelangen. Vielleicht gibt es den prominenten Verfasser des Vor- oder Nachwortes, der seinen guten Namen und ein paar kluge Gedanken zur Verfügung stellt, um dem Buch eines etwa bislang unterschätzten Autors zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen? Manche Bücher bedürfen zum Verständnis des Laien fachkundiger Erläuterung, für die ein Kommentator sorgt. Und große Verantwortung für die Lesbarkeit bei allen im Original fremdsprachigen Werken trägt schließlich der Übersetzer, ohne dessen schwierige Arbeit uns ein Großteil der Weltliteratur unzugänglich bliebe. Alle diese ,Autoren in der zweiten Reihe‘ verdienen es, im Buch genannt und somit auch in die bibliographische Beschreibung aufgenommen zu werden, um ihnen im Erfolgsfall für ihre Leistungen die gebührende Anerkennung zollen, andernfalls aber auch berechtigte Kritik an die zuständige Adresse richten zu können.

Und dann gibt es noch, beosnders bei wissenschaftlichen Werken, die Danksagung der Verfasserin an all die offen oder im Verborgenen mitwirkenden Helfer, die sie auf dem beschwerlichen Weg bis zum nun endlich fertig vorliegenden Werk begleitet, sie mit Rat und Tat unterstützt, ihr in schwierigen Phasen Mut zugesprochen und ihr in zahllosen Detailfragen unschätzbar wertvolle Tipps gegeben haben, bis hin zu Tante Mienchen mit ihrem beruhigenden Kamillentee und Kater Bonifatius, der etliche überaus störende Fliegen fing.

Ob es eine solche Reverenzlitanei verdient, in eine antiquarische Autopsie aufgenommen zu werden, außer vielleicht als originelle Dekoration, das ist Geschmacksache und vielleicht davon abhängig, ob unter den genannten Personen namhafte Geistesgrößen auszumachen sind, deren Glanz auf die Danksagende abstrahlt. Letzteres wird häufiger einmal bei einem Vorbild, Freund oder Lehrer des Autors der Fall sein, der von ihm mit einer gedruckten und damit öffentlich gemachten Zueignung oder Widmung bedacht wurde.

Es stehen also gelegentlich im Buche sehr viele (Personen-)Namen, die neben dem Autor, in der zweiten oder dritten Reihe, ihren Platz finden; den nach dem Verfasser wichtigsten habe ich dabei allerdings aus guten Gründen noch ausgespart, da er nur mit einer Einschränkung hinzugehört: den Verleger. Er soll in der nächsten Folge zu seinem Recht kommen.

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