Weltenesche

Ich bin geboren und lebe an einem Ort, der seinen Namen von der Esche (Fraxinus) herleitet. Auf dem langen Weg von Astnithi über Astnide, Astnidum, Astanidum, Asbidi, Asnid, Assinde, Asnida, Assindia, Essendia, Esnede, Essende und Essend entstand im Verlaufe von 1150 Jahren der heutige Stadtname: Essen.

Der Zufall will es, dass hinter dem Haus, in dem ich seit vier Jahren wohne, zwischen anderen Bäumen auch eine Esche wächst [siehe Titelbild]. Von meinem Arbeitsplatz aus, an dem ich dies schreibe, sehe ich sie täglich. Die Beobachtung der langsamen Veränderungen ihres Erscheinungsbildes im Wechsel der Jahreszeiten hat eine beruhigende Wirkung auf mich.

Zweimal im Jahr beschleunigen sich diese Veränderungen: im späten Frühjahr, wenn sie als letzte unter ihren Nachbarn ihr Laub austreibt; und im Herbst, wenn der Blattfall einsetzt. Extreme Wetterverhältnisse wie der Orkan Kyrill, der am 18. und 19. Januar vorigen Jahres in Mitteleuropa große Verwüstungen anrichtete, hat auch „meiner” Esche arg zugesetzt und einige kräftige Äste abgebrochen, deren Stümpfe noch heute an dieses Ereignis erinnern.

Dass der Baum Yggdrasil der nordischen Mythologie, der in seiner Riesenhaftigkeit das gesamte Weltgebäude darstellen soll, ebenfalls eine Esche war, könnte meiner nüchternen Kontemplation bei Betrachtung dieses Baumes noch ein spirituelles Element hinzufügen, wenn ich für dergleichen aufgeschlossen wäre. Immerhin berührt mich aber die symbolische Dreigliederung der Weltenesche, deren Baumkrone, Stamm und Wurzeln Himmel, Erde und Unterwelt darstellen.

Regelmäßig fotografiere ich die Esche hinterm Haus, immer vom gleichen Standort aus. Wenn ich die vielen hundert Fotos per Mausklick über meinen Monitor rauschen lasse, dann ergibt sich daraus eine Art Film, der den Lebenswandel des Baums im Zeitraffer erfahrbar macht. Ein Stummfilm übrigens, was dem Baum gerecht wird, denn die Geräusche, die von ihm ausgehen, das Rauschen der Blätter und das Knarzen der Äste, sind ja nicht eigentlich seine, sondern die des Windes, der sie hervorruft; und zumal der Baum sie selbst ja nicht hören kann.

[This posting is dedicated to Stan Brakhage (1933-2003), ingenious master of independence film.]

5 Responses to “Weltenesche”

  1. Günter Landsberger Says:

    Es soll Menschen geben, die sich gelegentlich in der Weltesche verklettern und dann doch einen unverhofften Nachbarn entdecken und von Ast zu Ast grüßen: Als solche Nachbarn erkennen sich Velten Andres und der Varietékünstler und Affendarsteller German Fell in Wilhelm Raabes Roman “Die Akten des Vogelsangs”.

  2. Revierflaneur» Blogarchiv » Montag, 26. Januar 2009: Eschenwelt Says:

    […] besagte Esche hinterm Haus ist längst nicht mehr schneebestäubt, der Himmel wieder blau – und die Sonne […]

  3. Tomas Andersson Says:

    Ich halte es nicht für in Ordnung, wenn man das alles so macht.

  4. Revierflaneur Says:

    Ich finde es rührend, dass Sie noch solche alten Artikel von mir lesen. Aber ich habe immer damit gerechnet, dass irgendwann einmal sich jemand vielleicht doch noch dafür interessiert. Was meinen Sie mit “so machen”? Für lau, ohne Bezahlung, kostenlos? Ja, da haben Sie vielleicht recht, das erscheint auf den ersten Blick unfair. Man gibt etwas, vielleicht sogar eine Menge, und bekommt nichts dafür zurück. Andererseits gibt man es ja nicht unter Zwang, sondern ganz freiwillig, nicht für Geld, sondern weil es einem Erfüllung gibt. Und das ist doch vielleicht eine wertvollere Entlohnung, als alles Geld, das man für solche Schreibereien von einem Verlag bekommen könnte, oder? Außerdem bleibe ich dabei völlig frei. Niemand kann mir vorschreiben, was ich schreiben darf und wie ich es zu schreiben habe. Ich selbst bin mein einziger Zensor. Und dabei lebe ich noch in der erhebenden Gewissheit, dass jeder der deutschen Sprache mächtige Mensch weltweit lesen kann, was ich hier schreibe. Und zwar nicht nur heute, sondern immerdar – zumindest, solange das Internet die Daten in den letzten Winkel der Erde transportiert.

  5. Günter Landsberger Says:

    Ich ertappe mich dabei, lieber Manuel, dass ich jetzt schon sehr lange, viel zu lange nichts mehr von Dir gelesen habe. – Und Du werkelst in einer beeindruckenden Parallelaktion zu meinen Nur-Dilettantismen sehr konzentriert und unverdrossen weiter! Du weißt wohl, dass einer wie ich und noch so mancher anderer irgendwann ja doch einmal zu Deinen durchdachten, bestens formulierten Sätzen und Beiträgen zurückkehren wird – oder sie allererst für sich entdecken wird.

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