Dingwelt (IV)

Diese aparte Skulptur, gefeilt, geschliffen und poliert aus Speckstein (Steatit), acht Zentimeter lang und fünf Zentimeter breit, 72 Gramm schwer, ist keine Plastik von Henry Moore, sondern Ergebnis häuslicher Handarbeit meiner Freundin Sabine P., ein Geschenk zu meinem 40. Geburtstag.

In seiner zweckfreien Existenz, nutzlos wie ein Kropf, hätte sie ein utilitaristischer Zeitgenosse als Staubfänger denunziert und, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, in den Abfall befördert. Nicht so ich.

Zwar hat das Figürchen, das mich in seiner spiraligen Form je nach Perspektive manchmal an den Oberkörper einer lockenden Marketenderin, manchmal an eine aus trüben Untiefen auftauchende Qualle erinnert, in den vergangenen zwölf Jahren leicht gelitten. Vom Kopf der bleichen Mutter Courage, bzw. von einem Tentakel der Meduse, ist ein kleines Stückchen abgesprungen, wie ich gerade erst feststellen musste. Und über dem unteren Teil – aber wer will sagen, wo hier unten und oben ist? – hat sich ein feiner Riss gebildet. Darum könnte ich diesen Handschmeichler dennoch niemals wegschmeißen.

Meine Ehrfurcht vor dem namenlosen Gegenstand hat übrigens nichts mit meiner Freundschaft zu Sabine P. zu tun. Es ist vielmehr gerade seine reine Bedeutungs- und Zusammenhanglosigkeit, die mich verpflichtet, ihm meine Treue zu bewahren. Vielleicht ist es sogar angebracht, dass ich hier mein Mitleid mit ihm bekunde.

Es lag mir noch nie besonders, Befehle zu erteilen. Sonst würde ich vielleicht verfügen, mir ihn – oder es? oder sie? – mit ins Grab zu legen, wenn ich für wahrscheinlich hielte, dass mir dereinst ein Grab beschieden ist; und dass es, wenn mein Stündlein geschlagen hat, noch Menschen gibt, die ihre Aufmerksamkeit den Bestattungswünschen eines Ahnen widmen können. Aber wer will das hoffen? Und warum? Der Schmelzpunkt von Steatit liegt übrigens bei lächerlichen 1635 °C.

One Response to “Dingwelt (IV)”

  1. Matta Schimanski Says:

    Da Speckstein Asbest enthalten kann, der bei Bearbeitung freigesetzt würde, darf man ihn im Schulunterricht nicht mehr verwenden. Das finde ich sehr bedauerlich.

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