Donnerstag, 7. August 2008: Stirnkuss

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Als Hans Siemsen Anfang der 1950er-Jahre nach 15-jährigem Exil über Paris in sein Heimatland zurückkehrt, ist der zwischen den Weltkriegen so produktive Buchautor und Feuilletonist ein gebrochener Mann. Für die Jahre 1918 bis 1939 verzeichnet meine Siemsen-Bibliographie mittlerweile neben seinen neun Büchern über 200 Beiträge zu Zeitschriften und Zeitungen wie Die Aktion, Zeit-Echo, Die Weltbühne, 8 Uhr-Abendblatt, Die literarische Welt (alle Berlin), Der Mittag (Düsseldorf), Frankfurter Zeitung, Magdeburgische Zeitung, Deutsche Zeitung Bohemia (Prag) u. a.

Bevor Hans Siemsen von seinem Bruder Karl 1953 im Otto-Hue-Heim der Arbeiterwohlfahrt in Essen-Holsterhausen untergebracht wurde, wo er 1969 völlig vergessen starb, veröffentlichte er noch genau zwei Artikel in der Frankfurter Rundschau. Zuletzt erschien dort am 28. Januar 1950 eine Erinnerung an die Berliner Zeit kurz vor seiner Flucht, „Ringel, du hast wieder recht“. Siemsen schildert darin, wie sich an einem Abend im März 1933 sein engster Freundeskreis in seiner gerade erst neu bezogenen Wohnung versammelt hatte: der Maler Karl Hofer, der Typograf und Buchkünstler Emil Rudolf Weiß und dessen Ehefrau, die Grafikerin und Bildhauerin Renée Sintenis – sowie der Dichter, Kabarettist und Maler Joachim Ringelnatz. Kurz zuvor hatte ein Wohnungswechsel Hans Siemsen vermutlich das Leben gerettet: Nach der „Machtergreifung“ am 30. Januar wollten die Nazis ihn in seiner vorigen Wohnung verhaften, holten jedoch irrtümlich seinen Nachmieter ab. Siemsen floh für kurze Zeit „in die Provinz“, ins sächsische Zwickau, kehrte aber bald wieder in die Reichshauptstadt zurück: „Es war kein Heldenmut, sondern wirklich nur Leichtsinn.“ (Hans Siemsen: „Ringel, du hast wieder recht“; hier zit. nach: Nein! Langsam! Langsam! Hg. v. Dieter Sudhoff. Berlin: Das Arsenal, 2008, S. 152.)

Die illustre Geheimgesellschaft am versteckten Ort wartete zu später Stunde noch auf einen besonders prominenten Gast: Asta Nielsen. Der weltberühmte Stummfilmstar war an diesem Abend einer Einladung ins Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda im Palais am Wilhelmplatz gefolgt. Dort widmete sich Dr. Joseph Goebbels seit dem ersten Tag seiner Macht „der ihm übertragenen Aufgabe voller Energie und Begeisterung und sorgte dafür, daß Presse, Rundfunk, Film, Theater, Musik, bildende Kunst, Literatur und alle anderen Formen kultureller Betätigung so reorganisiert wurden, wie Hitler es […] versprochen hatte.“ (Ian Kershaw: Hitler. A. d. Engl. v. Jürgen Peter Krause u. Jörg W. Rademacher. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2002. Bd. I, S. 607.)

Was sie an diesem denkwürdigen Abend dort erlebte, hat Asta Nielsen zwölf Jahre später in ihren Lebenserinnerungen Den tiende Muse unverblümt erzählt. „Am Eingang begegnete ich lauter bekannten Gesichtern von Film und Theater. Man teilte kleine Zettel mit Namen und einer Nummer aus. Ich erhielt Nummer eins, was bedeutete, daß ich den vornehmsten Platz hatte, nämlich zur rechten Seite des ,Führers‘.“ (Hier zit. nach Asta Nielsen: Die schweigende Muse. München: Wilhelm Heyne Verlag, 1979, S. 381.) Wenn man ihrem nachträglichen Bericht Glauben schenken will, dann brüskierte sie ihren dämonischen Tischnachbarn gleich mehrfach und widerstand auch hartnäckig den anschließenden Avancen seines Ministers, des Hausherrn. Als dessen Gemahlin Magda sie dringlich zum Bleiben aufforderte, gab sie auch ihr einen Korb: „Ich versicherte, daß ich noch eine andere Verabredung hätte, und wandte mich zu Hitler, der sonderbarerweise ganz allein im Hintergrund des Saales stand. Die Hände hatte er übereinander gelegt und machte einen abwesenden Eindruck. Es wurde ein kühler und äußerst formeller Abschied.“ (Ebd., S. 384.)

Wenig später trifft Asta Nielsen dann im konspirativen Kreis ihrer Freunde ein, bei ihrer „anderen Verabredung“. Sie berichtet, nach Siemsens Zeugnis, dass sie keineswegs so sicher sei, ob sie sich den verheißungsvollen Angeboten des neuen Regimes verweigern solle. „Wir werden Ihren Namen zu einer neuen Weltberühmtheit führen, neben der sich Hollywood verkriechen muß.“ So habe Goebbels gelockt. „Was meint ihr?“ – Darauf antwortet Ringelnatz mit einem Gedicht, das er dieser Tage gemacht habe und von dem Siemsen nurmehr den ersten und den letzten Vers behalten hat. „Sie lauteten: ,So ist es uns ergangen. / Vergiß das nie in besserer Zeit! / Aber Vögel singen und sangen. / Und dein Herz sei endlos weit! […] Der Tod geht stolz spazieren. / Doch sterben ist nur Zeitvertreib. / Du hast ein Herz in deiner Brust. / Das darfst du nie verlieren!‘ […] Dann stand Asta Nielsen auf, ging zu Ringelnatz, küßte ihn auf die Stirn und sagte: ,Ringel, du hast mal wieder recht. Ich werde mich mit den Leuten nicht einlassen.‘ Zwei Jahre später war Ringelnatz tot. Und Asta Nielsen lebte auch nicht mehr in Deutschland.“ (Siemsen, a. a. O., S. 153 f.)

[Zur Erinnerung an Joachim Ringelnatz, der heute vor 125 Jahren in Wurzen bei Leipzig geboren wurde. – Titelbild: Asta Nielsen und Joachim Ringelnatz auf Hiddensee. Fotografie von Max Ebel. Postkartenmotiv, freundlicherweise am 1. Juli 2008 vermittelt von Karoline Dörnemann.]

4 Antworten zu “Donnerstag, 7. August 2008: Stirnkuss”

  1. socursu sagt:

    Ich bewundere wieder einmal die ungeheure Akribie, die Sie in Ihre Veröffentlichungen stecken – vielen Dank hierfür (auch wenn ich derzeit über ein Nur-Lesen nur selten hinauskomme).

    Am Rande nur – vielleicht bin ich bloß zu blöd -: Wieso wird die “zehnte” mit der “schweigenden” Muse verlagsdeutscht? Gemahnt mich an die teils skurrilen Ergänzungen englischer Filmtitel.

  2. Matta Schimanski sagt:

    Ich glaube, das Ringelnatz-Gedicht würde ich gerne mal komplett lesen. Ich nehme an, du hast es?

  3. Nein, Matta. Aber ich teile Dein Bedürfnis. Wer ist schneller?

  4. Matta Schimanski sagt:

    So ist es uns ergangen
    (1933)

    So ist es uns ergangen.
    Vergiß es nicht in beßrer Zeit! -
    Aber Vöglein singen und sangen,
    Und dein Herz sei endlos weit.

    Vergiß es nicht! Nur damit du lernst
    Zu dem seltsamen Rätsel “Geschick”. -
    Warum wird, je weiter du dich entfernst,
    Desto größer der Blick?

    Der Tod geht stolz spazieren.
    Doch Sterben ist nur Zeitverlust. -
    Dir hängt ein Herz in deiner Brust,
    Das darfst du nie verlieren.

    - Joachim Ringelnatz –

    Stets zu … ach, nee – - – stets die Deine!

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