Heßling (II)

inesschmied

Heinrich Manns neben Professor Unrat vielleicht bekanntester Roman Der Untertan (1918) ist der erste Band einer Trilogie: Das Kaiserreich. Die Romane der deutschen Gesellschaft im Zeitalter Wilhelms II. Der unsympathische Protagonist dieses und des Folgebandes, Die Armen (1917), heißt Diederich Heßling. Im dritten Teil, Der Kopf (1925), taucht er dann nicht mehr auf.

Verständlicherweise habe ich mich schon früh für den Romanzyklus und diesen wenig ruhmreichen Namensvetter interessiert. Im Laufe der Jahre erwarb ich alle drei Bücher in halbwegs gut erhaltenen Erstausgaben und ließ sie von einer Künstlerin dieses Handwerks nach meinen Vorstellungen neu binden: den Untertan – „Roman des Bürgertums“ – in Schweinsleder, die Armen – „Roman des Proletariats“ – in grobes Leinen und den Kopf – „Roman der [geistigen] Führer“ – in Seide. Den letzten Band, der nicht wie die ersten bei Kurt Wolff in Leipzig, sondern im Paul Zsolnay Verlag (Berlin · Wien · Leipzig) erschienen ist und ein etwas größeres Format hat, ließ ich entsprechend zurechtstutzen. Die Einbandillustration der Armen von Käthe Kollwitz löste die Buchbinderin vom Deckel ab und klebte sie als Frontispiz gegenüber der Titelseite bei. (Abbildungen der bibliophilen Schmuckstücke siehe hier.)

Ob Heinrich Mann den Namen Heßling selbst ersonnen hat oder ob er ihm im Frühstadium der Niederschrift von seiner argentinischen Geliebten, Verlobten und Muse Inés „Nana“ Schmied (siehe Titelbild) eingegeben wurde, das lässt sich vermutlich nicht mehr klären. Am 3. September 1906 schreibt sie an den Autor: „Der Name Unterthan für Dein Buch gefällt mir sehr, aber nenne bitte Diderich [!] Heßling nicht Demmling. Demmling klingt gesucht, man muß an dumm denken, aber Heßling klingt, finde ich, so philisterhaft gehässig, muffig. Ich freue mich auf Deinen Roman!!“ (Zit. nach Heinrich Mann 1871-1950. Werk und Leben in Dokumenten und Bildern. Hrsg. v. Sigrid Anger. Berlin u. Weimar: Aufbau-Verlag, 1977, S. 125.)

Was für eine Kanaille dieser Diederich Heßling ist, hat Heinrich Mann in seinem zuerst 1911 in der Zeitschrift Pan veröffentlichten Essay Reichstag deutlich gemacht: „Die Geschlechter müssen vorübergehen, der Typus, den ihr darstellt, muß sich abnutzen: dieser widerwärtig interessante Typus des imperialistischen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autoritätsgläubigen wider besseres Wissen und politischen Selbstkasteiers.“ (Zit. nach Heinrich Mann: Macht und Mensch. München u. Leipzig: Kurt Wolff Verlag, 1919, S. 21 f.)

Wenn man mit einem solchen Familiennamen geschlagen ist, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als sein Leben als Gegenentwurf zu diesem larvenhaften Unmenschen zu planen. Bisher ist mir dies, soweit ich es überblicken kann, ganz gut geglückt. Und erst recht in der Zukunft, soweit ich sie überschauen kann, werde ich wohl eher auf der Seite der Armen stehen als auf der der Untertanen.

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