Samoa

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Ich lese gerade nebenbei den Reisebericht von Otto Ehrenfried Ehlers (1855-1895), der kurz vor seinem vermutlich gewaltsamen Tod auf Neuguinea die Insel Samoa im südwestlichen Pazifik besuchte. Das Buch ist soeben in lobenswerter Ausstattung neu aufgelegt worden. (Otto E. Ehlers: Samoa. Die Perle der Südsee. M. e. Nachw. v. Hermann Joseph Hiery. Düsseldorf: Lilienfeld Verlag, 2008.)

Man ist hin- und hergerissen bei dieser Lektüre. Der Verfasser tritt mit der Überheblichkeit eines kolonialistischen Herrenmenschen auf, aber er sucht doch auch die Nähe zu seinen freundlichen Gastgebern, die ihn durch ihre spontane Herzlichkeit und ihren Liebreiz beeindrucken. Die „Eingeborenen“ betrachtet und schildert er mal aus der Perspektive abendländischer Arroganz als halbe Tiere, dann wieder erscheinen sie ihm wie unschuldige, naive Kinder.

Ich kann dem pommerschen Gutsherrn, der auch dem weiblichen Geschlecht mit einer heute haarsträubend anmutenden Herablassung begegnet, trotzdem nicht wirklich böse sein, wenn ich mich in die Zeiten und Umstände zurückversetze, die das Denken und Empfinden eines solchen schmissigen deutschen Mannes disponierten. Ehlers erweist sich nämlich als ein überaus neugieriger und genauer Beobachter der für ihn völlig fremden Welt. Dass er dabei nicht aus seiner Haut und diese Welt nur durch seine europäische Brille betrachten kann – wer wollte es ihm ernsthaft zur Last legen?

„Unter sich sind die Samoaner in einer Weise gastfrei und freigebig, die nahezu an Kommunismus grenzt und sogar jeder weiteren Entwicklung des Landes hinderlich ist. Kein Samoaner denkt daran, Ersparnisse zu machen, seinen Besitz zu vergrößern oder die Zukunft seiner Familie sicher zu stellen; und sollte er dennoch daran denken, so würden seine Freunde schon dafür sorgen, daß ihm Gedanken dieser Art vergehen.“ (Ehlers, S. 75.) So möchte man fast glauben, der Kommunismus hätte doch eine Chance gehabt, wenn er und mit ihm die Menschheit sich auf jene klimatisch begünstigten Regionen der Erde beschränkt hätte, die ein sorgenfreies Leben ohne besondere Anstrengung gestatten.

Doch welch herbe Ernüchterung mutet uns Ehlers zu, wenn er auch in diesem irdischen Paradies bald auf die Schlange tritt, die solch naiven Glauben zunichte macht: „Alles gedeiht in einer beispiellosen Üppigkeit, und wenn in diesem herrlichen Lande zeitweise in einigen Distrikten dennoch eine Knappheit der Lebensmittel eintritt, so ist daran ausschließlich die von den Samoanern allem Anschein nach auf Lebensdauer engagierte Kriegsfurie, nicht aber die ihr Lieblingskind geradezu verhätschelnde Mutter Natur schuld.“ (Ebd., S. 67.) Warum gehen freundliche Menschen mit Pfeil und Bogen und tödlichen Speeren aufeinander los, wenn doch offenbar ihre natürliche Umwelt alles zum Überleben Nötige in verschwenderischem Maß bereithält? Man möchte fast meinen, die Schlange hörte auf den profanen Namen „Langeweile“.

[Das Titelbild „Zubereitung der Kawa, ca. 1898“ ist dem besprochenen Band entnommen. © Lilienfeld Verlag, Düsseldorf.]

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