Zoff im Bedford

bedford

New York, 30. Mai 1942 – heute vor 66 Jahren. Der 35-jährige Schriftsteller Klaus Mann bekommt Besuch in seinem Appartement im Hotel Bedford, 118 East 40th Street, Manhattan. Seit September 1938 wohnt Mann nun schon hier, zeitweilig unter einem Dach mit anderen namhaften Hitler-Flüchtlingen, Künstlern und Autoren wie Vicki Baum, Curt Riess oder Billy Wilder. Und auch jener Hubertus Prinz zu Löwenstein residiert vorübergehend hier, der vielen Verfolgten mit seiner „American Guild for German Cultural Freedom“ die Flucht ins amerikanische Exil ermöglicht hatte.

Da jedoch die USA keine mutmaßlichen Kommunisten aufnahmen, erfand Löwenstein folgenden Trick. Zunächst besorgte er den Flüchtlingen ein Visum für Mexiko, ein Land, das weniger zimperlich in seinen Einreisebestimmungen war. Der Weg dorthin führte aber über die USA, die immerhin ein Transitvisum auch in „verdächtigen Fällen“ nicht verweigerten. Hatten seine „Rescue Cases“ erst einmal ihren Fuß auf US-amerikanischen Boden gesetzt, dann setzte sich Löwenstein für sie ein, indem er ihnen Affidavits hilfsbereiter „Sponsoren“ verschaffte. Auf einer undatierten Liste solcher „Rescue Cases Attended to the American Guild for German Cultural Freedom“ tauchen unter den laufenden Nummern 26 und 31 auch folgende Personen auf: „Siemsen, Dr. Hans: Withdrawn“ und „Dickhaut, Walter, Both affidavits from Burrichter referred to Dr. Losenfeld“.

Wir wissen nicht, warum der Name Hans Siemsen in dieser Liste mit einem Doktortitel versehen wurde. Mitte Juni 1941 war er auf der SS Guinee von Lissabon kommend in New York eingetoffen, mit dem gleichen Schiff, auf dem auch Hans Sahl und Valeriu Marcu das rettende Ufer erreichten. Wohl aber wissen wir, wer jener Walter Dickhaut war, der schließlich nicht in New York, sondern auf Kuba landete, nämlich eben jener Walter D., der das Vorbild für Siemsens Hitlerjungen Albrecht Goers abgab, sein Geliebter. Ob es mit dem Affidavit für Dickhaut doch nicht geklappt hat? Für Ende 1941 vermerken die „Daten zu Leben und Werk“ im ersten Band der Siemsen-Ausgabe von Michael Föster jedenfalls: „Zunehmende Vereinsamung, wozu der Verlust seines Freundes Walter […] beiträgt. Alkoholismus, ständige Geldnot.“ (Hans Siemsen: Schriften. Verbotene Liebe und andere Geschichten. Essen: TORSO Verlag, 1986, S. 257.)

Am 30. Mai 1942 steht also der 51-jährige Hans Siemsen bei Klaus Mann im Hotel Bedford auf der Matte. Über diesen Besuch berichtet Mann in seinem Tagebuch: „Äußerst unangenehme Szene mit Hans Siemsen, der hereinplatzt – schwitzend und unappetitlich – und sofort in eine dieser lauten, nutzlosen und beschämenden politischen Diskussionen verfällt. Er schreit [Manns Freund] Christopher [Lazare] und mich an, als wir es wagen, seine Theorie in Frage zu stellen, alle Deutschen verabscheuten den Krieg und seien insgesamt ein wunderbares, friedliebendes Volk. Ungehobelt, stumpfsinnig und verrückt, besteht er auf seinem Standpunkt – chauvinistisch und brutal wie ein Nazi, oder eher, wie ein echter Deutscher. Was für eine abscheuliche Rasse! Wie absolut bar jeder Vernunft und jeder Höflichkeit! Es ist diese Mischung aus Roheit und Hysterie, die sie zur Geißel der Zivilisation macht. Wie recht ich habe, konsequent jeden Umgang mit diesem bornierten, lärmenden Pöbel zu vermeiden (mit der Ausnahme von vielleicht fünf oder sechs alten und vertrauten Freunden.)“ (Klaus Mann: Tagebücher 1940 – 1943. Hrsg. v. Joachim Heimannsberg, Peter Loemmle u. Wilfried F. Schoeller. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1995, S. 96.)

Das Bild, das Klaus Mann hier von Siemsen zeichnet, passt nun so gar nicht zu jenem Verfasser zarter Prosastücke, dem intimen Freund von Joachim Ringelnatz und Renée Sintenis, dem schwulen Pastorensohn, einfühlsamen Liebhaber und naturverliebten Flaneur, den wir aus seinen Schriften und Briefen kennen. What happened that this shit happened?

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