Gizeh (II)

birne-louis

Was meine Bibliothek mal wieder hergibt! Eben entdecke ich, dass auch Gustave Flaubert die Cheopspyramide erklommen hat. Er brach in Gesellschaft seines Freundes Maxime Du Camp als 28-Jähriger Anfang November 1849 zu seiner Orientreise auf, nur sieben Jahre nach Gérard de Nerval und auf der gleichen Route: von Marseille aus mit Zwischenaufenthalt auf Malta über Alexandria nach Kairo. Am Samstag, dem 8. Dezember in der Frühe beginnt der Aufstieg des korpulenten und schwächlichen Stubenhockers auf die Cheopspyramide:

„Von den Steinen, die in einer Entfernung von zweihundert Metern die Größe von Pflastersteinen zu haben scheinen, sind selbst die kleinsten drei Fuß hoch; meist gehen sie einem bis an die Brust. Wir steigen an der linken Kante hinauf (der, die der Chephren-Pyramide gegenüber liegt); die Araber schieben mich, ziehen mich, ich kann kaum vorwärts; es ist zum Verzweifeln vor Anstrengung. Ich mache fünf oder sechs Mal unterwegs halt; Maxime ist vor mir und kommt schnell vorwärts. Endlich lange ich oben an. Wir müssen eine gute halbe Stunde auf den Aufgang der Sonne warten. […] (Auf der östlichen Seite finde ich ,Humbert Frotteur‘, mit Stiften an den Stein geheftet. – Erregter Zustand Maximes, der das sogleich herbeigeholt und vor Atemlosigkeit umzukommen geglaubt hatte.) […] Man ärgert sich über die Menge Namen von Dummköpfen, die überall angeschrieben sind: oben an der großen Pyramide steht ein Buffard, Rue Saint-Martin 79, Tapeten-Fabrikant, in schwarzen Buchstaben; ein enthusiastischer Engländer hat ,Jenny Lind‘ angeschrieben; weiter sieht man eine Birne, die Louis-Philippe vorstellt […].“ (Gustave Flaubert: Die Reisetagebücher 1849 – 1850. A. d. Frz. v. Eduard Wilhelm Fischer. Leipzig: Gustav Kiepenheuer Verlag, 1993, S. 71 – 75.)

Wie sich die Bilder gleichen. Was aber ist genau ein Frotteur? Nach Meyers Konversationslexikon ist das „einer, der frottiert, auch den Fußboden bohnt“ (Leipzig und Wien: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1885 – 1892, 6. Bd., S. 754). Erinnert insofern Monsieur Humbert nicht sehr an den namenlosen „Bohnerwachshändler von der Piccadilly“ bei Nerval? Welch merkwürdiger Zufall!

Die schwedische Nachtigall Jenny Lind, für die u. a. Hans Christian Andersen längere Zeit entflammt war, hatte seit ihrem ersten Auftritt in Berlin 1844 in halb Europa als Opernsängerin für Furore gesorgt. Dass Louis-Philippe, der letzte König der Franzosen, vorzugsweise als Birne karikiert wurde, ist ja allgemein bekannt.

Wie sagt doch der Prediger Salomo: „Was geschehen ist, wird wieder geschehen, / und was man getan hat, wird man wieder tun: / Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ In den 1980er-Jahren war es ein deutscher Herrscher, dessen Kopfform die Karikaturisten an das Kernobst erinnerte. Und als vor wenigen Jahren der Reisende Rolf Potts die Stufenpyramide von Sakkara besuchte, musste er feststellen, dass Graffitikünstler noch immer ihre respektlosen Spuren auf den ehrwürdigen Zeugnissen des Altertums hinterlassen: „At Zoser‘s step pyramid, my thoughts are interrupted by a fresh carving in the limestone near the bottom: ‘Edward, 1/1/2000,’ it reads. And beneath that, ‘Fuck you.’“ (Uncovering Cairo, 2003.)

3 Responses to “Gizeh (II)”

  1. Günter Landsberger Says:

    Noch einer in Ägypten, auch zeichnend:
    http://agso.uni-graz.at/marienthal/bibliothek/biografien/07_04_Orlik_Emil_Biografie.htm

  2. Revierflaneur » Blog Archiv » Dienstag, 27. Mai 2008: Gizeh V Says:

    […] ich den Namen Humbert in Flauberts Reisetagebüchern las, musste ich unwillkürlich an jene ebenso berühmte wie zwielichtige Gestalt der Weltliteratur […]

  3. Revierflaneur » Blog Archiv » Sonntag, 1. Juni 2008: Gizeh VI Says:

    […] relativ neue Kritzeleien im alten Ägypten und den Niederschlag, den sie bei Gerard de Nérval, Gustave Flaubert und Victor Hugo (und vielleicht auch bei Vladimir Nabokov) gefunden haben, sondern um etwas weitaus […]

Leave a Reply