Twardy

Auch Hans Siemsen, wir sprachen bereites mehrfach von ihm, hat gelegentlich für Die Weltbühne geschrieben. Am 20. Januar 1921 erschien dort sein entzückender Aufsatz Bilder von Kindern, anlässlich einer Ausstellung in der Buch- und Kunsthandlung Twardy in Berlin, Potsdamerstraße 13, „deren einziger Raum nicht größer war als ein sehr kleiner Zigarettenladen“. (Zit. nach Hans Siemsen: Schriften II. Kritik – Aufsatz – Polemik. Essen: TORSO Verlag, 1988, S. 128-130.)

Hans Siemsen war gewiss ein großer Melancholiker. Neben den Bildern der Arbeiterkinder hingen auch ein paar Bilder von erwachsenen Arbeitern. Siemsen vergleicht nun diese mit jenen, und es überkommt ihn eine große Traurigkeit. Unter den Kinderzeichnungen entdeckte er „ganz entzückende, ganz unwahrscheinlich schöne Sachen“, die Bilder der Erwachsenen aber waren „nur zu geschickte, aber ganz phantasielose, leere und hohle Kompositionen, oberflächliche Skizzen.“ (Siemsen, a. a. O.)

Was war denn bloß der Grund, so fragt sich Hans Siemsen, dass unterm Erwachsenwerden diese ursprüngliche Kreativität, ja schöpferische Genialität des Kindes auf der Strecke bleiben musste? Für Siemsen ist dies kein Wunder: „Was soll in dieser Erziehungsmühle, in diesem Folterautomaten, in den wir oben als Kinder hineinfallen und unten als ,fertige‘ Menschen herauspurzeln, was soll in dem noch übrigbleiben vom Künstler und Dichter in uns? […] Die Schulen, wie sie heute sind, hindern uns mit List und Gewalt daran, uns die Erkenntnisbäume selbst zu suchen und die Äpfel selbst zu pflücken. Sie servieren uns statt dessen wohlkonfektionierte, eingemachte und immer, aber immer mit Saccharin gesüßte Normalfrüchte. Einige kriegen davon das Kotzen. Die meisten verspeisen sie willig und brav – und haben nun nicht bloß ihre Unschuld verloren, sondern, was viel schlimmer ist, die konfektionierte Normal-Erkenntnis, Normal-Bildung, Normal-Geschicklichkeit dafür im Leibe.“ (Siemsen, ebd.)

Aber was war das nur für ein zigarettenladenkleines Kunstkabinett, dessen Inhaberinnen schon Anfang der 1920er-Jahre auf den Gedanken kamen, Bilder von Kindern auszustellen? Tatsächlich wurde ich im Internet fündig und erfuhr dort, dass Käthe und Emma Twardy am 20. Mai 1919 in Zoppot im Freistaat Danzig eine Buch- und Kunsthandlung gegründet hatten, die im Herbst 1920 nach Berlin expandierte, wo sie in der Potsdamerstraße 12 [?] unter dem Namen „Buch- und Kunstheim K. & E. Twardy“ ein kleines Lokal bezog. Da Herwarth Waldens „Sturm“-Verlag samt Galerie und Privatwohnung vis-à-vis in der Potsdamerstraße 134a beheimatet war, verkehrten bei Twardy bald Künstler wie Kandinsky, Archipenko und Moholy-Nagy.

Nach Hitlers „Machtergreifung“ verlieren sich die Spuren der rührigen Damen Twardy im Dunklen. Nach zwei Umzügen 1933 und 1934 innerhalb von Berlin erlischt die Firma. Im Adressbuch des Deutschen Buchhandels von 1936 ist sie nicht mehr verzeichnet.

3 Responses to “Twardy”

  1. Matta Schimanski Says:

    Die Hausnummern-Verwirrung ist vielleicht durch Berlins spezielle Art der Nummerierung entstanden: an der einen Seite der Reihe nach rauf, an der anderen wieder runter (wird ja auch ersichtlich daraus, dass 134a vis-à-vis lag/liegt). D. h. 12 und 13 lagen/liegen direkt nebeneinander. Siehe auch z. B.:

    http://www.morgenpost.de/content/2006/05/07/biz/827402.html

  2. Revierflaneur Says:

    Das war mir schon klar. Meine Vermutung ist, dass die Damen Twardy erst in der Potsdamerstraße 13 unterkamen und dann (wenig später) ins Nachbarhaus umgezogen sind. Vielleicht handelt es sich aber auch um ein Doppelhaus: “Potsdamerstraße 12/13″. Ich muss mal meinen in Berlin wohnenden Sohn dort vorbeischicken.

  3. Revierflaneur » Blog Archiv » Freitag, 30. Mai 2008: Zoff im Bedford Says:

    […] Bild, das Klaus Mann hier von Siemsen zeichnet, passt nun so gar nicht zu jenem Verfasser zarter Prosastücke, dem intimen Freund von Joachim Ringelnatz und Renée Sintenis, dem schwulen Pastorensohn, […]

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