Oss

ossietzky

Heute vor siebzig Jahren starb Carl von Ossietzky im Krankenhaus Nordend in Berlin an Tuberkulose. Seit 1926 hatte der überzeugte Pazifist und Atheist an der von Siegfried Jacobsohn begründeten Zeitschrift Die Weltbühne mitgewirkt, zunächst als Journalist und Leitartikler, nach Jacobsohns Tod bald auch als verantwortlicher Herausgeber.

Im publizistischen Kampf gegen die Gefahr eines faschistischen deutschen Staats nach dem Vorbild der Mussolini-Diktatur in Italien nahm von Ossietzky kein Blatt vor den Mund. Zwar sah er frühzeitig die Bedrohung, der der erste demokratisch verfasste Staat auf deutschem Boden, die Weimarer Republik, durch Hitler und seine NSDAP ausgesetzt war. Und doch unterschätzte er völlig die politischen Zukunftschancen und zumal den energischen „Willen zur Macht“ jenes Postkartenmalers aus Braunau am Inn, wenn er z. B. in der Weltbühne vom 3. Februar 1931 schrieb: „Aber dieser deutsche Duce ist eine feige, verweichlichte Pyjamaexistenz, ein schnell feist gewordener Kleinbürgerrebell, der sichs wohlsein läßt und nur sehr langsam begreift, wenn ihn das Schicksal samt seinen Lorbeeren in beizenden Essig legt. Dieser Trommler haut nur in der Etappe aufs Kalbfell.“

Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 gehörte Carl von Ossietzky zu den ersten Opfern der Verhaftungswelle. Kurt Tucholsky, sein Kollege bei der Weltbühne, hatte schon früh bei „Oss“, wie er ihn in Briefen nannte, eine unerklärliche Lethargie bemerkt, ihm oftmals gar Faulheit vorgeworfen. Warum von Ossietzky die Gefahr, die ihm persönlich in Deutschland drohte, nicht rechtzeitig erkannte oder nicht erkennen wollte, wird wohl immer ein Rätsel bleiben. Nun begann ein fünfjähriger Leidensweg des körperlich schmächtigen Mannes, vom Spandauer Gefängnis über die Konzentrationslager in Sonnenburg bei Küstrin und Esterwegen im Emsland bis ins Berliner Krankenhaus Westend, wo er unter ständiger Bewachung der Gestapo stand, schließlich in die Fachklinik für TBC-Kranke in Niederschönhausen, wo er verstarb.

Als der Schweizer Diplomat Carl Jacob Burckhardt im Auftrag des IKRK 1935 das KZ Esterwegen besuchte, traf er auch Carl von Ossietzky, ein „zitterndes, totenblasses Etwas, ein Wesen, das gefühllos zu sein schien, ein Auge verschwollen, die Zähne anscheinend eingeschlagen“; von Ossietzky bat Burckhardt: „Sagen Sie den Freunden, ich sei am Ende, es ist bald vorüber, bald aus, das ist gut. […] Ich habe einmal Nachricht erhalten, meine Frau war einmal hier; ich wollte den Frieden.“ Bevor es vorüber war, wurde dem gebrochenen Mann aber noch im November 1936 rückwirkend der Friedensnobelpreis des Jahres 1935 zugesprochen. Hermann Göring persönlich bedrängte von Ossietzky, den Preis abzulehnen, aber der blieb standhaft: „Nach längerer Überlegung bin ich zu dem Entschluß gekommen, den mir zugefallenen Friedensnobelpreis anzunehmen. Die mir von dem Vertreter der Geheimen Staatspolizei vorgetragene Anschauung, daß ich mich damit aus der deutschen Volksgemeinschaft ausschließe, vermag ich nicht zu teilen. Der Nobelpreis für den Frieden ist kein Zeichen des innern politischen Kampfes, sondern der Verständigung zwischen den Völkern.“ Spätestens damit war wohl sein Schicksal endgültig besiegelt. (Das Gerücht, ihm seien im Krankenrevier von Esterwegen Ende 1934 Tuberkulosebakterien eingeimpft worden, ließ sich weder beweisen noch widerlegen.)

Die Jahrgänge der Weltbühne von 1918 bis 1933 hat der Athenäum-Verlag vor 30 Jahren in einem 16-bändigen Reprint herausgebracht. Carl von Ossietzkys Lebenswerk auf 27.000 Seiten. Antiquarisch ist dieses Dokument eines schließlich vergeblichen Kampfes gegen Diktatur und Krieg mit etwas Glück für hundert Euro zu haben.

One Response to “Oss”

  1. Günter Landsberger Says:

    Als der 3. Oktober zum Tag der deutschen Einheit gemacht wurde, habe ich es sofort als (mir sehr willkommene) Ironie der Geschichte erlebt, dass dies auch der Geburtstag von Carl von Ossietzky war. Und ich habe das auch gleich bei einer kurzen Begrüßungsansprache (anlässlich eines Schüler…austausches) im Merseburger Rathaus ganz kurz vor diesem Tag 1990 öffentlich geäußert.

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