Druckfehlerfrei?

Ich bin, seit ich lesen kann, auf der Suche nach dem druckfehlerfreien Buch. Bisher habe ich noch keins gefunden. Vielleicht kann ich nach vier Jahrzehnten Großfahndung jetzt endlich einen Erfolg vermelden.

Ich lese nämlich gerade Eine Art Verrat von Karl Heinz Bittel. Der Autor des Romans über das schwierige Verhältnis von Thomas und Klaus Mann war nämlich lange Jahre hauptberuflich Lektor und gar im Knaus-Verlag Betreuer des für seine Pingeligkeit bekannten Walter Kempowski. Wenn ein solchermaßen geprüfter Fachmann für Richtigkeit sein eigenes Buch lektoriert, dann besteht doch vielleicht beste Aussicht auf ein makelloses Gelingen – zumindest was die Vermeidung von Dreckfuhlern angeht.

Andererseits weiß ich aus eigener, leidvoller Erfahrung, dass man gerade für die Fehler, die man selbst macht – und übrigens nicht nur in Texten – oft mit einer Blindheit geschlagen ist, die zum Himmel schreit. Vermutlich weiß das auch Bittel und hat darum sein Buch bewusst nicht selbst lektoriert. Und richtig, das Impressum weist einen „Bernd Henninger, Heidelberg“ als Lektor aus. Der hat sich seine Sporen immerhin im seriösen Verlag Lambert Schneider verdient, keine schlechte Adresse. (In der dort erschienenen Ausgabe des Alten Testaments, übersetzt von Martin Buber und Franz Rosenzweig, konnte ich jedenfalls nur sehr wenige Druckfehler entdecken.)

In Bittels Roman, den ich jetzt etwa zu einem Drittel gelesen habe, ist mir bisher tatsächlich noch kein einziger Schnitzer aufgefallen. Die Spannung steigt von Seite zu Seite. Ich kann mich paradoxerweise schon gar nicht mehr auf den Inhalt konzentrieren; denn meist ist’s ja gerade umgekehrt und meine Konzentration leidet unter der prallen Fülle der Fehler. Und hier fehlen sie mir.

Kann der Mensch denn nie zufrieden sein?

5 Responses to “Druckfehlerfrei?”

  1. Matta Schimanski Says:

    Müsste man unterscheiden zwischen Schreibfehlern und Druckfehlern?
    Oder wäre das Korinthenkackerei?

  2. Revierflaneur Says:

    Und wenn schon. Allerdings sollte man nach dem Stuhlgang die gekackten Korinthen sortieren. Die Unterscheidung stammt aus einer Zeit, als es zwei Hauptfehlerquellen gab: den Schreiber und den Setzer, der das (handschriftlich, später auf der Schreibmaschine) vom Autor verfasste Manuskript bzw. Typoskript mit dem Griff in den Setzkasten, später in die Tastatur seiner Linotype-Maschine druckfertig machte. (Richtig war in dieser Zeit eigentlich “Satzfehler” statt “Druckfehler”. Ich habe noch Drucker kennen gelernt, die diesen “Sprechfehler” hartnäckig korrigierten, weil ihnen damit etwas in die Schuhe geschoben wurde, woran sie als einzige an der Buchentstehung Beteiligte garantiert keine Schuld hatten.)

    Heute wandert der Text ja in der Regel ohne weitere Transformation direkt vom PC des Verfassers in die EDV der Druckmaschine. Im günstigen, seriösen Fall prüft ihn noch der Lektor als Korrektor auf Richtigkeit. Ganz sicher sein kann man heute immer noch nicht, ob ein Fehler vom Autor stammt – oder ob ihn etwa erst ein schlechter Korrektor nachträglich hineinfabriziert hat, als “Verschlimmbesserer” sozusagen. Da der Fehler aber nicht in geschriebener, sondern gedruckter Form dem Leser begegnet, habe ich mich für den Ausdruck “Druckfehler” entschieden, nachdem ich genau diese Alternative kurz erwogen hatte.

  3. Revierflaneur Says:

    Doch nicht Druckfehlerfrei! Auf S. 123 schreibt Bittel: “[…] Cornelius beobachtete gebannt ihre Bewegungen, ihre offenbar von regelmäßiger sportlicher Betätigung gestählte [!] Oberkörper, […].” Statt “gestählten”. Jetzt kann ich etwas entspannter weiterlesen.

  4. Matta Schimanski Says:

    Handelt es sich um mehrere Damen und/oder Herren?
    Im Falle einer einzelnen Dame müsste es sonst auch “ihren” heißen.

    Auf jeden Fall müsstest du das Buch jetzt eigentlich von vorne beginnen, um es endlich ganz genießen zu können.

  5. Revierflaneur Says:

    Es handelt sich um “eine Gruppe von fünf oder sechs jungen Männern” beim Ballspiel am Strand. Insofern ist an dieser Stelle kein weiterer Fehler zu bemäkeln. Zu einer zweiten Lektüre besteht keine Veranlassung, so gut ist es auch wieder nicht; aber auch nicht so schlecht, dass ich es nicht zu Ende lesen würde.

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