Intermezzle (I)

triefaugeseiwachsam

Ich habe mich jetzt doch durchgerungen, mir gelegentlich über meine Zeitgenossenschaft das Maul zu zerreißen. Bislang biss ich die Zähne zusammen, wann immer mir besonders bittere Enttäuschungen begegneten. Zum Beispiel, wenn ich kopfüber aus einer Verehrung in eine Verachtung fallen musste. Offenbar vertrage ich dergleichen Abstürze nun nicht mehr unwidersprochen. Es tut mir leid, wenn das erste Opfer meiner Mäkelei nun gerade ein Bekannter meines Freundes werden muss. Sei‘s drum!

Meine Tageszeitung brachte heute auf ihrer Literaturseite ganzseitig einen Essay, der in der Fußnote als Bearbeitung eines Vortrags ausgewiesen ist, welchen sein Autor, Georg Klein, beim Kulturfestival fliesstext 10 in Ingolstadt hielt. Abgesehen davon, dass ich nichts von „Kulturfestivals“ halte, die im Fließtext untergehen, und schon erst recht nichts von Essays, die auf Vorträge „zurückgehen“, zwingt mich diese Veröffentlichung zu einem knappen Affront.

Das Artikelchen mit der barbusigen Schönen, die offenbar als Eyecatcher herhalten soll [s. Titelbild], damit überhaupt ein Trottel wie ich seinen Blick auf dem Weg zum Interview in der Wochenendbeilage für das knappe Momentchen anhält, das ausreicht, um sich in die ersten Sätze zu verbeißen – dieses Artikelchen also hebt mit folgenden Worten an: „,Was Wörter sind, das wisst ihr?‘ So sprang es mir vor kurzem aus einem zu Recht berühmten Roman entgegen.“ (Georg Klein: Heimat im Wort; in: Süddeutsche Zeitung Nr. 240 v. 16./17. Oktober 2010, S. 16.) An dieser Stelle dürfte der durchschnittliche SZ-Leser über seinem samstäglichen Frühstücksei, mittelweich gekocht zur nächsten Seite umblättern, um sich dort durch dick und doof ins Twitterlexikon verlocken zu lassen. Nicht so ich, vermutlich Georg Kleins einziger Leser. Ich frage mich: Woher hat er den Satz? Was für ein Buch ist es denn, von dem er da spricht? Und ich erfahre in der sechsten und letzten Spalte, dass der Mann, der diesen Satz angeblich geschrieben hat, kein geringerer als Arno Schmidt sein soll. Das kommt mir spanisch vor, und so steige ich auf meine wackligen Tage auf meine morsche Bibliotheksleiter, erklimme die oberste Sprosse und hieve Zettels Traum herunter. Und was lese ich da, auf Seite 24 unten und Seite 25 oben?

„Was ‚Worte‘ sind, wißt | Ihr – ?“ (Zum Vergleich: ,Was Wörter sind, das wisst ihr?‘ Ich zähle bei einem Satz mit fünf Wörtern fünf Abweichungen!) Wie billig es ist, gerade diesen Satz zu zitieren! Schon Gunnar Ortlepp schnappte sich vor vierzig Jahren in seinem Spiegel-Artikel anlässlich des Erscheinens von Zettels Traum genau diesen Satz, um flott und flüssig mit dem Wälzer fertig zu werden. Aber Klein hatte nicht vier Tage wie der Spiegel-Redakteur, sondern vierzig Jahre eines vermeintlich sorgfältig reflektierenden Intellektuellen Zeit, das Buch zu lesen, gründlich und genau. Unorigineller geht es nun gar nicht mehr. Vermutlich hat Klein sein vorgebliches Schmidt-Zitat aus dritter oder vierter Hand. Aber wenn man schon nicht originell ist, sollte man doch wenigstens richtig zitieren können, oder? Es ist ein Jammer mit dem Niedergang des Zeitungsfeuilletons in Deutschland.

Ob Schmidts dickes Buch zu Recht berühmt ist, darüber zu urteilen steht jedenfalls Georg Klein nicht zu, solange er sich nicht wenigstens als jemand erwiesen hat, der zu lesen versteht. (Vom Schreiben wollen wir hier noch gar nicht reden.)

4 Responses to “Intermezzle (I)”

  1. Eder Felix Says:

    Der einzige Leser bist du wahrlich nicht, wir sind mindestens zu zweit. – Da ich nicht so gelehrt bin wie du, du Großer Unbekannter, bin ich nicht über die schäbige Zitierweise gestolpert, sondern hab mich an dem berauschend schönen Text erbaut. – Und wenn ich es gemerkt hätte, so hätte ich keinen Grund gehabt, mich über die 5 Fehler zu mokieren, hatte ich doch einst das Kunstwerk geschaft, für eine Wiener Firma, welche dem Bürgermeister von Moskau ein Werbegeschenk überreichen wollte, in zwei Wörtern zwei Fehler zu machen – ich schrieb nicht nur den Namen des Bürgermeisters falsch, sondern auch das Wort Bürgermeister – im Russischen ein Wort mit drei Buchstaben.

    Mit vorzüglicher Hochachtung für den Kritisierten und den Kritiker

    Felix Eder

    P.S. Sollte in diesen paar Zeilen sich ein Fehler eingeschlichen haben, ich hatte nur 4 Minuten Zeit zum Schreiben, und zum Korrigieren leider keine Sekunde gefunden.

  2. Revierflaneur Says:

    Lieber Herr Eder, ich würde bloß die kleine Flüchtigkeit im Postskriptum monieren, da sich Fehler nicht “in diesen Zeilen”, sondern “in diese Zeilen” einschleichen können. Es ist aber nicht meine Lieblingsbeschäftigung, Flüchtigkeitsfehler in den Texten von Gelegenheitsschreibern anzukreiden. Georg Klein tritt ja aber als professioneller Schriftsteller auf und wird also solcher gelobt, geehrt und bezahlt. Da wird man schon etwas andere Maßstäbe anlegen dürfen. Dass Sie Kleins Essay “berauschend schön” fanden und sich daran “erbaut” haben, ist vielleicht genau der Grund, warum er mir nicht gefallen hat, halte ich doch Räusche und Erbauungen im Zusammenhang mit Kunstgenuss gleich welcher Art immer für mindestens fragwürdig. Mit der Gehetztheit, die Sie zuletzt beschreiben – “nur vier Minuten”, “keine Sekunde” – kommen Sie auf etwas zu sprechen, das mir nicht nur in meinem Schreiben, sondern auch in meinem übrigen Leben zum Hauptthema geworden ist: Wie gehen wir, wie gehe ich mit der Zeit um? Ein Bonmot zum Schluss: “Wer sich hetzen lässt, kommt bloß früher zu spät!” Ihr M. H.

  3. zweirat-blog Says:

    Ein Morgen…

    Ein kleines Fundstück aus der Süddeutschen Zeitung vom 16. Oktober 2010, aus einem Artikel von Georg Klein namens "Heimat im Wort" (basierend auf einem Vortrag bei "fliesstext10", Ingoldstadt):
    "Der Morgen ist ein altes Fläc…

  4. Robert Kötter Says:

    Ich finde, der Text schwankt sehr zwischen prätentiös und präzise. Es gibt ein paar sehr schöne Stellen und gute Beobachtungen, aber auch viel abschweifendes. Vielen Dank für die genaue Zitatprüfung! Und das Foto finde ich auch ziemlich sinnlos, vielleicht sollte es die Verbindung zum Wort “Sex” herstellen, das er länger bespricht? – Und exemplarisch für Kleins Schreibweise finde ich den zweiten Satz des Textes nach diesem Schmidt-Zitat: ” So sprang es mir vor kurzem aus einem viel gerühmten, aus einem zu Recht berühmten Roman entgegen. Da liebt einer seine Wortspiele…und vielleicht war der Sprung der Wörter zu waghalsig, so dass da ein paar Wackler sich eingeschlichen haben????

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