Kleines 1×1 der Buchbeschreibung (IV)

12. August 2010

derassrebhuehnerfuerseinlebengern

„In der arbeitsteiligen Wirtschaft des sozialistischen Staats ist ein Industrieprodukt wie das Buch naturgemäß Ergebnis von vieler Menschen Hände Arbeit. Papierhersteller, Setzer, Drucker, Buchbinder, Packer, Typografen, Grafiker, Layouter, Lektoren und andere produzierende und gestaltende Werktätige begleiten das Buch auf seinem Weg von der Idee zum konkreten Objekt.“ So oder ähnlich könnten die ersten beiden Sätze in einem Berufsschulbuch über Das Druck- und Verlagswesen in der DDR für Lehrlinge in Buchhandel und Verlag gelautet haben. Da bei der Lektoratstätigkeit die Hände keine vorrangige Rolle mehr spielen, hätte man deren Aufnahme in die Liste als eine jener vielen kleinen Unredlichkeiten der Volksgenossen im Kombinat ,Lehren und Lenken‘ hinnehmen müssen, die immer dann unterlaufen, wenn sich das Denken entlang ideologischer Leitlinien bewegen muss. Immerhin träfe auf die Lektoratsarbeit aber wieder zu, was im dritten Satz über die namenlosen Helfer gesagt worden wäre: „All diese Menschen verschwinden hinter ihrer fachkundigen Arbeit und sind namentlich im fertigen Buch nicht vermerkt, obwohl doch ohne sie dieses Produkte niemals den Markt erreichen und die Bürger belehren oder erfreuen könnte.“

Wem wird also dann die Ehre zuteil, mit seinem bürgerlichen Namen neben dem Autor als Mit-Urheber oder Koproduzenten irgendwo im Buch, wenn nicht gar auf der Titelseite genannt zu werden? Bei Neuausgaben älterer, vielleicht schon ,klassischer‘ Werke ist es oft ein Herausgeber, der sich um die Neuedition besondere Verdienste erworben hat, indem er die früheren Ausgaben verglich, vielleicht gar Manuskripte des Autors hinzuzog und so zu einer fehlerfreien, gar historisch-kritischen Ausgabe zu gelangen. Vielleicht gibt es den prominenten Verfasser des Vor- oder Nachwortes, der seinen guten Namen und ein paar kluge Gedanken zur Verfügung stellt, um dem Buch eines etwa bislang unterschätzten Autors zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen? Manche Bücher bedürfen zum Verständnis des Laien fachkundiger Erläuterung, für die ein Kommentator sorgt. Und große Verantwortung für die Lesbarkeit bei allen im Original fremdsprachigen Werken trägt schließlich der Übersetzer, ohne dessen schwierige Arbeit uns ein Großteil der Weltliteratur unzugänglich bliebe. Alle diese ,Autoren in der zweiten Reihe‘ verdienen es, im Buch genannt und somit auch in die bibliographische Beschreibung aufgenommen zu werden, um ihnen im Erfolgsfall für ihre Leistungen die gebührende Anerkennung zollen, andernfalls aber auch berechtigte Kritik an die zuständige Adresse richten zu können.

Und dann gibt es noch, beosnders bei wissenschaftlichen Werken, die Danksagung der Verfasserin an all die offen oder im Verborgenen mitwirkenden Helfer, die sie auf dem beschwerlichen Weg bis zum nun endlich fertig vorliegenden Werk begleitet, sie mit Rat und Tat unterstützt, ihr in schwierigen Phasen Mut zugesprochen und ihr in zahllosen Detailfragen unschätzbar wertvolle Tipps gegeben haben, bis hin zu Tante Mienchen mit ihrem beruhigenden Kamillentee und Kater Bonifatius, der etliche überaus störende Fliegen fing.

Ob es eine solche Reverenzlitanei verdient, in eine antiquarische Autopsie aufgenommen zu werden, außer vielleicht als originelle Dekoration, das ist Geschmacksache und vielleicht davon abhängig, ob unter den genannten Personen namhafte Geistesgrößen auszumachen sind, deren Glanz auf die Danksagende abstrahlt. Letzteres wird häufiger einmal bei einem Vorbild, Freund oder Lehrer des Autors der Fall sein, der von ihm mit einer gedruckten und damit öffentlich gemachten Zueignung oder Widmung bedacht wurde.

Es stehen also gelegentlich im Buche sehr viele (Personen-)Namen, die neben dem Autor, in der zweiten oder dritten Reihe, ihren Platz finden; den nach dem Verfasser wichtigsten habe ich dabei allerdings aus guten Gründen noch ausgespart, da er nur mit einer Einschränkung hinzugehört: den Verleger. Er soll in der nächsten Folge zu seinem Recht kommen.

Kleines 1×1 der Buchbeschreibung (III)

11. August 2010

zweibuechergegeneinanderausgespiegelt

Wie heißt dieses Buch? Wie heißt dieses Buch? – Nein, ich beginne nun nicht, in ganzen Sätzen zu stammeln. Vielmehr halte ich in meiner linken Hand ein ganz reales Buch, während ich die erste Frage stelle. Und dann gebe ich mir selbst die Antwort auf diese Frage, indem ich den Titel des Buches nenne. Der Mathematiker, Logiker, Konzertpianist, Taoist und Zauberer Raymond M. Smullyan hat es geschrieben. Es heißt im amerikanischen Original What Is the Name of This Book?, in der deutschen Übersetzung Wie heißt dieses Buch? – Gleichzeitig halte ich in der rechten Hand ein Buch des Geschichtsprofessors, Pataphysikers und ständigen provisorischen Sekretärs des ,Ouvroir de Litterature Potentielle‘ (OuLiPo), Marcel Bénabou, das den paradoxen Titel hat: Pourquoi je n’ai écrit aucun de mes livres, zu Deutsch: Warum ich keines meiner Bücher geschrieben habe.

In dieser Pose wollte ich gleich eingangs deutlich machen, dass uns das Stichwort ,Titel‘ auf ein überaus doppelbödiges, schwankendes, sumpfiges, verspiegeltes, nebliges Gelände entführt. Wenn Bénabou keines seiner Bücher geschrieben hat, besser: wenn er keines jener Bücher verfasste, die auf der Titelseite seinen Namen tragen, wie er gleich im Titel seines Buches Warum ich keines meiner Bücher geschrieben habe? vorausschickt, das ebenfalls seinen Namen trägt, wer hat dann eben dieses Buch geschrieben, in dem erklärt werden soll, warum er keines seiner Bücher schrieb? Und darf man denn überhaupt diesem Geständnis über die vermeintliche Nicht-Autorschaft von Bénabous Büchern trauen, wenn doch selbst dieses Geständnis eingestandenermaßen nicht von Bénabou stammt? Ebensogut könnte der Titel seines Buches dann lauten: Pourquoi je n’ai écrit ce livre?

Da der Autorenname allein kaum taugt, ein Buch schon äußerlich unverwechselbar zu machen oder gar inhaltlich zu kennzeichnen – weil erstens Autoren eine Neigung haben, wenn schon dann gleich mehrere Bücher zu veröffentlichen; weil zweitens verschiedene Personen gelegentlich den gleichen Namen tragen und solche Duplizitäten auch den schreibenden Stand nicht verschonen; und weil schließlich Personennamen nur zufällig einmal etwas über den Träger und damit vielleicht auch indirekt über das Ergebnis seiner Tätigkeit, hier: das geschriebene Buch aussagen – da also ein Buch mit nichts als dem Namen seines Verfassers auf dem Titel ebenso nichtssagend wie verwechselbar ist, verzichtet kein Autor auf die Gelegenheit, alles was er drinnen mit hunderttausend Worten sagen will, draußen mit einer Handvoll, allenfalls einem knappen Dutzend Wörtern immerhin anzudeuten.

Als die Geschichte der gedruckten Bücher ihren Anfang nahm, waren deren Autoren noch wesentlich spendabler mit den Auskünften, die sie im Titel dem möglichen Käufer und Leser erteilten: So heißt einer der ersten Erfolgsromane der deutschen Literatur: Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch | Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten | genant Melchior Sternfels von Fuchshaim | wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen | was er darinn gesehen | gelernet | erfahren und außgestanden | auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Drei Jahrhunderte später sind die Romantitel auf wenige Buchstaben geschrumpft: Knulp (Hermann Hesse 1915), Hiob (Joseph Roth 1930), Bin (Max Frisch 1945), Watt (Samuel Beckett 1953), Pnin (Vladimir Nabokov 1957), Frost (Thomas Bernhard 1963); bis hin zu einbuchstabigen Titeln wie V. (Thomas Pynchon 1963) und A (Andy Warhol 1968). Seither geht’s langsam wieder aufwärts. So erscheint in diesem Jahr ein Roman von Jan Faktor mit dem schon fast barock anmutenden Titel Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag.

Was will eigentlich der Titel eines Buches beim potenziellen Käufer bezwecken? Die Autoren schlagen ihren Verlegern oft Titel vor, von denen sie annehmen, dass sie neugierig machen könnten auf den Inhalt. Den Verlegern hingegen ist mehr daran gelegen, dass die Titel einprägsam sind, damit sie bei der Mund-zu-Mund-Propaganda nicht dauernd auf der Strecke bleiben. Bei der unüberschaubar großen Zahl von Büchern gibt es in der Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Leser naturgemäß nur sehr wenige Titel, die wirklich im Gedächtnis vieler Leser haften bleiben. So überrascht es nicht, dass die Buchtitel der Romane dieser Sommersaison 2010 zum überwiegenden Teil völlig nichtssagend sind. Bei aller bemühten Originalität nahezu bedeutungslos sind Namentitel wie Juja, Thennberg, Kornblum, Ben, Harold, Robinson und Julia, Pascolini, Die Erdbeeren von Antons Mutter, Der Sturz des Friedrich Voss, Alles über Sally, I am Airen Man, Axolotl Roadkill, Die Akte Rosenherz, Hellersdorfer Perle, Spaziergänger Zbinden, Kokoschkins Reise, Mihriban pfeift auf Gott, Sevilla, Grunewaldsee, Berlin Palace, Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach und Hummeldumm. Kaum wesentlich mehr zur Anregung konkreter Vorstellungsinhalte liefern solche Ein-Wort-Titel wie Schonzeit, Kennung, Meeresstille, Schaumschwester, Silberfischchen, Heimaturlaub, Runterkommen, Horchen, Vorliebe, Bodenlos, Möchtegern, auch dann nicht, wenn sie um den bestimmten Artikel ergänzt werden: Der Liebespakt, Die Herrenausstatterin, Das Fenster, Die Leinwand, Der Koch, Das Matratzenhaus. Nicht viel besser bestellt ist es um die folgenden blässlichen Titel, bei denen man sich kaum vorstellen kann, dass es sie nicht schon mindestens einmal gegeben hat, und zwar vermutlich in allen bedeutenderen Nationalliteraturen der Welt: Die komische Frau, Die verlorenen Stunden, Der Sommer in dem Folgendes geschah, Zur falschen Zeit, Und dann diese Stille, Das Beste daran, Vorläufige Ankunft, Wenn Du wiederkommst, Ans Meer, Durch den Wind, Die Welt ist im Kopf, Komödie des Alterns, Wir vier, Roman unserer Kindheit, Ich weiß nicht und Das war ich nicht. Immerhin einen leichten Kitzel auf dem präfrontalen Kortex lösten bei mir folgende Titel aus: Vom Atmen unter Wasser, Einladung an die Waghalsigen, Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand, Und im Zweifel für dich selbst, Der Mann der durch das Jahrhundert fiel, Sogar Papageien überleben uns, Am Anfang war die Nacht Musik und Kolonie der Nomaden. Kein richtiger ,Kracher‘ ist darunter, zum Beispiel so etwas wie Kühe in Halbtrauer. Aber wirklich unsterblich gute Romane sind ja ebenfalls sehr selten, warum sollte es sich dann mit den Titeln anders verhalten.

Kleines 1×1 der Buchbeschreibung (II)

10. August 2010

leoperutzdrittekugeltitel

Auf den Autorennamen folgt in Bücherlisten in aller Regel der Titel des Buches. Der äußerlich augenfälligste Platz für dieses Gespann sind am Objekt der Auflistung selbst der Buchrücken und Buchdeckel. Maßgeblich für die einwandfreie Identifikation eines Buches ist jedoch die Titelseite, als Vorderseite des Titelblatts. Um welche Seite genau handelt es sich dabei aber? Jedenfalls ist es eine Seite ganz weit vorn im Buch, bevor dessen eigentlicher Inhalt beginnt. Und prinzipiell handelt es sich um eine rechte Buchseite; oder, was aufs Gleiche hinausläuft, um die Vorderseite eines Blattes. Daher trüge die Titelseite jedenfalls eine ungerade Seitenzahl, so sie denn mit einer Seitenzahl versehen wäre. Allerdings haben die ersten vier, sechs oder gar acht Seiten eines Buches in aller Regel gar keine Seitenzahlen, meist begegnet dem Leser die Ziffer 7 als erste Seitenzahl im Buch. Rechnet man von dort zurück, so ist die Titelseite oft eine Seite 3 oder 5, aber darauf ist kein Verlass. Was man immerhin noch sicher von ihr sagen kann: Sie ist in jedem Falle die dritte Seite der sog. Titelei. Hierunter versteht man nun wieder etwas ganz eigenes, nämlich folgende vier Seiten in dieser Reihenfolge: Schmutztitel, Frontispiz, Titelseite und Impressum. (Die Seiten eins, zwei und vier in diesem Quartett werden weiter unten noch eingehend zu würdigen sein.)

Was steht nun eigentlich auf der Titelseite? Was ist dort üblicherweise zu lesen? Name des Autors, Titel des Buches, Name (und gelegentlich auch Ort) des Verlags. Weitere Informationen – wie Untertitel, Gattungsbezeichnungen, Namen von Herausgebern oder Übersetzern usw. – können hinzukommen. Und in aller Regel sind die paar Worte in einer größeren Schrifttype gesetzt als der Rest des Buches, sein eigentlicher Inhalt.

Warum ist nun das Titelblatt für ein Buch so bedeutungsvoll, dass es seinen antiquarischen Wert erheblich mindert, wenn es bekritzelt, bestempelt, beschädigt oder gar vollständig entfernt ist? Ganz einfach deshalb, weil das Buch mit diesem Blatt seine Identität verliert. Es geht ihm ähnlich wie dem Seemann Gales in B. Travens Roman Das Totenschiff: Es hat in diesem Fall kein Alter, keine Herkunft und keinen verbürgten Namen; es existiert offiziell gar nicht und hat insofern auch keinen irgendwie bestimmbaren Wert. Es ist ein nichtswürdiges Nichts. Und es ist bezeichnend, dass Bibliotheken sich mit ihren Stempeln vorzugsweise auf der Titelseite verewigen, denn damit berauben sie das Buch für alle Zeit seiner Möglichkeit, in der freien Welt (des Marktes) eine Rolle zu spielen, ganz so wie der Souverän, der seinem Sklaven ein Brandzeichen auf die Stirn presst, ihn für alle Zukunft an sich bindet.

In einer verschollenen Anthologie von Erzählungen rund um das Thema Buch habe ich vor langer Zeit einmal die Geschichte eines pathologischen Bibliomanen gelesen, der sich aufs Sammeln von Titelblättern spezialisiert hatte. Er stahl diese, wann immer sich ihm die Möglichkeit dazu bot: aus den Büchern der Buchhandlungen und Antiquariate, aber auch aus Privatbibliotheken und sogar aus Kirchen, wo manchmal eine alte Bibel unbeaufsichtigt auf dem Altar auslag. Er besaß ein eigens gefertigtes Spezialmesser, welches ihm erlaubte, das Titelblatt mit einer einzigen blitzschnellen Handbewegung herauszutrennen, und zwar so überaus geschickt, dass selbst ein geübtes Auge nicht mehr erkennen konnte, dass sich an dieser Stelle je ein Blatt Papier befunden hatte. Der Urheber dieses seltenen Falls von Vandalismus und Buchfrevel war im Volksmund unter dem Namen Bookripper bekannt. Ich weiß nicht mehr, durch welches Missgeschick er schließlich zur Strecke gebracht wurde, sehr genau erinnere ich mich aber an sein Motiv. Er war auf der Suche nach der perfekten Titelseite, bei der einach alles stimmt: das Verhältnis von Höhe zu Breite des Blattes, die Art und Farbe der Schrifttype, die Proportionen der Zeilenlängen und Schriftgrößen, aber auch etwaiger Schmuckleisten und Ornamente bis hin zur harmonischen Einbettung eines Verlagssignets oder gar einer Illustration.

Heute hätte es ein solcher Titelseiten-Fetischist leichter. Er müsste nicht die Bücher selbst beschädigen, um seine Kollektion zu bereichern, sondern könnte sich mit Scans der edlen Buchtitel begnügen. – Mein Titelbild heute zeigt das Frontispiz (von Wilhelm Schulz) und die Titelseite von Leo Perutz: Die dritte Kugel. (München: Albert Langen, 1915.)

Kleines 1×1 der Buchbeschreibung (I)

04. August 2010

hiobromaneineseinfachenmannesvonjosephroth

Listen gleich welcher Art müssen stets nach einem beherrschenden Ordnungsprinzip ausgerichtet sein, damit das einzelne Objekt, das in ihnen gelistet ist, schnell auffindbar bleibt. Meist sind die Objekte alphabetisch, gelegentlich auch numerisch geordnet, wobei in jedem Fall der ordnende Begriff, gleich ob Wort oder Zahl, als sog. Lemma am Anfang der Objektbeschreibung steht. Bei Bücherlisten ist es bewährte Tradition, dass Familien- und Vornamen des Autors eines Schriftwerks das maßgebende Lemma für die Sortierung bilden. Diese schlichte Konvention ist im Regelfall unproblematisch, birgt in Einzelfällen allerdings mancherlei Tücken.

Was, wenn ein Buch einen Autorennamen gar nicht vorweisen kann? An der altisländischen Edda haben vermutlich verschiedene Verfasser mitgewirkt, von denen Snorri Sturluson bloß ein zufällig namentlich bekannter ist. Auch das Nibelungenlied oder die Bibel haben entweder viele Autoren oder keinen. In solchen Fällen tritt üblicherweise der Titel als Lemma an die Stelle des Autors. Auch Lexika, Wörterbücher und ähnliche Nachschlagewerke sind meist das Ergebnis kollektiver Mitwirkung zahlreicher Beiträger, weshalb Duden oder Brockhaus unter ihren Titeln gelistet werden. Es sei denn, dass sich ein namentlich auf der Titelseite ausgewiesener Herausgeber um die Zusammenstellung der Texte aus verschiedenen Quellen besonders verdient gemacht hat. In diesem Falle gebührt ihm ersatzweise das Recht an der vakanten Autorschaft. Den Bärenanteil solcher Fälle machen Anthologien aller Art aus. In seltenen Fällen ist aber keinerlei Urheber eines Druckwerks angegeben. Die Verfasser politischer oder pornographischer Schriften hatten in weniger liberalen Zeiten gute Gründe, ihre Identität hinter einem Pseudonym zu verstecken oder solch heikle Bücher gleich anonym erscheinen zu lassen. Manchmal verbergen sich hinter einem fingierten Personennamen wie Nicolas Bourbaki auch ganze Autorenkollektive.

Der sorgfältige Antiquar wird bemüht sein, Pseudonyme zu lüften und auch die Autoren anonymer Werke zu ermitteln. Hierfür gibt es Nachschlagewerke und auch schon Listen im Internet. Grundsätzlich gilt aber für die sachgerechte Autopsie, dass zunächst lediglich jene Angaben zu vermerken sind, die dem vorliegenden Buch selbst entnommen werden können, genauer: der Titelseite; also nicht etwa dem Umschlag, Buchrücken oder -deckel. Alle Ergebnisse etwaiger detektivischer Nachforschungen des Antiquars sind in eckige Klammern […] zu setzen.

Mancherlei Tücken bergen zudem Namen aus fremden Sprachen. Die Akzente bei dem Franzosen Prosper Mérimée richtig zu platzieren ist noch eine vergleichsweise leichte Übung, da geht die korrekte Schreibweise des Tschechen Václav Beneš Třebízský schon etwas schwerer von der Hand. Immerhin ist mittlerweile die Darstellung selbst exotischer Sonderzeichen dank PC und Textverarbeitungs-Programm möglich. Verwirrung entsteht immer wieder bei ostasiatischen Autoren, weil Vor- und Familienname verwechselt werden. In der dortigen Namensordnung steht, ähnlich wie in manchen Gegenden Bayerns, der Familienname an erster und der Vorname an zweiter Stelle: Ono Yoko. Als die Japanerin im Okzident reüssierte, passte sie ihren Namen an und nannte sich hinfort Yoko Ono. Vorsichtshalber sollte man bei Japanern, Chinesen, Koreanern oder Vietnamesen immer prüfen, ob der Titel die konventionelle oder die westlich angepasste Reihenfolge wiedergibt, bevor man sich zum Beispiel für die Sortierung und Ablage unter „Ono, Yoko“ entscheidet.

Dass ein Autoren- oder Herausgeber-Name als entscheidendes Ordnungswort korrekt wiedergegeben werden muss, ist unmittelbar einleuchtend, denn als Lemma erfüllt er nur dann seine Funktion, wenn er das Objekt, das ihm zugeordnet ist, in jeder noch so langen Auflistung gleichartiger Objekte bequem auffindbar macht. Aber natürlich birgt der Name darüber hinaus noch weit mehr Erkenntnismöglichkeiten über das mit ihm verbundene Objekt. Was ist zur Biographie der Person zu ermitteln, die sich hinter diesem Namen verbirgt? Welche Werke hat sie gegebenenfalls noch verfasst oder herausgegeben? Und welche Rückschlüsse erlauben diese biographischen und bibliographischen Hintergründe auf das vorliegende Werk? – Mir wird bei dieser Gelegenheit bewusst, dass ich als Büchermensch vermutlich wesentlich mehr Namen von Autoren kenne, deren Bücher ich gelesen habe oder doch vom Hörensagen kenne, als Namen von Mitmenschen meiner realen Lebenswelt. Ist das befremdlich; oder gar erschreckend? Lebe ich, Schatten meiner selbst, auf weite Strecken aus zweiter Hand in einer irrealen Parallelwelt, auf Kosten der authentischen Realitätserfahrung?

Antiquariat (III)

02. August 2010

dieersten270buecherzumverkauf

Dreieinhalb Monate nach dem letzten Artikel dieser Serie bin ich etwas schlauer, was meine neue Profession betrifft und das Schicksal, als Versandantiquar im Jahr 2010 ein paar Euro zum Familieneinkommen hinzuverdienen zu müssen. Der Trennungsschmerz von den liebgewonnenen Büchern aus eigenem Bestand ist dabei noch am leichtesten zu betäuben, sehe ich doch, dass nahezu jedes meiner ,Schätzchen‘ dank des unglaublich reichhaltigen Angebots der Online-Antiquariate blitzschnell und zum gleichen Preis ersetzbar ist. Die Frage bleibt allerdings unbeantwortet, ob ich in Zukunft jemals noch über die Mittel verfügen werde, solche Rückkäufe nötigenfalls bestreiten zu können. Und so schlage ich gelegentlich auf den im Vergleich mit der Konkurrenz taxierten Schätzpreis einiges drauf, in der Hoffnung, dass mir wenigstens vorläufig der Zugriff auf die bedeutendsten Preziosen in meinem literarischen Fundus aus allen mir relevant erscheinenden Bereichen der menschlichen Geistesgeschichte erhalten bleibt.

Fast tausend, genau 950 Bücher habe ich bis heute in meine digitalen Verkaufsregale bei ZVAB eingeräumt. Jedes einzelne von ihnen habe ich gesäubert, gewogen, nummeriert, beschrieben, bibliographiert, taxiert und eingelagert – ein Arbeitsvorgang, der sich bei allem guten Willen zur Rationalisierung doch als wesentlich zeitaufwendiger erwies als vorher angenommen. Über die Anwandlung von Überdruss, die mich bei der monotonen Tätigkeit gelegentlich beschleicht, half mir jedesmal zweierlei hinweg.

Erstens habe ich in den vier Jahrzehnten meiner Büchersammelei immer davon geträumt, irgendwann einmal die Zeit und Kraft zu finden, ein Gesamtverzeichnis meiner Bibliothek zu erstellen. Mehrmals habe ich dazu zaghafte Anläufe unternommen. So gibt es noch einen verstaubten Zettelkasten aus den 1980er- und eine rudimentäre Word-Tabelle aus den 1990er-Jahren. Vermutlich war es stets die frustrierende Erfahrung, dass meine Bibliothek schneller wuchs als meine Verzeichnisse, dass ich mit der Aufnahme der Neuzugänge nicht nachkam, von der Erfassung der Altbestände ganz zu schweigen. Verglichen mit mir dürfte Sisyphos tatsächlich ein vergleichsweise glücklicher Mensch gewesen sein, denn der Berg, auf den er seinen Stein hinaufrollen musste, wuchs doch immerhin nicht von Tag zu Tag. Nun also ist das Wachstum meines Bücherberges endlich zum Stillstand gekommen! Mit den ersten Abverkäufen beginnt sogar ein noch zaghafter Schrumpfungsprozess. Doch die Bücher, von denen ich mich auf Nimmerwiedersehen trenne, hinterlassen immerhin eine Spur in meiner Liste, denn bevor ich sie dort nicht dokumentiert habe, gelangen sie ja gar nicht in mein Angebot.

Zweitens setzt mich die Erfassung der Druckwerke durch persönliche Inaugenscheinnahme – man spricht im Antiquariats- und Bibliothekswesen auch von ,autoptischer Bibliographierung‘ oder kurz: ,Autopsie‘ – in ihrer Sinnlichkeit und Konkretion in überaus reizvollen Gegensatz zu der gleichzeitigen Würdigung ihres geistigen Inhalts. Der Erkenntniseffekt dieser spannungsreichen Begegnung mit einem zugleich materielle und ideelle Werte verkörpenden Objekt ist groß und im Einzelfall berichtenswert. Angesichts der Fülle des Materials und der Ideen gedenke ich, unter dieser Rubrik (Bibliotheca Curiosa) in den nächsten Monaten solchen Berichten einen angemessenen Platz in meinem Blog einzuräumen.

Bevor ich jedoch beginne, anhand einzelner Objekte aus meinem Bestand zu verdeutlichen, was ich künftig im Schilde führe, will ich zunächst zum besseren Verständnis des buchkundlich weniger erfahrenen Lesers einige grundsätzliche Erläuterungen wichtiger Begriffe der Bibliographie und antiquarischen Autopsie in einem Kleinen 1×1 der Buchbeschreibung vorausschicken.

AtM XI.21-25 (Schluss)

31. Juli 2010

parkfriedhof

XI.21: „Welche Qualen ziehen Sie dem Tod vor?“ – Ich erinnere mich an genau drei Gelegenheiten, bei denen körperliche Schmerzen so unerträglich waren, dass ich mir wünschte, zu sterben: irgendwann in der Kindheit, als ein Ohrenschmerz unbekannter Ursache mich überwältigte; an den Wundschmerz nach der Operation an meinem rechten Fuß am 20. Juli 1972; und an eine außergewöhnliche Migräneattacke wohl im Jahr 1989, aus der mich ein Notarzt mit einer Spritze befreien musste, nachdem ich begonnen hatte, mit dem Kopf gegen die Wand zu hämmern. Alle körperlichen Qualen unterhalb dieser Toleranzschwelle ziehe ich somit dem Tod vor, wobei ich mir vorstellen kann, dass mich auch schwächere Schmerzen in einen Lebensüberdruss treiben könnten, wenn sie dauerhaft sind und unbehebbar scheinen, sodass sie mich an allem hindern, was mir das Leben lebenswert macht. Wenn auch seelische Qualen gemeint sind, dann erinnere ich mich an den höllischen Zeitabschnitt zwischen August 1969, als mein Vater starb, und November 1975, als ich mich glücklich verliebte, in der mir das erhoffte Nichts nach dem Tod meist angenehmer erschien als das Dasein zwischen Aufwachen und Einschlafen.

XI.22: „Wenn Sie an ein Reich der Toten (Hades) glauben: beruhigt Sie die Vorstellung, daß wir uns alle wiedersehen auf Ewigkeit, oder haben Sie deshalb Angst vor dem Tod?“ – Erstens glaube ich nicht nur nicht an einen Hades, sondern weiß, dass dieses Totenreich nur in der Einbildung unverschuldet unaufgeklärter Vorfahren existierte (und schuldhaft unaufgeklärter Zeitgenossen noch immer existiert). Zweitens bedarf ich keiner Beruhigung angesichts meines persönlichen Todes, vor dem ich Angst nur habe im Hinblick auf meine diesseitigen Pflichten, nicht wegen einer wie auch immer ausgeschmückten Jenseitigkeit, die bloßes Wunschdenken oder Wahngebilde ist.

XI.23: „Können Sie sich ein leichtes Sterben denken?“ – Ja, als ein hohes Ideal: Wenn eine vollkommene Lebenssattheit erreicht ist: alle Zweifel ausgeräumt, alle Pflichten erfüllt und alle Genüsse ausgekostet sind – und wenn ich darauf vertrauen könnte, durch meinen Tod niemandem das Gefühl einer Entbehrung zu hinterlassen.

XI.24: „Wenn Sie jemand lieben: warum möchten Sie nicht der überlebende Teil sein, sondern das Leid dem andern überlassen?“ – Tertium datur: Gleichzeitigkeit wäre das ideale Dritte. Da diese Variante so selten und damit unwahrscheinlich ist, entschuldige ich meinen Egoismus vorab mit der Hoffnung, dass sie um mich nicht so sehr trauern wird wie ich um sie.

XI.25: „Wieso weinen die Sterbenden nie?“ – Ist das so? Die Fragestellung scheint mir (wie manch andere in diesen Fragebogen) unseriös, denn sie unterstellt eine unbeweisbare Tatsache. Allenfalls könnte man die immer noch reichlich gewagte Behauptung aufstellen, dass nie ein weinender Sterbender beobachtet wurde. Aber dann dürfte die Frage ja höchstens lauten, wieso unter Beobachtung Sterbende niemals weinen. Vielleicht, weil sie sich schämen, bis zuletzt? Die allein Sterbenden weinen vielleicht sehr häufig, wer will das denn bestreiten? Und welchen Unterschied macht es für die Überlebenden, welche Gemütsverfassung die Sterbenden zuletzt an den Tag legen? Ist es von Belang? Der Moment dieses Übergangs erfährt seine Bedeutung doch allein daraus, dass wir den Betroffenen über seine Erfahrung hiervon anschließend nicht mehr befragen können. Drei Anthologien letzter Worte auf dem Totenbett habe ich studiert und erinnere mich nicht, dass dort von Tränen der Sterbenden je die Rede war. Aber das hat nichts zu bedeuten, denn in diesen Büchern kommen ja nur die redseligen Sterbenden vor, die vielleicht nur deshalb nicht weinen, weil sie das Reden für ein vornehmeres Tun halten als das Weinen. Mit welchem Recht? Die ,Heulsusen‘ finden eben nicht so leicht Dokumentare in der Bücherwelt. Das allerletzte Wort auf diese letzte Frage überlasse ich Egon Friedell: ,Vorsicht, bitte!‘ (Zit. nach Hans Halter: Ich habe meine Sache hier getan. Berlin: Bloomsbury Berlin, 2007, S. 86.)

AtM XI.16-20

30. Juli 2010

derhimmelwarblaununherrschtdienacht

XI.16: „Haben Sie schon Tote geküßt?“ – Nein. Als ich die Frage zum ersten Mal las, dachte ich: Wie kann man nur! Als ich darüber nachdachte, wer dafür in meinem Fall in Frage käme, erschien es mir doch nicht mehr so abwegig. Ich hoffe aber, dass mir erspart bleibt, einen solchen jedenfalls doch zu späten Liebesbeweis in Erwägung zu ziehen.

XI.17: „Wenn Sie nicht allgemein an Tod denken, sondern an ihren persönlichen Tod: sind Sie jeweils erschüttert, d. h. tun Sie sich selbst leid oder denken Sie an Personen, die Ihnen nach Ihrem Hinschied leidtun?“ – Weder dies noch jenes. Wenn ich nach meinem Tod ,Mäuschen spielen‘ könnte, würde mich allenfalls schockieren, wie schnell auch meine allernächsten Angehörigen zur Tagesordnung übergehen, sich über Trivialitäten austauschen, gar lachen usw. Aber da ich dies ja jetzt vorab ganz nüchtern erwäge, könnte mich das dann doch wieder nicht aus der Fassung bringen. Und dass es Menschen gibt, denen es ohne mich wirklich langfristig schlechter geht als in der Zeit meines Daseins, das glaube ich ebenfalls nicht. So wichtig nehme ich mich nicht, gerade im privaten Rahmen bin ich vermutlich eher entbehrlich bzw. leicht zu ersetzen.

XI.18: „Möchten Sie lieber mit Bewußtsein sterben oder überrascht werden von einem fallenden Ziegel, von einem Herzschlag, von einer Explosion usw.?“ – Mal so, mal so. Ich halte mich für alle Varianten offen und warte ab, was das Schicksal für mich in petto hat. Vielleicht entgeht mir mein Sterben ja auch ganz, indem ich meine Lebensgeister in völliger Umnachtung aufgebe. Warten wir’s ab!

XI.19: „Wissen Sie, wo Sie begraben sein möchten?“ – Das möchte ich meinen Hinterbliebenen überlassen, denn sie sind es ja, die gegebenenfalls für die Kosten, Pacht und Pflege aufkommen müssen. Auch weiß ich nicht, ob sie eines konkreten Ortes bedürfen, um meiner zu gedenken, noch ob sie überhaupt ein Bedürfnis verspüren, an mich erinnert zu werden.

XI.20: „Wenn der Atem aussetzt und der Arzt es bestätigt: sind Sie sicher, daß man in diesem Augenblick keine Träume mehr hat?“ – Nein. Ich halte es aber auch für irrelevant, denn es gibt ja kurz drauf keine Instanz mehr, die sich dieser Träume erinnern könnte.