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	<title>Revierflaneur &#187; Zentrifuge</title>
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	<description>Kleine Schritte weg von der Mitte</description>
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		<title>Gemeinheit schlechthin</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Jan 2012 18:00:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
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Noch einmal aus meiner Kraft-Lektüre. In einer Kurzbiographie hatte ich gelesen, dass er als Soldat in jenem Weltkrieg, der noch keine Nummer trug, zu schwach für den Fronteinsatz war und darum in der Nähe seiner Heimatstadt Hannover in den Wahrendorffschen Anstalten als Sanitäter diente. Das war ein „Lazarett für Kriegshysteriker und Kriegsneurotiker“, wobei die staatstragenden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2012/02/kraftimernst120131.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-9191" title="kraftimernst120131" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2012/02/kraftimernst120131.jpg" alt="" width="400" height="141" /></a></p>
<p>Noch einmal aus meiner Kraft-Lektüre. In einer Kurzbiographie hatte ich gelesen, dass er als Soldat in jenem Weltkrieg, der noch keine Nummer trug, zu schwach für den Fronteinsatz war und darum in der Nähe seiner Heimatstadt Hannover in den Wahrendorffschen Anstalten als Sanitäter diente. Das war ein „Lazarett für Kriegshysteriker und Kriegsneurotiker“, wobei die staatstragenden Psychiater sich nach Kräften bemühten, erstere von letzteren diagnostisch zu unterscheiden, um die Hysteriker zurück an die Front schicken zu können. In diesem Zusammenhang stolperte ich in Krafts Jugenderinnerungen über folgenden Passus, der die Atmosphäre in der Anstalt beschreiben soll: „[…] die Luft war kaum zu atmen vor Sexualität, auch Homosexualität und Gemeinheit schlechthin, übrigens nicht nur bei den Kranken, sondern auch bei den Krankenwärtern und bei den Krankenschwestern. Das Bild war das einer kranken Gesellschaft im Zustand des Lebenshungers und der moralischen Verwilderung, die als Kriegsnatur eher erwünscht als verboten war.“ (A. a. O, S. 57.) – Das steht da schlicht und schlimm, in einem Atemzug „Homosexualität und Gemeinheit“! Man meint ja, die Schicksalsgemeinschaft von Juden, Homosexuellen, Kommunisten, Zigeunern unter der Herrschaft des Faschismus, wo sie alle miteinander in den gleichen KZs und Vernichtungslagern zusammengepfercht waren, hätte wenigstens die Vorurteile untereinander endlich beseitigen müssen. Aber weit gefehlt!</p>
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		<title>Sonderbehandlung</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Jan 2012 11:00:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
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Am 8. Januar 1942 sandte der Chef der Sicherheitspolizei und des SD Reinhard Heydrich aus Prag eine Einladung an seinen Parteigenossen, den Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt Martin Luther, und dreizehn weitere Herren eine Einladung zu einem Treffen in der Reichshauptstadt. Dort solle am 20. Januar, heute vor 70 Jahren, in einer Villa am Großen Wannsee [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2012/01/ortdesschreckens120120.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-9133" title="ortdesschreckens120120" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2012/01/ortdesschreckens120120-400x170.jpg" alt="" width="400" height="170" /></a></p>
<p>Am 8. Januar 1942 sandte der Chef der Sicherheitspolizei und des SD Reinhard Heydrich aus Prag eine Einladung an seinen Parteigenossen, den Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt Martin Luther, und dreizehn weitere Herren eine Einladung zu einem Treffen in der Reichshauptstadt. Dort solle am 20. Januar, heute vor 70 Jahren, in einer Villa am Großen Wannsee eine „Besprechung mit anschließendem Frühstück“ stattfinden. Der Teilnehmer mit dem Namen des Reformators geriet später auf Abwege, als er sich an einem Putschversuch gegen seinen Vorgesetzten, den Reichsminister des Auswärtigen Joachim Rippentropp beteiligte und nach seiner Enttarnung als privilegierter Häftling im KZ Sachsenhausen landete. Nur diesem Umstand ist zu danken, dass das Besprechungsprotokoll der Wannsee-Konferenz, auf der die Ermordung aller 11.000.000 Juden in Europa beschlossen wurde, auf uns gekommen ist, da das Aktenmaterial aus Luthers Büro zur Vorbereitung des Hochverratsprozesses gegen ihn in Berlin-Lichterfelde ausgelagert worden war. Allerdings kommen selbst in diesem hochgeheimen Dokument eindeutige Begriffe wie „Tötung“, „Vernichtung“ oder „Auslöschung“ nicht vor. Die entscheidende Passage lautet so: „Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend <em>behandelt</em> werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist. (Siehe die Erfahrung der Geschichte.)“ (Besprechungsprotokoll der sog. Wannsee-Konferenz, S. 7/8; Hervorhebung von mir.) Autor dieses in seinen Folgen vielleicht schrecklichsten Textes der bisherigen Geschichte unserer Spezies war als Protokollführer übrigens der Bürokrat Adolf Eichmann. Wir kennen den Tonfall des seelenlosen Verwaltungsfachmanns und Logistikers aus seinen Verteidigungsreden, als ihm 18 Jahre später in Jerusalem der Prozess gemacht wurde. Die deutsche Sprache hat spätestens mit Sätzen wie diesen ihre Unschuld verloren. Einen weiteren muss ich noch zitieren: „Der Wunsch des Reichsmarschalls [Hermann Göring], ihm einen Entwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Belange im Hinblick auf die Endlösung der europäischen Judenfrage zu übersenden, erfordert die vorherige gemeinsame <em>Behandlung</em> aller an diesen Fragen unmittelbar beteiligten Zentralinstanzen im Hinblick auf die Parallelisierung der Linienführung.“ (Besprechungsprotokoll der sog. Wannsee-Konferenz, S. 2; Hervorhebung von mir.) Der tarnende Begriff des Behandelns bzw. der Behandlung wird also offenbar unterschiedslos auf den Todfeind und die höchsten Instanzen des Reiches angewandt, wenn es darum geht, den eigentlichen, für die Behandelten unangenehmen Charakter dieser „Behandlung“ zu verbrämen. Im ersten Falle besteht die „Behandlung“ darin, die Juden unter möglichst gefahrvollen und strapaziösen Bedingungen im Straßenbau einzusetzen, damit ein großer Teil von ihnen dabei vor Entkräftung oder durch Krankheiten stirbt, um dann die übriggebliebenen Menschen mit Vernichtungsmitteln (Zyklon B) zu ermorden; während „Behandlung“ im zweiten Fall bedeutet, die Vorgesetzten der zuständigen Parteidienststellen und Reichsbehörden und ihr Personal seelisch-moralisch auf diesen staatlich angeordneten Massenmord einzustimmen. – Was Karl Kraus schon lange zuvor in aller Schärfe erkannt hatte, wurde hier traurige Realität und droht für alle Zukunft, sich zu wiederholen: Die schrecklichsten Taten tarnen sich hinter floskelhaften Euphemismen; wenn jene erst leicht über die Lippen kommen, dann gehen diese umso leichter von der Hand.</p>
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		<title>Langeweile. Nichts …</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2011 14:00:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
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		<description><![CDATA[
Zum Abschied von diesem Jahr muss ich meine größte, wichtigste Entdeckung dieses Jahres noch einmal zum Ausdruck bringen: die immer und überall unterschätzte destruktive Macht im Menschen, die ihn entweder vernichtet oder zu schrecklichen Taten treibt, die ihn über seine Verhältnisse leben, die Natur und damit seine Lebensgrundlagen zerstören lässt und deren so harmlos, schlicht, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/12/einzelle111231.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-9016" title="einzelle111231" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/12/einzelle111231-400x104.jpg" alt="" width="400" height="104" /></a></p>
<p>Zum Abschied von diesem Jahr muss ich meine größte, wichtigste Entdeckung dieses Jahres noch einmal zum Ausdruck bringen: die immer und überall unterschätzte destruktive Macht im Menschen, die ihn entweder vernichtet oder zu schrecklichen Taten treibt, die ihn über seine Verhältnisse leben, die Natur und damit seine Lebensgrundlagen zerstören lässt und deren so harmlos, schlicht, fade klingender Name da lautet: Langeweile! Natürlich bin ich nicht der Entdecker dieser unterschätzten und noch längst nicht ans Ende, oder besser: zu allen ihren Enden hin ausgedachten Erkenntnis. Zur Feier des Tages zitiere ich hier als einen frühen Gewährsmann Pascal: „<em>Langeweile.</em> Nichts ist dem Menschen unerträglicher als völlige Untätigkeit, als ohne Leidenschaften, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuungen, ohne Aufgabe zu sein. Dann spürt er seine Nichtigkeit, seine Verlassenheit, sein Ungenügen, seine Abhängigkeit, seine Unmacht, seine Leere. Allsogleich wird dem Grunde seiner Seele die Langeweile entsteigen und die Düsternis, die Trauer, der Kummer, der Verdruß, die Verzweiflung.“ (<em>Über die Religion und über einige andere Gegenstände (Pensées).</em> A. d. Frz. v. Ewald Wasmuth. Heidelberg: Verlag Lambert Schneider, 1978, S. 75.) – Aber wer verstünde mich, wenn ich bekennen würde, dass ich das neue Jahr 2012 einer genaueren Untersuchung der Langeweile, ihrer Ursachen und Folgen widmen will?</p>
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		<title>Koinzidenz</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Aug 2011 16:34:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
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Heute auf den Tag genau vor zwanzig Jahren wurde das Netz ausgeworfen, das mittlerweile anderthalb Milliarden Menschen per Personalcomputer miteinander verbindet. Ursprünglich sollte es nicht Netz (engl. web), sondern Geflecht oder Gitter heißen (engl. mesh), doch weil dieser Name leicht mit dem Wort für Unordnung (engl. mess) verwechselt werden kann, kam man davon wieder ab. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/08/pilzundnetz110806.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-6223" title="pilzundnetz110806" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/08/pilzundnetz110806-400x151.jpg" alt="" width="400" height="151" /></a></p>
<p>Heute auf den Tag genau vor zwanzig Jahren wurde das Netz ausgeworfen, das mittlerweile anderthalb Milliarden Menschen per Personalcomputer miteinander verbindet. Ursprünglich sollte es nicht Netz (engl. <em>web</em>), sondern Geflecht oder Gitter heißen (engl. <em>mesh</em>), doch weil dieser Name leicht mit dem Wort für Unordnung (engl. <em>mess</em>) verwechselt werden kann, kam man davon wieder ab. Dabei ist es doch gar nicht so verkehrt, das World Wide Web mit Unordnung und Chaos in Verbindung zu bringen, wenn man die ungeheuren Datenvorräte als Ganzes betrachtet, die dort zur Verfügung gestellt werden.</p>
<p>Heute auf den Tag genau vor 66 Jahren ereignete sich eine menschgemachte Katastrophe, die mindestens ebenso folgenreich für unsere Zukunft war wie die Erfindung von Tim Berners-Lee, der mit seinem Hypertext-System das WWW ermöglichte. Auf die japanische Hafenstadt Hiroshima fiel die erste Atombombe. Sie tötete auf einen Schlag annähernd 80.000 Menschen; fast die gleiche Zahl starb, teils noch Jahrzehnte später, an den Folgen radioaktiver Verstrahlung. Der Einsatz von Little Boy, wie die Bombe euphemistisch genannt wurde, beendete den Zweiten Weltkrieg und eröffnete ein Jahrzehnte währendes Wettrüsten zwischen den Weltmächten USA und UdSSR.</p>
<p>Diese kalendarische Koinzidenz ist natürlich reiner Zufall. Naiv muss man jeden nennen, der daraus eine Bedeutung ableiten oder gar einen „geheimen Zusammenhang“ herstellen wollte!</p>
<p>Nun haben wir Menschen es uns seit Einführung des Kalenders zur Gewohnheit gemacht, Jahrestage zu begehen, an denen sich das Datum eines uns bedeutsam erscheinenden Ereignisses wiederholt, wie etwa unser Geburtstag oder die religiösen Festtage, der Jahreswechsel oder die Sommer- und Wintersonnenwende. Handelt es sich um ein erfreuliches Ereignis, wird ein solches Jubiläum üblicherweise mit einem Fest begangen. Haben wir hingegen einer finsteren Schandtat zu gedenken, wie an Karfreitag oder am heutigen Hiroshimatag, so scheinen uns innere Einkehr, Schweigen und der Verzicht auf Geschäftigkeit und Unterhaltung angemessene Formen der Erinnerung zu sein. An den Atombombenabwurf auf Hiroshima erinnerte die <em>Süddeutsche</em> heute nicht. Es ist ja heuer auch kein „runder“ Jahrestag zu betrauern. An die heimliche Großtat im Europäischen Forschungszentrum CERN erinnert sich <a href="http://www.sueddeutsche.de/digital/jahre-world-wide-web-wie-ein-mann-die-welt-veraenderte-und-niemand-es-bemerkte-1.1128682">dort</a> Patrick Illinger, der als einer von rund achttausend Wissenschaftlern damals hautnah dabei war – und trotzdem wie alle anderen Zeitzeugen nicht bemerkte, welch folgenreicher Durchbruch dem damals 36-jährigen Physiker und Informatiker an diesem Tag gelungen war.</p>
<p>Ich profitiere, indem ich dies schreibe, ob ich will oder nicht, von beiden Innovationen. Die elektrische Energie, die es ermöglicht, kommt zu einem guten Teil aus Kernkraftwerken, deren Entwicklung ja erst als eine Art friedlicher Ableger der Atombombe möglich wurde. Und dass ich meinen Text veröffentlichen kann, erlaubt jenes weltweite Geflecht, dessen Struktur Tim Berners-Lee vor zwanzig Jahren seinen Kollegen zur Verfügung stellte. Die erste Erfindung begann mit einem großen Knall, die zweite geräuschlos und unauffällig. Von beiden ist noch nicht erwiesen, ob sie uns mehr Schaden oder Nutzen bringen. Nur eines steht fest: Wir werden sie nicht mehr los.</p>
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		<title>Die vergebliche Flucht</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Jun 2011 20:34:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
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		<description><![CDATA[
Über Auschwitz habe ich viel gelesen; vermutlich mehr, als einem Menschen verträglich ist, wenn er sich einen unbefangenen Blick auf seine Mitmenschen erhalten will. Was in der Vergangenheit geschah, ist ja niemals vorbei. Und was Menschen einander einmal angetan haben, das kann sich jederzeit wiederholen, ganz gleich, mit welchen Nie-wieder-Mantras wir uns unterdessen in den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/06/armbindeoberkapo110610.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-6018" title="armbindeoberkapo110610" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/06/armbindeoberkapo110610-400x210.jpg" alt="" width="400" height="210" /></a></p>
<p>Über Auschwitz habe ich viel gelesen; vermutlich mehr, als einem Menschen verträglich ist, wenn er sich einen unbefangenen Blick auf seine Mitmenschen erhalten will. Was in der Vergangenheit geschah, ist ja niemals vorbei. Und was Menschen einander einmal angetan haben, das kann sich jederzeit wiederholen, ganz gleich, mit welchen Nie-wieder-Mantras wir uns unterdessen in den Schlaf wiegen mögen. Die einmal ausgemessenen Dimensionen des Schrecklichen kann keine Macht der Welt wieder zurechtstutzen auf ein erträglicheres Maß. „Bewältigen“ kann man das Geschehene nicht, ebensowenig den Tätern verzeihen; schon gar nicht, wenn man zu den Opfern gehörte wie Rudolf Vrba, dessen zuerst 1963 in englischer Sprache erschienene Erinnerungen <em>I Cannot Forgive</em> der Verlag Schöffling &amp; Co. im vorigen Jahr in einer kommentierten Neuübersetzung herausgegeben hat.</p>
<p>Dieses Buch gesellt sich zu den Berichten beredter Augenzeugen wie Imre Kertész (15 Jahre alt bei der Ankunft in Auschwitz), Primo Levi (24), Wieslaw Kielar, Tadeusz Borowski oder Shlomo Venezia (alle 20), die jeder auf eigene Weise versucht haben, das Grauen dieses Un-Ortes in veröffentlichten Erinnerungen begreifbar zu machen. Der gebürtige Slowake Rudolf Vrba (eig. Walter Rosenberg) kam als 17-Jähriger über das Vernichtungslager Maidanek nach Auschwitz und überlebte dort in verschiedenen Teilen des Lagers und in unterschiedlichen Positionen nahezu zwei Jahre, bevor ihm als einem der ganz wenigen Menschen überhaupt am 10. April 1944 mit seinem Mithäftling Alfréd Wetzler die Flucht gelang.</p>
<p>Die meisten konkreten Details seiner Erzählung waren mir aus den vielen Berichten und Beschreibungen des größten Menschenvernichtungslagers der Geschichte bekannt. Dennoch hat mich die Lektüre dieses Buches noch einmal auf eine Weise berührt und verstört, wie ich es nicht erwartet hätte und auch nicht leicht erklären kann. Gewiss trägt hierzu bei, dass Vrba seine Leidens- und Kampfgeschichte so lebendig und in allen grauenhaften Einzelheiten so nachfühlbar erzählt, dass man ihm nur atemlos folgen kann. Obwohl man weiß, dass es für ihn gut ausgehen wird, zittert man doch mit ihm bei den Vorbereitungen seines Ausbruchs und fühlt intensiv die ständige Bedrohung, der er sich damit aussetzt. Aber dies allein kann es nicht gewesen sein, was das Buch für mich von ähnlichen Zeugnissen unterscheidet. Es klingt vielleicht makaber, wenn ich es so sage, aber ich weiß keinen passenderen Ausdruck. Der <em>Liebe zum Detail</em> ist es vermutlich zu verdanken, wenn ich als Leser meine Zuflucht nicht in einem panoramatischen Blick aufs Ganze dieses Höllenschlunds nehmen konnte. Die Sinnlichkeit, mit der Vrba konkrete Dinge Gestalt annehmen lässt, macht es uns unmöglich, Distanz zu den Ereignissen zu beziehen, die sich dort zutrugen. [Das Titelbild zeigt eine Armbinde für Oberkapos in den Lagern. Auch ein solch konkreter Gegenstand vermag mich ähnlich zu berühren, wenn ich mir vorstelle, wie weibliche Häftlinge eingesetzt wurden, diese Binden in der Näherei anzufertigen. Vermutlich hing ihr Leben davon ab, dass dies mit tadelloser Sorgfalt geschah.]</p>
<p>Ein Rätsel, das das Buch aufgibt, ist das absolut außergewöhnliche, nahezu unmögliche Schicksal seines Autors. Auschwitz zu überleben war schon eine schier unlösbare Aufgabe. Eine gelungene Flucht hingegen war so selten, dass die Frage sich aufdrängt, wodurch der Glückliche, dem sie gelang, hierzu prädestiniert war. Rudolf Vrba stellt sich selbst diese Frage immer wieder – und findet darauf mehrere Antworten. Alles andere wäre vermutlich auch unseriös, denn eine einzelne Erklärung reicht nicht aus, um so viel Glück glaubhaft zu machen. Der junge Mann hatte tatsächlich unglaublich viel Dusel, indem er etwa zahllose lebensgefährliche Situationen mit knapper Not hinter sich brachte, oder indem er immer wieder zufällig an die richtigen Leute geriet, die ihm weiterhelfen konnten und wollten, statt ihn zu verraten. Zugleich hatte er aber auch einen unbeugsamen Optimismus und Überlebenswillen. Er ließ sich von Rückschlägen nicht entmutigen und verfolgte sein Ziel mit größter Beharrlichkeit. Für sein Alter war er erstaunlich besonnen, ein hervorragender Beobachter und guter Menschenkenner. Zudem sprach er mehrere Sprachen und konnte sich damit bei Mitgefangenen nützlich machen, die ihm so Dank schuldeten und ihn im Gegenzug unterstützten. Vielleicht war aber der entscheidende Kraftspender zur Verwirklichung seines Vorhabens Vrbas Motiv. Es ging ihm nämlich nicht darum, durch die Flucht sein eigenes Leben zu retten. Wenn ihm daran gelegen gewesen wäre, dann hätte er sich besser darauf verlegt, ein weiteres Jahr im Schutz der Unauffälligkeit, die er sich antrainiert hatte, im Lager zu überdauern. Die realistische Hoffnung, dass Hitler den Krieg verlieren könnte und die Konzentrationslager von seinen Gegnern irgendwann befreit würden, teilte er mit den politisch organisierten Häftlingen, die besser über das Kriegsgeschehen draußen informiert waren, als ihren allmählich nervös werdenden Bewachern recht sein konnten. Der Fluchtversuch hingegen war ein hochriskantes Vabanquespiel! Darauf ließen sich Vrba und Wetzler nur deshalb ein, weil sie die Weltöffentlichkeit über Auschwitz informieren wollten und hofften, zugleich hunderttausende ungarischer Juden, deren Vernichtung als nächstes auf Himmlers und Eichmanns Programm stand, zum Aufstand gegen ihre bevorstehende Deportation anzustacheln. Dass dies nicht gelang und insofern die Flucht der beiden gemessen an ihrer Absicht vergeblich war, ist die bittere Pointe des Buches. So wie Vrba nicht von Vergebung sprechen kann, ist es vielleicht auch nicht angebracht, es einen Trost zu nennen, dass wir seiner Flucht immerhin dieses außergewöhnliche Buch verdanken. Dankbar sein dürfen wir dem Schicksal hierfür aber immerhin.</p>
<p>Und auch dem Verlag gebührt Dank, dass er dem Buch viel editorische Sorgfalt hat angedeihen lassen. Augenzeugenberichte aus Konzentrationslagern werden ja nicht nur von Holocaust-Leugnern einer besonders kritischen Prüfung unterzogen, was ihre Faktentreue und Objektivität angeht. Auch politisch neutrale Historiker müssen Zeugenberichte von Opfern auf ihre Glaubwürdigkeit hin gründlich prüfen, denn seelische Traumatisierung kann das Gedächtnis auch ohne bewusste Absicht in die Irre führen. So korrigieren Fußnoten der Herausgeber manche Zahlenangaben oder Daten des Autors, ohne dass daraus gegen ihn der Vorwurf ableitbar wäre, er hätte bewusst übertrieben oder Ereignisse verfälscht. Auch die Abbildungen bereichern den Band. Besonders hat mich gefreut, Rudolf Vrba auf Fotos der 1960er-Jahre und danach als einen fröhlichen, selbstbewussten Ehemann und Familienvater zu sehen, dem selbst die Hölle von Auschwitz nicht den Lebensmut hat rauben können.</p>
<p>[Rudolf Vrba: <em>Ich kann nicht vergeben.</em> Meine Flucht aus Auschwitz. A. d. Engl. v. Sigrid Ruschmeier u. Brigitte Walitzek. M. e. Vorw. v. Beate Klarsfeld. Hrsg. u. m. e. Nachw. v. Dagi Knellessen u. Werner Renz. Mit zahlr. Abb. Frankfurt am Main: Schöffling &amp; Co. Verlagsbuchhandlung, 2000. – ISBN 978-3-89561-416-3 – 28,00 €.]</p>
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		<title>Alles gleich</title>
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		<pubDate>Sat, 14 May 2011 21:07:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
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		<description><![CDATA[
Neulich brachte die FAZ ein langes Gespräch, das Frank Rieger vom Chaos Computer Club mit Daniel Suarez führte, einem US-amerikanischen Thriller-Autor, dessen Romane Daemon (2006) und Darknet (2010) die ebenso bedrückende wie gut begründete Vision einer menschlichen Gesellschaft entwerfen, die ihre Freiheit endgültig an ihre eigenen Apparate verliert.
An einer Stelle sagt Suarez: „Meine Sorge ist, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/05/fruehkastanie110514.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-5879" title="fruehkastanie110514" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/05/fruehkastanie110514-400x245.jpg" alt="" width="400" height="245" /></a></p>
<p>Neulich brachte die <em>FAZ</em> ein langes Gespräch, das Frank Rieger vom <em>Chaos Computer Club</em> mit Daniel Suarez führte, einem US-amerikanischen Thriller-Autor, dessen Romane <em>Daemon</em> (2006) und <em>Darknet</em> (2010) die ebenso bedrückende wie gut begründete Vision einer menschlichen Gesellschaft entwerfen, die ihre Freiheit endgültig an ihre eigenen Apparate verliert.</p>
<p>An einer Stelle sagt Suarez: „Meine Sorge ist, dass Außenseiter am Ende möglicherweise als ,verdächtig‘ gelten, weil sie nicht ins Schema passen – statt dass es gerade umgekehrt wäre.“ (Frank Rieger: <em>Wir werden mit System erobert: Ein Gespräch mit Daniel Suarez.</em> A. d. Engl. v. Michael Bischoff; in: <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung</em> Nr. 100 v. 30. April 2011, S. 34 f.) – Der letzte Teilsatz klingt leider etwas hemdsärmelig oder schief geknöpft, was möglicherweise an einer unglücklichen Übersetzung liegt. Ich verstehe Suarez jedenfalls so, dass er eine Lanze für Außenseiter brechen will, deren Beitrag für die Entwicklung der Menschheit immer unverzichtbar war und deren Verschwinden einer Katastrophe für unser aller Zukunft bedeuten würde.</p>
<p>Zufällig las ich fast gleichzeitig anderswo folgenden Satz: „In Auschwitz, das wusste ich, starben die, die anders waren, während die Gesichtslosen, die Anonymen überlebten.“ Er stammt von Rudolf Vrba, einem der wenigen Überlebenden des Vernichtungslagers. (Rudolf Vrba: <em>Ich kann nicht vergeben.</em> Frankfurt am Main: Schöffling &amp; Co., 2010, S. 248.) Die Ausmerzung des Abweichenden und die Anpassung der Verbleibenden an eine ideale Durchschnittlichkeit könnte das Rezept sein, nach dem sich diese Spezies endgültig eliminiert, denn schließlich ist Varietät <em>das</em> vitale Moment jeder Evolution.</p>
<p>Vielleicht komme ich aber nur zu diesem Ergebnis, weil ich mich selbst immer als einen Abweichling empfunden habe, als den Ausnahmefall für alle möglichen Regelmäßigkeiten, den aus der Rolle fallenden, aus der Reihe scherenden Störer. Und nichts ließ mich mehr leiden als die Langweiligkeit des Normalen. (Gleichzeitig war ich mir immer der Gefahren bewusst, denen ich mich damit aussetzte.)</p>
<p>Darum „weg von der Mitte“. (Und darum in „kleinen Schritten“.)</p>
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		<title>Aus dem Zusammenhang gerissen (I)</title>
		<link>http://www.revierflaneur.de/2011/03/23/aus-dem-zusammenhang-gerissen-i/</link>
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		<pubDate>Wed, 23 Mar 2011 16:26:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
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		<description><![CDATA[
Ich staune immer wieder über die Reaktionen meiner Mitmenschen in kurzfristig brenzligen globalen Krisenmomenten wie dem jüngsten Doppelknall in Japan und Libyen: Ist das denn nicht seit einem guten Jahrhundert jedem wachen Geist längst deutlich geworden, dass wir auf einen Untergang zusteuern? Offenbar nicht – oder es gibt nur sehr wenige wache Geister.
Ein Blick zurück [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/03/falsa.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-5723" title="falsa" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/03/falsa-400x119.jpg" alt="" width="400" height="119" /></a></p>
<p>Ich staune immer wieder über die Reaktionen meiner Mitmenschen in kurzfristig brenzligen globalen Krisenmomenten wie dem jüngsten Doppelknall in Japan und Libyen: Ist das denn nicht seit einem guten Jahrhundert jedem wachen Geist längst deutlich geworden, dass wir auf einen Untergang zusteuern? Offenbar nicht – oder es gibt nur sehr wenige wache Geister.</p>
<p>Ein Blick zurück über ein halbes Jahrhundert. Am 25. Mai 1960 schrieb Jean Améry aus Brüssel an seinen Freund Ernst Mayer, in einem historischen Moment, als man kurz aufatmen durfte, weil der Stalinismus überwunden schien: „Nein, Krieg, den grossen ,shooting war‘, den A- und H-Bombenkrieg wird es wohl nicht geben, so lange China nicht in der Lage ist, ihn vom Zaune zu brechen. Nicht die SU [Sowjetunion] ist die Gefahr – sie war es auch 1948 auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges nicht! – sondern das östliche Riesenreich mit seinen 700 Millionen Menschen und seinem entsetzlichen weltrevolutionären und neuerdings auch industriellen Elan. In China sehe ich – ich, der ich nie an den Krieg glaubte! – eine echte Drohung.“ (Jean Améry: <em>Ausgewählte Briefe 1945-1978.</em> Stuttgart: Klett-Cotta, 2007, S. 91.)</p>
<p>Der wache Geist lässt sich eben auch von einer Tauwetter-Periode nicht einschläfern und sieht am Horizont noch ganz andere Gefahren aufdämmern. In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich die damals schon bedrohliche Zahl von 700 Millionen übrigens fast verdoppelt! Heute schicken sich 1.350 Millionen Chinesen an, die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bed%C3%BCrfnispyramide">Maslowsche Bedürfnispyramide</a> zu erklimmen, und beanspruchen ihr gleiches Recht auf Ernährung, Gesundheit, Wohlstand, Fortschritt, Wachstum, Sicherheit, Unterhaltung, Bildung und Selbstverwirklichung. (Interessant übrigens, dass Améry schon damals einen ,industriellen Elan‘ im Reich der Mitte bemerkte, wo es uns doch heute so erscheint, als habe diese Entwicklung dort erst in neuerer Zeit begonnen.)</p>
<p>Wie wäre es wohl um China und den Rest der Welt bestellt, wäre dort nicht Anfang der 1980er-Jahre die Ein-Kind-Politik eingeführt worden? Diese Frage sollte man sich aber tunlichst verkneifen, will man nicht einen beflissenen Vortrag über die katastrophalen sozialen Folgen dieser fatalen Restriktion zu hören bekommen. Überhaupt kommt das globale Wachstum der Bevölkerung im Spektrum der diversen Untergangsszenarien von ,Atomkrieg‘ über ,Globale Erwärmung‘ bis hin zu ,Wasserverknappung‘ merkwürdigerweise gar nicht mehr vor, obwohl es doch nahe liegt, hierin wenn nicht die Ursache, so doch das entscheidende Treibmittel für alle übrigen Probleme der Menschheit zu sehen. Ein Denktabu?</p>
<p>Das Wort von der ,Bevölkerungsexplosion‘ ist jedenfalls völlig aus der Mode gekommen, was aber nicht weiter schlimm ist, denn inzwischen ist es ohnehin eher angebracht, von einer ,Bevölkerungs<em>im</em>plosion‘ zu sprechen. Zur Erklärung: Bei einer Explosion verbreitet sich die Druckwelle von innen nach außen, bei der Implosion hingegen umgekehrt, von außen nach innen. Und wenn man die weltweite Bevölkerungsentwicklung im vergangenen Jahrhundert betrachtet, so wird sie ja begleitet von einer zunehmenden Urbanisierung, also einer rasanten Zunahme der Siedlungsdichte des Menschen. Wir erleben also einen gleich in zweifacher Hinsicht logarithmisch wachsenden Bevölkerungsdruck. Wie sollte das <em>nicht</em> in eine globale Katastrophe münden?</p>
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		<title>Nicht ganz dicht</title>
		<link>http://www.revierflaneur.de/2011/03/13/nicht-ganz-dicht/</link>
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		<pubDate>Sun, 13 Mar 2011 11:10:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
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Neben meinem Sonntagsfrühstücksei liegt die Süddeutsche. Mein Blick fällt auf ein großes Bild im Wirtschaftsteil. Lacht die Kanzlerin? Angesichts dieser grauenhaften Katastrophe in Japan, mit noch unabsehbaren Folgen für die ganze Erde? Was gibt es denn da zu lachen? Möglicherweise irgendwelche Vorteile, die der deutschen Wirtschaft … Ach, was! Die Zeitung ist ja von gestern, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/03/diekanzlerinlachtalleswirdgut.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-5699" title="diekanzlerinlachtalleswirdgut" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/03/diekanzlerinlachtalleswirdgut-400x123.jpg" alt="" width="400" height="123" /></a></p>
<p>Neben meinem Sonntagsfrühstücksei liegt die <em>Süddeutsche.</em> Mein Blick fällt auf ein großes Bild im Wirtschaftsteil. Lacht die Kanzlerin? Angesichts dieser grauenhaften Katastrophe in Japan, mit noch unabsehbaren Folgen für die ganze Erde? Was gibt es denn da zu lachen? Möglicherweise irgendwelche Vorteile, die der deutschen Wirtschaft … Ach, was! Die Zeitung ist ja von gestern, das Foto (© Reuters) gar von vorgestern. Es entstand auf dem Sondergipfel der 17 Euro-Länder in Brüssel, bei dem sich Angela Merkel in „Jubelpose“ zeigen durfte, so die <em>Financial Times.</em> Das war einmal. Jetzt ist wieder Betroffenheitspose angesagt. Das Mienenspiel unserer Politiker hat die Authentizität von Verkehrsampeln.</p>
<p>Neulich habe ich die Bundeskanzlerin schon einmal beim Lachen beobachten können. Da saß sie auf ihrem Stuhl im Deutschen Bundestag und hörte sich die Rede von Sigmar Gabriel an, der den noch amtierenden Verteidigungsminister zu Guttenberg unter Beschuss nahm. Dann machte Gabriel seiner Rivalin ein paar Komplimente. „Ich habe Sie als jemanden kennengelernt,“ so der Parteivorsitzende der SPD,  „der, na klar, machtbewusst ist. Das ist keine Frage. Aber ich habe Sie nie als machtvergessen und auch nie als machtversessen erlebt.“ Merkel rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, aber sie machte gute Miene zu bösem Spiel. Oder wie soll ich ihr Lachen bezeichnen? Sie lacht wie eine Debütantin auf dem Wiener Opernball, die der alte Richard „Mörtel“ Lugner mit seinem Küss-die-Hand bedrängt. Aber zugleich wird klar, dass sie Gabriel kein Wort glaubt. Dass sie nicht anders kann, als dessen Vortrag für ein machiavellistisches Schauspiel zu halten. Und noch eine Schicht tiefer unter dieser fingerdicken Camouflage gibt es vielleicht einen kleinen Zweifel, ob Gabriel es nicht etwa doch ausnahmsweise einmal ernst meinen könnte. Aber die Maske hält dicht.</p>
<p>Gestern sind Merkel und Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) vor die Presse getreten und haben <a href="http://www.bundesregierung.de/nn_1272/Content/DE/Mitschrift/Pressekonferenzen/2011/03/2011-03-12-pk-kanzerlamt-japan.html">Statements</a> zum Erdbeben in Japan abgegeben. Je fürchterlicher die Ereignisse sind, die es in solchen Statements zu kommentieren gilt, desto unglaubwürdiger werden die Betroffenheitsbezeugungen, die vom Stapel gelassen werden. Welcher fleißige Sprachkritiker untersucht einmal Katastrophen-Statements von Politikern speziell im Hinblick auf die Frage, mit welchen Mitteln darin Betroffenheit geheuchelt wird? Ich wage die Behauptung, dass das Repertoire, auch im internationalen Vergleich, beschränkt ist auf ein knappes Dutzend der immer wieder gleichen Versatzstücke.</p>
<p>Ein wesentliches Element des Betroffenheits-Baukastens betrifft den Punkt, ob auch Landsleute unter den Opfern sind. Dieses Bauklötzchen stellte gestern Westerwelle auf den Konferenztisch: „Ich kann Ihnen sagen, dass wir bisher glücklicherweise keine Hinweise darauf haben, dass sich auch deutsche Staatsangehörige unter den Opfern befinden. Ausschließen kann ich das aber nicht, denn wir konnten noch nicht mit allen den Kontakt aufnehmen. Wir hoffen natürlich das Beste, aber wir können leider auch das nicht ausschließen.“ Wenn das eine Nachricht an die Adresse deutscher Angehöriger sein soll, die noch kein Lebenszeichen von ihren Verwandten in Japan erhalten haben, dann wäre sie besser unterblieben. Und wenn man mir unterstellt, dass mir ein deutsches Opfer in Japan mehr zu Herzen geht als ein japanisches, dann frage ich mich, was für ein bornierter, überlebter Nationalismus sich da kundtut. Ich dachte, wir leben in einer globalisierten Welt?</p>
<p>Zudem sind es natürlich zwei ganz andere Sorgen, die die deutsche Bevölkerung beunruhigen. Erstens: Kann die radioaktive Strahlung aus den undichten Kernreaktoren bis nach Deutschland gelangen, über eine Distanz von 9.300 Kilometern Luftlinie? (Zum Vergleich: Tschernobyl war „bloß“ 1.600 Kilometer weit weg.) Dazu die studierte Physikerin Merkel: „Ich habe mich darüber mit den Experten des Bundesumweltministeriums natürlich genau unterhalten und mich informieren lassen. Ich darf Ihnen sagen: Es ist nach menschlichem Ermessen nicht vorstellbar, dass Deutschland von den Auswirkungen des Unglücks in Japan betroffen sein könnte. Wir sind zu weit davon entfernt. Aber ich will dennoch sagen: Natürlich ist Japan uns nahe.“ Welch feinsinniges Wortspiel! – Zweitens: Kann deutschen Kernkraftwerken ein ähnlich folgenreiches Unglück zustoßen? Dazu Merkel: „Wir wissen, wie sicher unsere Kraftwerke sind. Wir wissen, dass wir weder von derart schweren Erdbeben noch von derart gewaltigen Flutwellen bedroht sind. […] Ich finde, an einem solchen Tag darf man nicht einfach sagen: Unsere Kraftwerke sind sicher. Sie sind sicher, aber trotzdem muss man nachfragen: Was ist aus einem solchen Ereignis zu lernen? Auch wenn wir keine Anhaltspunkte dafür haben, dass unsere Kraftwerke nicht sicher wären, können wir trotzdem immer noch dazulernen.“ Man könnte zum Beispiel aus den aktuellen Ereignissen in Japan lernen, dass man immer vom Schlimmsten möglichen Ereignis ausgehen sollte, wenn man sich domestizierte Atombomben in die Landschaft stellt. Beispielsweise von der Möglichkeit, dass morgen ein paar islamistische Fanatiker in ganz Europa mehrere Passagierflugzeuge entführen und jene AKWs ansteuern, von denen bekannt ist, dass ihre Hülle dem Aufprall eines Jumbojets nicht standhält. Auf dieses konkrete Risiko-Szenario sind nämlich die Verantwortlichen in Politik und Energiewirtschaft bis heute jede Antwort schuldig geblieben. Aber Guido Westerwelle drischt jetzt Aktivismus-Phrasen und hat vor allem eine Sorge: „Jetzt muss gehandelt werden, jetzt muss geholfen werden, und jetzt sollten keine parteipolitischen Debatten im Vordergrund stehen.“ Man müsste lachen, wenn es nicht so tragisch wäre, diesen deutschen Außenminister an seinen Herausforderungen nicht wachsen, sondern vielmehr immer noch kümmerlicher werden zu sehen. Immerhin rutscht der Kanzlerin unter all den Betroffenheitsbekundungen und Handlungsbeteuerungen ein wahrer Nebensatz raus, aber der ist hier natürlich aus dem Zusammenhang gerissen und war ganz anders gemeint: „[…] wir sind auch nicht ganz dicht dabei, […].“</p>
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		<title>Schamloses Geballere</title>
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		<pubDate>Sat, 19 Feb 2011 13:25:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
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		<description><![CDATA[
Der Künstler Isao Hashimoto aus Japan hat vor acht Jahren einen überaus eindrucksvollen Animationsfilm angefertigt. Er veranschaulicht alle zwischen 1945 und 1998 auf unserer Erde durch Nuklearsprengkörper hervorgerufenen Explosionen.
Der Film zeigt jeden einzelnen der insgesamt 2051 Kernwaffentests als kurzes Aufleuchten an seinem genauen geographischen Ort auf der Weltkarte – und natürlich auch die beiden frühen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/02/hasimotoanimation.jpg"><br /><img src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2011/02/hasimotoanimation-390x300.jpg" alt="media" /><br />
</a></p>
<p>Der Künstler Isao Hashimoto aus Japan hat vor acht Jahren einen überaus eindrucksvollen Animationsfilm angefertigt. Er veranschaulicht alle zwischen 1945 und 1998 auf unserer Erde durch Nuklearsprengkörper hervorgerufenen Explosionen.</p>
<p>Der Film zeigt jeden einzelnen der insgesamt 2051 Kernwaffentests als kurzes Aufleuchten an seinem genauen geographischen Ort auf der Weltkarte – und natürlich auch die beiden frühen „Anwendungen“ über Hiroshima und Nagasaki. Die Detonationen werden akustisch durch kurze <a href="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/9/91/Sin440HZ.ogg">Sinustöne</a> angezeigt. Eine Sekunde entspricht einem Monat. Die Größe der aufleuchtenden Kreisflächen entspricht der Stärke der jeweiligen Explosion. Nationalfahnen am Kartenrand bezeichnen die Atommächte USA, UdSSR, Großbritannien, Frankreich, VR China, Indien und Pakistan. (Israel hat noch nicht getestet, Nordkorea begann damit erst 2006.) Neben jedem Fähnchen läuft ein Zählwerk, das die Tests für jedes Land aufaddiert.</p>
<p>Der Film hat eine sehr zu Herzen gehende „Dramaturgie“. Anfangs empfindet man jedes einzelne Aufleuchten noch als ein besonderes Ereignis, das aus dem tiefen Schweigen heraus für einen Moment auf sich aufmerksam macht. Man hat genug Zeit, sich die ungeheuren Zerstörungskräfte, die sich hinter diesem Tönchen verbergen, ins Gedächtnis zu rufen. Wenn sich ab Mitte der 1950er-Jahre die Testfrequenz so sehr steigert, dass man fast meint, eine elektronische Orgelmelodie zu hören, dann wird einem fast schwindlig. Jedenfalls ging es mir so. Ich schlug die Hände überm Kopf zusammen und rief laut: „Seid ihr denn wahnsinnig? Hört auf!“ Und meine Gefährtin, der ich den Film anschließend vorführte, erblasste und sprach: „Dass sie sich nicht schämen.“</p>
<p>Obwohl ich mich in schonenden Abständen immer wieder einmal mit der furchteinflößenden Hypothek beschäftigt habe, die die Entwicklung der Massenvernichtungswaffen uns beschert hat, war mir Isao Hashimotos eindrucksvolle Versinnbildlichung dieser Ereignisfolge bisher entgangen. Dabei ist der Film an vielen Stellen im Internet hinterlegt. (Ich fand ihn zufällig auf der auch sonst bemerkenswerten Seite <a href="http://postapocalypse.simulationsraum.de/">postapocalypse.de</a>.)</p>
<p>Tatsächlich klingt das wahnwitzige Geballere Anfang der 1990er-Jahre ab, mit dem Ende des Kalten Krieges scheint Vernunft einzukehren. Wir sind noch einmal davongekommen. Ein Grund zur Sorglosigkeit ist das allerdings nicht. Die dritte „Anwendung“ könnte jederzeit vorgenommen werden, die Mittel dazu werden wir wohl nie wieder los.</p>
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		<title>Kalter Kaffee</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2010 16:41:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
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Als ich heute vor einem Jahr, nur halb im Scherz, diese finstere Prognose für 2010 aufstellte, konnte ich noch nicht ahnen, wie strapaziös und gefahrvoll dieses nun endlich vergehende Jahr werden würde – für mich persönlich ebenso wie für den Rest der Welt. Dabei richte ich meinen Blick ja nicht einmal ungeschützt auf die teils [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2010/12/schwarzeflammen.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-4986" title="schwarzeflammen" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2010/12/schwarzeflammen-400x157.jpg" alt="schwarzeflammen" width="400" height="157" /></a></p>
<p>Als ich heute vor einem Jahr, nur halb im Scherz, <a href="http://www.revierflaneur.de/2009/12/31/donnerstag-31-dezember-2009-kaffeesatz/">diese finstere Prognose</a> für 2010 aufstellte, konnte ich noch nicht ahnen, <em>wie</em> strapaziös und gefahrvoll dieses nun endlich vergehende Jahr werden würde – für mich persönlich ebenso wie für den Rest der Welt. Dabei richte ich meinen Blick ja nicht einmal ungeschützt auf die teils traurige, teils erschreckende, teils ekelerregende, teils todlangweilige Wirklichkeit selbst, sondern meist nur auf deren sprachliches bzw. schriftliches Abbild. Doch das reicht mir schon, aber satt!</p>
<p>Längst finde ich kein noch so schwaches Anzeichen mehr, das auf Besserung deutete. Grundsätzlich entpuppen sich alle frohen Botschaften aus der Wirtschaft als Horrormeldungen, wenn ich sie vor einem weiteren zeitlichen und räumlichen Horizont ans Licht halte. Wie kann ich mich – um nur ein Beispiel anzuführen – darüber freuen, wenn in Deutschland neuerdings Beschäftigungsrekorde gefeiert werden, da ich doch weiß, dass diese erstaunliche Trendwende insbesondere von unserem rasant boomenden Autoexportgeschäft mit China ausgelöst wurde. An dieser Entwicklung ist ja nun gar nichts erfreulich! Erstens sollte man ein Land, das Jahr für Jahr seinen eigenen Weltrekord vollstreckter Todesurteile übertrifft und einen Friedensnobelpreisträger im Gefängnis verwahrt, eher mit einem Handelsboykott belegen, als seine Führungsschicht mit Luxuskarossen zu versorgen. Zweitens ist die Beihilfe zur Privatmotorisierung in einem Schwellenland mit demnächst 1,4 Milliarden Einwohnern ökologisch betrachtet eins der schlimmsten Verbrechen, das wir dem Globus antun können. Drittens werden sich diese Chinageschäfte ohnehin bald als ein Strohfeuer erweisen, denn die Ingenieure im Reich der Mitte arbeiten seit Jahren schon mit Unterstützung versierter Hacker fieberhaft an einem west-östlichen „Know-how-Transfer zum Null-Tarif“ von nie dagewesenen Ausmaßen und noch nicht absehbaren Folgen. Viertens erweist sich die Abhängigkeit, in die wir uns mit diesen Exportgeschäften begeben haben, als fatale Falle: Wir hängen am Tropf – und dieses Bild passt noch in anderer Hinsicht, sind wir doch auch demographisch eine Gesellschaft, die zunehmend zum Pflegefall degeneriert.</p>
<p>Wenn ich noch einen Schritt weiter zurücktrete und mir eine Grundwahrheit in Erinnerung rufe, die mich in meiner Jugend Mitte der 1970er-Jahre erreichte und die bei aller Patina, die sie mittlerweile vielleicht angesetzt hat, im Kern immer noch über jeden Zweifel erhaben ist, dann erscheint mir das Tagesgeschäft, das die gewählten oder selbsternannten Politiker als Sachwalter unserer und der Interessen unserer Kinder und Kindeskinder betreiben, wie ein blindwütiges Pfuschwerk. Im Jahr 1972 veröffentlichte der Club of Rome seine Studie <em>The Limit of Growth,</em> deren Prognosen sich in manchen Details vielleicht als falsch erwiesen haben mögen. Aber die schon im Titel deutlich ausgesprochene Erkenntnis, dass die Möglichkeiten wirtschaftlichen Wachstums auf dieser Erde begrenzt sind, erweist seine Wahrheit in den alltäglichen Horrormeldungen über die schrecklichen Folgen, die wir angerichtet haben, indem wir diese Grenzen nicht respektierten und heute mehr denn je ignorieren.</p>
<p>Noch keine Neujahrsansprache keines Bundekanzlers kam ohne die Beschwörung des wirtschaftlichen Wachstums aus, das ist auch zu diesem Jahreswechsel nicht anders. Diesmal vermeiden Angela Merkels Redenschreiber zwar das mittlerweile vielleicht doch etwas suspekt gewordene Wort „Wachstum“, aber nur, um den gleichen Wahnsinn in andere Wörter zu kleiden. Nachdem die Bundeskanzlerin einige Leistungen der Bundesregierung im zurückliegenden Jahr 2010 aufgezählt hat, resümiert sie: „Das alles trägt zu Zusammenhalt und Wohlergehen bei. Denn Wohlergehen und Wohlstand – das heißt nicht nur ,mehr haben‘, sondern auch ,besser leben‘? Dafür brauchen wir Sie, die Menschen, die etwas besser machen wollen, die sagen: Geht nicht, gibt ’s nicht, die eine Idee haben und den Mut, sie auch umzusetzen.“ (<em>Angela Merkels Neujahrsansprache für 2011;</em> hier nach <a href="http://www.welt.de/politik/deutschland/article11906500/Angela-Merkels-Neujahrsansprache-fuer-2011.html"><em>Welt Online</em></a>.) – Es geht also wie gehabt um ein Mehr, um quantitatives Wachstum; und die Spitzfindigkeit, dass doch auch Qualität eine Rolle dabei spielen soll, indem ein Besser ins Spiel gebracht wird, ist schnell entlarvt. Schon bei den Ideen, die die Tüftler der Republik mutig verwirklichen sollen, damit die Erfindernation ihren Ruf als solche verteidigen kann, stutzt man und fragt sich, warum hier nicht von einer „guten Idee“ die Rede ist. Dass die bloße Machbarkeit noch kein hinreichendes Plazet für die geschäftstüchtigen Macher sein kann, ihre womöglich zerstörerischen Geisteskinder auf die Menschheit loszulassen, kommt dieser Kanzlerin erst gar nicht in den Sinn. Ideen sind gut, wenn sie sich rechnen und Arbeitsplätze schaffen, das ist nach wie vor das Credo dieser Politik. Eine solche Rhetorik braucht nur 17 Wörter, um den „Ausstieg aus dem Ausstieg“, die Rückkehr zur Atomkraft also, in einen ökologischen und zugleich wirtschaftlichen Geniestreich umzulügen: „Wir gehen den Weg zur modernsten Energieversorgung der Welt, die Klima und Umwelt schont und bezahlbar ist.“ (<em>Angela Merkels Neujahrsansprache für 2011,</em> a. a. O.)</p>
<p>Vorhersagen für das kommende Jahr kann ich mir sparen. Es wird schlimmer, das ist gewiss. Also gilt es der Wahrheit zuliebe, unbarmherzig Schwarzmalerei zu betreiben, Tag für Tag das Elend beim Namen zu nennen. Und wie kann man das durchhalten? Günther Anders kennt folgendes Mittel: „Denjenigen aber, die, von der düsteren Wahrscheinlichkeit der Katastrophe gelähmt, ihren Mut verlieren, denen bleibt es übrig, aus Liebe zu den Menschen die zynische Maxime zu befolgen: ,Wenn ich verzweifelt bin, was geht ’s mich an! Machen wir weiter, als wären wir es nicht!‘“ (Günther Anders: <em>Thesen zum Atomzeitalter;</em> in: <em>Die atomare Drohung.</em> München: C. H. Beck, 1983, S. 105.) – So auch ich 2011.</p>
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