Als ich noch ein unbelesener Tölpel und meine einzige Richtschnur mein beschränktes Urteilsvermögen war, weshalb ich nahezu orientierungslos im großen Reich der schönen Worte herumstolperte, da wich ich mehrmals vor diesem Hebel aus, denn zu bigott und altfränkisch mutete mich doch der Titel seines bekanntesten Buches an: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes (1811).
Ich weiß noch genau, welcher Verkettung merkwürdigster Zufälle ich schließlich zu verdanken hatte, dass mir der weite Sprung über die Hürde meines Vorurteils gelang – und ich mich jenseits in einer Erzählwelt wiederfand, die in ihrer Eigenart ganz einzig dasteht, und nicht nur in der deutschen Literatur. Wenn ich eine Handbibliothek meiner liebsten Bücher in meiner Muttersprache für einen kleinen Reisekoffer zusammenstellen müsste, dann wäre darin wohl kaum Platz für Goethe und Schiller, Heine und Lessing – wohl aber für das überschaubare Werk Johann Peter Hebels, in erlauchter Gesellschaft des Anton Reiser von Moritz, neben Bräkers Armem Mann im Tockenburg, Büchners Lenz und den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.
Es war in den mittleren 1990er-Jahren in einer schwülen Sommernacht und ich schlaflos Brütender hatte mich in düsterste Gedanken verstiegen, die mir fast den Atem nahmen. Tags zuvor hatte ich bei einem Flohmarktbummel wieder einmal eine Handvoll staubiger und muffiger Bücher vor dem Altpapiercontainer gerettet. Eins davon war mir bloß wegen seiner passablen Holzschnitte erhaltenswert erschienen. Danach griff ich nun, las darin und kam bald aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was war das nur für eine schlafwandlerische Sicherheit bei der strengsten Beschränkung auf das Wesentliche, die diesem Erzähler gegeben war! Und wie zauberhaft hielt er die Balance zwischen Kunstfertigkeit und Natürlichkeit, sodass man fast glauben könnte, der Volksmund selbst spräche aus ihm. Doch das größte Wunder war zweifellos der schier unerschöpfliche Reichtum seiner Einfälle. Hebels Ideen zeugen freilich keine freischwebenden Phantastereien wie bei Hoffmann oder Jean Paul, sondern münden Geschichte für Geschichte in eine handfeste Pointe. In aller Bescheidenheit genial.
Bis zum Morgengrauen las ich so eine Kalendergeschichte nach der anderen, meine düstere Stimmung hatte sich längst zur allerfreundlichsten Heiterkeit gewandelt. Dann begab ich mich aus meiner Kellerklause hinauf in die Wohnung, kitzelte meine Kinder wach und machte die Probe aufs Exempel, ob Hebels Kunst auch bei ihnen verfinge. Aber wie!
Seither habe ich immer wieder zum Schatzkästlein gegriffen, wenn kein anderer literarischer Stimmungsaufheller mehr verfing, und darin immer Trost und Erquickung gefunden. Dies dürfte Grund genug sein, dem großen Meister der kleinen Form heute zu seinem 250sten Geburtstag zu gratulieren.
[Titelbild: Holzschnitt von Erich Schürbusch zu der Kalendergeschichte Der vorsichtige Träumer; aus Johann Peter Hebel: Alemannischer Abendschoppen. Die schönsten Geschichten des rheinischen Hausfreundes. Iserlohn: J. Holzwarth-Verlag, 1948, S. 93.]




