Archiv für die Kategorie ‘Snapshot’

Ochmööönsch (II)

Freitag, 06. Mai 2011

Beim Anblick dieses lädierten Quintapeds überwältigt mich wieder einmal mein Mitleid mit den Dingen. Was hat er denn da, an seinen beiden bandagierten Rollfüßchen? Ist er am Ende gar ausrangiert? Erwartet ihn das traurige Schicksal jedes Menschenmöbels: die Reise nach Wegdamit?

Wie alt mag das rückenfreundliche Bürostühlchen wohl sein? Es sollte mich nicht wundern, wenn es gerade mal fünf schlappe Jährchen auf der buckligen Rückenlehne hat. In dem Alter ist unsereins ja nicht mal eingeschult. Und nun schon auf den Friedhof für Sachen?

Dann scheint ein böser Zufall den Stuhl dazu verurteilt zu haben, ausgerechnet vor einer Kulisse seiner Entsorgung harren müssen, die gerade in ihrer porösen Abgenutztheit die Dauerhaftigkeit menschgemachter Gegenstände demonstriert: Das Fachwerk-Gemäuer im Hintergrund bringt es gut und gern auf 187 Jahre!

Der mittig gescheitelte Herr Stencil blickt jedenfalls mit indignierter Herablassung vom Putz herab auf die Szenerie, wenngleich er vermutlich noch jünger ist als die fußkranke Sitzgelegenheit.

Aber vielleicht interpretiere ich das Ensemble am Straßenrand auch völlig falsch! Vielleicht wurden die beiden Rollen nur deshalb mit Schaumgummituch bandagiert, damit der Stuhl sich nicht selbstständig machen und davonrollen … resp. davongerollt werden kann? Schade. Ich war in Gedanke schon damit beschäftigt, das gute Stück zu retten. Es sieht doch wirklich noch ganz passabel aus. – Ochmööönsch!

Ochmööönsch! (I)

Donnerstag, 05. Mai 2011

Neulich sagte eine meinem Blog gewogene Freundin: „Da hast Du ja wieder gegeifert! Ätzend.“ Das saß, weil es stimmte; auch das ,wieder‘. Ich verrate jetzt nicht, welchen Beitrag sie meinte, das ist ja ganz gleich. Es gibt genug von der Sorte in meinem Blog.

Ich ging in mich. Haderte mit mir. Wozu so viel Bitterkeit? Na ja, es ist schließlich nicht viel Süßes zu vermelden aus diesen Endzeittagen, oder? Es sei denn, ich wollte Knall auf Fall blöd, blind oder falsch werden, wie ein guter Teil jener Schönwetter-Onlinetexter, die Optimismus versprühen wie ein giftiges Gas, mit Veilchenduft zur Tarnung. Gute Laune zu mimen in Zeiten größter Not, das ist doch infam, oder? Nicht mit mir.

Jetzt gerade lese ich, dass Helmut Schmidt sein neuestes Buch veröffentlicht, natürlich mit Erfolgsgarantie. Schon Titel und Thema rennen alle offenen Türen ein: Religion in der Verantwortung – Gefährdung des Friedens im Zeitalter der Globalisierung. Der Rezensent weiß, warum das weggehen wird wie geschnitten Brot: „Die globalisierte Moderne ist von ungeheuerlicher Komplexität. Da ist es gut, wenn zumindest einer die Wirren der Welt durchschaut, historisch herleitet und strukturell analysiert.“ (Johann Hinrich Claussen: Der alte König; in: SZ Nr. 103 v. 5. Mai 2011, S. 11.) – Fazit: Die Menschen wollen Trost!

Tut mir leid, da sind sie bei mir an der falschen Adresse! Ich bin ja im Gegenteil darauf spezialisiert, falsche Trostversprechen zu entlarven; Schönfärbereien so gründlich zu entmischen, dass ein tristes Grau in Grau dabei rauskommt; Spaßmacher ernst zu nehmen, bis Tränen fließen. Aber jetzt ist doch Frühling! Da verspürt selbst jemand wie ich die Neigung, nach einem Hoffnungsschimmer Ausschau zu halten.

Da fielen mir die vielen kleinen Momente ein, die ich auf meinen täglichen Flanerien durch die Straßen meiner Vaterstadt mit dem stillen Kommentar Ochmööönsch! versehe. Die will ich künftig fotografieren und hier in einer neuen Rubrik sammeln. Ganz ohne Bitterkeit.

[Photographie: Manuel Hessling.]

Ohne Worte (I)

Montag, 31. Januar 2011

gefaellterbaum

Schneeschärfe

Donnerstag, 06. Januar 2011

schneeschmutz

Zweiter schneereicher Winter in Folge. Wieder wundern sich die Automenschen, dass es noch oder wieder ein Wetter gibt. Es wird allgemein als besonders empörend empfunden, dass man sich über dieses Zuviel an Schnee nirgends beschweren kann. Heiligabend kurz vor der Bescherung hatte sich albernerweise ausgerechnet ein Schneepflug in unserer engen Straße dermaßen in einer Wehe festgefräst, dass es kein Vor und kein Zurück mehr gab. Zwei völlig überforderte junge Männer schippten und fluchten erfolglos vor sich hin. Ich erbarmte mich und brachte als stoppelbärtiges Christkind zwei Tassen mit dampfendem Kaffee vor die Tür. Die beiden Jungs waren den Tränen nahe, halb vor Zorn und halb vor Rührung.

Neue Aufgabenstellungen ergaben sich laufend. Wie versetzt man einer knapp über der Dachrinne blockierten Schneelawine, der nur noch ein Quäntchen fehlt, um mit Getöse auf den darunterliegenden Bürgersteig zu donnern, den entscheidenden Klaps, damit dieses Ereignis unter fürsorglicher Aufsicht geschieht und nicht etwa unversehens ein zufällig darunter her wackelndes Mütterchen samt Schoßhund unter sich begräbt? Ich wurde Zeuge eines vergeblichen Versuchs mit verlängertem Besenstiel, aus der Dachlucke heraus. Es fehlten etwa zwanzig Zentimeter und mir die Zeit, die Fortsetzung der Experimente bis zum Erfolg abzuwarten. Daheim fiel mir ein, dass vielleicht ein von der Straße aus hinaufgeschleuderter Gegenstand eher zum gewünschten Ergebnis geführt hätte, sicherheitshalber befestigt an einem Seil.

Der Schnee blieb ungewöhnlich lange liegen. Und er veränderte unterdessen beständig seine Eigenschaften. Anfangs ließen sich mit ihm keine Schneebälle formen, er zerfiel nach dem Zusammenpressen zwischen den Handschuhen gleich wieder. Zwei Tage später eignete er sich zur Produktion von geradezu gefährlich festen Geschossen. Nach zwei weiteren Tagen pappte er wieder nicht mehr richtig, zerfiel aber auf eine andere Weise als anfangs. Mir fehlen zur Beschreibung der verschiedenen Konsistenzen die Begriffe. Dabei denke ich wieder an jene hundert Worte für Schnee, die die Eskimos angeblich kennen, um Nuancen des Schnees zu unterscheiden, die wir schneeblinden Mitteleuropäer gar nicht wahrnehmen, was aber längst als Ammenmärchen entlarvt ist.

Wenn es so ausdauernd schneit und der Schnee ein paar Tage liegen geblieben ist, kann man jedenfalls beim besten Willen nicht mehr übersehen, wie dreckig die Straßen unserer Städte sind [siehe Titelbild].

Und noch ein Letztes zum Schnee. Unsere Hündin schnuppert in mancher Spur mit deutlich größerem Interesse als sonst, was ich mir so erkläre, dass die Schneedecke zunächst alle Gerüche hermetisch verschließt, die durch die Löcher in dieser Decke durchbrechenden Düfte aber dadurch desto intensiver auf die feine Hundenase wirken.

Rundgang (IV)

Donnerstag, 13. August 2009

Und dann der Wald! Dieser schöne Weg gehört noch nicht im engeren Sinn dazu. Keine fünf Minuten laufe ich auf meinen kranken Füßen und habe diesen Durchblick!

An Werktagen begegnet man vormittags kaum einer Menschenseele in den weitläufigen Waldstücken rings um Rellinghausen. Am Nachmittag machen dann vornehmlich die berufstätigen Hundebesitzer ihre Pflichtgänge, ein paar ältere Herrschaften staksen mit ihren Nordic-Walking-Stöcken einher. Die übrigen paarhunderttausend Bürger dieser Stadt hocken wohl vor ihren Bildfunkgeräten, shoppen in der Mall oder stehen noch im Stau. Was das kostet!

Der Wald kostet nichts. Eintritt frei. Das mag wohl einer der Hauptgründe sein, weshalb er nur von wenigen Spinnern wie mir geschätzt wird. Wofür kein Geld verlangt wird, das kann schließlich nicht viel taugen. Selbst die ständig wachsende Zahl der Arbeitslosen, die ja kaum Geld haben, treiben sich lieber in den Fußgängerzonen, an Trinkhallen oder auf Spielplätzen herum, als in der freien Natur für lau lustzuwandeln.

An den Wochenenden und besonders bei jenem Wetter, das nach landläufiger Meinung als ein schönes anzusehen ist, begegne ich häufiger Rentnerehepaaren in größeren Gruppen, angeregt plaudernd, meist nach Geschlechtern zu Kleingruppen sortiert. Leider nur sehr vereinzelt treffe ich sodann auf Eltern, die ihren Großstadtkindern wenigstens gelegentlich und nicht nur im Urlaub die Begegnung mit der freien Natur ermöglichen wollen.

Ansonsten aber bin ich herrlich allein, von der Hündin abgesehen, die sich aber im Wald noch unauffälliger gibt als auf gepflasterter Straße. Die Wonnen der Waldeinsamkeit erinnern mich dabei an das Vergnügen entlegener Lektüre. Beide Genüsse werden mir noch köstlicher, wenn ich sie ganz exklusiv für mich allein habe. Ich muss zugeben, dass man mir nach diesem Geständnis vorwerfen kann, ein elitärer Sonderling zu sein. Aber es gibt doch schließlich schlimmere Verirrungen, oder?

Rundgang (III)

Mittwoch, 12. August 2009

Kaum 200 Meter südwestlich von unserer neuen Wohnung und in der gleichen Straße befindet sich die Kirche der evangelischen Gemeinde Rellinghausen mit angegliedertem Kindergarten, Jugendräumen und Gemeindeamt. Auch eine Gemeinschaftsgrundschule, die Ardeyschule, befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche.

Die moderne Kirche ist bekannt für ihre Orgel, auf der der bekannte Organist und Komponist Gerd Zacher gern und häufig gespielt hat.

Bei offenem Fenster hören wir den Stundenschlag der Kirche, auch die Viertelstunden werden geschlagen und jetzt gerade, um sieben Uhr abends, ruft ein drei Minuten langes Geläut offenbar die Gläubigen zu einem Gottesdienst. Erstaunlicherweise ist mir dies bisher nicht als störend erschienen. Dies mag einerseits daran liegen, dass unsere Fenster in geschlossenem Zustand gut isolieren. Aber vielleicht bin ich auch in den letzten Jahren gegenüber solchen ungefragten Kundgebungen mir fremder Überzeugungen toleranter geworden.

Den Turm der Kirche sehe ich von Weitem, wenn ich mit der Straßenbahnlinie 105, aus der Innenstadt kommend, über die Rellinghauser Straße heimwärts fahre.

Betreten habe ich die namenlose Kirche bisher noch nicht.

Rundgang (II)

Mittwoch, 12. August 2009

Etliche meiner Rundgänge mit kleinerem oder größerem Radius unternehme ich an der Seite unserer Mischlingshündin Lola, die in wenigen Tagen zehn Jahre alt wird.

Ein Motiv für unseren Umzug aus dem Moltkeviertel nach Rellinghausen war, dass wir dem Tier auf seine alten Tage gönnen wollten, regelmäßiger als in den letzten Jahren Waldluft zu schnuppern. Von der letzten Wohnung aus war bequem nur ein kleiner Park erreichbar. Wollten wir autolosen Hundehalter Lola mehr bieten, mussten wir mit der S-Bahn in den Stadtwald fahren. Diesen Aufwand regelmäßig auf uns zu nehmen hatten wir uns fest vorgenommen, als wir Anfang 2005 in die Messelstraße zogen. Bald blieben aber unsere Vorsätze auf der Strecke. Verspätete Bahnen, der Zwang zu perfektem Timing, wollte man bei der Rückfahrt keine langen Wartezeiten auf verdrecktem Bahnsteig in Kauf nehmen und manch andere Hemmnisse führten dazu, dass wir die Tour mit Lola in den Stadtwald wenn überhaupt nur an den Wochenenden unternahmen.

Nun also liegt der Schellenberger Wald nahezu direkt vor unserer Haustür. Dieser ausgedehnte Forst war übrigens einer der Gründe, warum die Bürgermeisterei Rellinghausen im Jahr 1910 zur Stadt Essen eingemeindet wurde: „Für Rellinghausen bringt dies einige Vorteile, da die Gemeinde nicht in der Lage gewesen war, die dringend notwendige Kanalisation anzulegen und die Verkehrsprobleme zu lösen. Auch Essen hatte ein großes Interesse an der Vereinigung, weil der größte Teil des Stadtwaldes in Rellinghausen lag.” (Klaus Wisotzky: Vom Kaiserbesuch zum Euro-Gipfel. 100 Jahre Essener Geschichte im Überblick. Essen: Klartext Verlag, 1996, S. 52.)

Der gemeinsame Ausgang von Herr und Hund hat ja aber bekanntlich nicht nur die angenehme Wirkung, dass sich beide auf ihre alten Tage Bewegung verschaffen, frische Luft atmen und den Blick weiter schweifen lassen, als dies in der engen Kammer möglich ist; für das reinliche Tier ist er vielmehr Notwendigkeit aus unabweislicher Notdurft, die es nie und nimmer im Bau seiner Halter verrichten will. Was dies betrifft ist es gar nicht hoch genug zu schätzen, wenn sich in unmittelbarster Nähe der Wohnung ein kleines Dickicht befindet, wo die Hinterlassenschaften so separat abgelegt werden können, dass sie keinen menschlichen Schuh beschmutzen und keine menschliche Nase beleidigen.

Voilà! Hinter diesen Bänken, auf denen offenbar nie ein anderer Platz nimmt als der Verfasser dieses Weblogs, hat Lola den stillen Ort gefunden, an dem sie sich ganz entspannt erleichtern kann, ohne jemals jemandem lästig zu fallen.