Archiv für die Kategorie ‘Questionnaire’

Q’s Gequatsche I

Sonntag, 21. Februar 2010

q1

Ich werde jetzt nicht bei Adam und Erika anfangen und erzählen, wo und wann und wie ich Q kennengelernt habe. Vielleicht später einmal. Auch eine umständliche Beschreibung seiner Äußer- und Innerlichkeiten erspare ich mir und der Leserin. Q spricht für sich, und da er dies ohne Unterlass tut, dürfte dies fürs Erste nicht nur reichen, sondern immer ein Schlag mehr als genug sein, um sich ein Bild von diesem Quatschkopf zu machen. Weil ich aber weiß, wie hungrig die Einbildungskraft des Lesers danach giert, sich das Erscheinungsbild des Helden mit ein paar starken Strichen wenigstens näherungsweise auszumalen, gebe ich hier einen der zahlreichen Schnappschüsse preis, die ich von Q im Laufe der Jahre ohne sein Wissen gemacht habe [Titelfoto v. Revierflaneur / Osnabrück 1998].

Anfang des Monats rief Q nach längerer Pause wieder einmal an. Er meldet sich grundsätzlich nicht mit Namen, sondern stets mit der hirnverbrannten Floskel: „Altes Haus! Schräger Sims? Ganz genau: Ich bin’s!“ Sprüche dieser sinnfreien Art hat er noch etliche auf Lager. Ich habe ihn mal gefragt, woher er die eigentlich hat. Das seien volkstümlich Redensarten, die seine Tante häufig im Munde geführt habe. Ich mag das nicht so recht glauben, denn ich habe dergleichen nie jemals anderswoher als aus Q’s Munde vernommen. Und auch gelegentliche Googelei führte zu nichts. Eher schon traue ich besagter Tante zu, dass sie sich den Nonsense aus den Rippen geschnitten und ihrem Neffen als altehrwürdige Sprichwortfolklore verkauft hat. Diese Tante muss es nämlich sehr im Unterschied zu Q fausdick nicht nur hinter den Ohren gehabt haben, nach allem, was ich mir aus Q’s Berichten über sie und über seine „irreguläre Kindheit“ (Q’s Worte) mit viel Phantasie und Spucke zusammenleimen konnte. Er habe, so Q zur Abwechslung wieder einmal, einen „mittelschweren Verdacht“.

Wenn er so anfängt, mache ich mich darauf gefasst, entweder mit einer neuen Ausgeburt seiner Paranoia oder mit dem aktuellen Auswuchs seiner Hypochondrie Bekanntschaft schließen zu müssen. Ich ließ mich also mit einem kaum unterdrückten Seufzer, die Sprechmuschel des Hörers immerhin leicht vom Munde abgewandt, auf meine preußischblaue Chaiselongue sinken und fragte zaghaft: „Und der wäre?“ – „Einiges deutet darauf hin, dass dem Eskalatismus allmählich die Puste wegbleibt.“ So Q. „Tatsächlich?“ Ich sprang wie elektrisiert von der Sitzliege. „Wäre das nicht ein Widerspruch in sich?“

Ich müsste nun, damit meine Erregung verständlich wird, weit ausholen und diese Privatideologie, die sich Q seit frühester Jugend zusammengezimmert hat, in all ihren Voraussetzungen und Schlussfolgerungen, aber auch in den methodischen Vorgehensweisen ihrer Selbstvergewisserung vorstellen. (Q spricht, was letztere betrifft – gern von „szenischen Versuchsanordungen“.) Hier muss der Hinweise genügen, dass Q allen Fortschritt in der menschlichen Geschichte als zwangsläufige exponentielle Entwicklung interpretiert, ganz gleich, ob er die Zunahme der Weltbevölkerung, die Abnahme der fossilen Brennstoffe, die Kapitalkonzentration, den Schwund der Tier- und Pflanzenarten, das Aussterben der Sprachen, das Verkümmern der kulturellen Vielfalt, die Abstumpfung der individuellen Sensibilität oder die Erosion der Kreativität durch passiven Konsumismus in den Blick nimmt. Wohlgemerkt, solche Begriffe würde Q niemals verwenden, sie sind ihm vermutlich größtenteils sogar unverständlich. Q sagt sattdessen etwa: „Guck dir doch bloß an, was an Filmen gemacht wird. Immer schärferer Sex und immer härtere Gewalt für die Männer, immer seichterer Gefühlskitsch und immer grellerer Skandalklamauk für die Frauen. Stimmt nicht total, aber zu neunzig Prozent. Der Trend wird vielleicht jetzt erst deutlich. Aber es gab sie schon immer, die alte Sehnsucht des Tieres, das vor ein paar tausend Jahren in uns eingesperrt wurde und endlich wieder freigelassen werden will. Je länger es vom Ausbruch träumt, desto gefährlicher wird es.“

Ich gebe zu, dass mich anfangs Q’s Unkereien ziemlich beunruhigt haben, so grobschlächtig sein Denken auch sein mochte. Das mag auch an dem Tonfall liegen, in dem er seine Gedankengänge mitteilt und in dem immer etwas mitklingt, das ich einmal anderswo sein „Drohvibrato“ genannt habe. (Inzwischen bin ich daran gewöhnt und bleibe selbst dann verhältnismäßig gelassen, wenn Q mir von den grenzwertigeren seiner szenischen Versuchsanordungen Bericht erstattet.) Heute aber war ich wirklich nahezu fassungslos, denn die Ankündigung eines Bruchs in dem erklärten Urprinzip ewiger Eskalation hatte es noch nie gegeben, sie schien mir zudem auch deshalb sensationell, weil Q sie in einem absolut leidenschaftslosen Tonfall vortrug. Q spürte wohl meine Irritation und wiederholte seine Vermutung noch einmal in anderen Worten: „Wenn ich nicht irre, scheint der Eskalatismus neuerdings zu schwächeln.“

[Wird fortgesetzt.]

Mittwoch, 7. Januar 2009: Seligkeiten?

Mittwoch, 07. Januar 2009

Ob jene Antworten, die Victor Auburtin auf die Frage nach seinen „acht Seligkeiten” gab, einer Aufforderung durch eine Zeitung der 1920er-Jahre folgten, oder ob er sich diese Frage selbst gestellt hatte – und warum gerade acht und nicht fünf oder zehn? Ich weiß es (noch) nicht. Meine Quellen verweigern dazu eine genaue Auskunft. (Vgl. Victor Auburtin: Schalmei. A. d. Nachlass hrsg. v. Wilmont Haacke. Hamburg: Hans von Hugo Verlag, 1948, S. 213; wieder abgedruckt in Victor Auburtin: Sündenfälle. Hrsg. u. m. e. Nachw. v. Heinz Knobloch. München · Wien: Albert Langen · Georg Müller, 1970, S. 382.)

„Was mir wohl das Liebste war in diesem Leben; meine acht Seligkeiten. Nämlich:
1. Muscheln sammeln am Meeresstrande.
2. Am Kamin sitzen, abends, und den griechischen Plato lesen, ohne im Lexikon nachschlagen zu müssen.
3. Nachts zu Schiff von der See aus die Blinkfeuer [!] einer fremden Küste sehen.
4. Ein kleines Kätzchen, das ein Rüpel in den Rhein warf, retten; und am nächsten Tage sehen, daß es bei den Gärtnersleuten gut aufgehoben ist.
5. Einen starken Sommerdurst mit einer großen Kristallschale voll Champagnerwein stillen.
6. Oktobertag in Chartres in der Landschaft Beauce, wo es die schönste Kirche und die besten Rebhuhnpasteten gibt.
7. Und dann das Höchste: . . . . . . . . . . . . . . . . .
8. Aber leider auch: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .”

Unweigerlich gerate ich beim Lesen dieser Aufzählung von Seligkeiten ins Nachdenken. Wie würde wohl meine eigene Antwort auf diese Frage ausfallen? Das eine oder andere beseligende Erlebnis fällt mir ein – aber dann zweifle ich doch, ob es für mich schon an der Zeit ist, ein solches Resümee zu ziehen. Rebhuhnpastete habe ich noch nicht gekostet, Kirchen und fremde Küsten haben mich schon immer kalt gelassen. Das Sammeln von Büchern macht mir mehr Freude als das Sammeln von Muscheln, ohne mich doch wirklich zu beseligen. Einen Kamin mit munter knisterndem offenem Feuer hätte ich wohl gern, und ebenso würde es mich vermutlich vergnügen, den Plato im Original lesen zu können. Aber Seligkeit? Das ist für mich dann doch eher etwas ganz anderes.

Ohne vorgreifen zu wollen: Die Geburt meiner fünf Kinder, wenn sie dann endlich „das Licht der Welt erblickt” hatten, „alles dran war”, die Mutter den schmerzvollen Vorgang überlebt hatte: das war tatsächlich beseligend – und besonders selig machend, als es (zweimal) nicht im Krankenhaus geschah. Katzen? Eine Katze, namens Mia, hatten wir auch mal. Sie wurde von einem eiligen Autofahrer am 1. November 1995 überrollt, unmittelbar vor der LXXIV. Literarischen Soiree. Kein Grund für seliges Angedenken. Nun lebe ich seit fast zehn Jahren mit einer Hündin unter einem Dach. Fremde Menschen bleiben vor ihr stehen und sind regelmäßig berührt von Lolas Vollkommenheit: „Du bist aber ein schönes Tier!” Das ist aber nicht mein Verdienst, wenngleich mich solche Komplimente immer wieder erfreuen.

Beseligend? Ist allenfalls die Aussicht darauf, dass ich es einst nicht nötig haben werde, zwei der acht Antworten durch Pünktchen zu ersetzen, wie es der schamvolle Auburtin tut. Aber bis dahin ist es hoffentlich noch ein weiter Weg.

Montag, 15. Dezember 2008: Gläserne Glotzer?

Montag, 15. Dezember 2008

Wenn ich die Leute frage, wie sie’s so mit dem Fernsehen halten, dann bekomme ich regelmäßig Antworten wie diese: „Ach, ich stelle die Kiste immer seltener an. Das Programm hat ja in letzter Zeit auch sehr nachgelassen. Und die viele Werbung! Die Tagesschau, das schon. Man muss ja schließlich auf dem Laufenden bleiben. Und den Tatort am Sonntag im Ersten, den lasse ich mir selten entgehen. Hin und wieder mal ein schöner alter Hollywood-Film. Aber sonst? – Na ja, manchmal bin ich nach dem Stress im Büro so geschafft, dann lasse ich mich einfach berieseln und zappe von Sender zu Sender. Muss auch mal sein. Aber im Urlaub, da kann ich problemlos drei Wochen ganz auf die Glotze verzichten.”

Offenbar kenne ich nur Leute, deren Konsumverhalten ausgesprochen untypisch für den Durchschnitt der Bevölkerung ist, denn die regelmäßig von Demoskopen ermittelten Zahlen zum Fernsehverhalten der Deutschen zeichnen ein anderes Bild: „Die durchschnittliche Fernsehdauer der Personen ab 14 Jahren ist im Zeitraum von 1988 bis 2002 um eine Stunde gestiegen. So lag sie 1988 noch bei 2,5 Stunden, bis 2002 stieg der tägliche Fernsehkonsum kontinuierlich auf durchschnittlich 3,5 Stunden. [...] Ein Drittel der Fernsehzuschauer gehört mit einer durchschnittlichen täglichen Fernsehdauer von 6,5 Stunden zu der Gruppe der Vielseher, die hauptsächlich aus Personen über 50 besteht.” (Informationsdienst Wissenschaft; zit. nach www.uniprotokolle.de v. 21. November 2005.)

Die Umfrageergebnisse legen auch nahe, dass es ein Nord-Süd- und ein Ost-West-Gefälle bei der täglichen Fernsehnutzungsdauer gibt. Je größer der Wohlstand und die Bildung der Menschen ist, desto weniger Zeit verbringen sie vor ihrem Apparat. „In Sachsen-Anhalt, wo die Arbeitslosenquote 2004 im Schnitt bei 20,3 Prozent lag, saßen die Bürger [...] 275 Minuten lang vor flimmernden Bildschirmen. 275 Minuten – das bedeutet 1673 Stunden im Jahr oder 70 Tage oder rund 2,3 Monate Fernsehen nonstop.” (Melanie Mühl: Siebzig Tage im Jahr vor dem Schirm; in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 16 v. 20. Januar 2005, S. 38.)

Und die willfährigsten Opfer dieser Zeitvernichtungsmaschine sind neben den Arbeitslosen und Alten die Kinder: In Deutschland sitzen um 22:00 Uhr noch 800.000 Kinder im Vorschulalter vor dem Fernseher, um 23:00 Uhr sind es noch immer 200.000. (Vgl. Christian Thiel: Fernsehkonsum bestimmt den späteren Bildungsgrad; in: Die Welt v. 3. November 2005; zit. nach www.geburtskanal.de.) Was will man auch anderes erwarten, wenn selbst die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt, Kinder von 0 bis 2 Jahren täglich 20 Minuten vor den Fernseher zu setzen – oder wohl richtiger: bäuchlings davorzulegen.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht, und die ist brandaktuell. Dank dem seit Jahren zunehmenden Internetkonsum „sinkt nach Jahren des Anstiegs erstmals die Zeit, die vor dem Fernseher verbracht wird. Schalteten die Deutschen im Jahr 2006 ihre TV-Geräte jeden Tag für durchschnittlich 212 Minuten an, waren es 2007 nur noch 208 Minuten.” (Presseinformation des Bundesverbandes Informationswirtschaft Telekommunikation und neue Medien v. 12. Oktober 2008.) Die Frage bleibt allerdings, was meine Landsleute mit den so gewonnenen vier Minuten anfangen. Meine Vermutung: Rechner runterfahren, Fernseher einschalten!