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	<title>Revierflaneur &#187; Provinzglossen</title>
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	<description>Kleine Schritte weg von der Mitte.</description>
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		<title>Vom Ständer geschüttelt (I): DUMMY</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Apr 2010 20:15:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
				<category><![CDATA[Provinzglossen]]></category>
		<category><![CDATA[Würfelwürfe]]></category>

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Immer schon habe ich mich für jene eher randständigen Periodika interessiert, die im Schatten der Massenpresse zwar ein karges Dasein fristen, dabei aber oft einen Wagemut und Erfindungsreichtum an den Tag legen, von dem die Großen nur träumen können. (Und wenn sie schlau sind, kupfern sie dort ab, was das Zeug hält. Bekanntestes Beispiel: Als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2010/04/dummy.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-4061" title="dummy" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2010/04/dummy-400x216.jpg" alt="dummy" width="400" height="216" /></a></p>
<p>Immer schon habe ich mich für jene eher randständigen Periodika interessiert, die im Schatten der Massenpresse zwar ein karges Dasein fristen, dabei aber oft einen Wagemut und Erfindungsreichtum an den Tag legen, von dem die Großen nur träumen können. (Und wenn sie schlau sind, kupfern sie dort ab, was das Zeug hält. Bekanntestes Beispiel: Als die <em>twen</em> 1971 einging, war der <em>Stern</em> deren beste Kopie und schrieb sich von da an konsequenterweise <em>stern.</em>) Mehr noch als das Layout und die Bebilderung interessieren mich allerdings die Texte, die bei der Illustrierten-Kritik, wie könnte es anders sein, meist nicht in den Mittelpunkt der Bewertung gestellt werden. Manch augenfreundliches Magazin erweist sich dann bei näherer, lesender Erkundung als ein karges Stoppelfeld, auf dem Stotterer herumstolpern und sich doch Autoren nennen. – Ich werde ab heute sporadisch brandneue, bereits etablierte oder vor langer Zeit eingegangene Heftserien des deutschsprachigen Pressehandels vorstellen und mit dem Fokus auf ihre sprachliche Werthaltigkeit taxieren.</p>
<p>Den Anfang mache ich heute mit <em><a href="http://www.dummy-magazin.de/">DUMMY</a>,</em> das sich im Untertitel „Unabhängiges Gesellschaftsmagazin“, manchmal auch „Das Gesellschaftsmagazin aus der Hauptstadt“ nennt und vierteljährlich jeweils zum Beginn der neuen Jahreszeit in einer Druckauflage von 45.000 Exemplaren erscheint. Das Heft hat das Format 222 x 287 mm und soll es auf einen Umfang von ca. 148 Seiten bringen. Mir liegt mit Nr. 26 das aktuelle Frühjahrsheft vor, das sich mit nur 114 Seiten bescheidet. Laut einer Umfrage vom März vorigen Jahres deckt sich die Leserschaft ziemlich genau mit den <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sinus-Milieu">Sinus-Milieus</a> der „Postmateriellen“ und „Modernen Performer“, die jeweils zehn Prozent der Bevölkerung in der BRD ausmachen. Es sind dies einerseits die aufgeklärten Nach-68er mit liberaler Grundhaltung, postmateriellen Werten und intellektuellen Interessen; andererseits die junge, unkonventionelle Leistungselite, die beruflich wie privat ein intensives Leben führt, auf Multi-Optionalität und Flexibilität Wert legt und sich für Multimedia-Technologie begeistert. Jetzt wissen wir, wer die Leute sind, die für ein solches Heft einmal im Quartal 6 Euro am Kiosk lassen (bzw. einmal jährlich 24 Euro zzgl. Porto und Versandkosten überweisen), was sie bei einem monatlichen Haushaltseinkommen von 2.500 Euro netto nicht allzu sehr schmerzen dürfte. Jedes Heft widmet sich einem auf dem Titel deklarierten gesellschaftlich relevanten Thema und wird von jeweils anderen Grafikern gestaltet. Sogar die Typographie des Titels <em>DUMMY</em> ist auf jedem Heft eine andere. Auf dem Mediadatenblatt des Magazins heißt es, <em>DUMMY</em> treffe „mit seinem publizistisch einmaligen Konzept […] punktgenau die Lebenseinstellung“ seiner Zielgruppen. Schon möglich, aber was genau an dem publizistischen Konzept nun so einmalig sein soll, wird nicht verraten. Themenheft-Magazine gibt es viele und gab es schon immer. Ich nenne nur als seit vielen Jahren erfolgreiche Beispiele zwei Hefte aus der Schweiz, das <a href="http://www.du-magazin.com/"><em>Du-Magazin</em></a> und das <a href="http://www.nzzfolio.ch"><em>Magazin Folio</em></a> der <em>Neuen Zürcher Zeitung;</em> und das legendäre, von Benneton gesponserte<em> <a href="http://www.nzzfolio.ch">Colors-Magazine</a></em> von Tibor Kalman und Oliviero Toscani. Aber vielleicht darf man solch vollmundige Selbstanpreisung nicht allzu wörtlich nehmen. (Immerhin sollte Herausgeber Oliver Gehrs gelegentlich einmal veranlassen, dass das Wort „Millieu“ auf dem <a href="http://dummy-magazin.de/download/mediadaten.pdf">Datenblatt</a> korrigiert wird.) Doch nun schauen wir uns ganz vorurteilsfrei an, was die <em>DUMMY-</em>Redaktion aus dem Thema „Provinz“ gemacht hat.</p>
<p>Noch vor dem Editorial überfällt sie uns mit einem Zitat aus dem <em>Kommunistischen Manifest</em> von Karl Marx und Friedrich Engels: „Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt und so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen.“ Soll uns hier also mit Berufung auf die sozialistischen Klassiker die Gleichung Provinz = ländliche Gebiete = idiotische Bevölkerung aufgedrängt werden? Ganz abwegig ist das ja nicht einmal, denn laut <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Provinz">Wikipedia</a> bezeichnet Provinz wenigstens in der Umgangssprache „das Gebiet außerhalb der Hauptstadt oder an der Peripherie eines Landes, manchmal mit abwertender Konnotation: Da aktuelle Moden oder Sitten oft zuerst in den Städten auftreten und diese im ländlichen Raum noch wenig bekannt sind, gilt dieser als eine rückständige, ‚provinzielle‘ Gegend.“ Der Wert eines im besten Sinn aufklärerischen Magazins über Provinz könnte also etwa darin bestehen, mit solchen oberflächlichen Verallgemeinerungen und realitätsfernen Vorurteilen zu brechen und sich in der Provinz auf die Suche nach einer neuen, posturbanen Avantgarde zu begeben. Schaut man sich aber die fünf ernst zu nehmenden Textbeiträge des Heftes an, dann behandeln vier von ihnen tatsächlich den hinterwäldlerischen Idiotismus der Provinz, nämlich im schwäbischen Donzdorf, in einem Dorf in Märkisch-Oderland nahe Strausberg, in Bielefeld und in dem Dorf Bagwa in der Ukraine. Allein der fünfte Artikel führt aus dieser bedrückenden Engherzig- und -stirnigkeit hinaus und stellt uns das Deep Springs College in der kalifornischen Wüste vor, wo Elitestudenten neben ihrer akademischen Ausbildung Kühe melken und Felder bewässern, um nicht die Bodenhaftung zu verlieren.</p>
<p>Womit aber füllt die <em>DUMMY-</em>Redaktion die übrigen zwei Drittel des Heftes? Da gibt es zur Einstimmung ein Interview mit dem Humangeografen Peter Dirksmeier, der gleich eingangs das Thema des Themenheftes abschießt, indem er die Frage verneint, ob es überhaupt noch einen Unterschied zwischen Zentrum und Peripherie, Stadt und Land, Metropole und Provinz gebe. Ein kurioser Sprachführer <em>Kolonial-Deutsch</em> aus dem Jahr 1916 wird vorgestellt, anhand von vier Seiten im Faksimile. Die zwei- und dreibuchstabigen Ortskürzel auf den Autonummernschildern der Republik haben die Redaktion zu einem despektierlichen Assoziationsspiel verleitet, mit peinlich unlustigem Ergebnis. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Charlotte_Roche">Charlotte Roches Ex Eric Pfeil</a> erinnert sich leider an die Wirkung seines provokanten Outfits als Pubertierender in Bergisch Gladbach. Eine Geschichte über das isoliert lebende Volk der Sentinelesen ist so dünn, dass sie nur noch mittels 16-Punkt-Schrift auf Artikellänge hochgefüttert werden kann. Das kommentierte Verzeichnis separatistischer Abspaltungen weltweit, von Abchasien bis Xinjiang, mutet mich ebenfalls wie ein von der Not abgepresster Lückenbüßer an. Und noch dünner wird die Luft! Streichholzschachtelgroße Bildchen und ein fußnotenartiger Textstreifen verlieren sich auf den Seiten über eine Pendlerin zwischen Berlin und Spremberg. Zum Ausklang erfahren wir auf einer Seite, was die Taliban ihren Frauen verbieten, in Gestalt einer Top-Ten-Liste, was nicht nur geschmacklos, sondern auch unsinnig ist, denn nach welchen Kriterien wurde denn die Reihenfolge von 1 bis 10 festgelegt? Den traurigen Abschluss bildet eine herablassende Kritik der Zeitschrift <a href="http://www.landlust.de/"><em>Landlust</em></a> aus der Feder von Herausgeber Oliver Gehrs. Die Landlust tritt gewiss weit weniger ambitioniert auf als das <em>DUMMY,</em> hält aber vielleicht, was sie verspricht.</p>
<p>Einen Artikel habe ich bewusst noch nicht erwähnt, weil ich ihn für den versöhnlichen Abspann aufbewahren wollte, denn er ist der einzige, den ich wirklich gelungen finde. Vielleicht liegt das auch daran, dass er von einem journalistischen Profi verfasst wurde. <a href="http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~EA87D4A82539341EB8F1AD182BADB6EAD~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Hartmut Palmer</a> ruft sich unter dem Titel <em>In einem fernen Land</em> die Bonner Kneipe „Provinz“ in Erinnerung, in der in den 1980er-Jahren Gerhard Schröder und Joschka Fischer ihr Herz füreinander entdeckten. Dazu werden zeitgenössische Fotos von Axel Greinert gezeigt, an denen ich mich gar nicht satt sehen kann. Und hier blitzt sogar mal ein Erkenntnislicht aus dem Trüben. Nie habe ich die provinzielle Verspießerung der 68er so barrierefrei studieren können wie auf diesen Bildern. – Fazit: Das Heft wirkt auf mich, als wäre ihm die Puste ausgegangen und es traue sich bloß noch nicht, sich aus dem Rennen zu nehmen.</p>
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		<title>Hungerengel</title>
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		<pubDate>Sat, 23 Jan 2010 19:42:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
				<category><![CDATA[Provinzglossen]]></category>
		<category><![CDATA[Würfelwürfe]]></category>

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Gestern Abend fand nun in der Essener Lichtburg die Buchvorstellung mit Herta Müller statt, die ursprünglich für den 13. Oktober vorigen Jahres angekündigt worden war, als noch niemand wusste, dass die deutschsprachige Schriftstellerin aus Rumänien den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekommen würde.
Große Erwartungen hatte ich nicht in diese Veranstaltung gesetzt, das gebe ich frank und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2010/01/platzwahl.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-3124" title="platzwahl" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2010/01/platzwahl-317x300.jpg" alt="platzwahl" width="317" height="300" /></a></p>
<p>Gestern Abend fand nun in der Essener <em>Lichtburg</em> die Buchvorstellung mit Herta Müller statt, die <a href="http://www.revierflaneur.de/2009/10/25/samstag-24-oktober-2009-heizkissen/">ursprünglich</a> für den 13. Oktober vorigen Jahres angekündigt worden war, als noch niemand wusste, dass die deutschsprachige Schriftstellerin aus Rumänien den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekommen würde.</p>
<p>Große Erwartungen hatte ich nicht in diese Veranstaltung gesetzt, das gebe ich frank und frei zu. Herta Müller habe ich sehr früh wahrgenommen, als nämlich ihr erstes Buch <em>Niederungen</em> im Orwell-Jahr 1984 in einer ungekürzten Ausgabe bei Rotbuch erschien, zwei Jahre nachdem der Bukarester Verlag Kriterion nur eine gekürzte Fassung hatte herausbringen dürfen oder wollen. Da begegnete mir bei einer Leseprobe in der Buchhandlung, in der ich arbeitete, eine eigenwillige Sprache, und auch das Thema hatte es zweifellos in sich, wenn man darauf vertrauen konnte, was der Klappentext versprach. Ich weiß noch, dass ich Müllers <em>Niederungen</em> in der Linken hielt, und in der Rechten ein anderes Buch aus dem Rotbuch-Verlag dagegen abwog, denn eines nur konnte oder wollte ich mir an diesem Tag leisten. Das andere erhielt den Vorzug. Es waren die gleichzeitig erschienene Erzählung von Karin Reschke, <em>Dieser Tage über Nacht.</em> Warum ich so entschied und nicht anders? Ich weiß es nicht. Der Preis kann jedenfalls nicht den Ausschlag gegeben haben, beide Bücher kosteten, eins wie das andere, dreizehn Deutsche Mark. Reschkes Buch habe ich damals nach ein paar Seiten enttäuscht aus der Hand gelegt. Und Herta Müller wurde anschließend unverdientermaßen von meinem Unterbewusstsein in Mithaftung genommen, weil ich ganz unsinnigerweise auch ihren Namen mit der Frustration verband, die mir doch allein Karin Reschke bereitet hatte. Erst als ich mich Mitte September mit der <a href="http://www.revierflaneur.de/2009/09/18/mittwoch-16-september-2009-kurzliste/">Shortlist</a> des fünften Deutschen Buchpreises beschäftigte, also genau 25 Jahre nach meiner ersten Begegnung, trat Herta Müller wieder in deutlicheren Konturen vor mich hin und weckte mein Interesse. Ich las die vier Seiten in den <em>Leseproben,</em> die ab dem 23. August in den Buchhandlungen auslagen, den Anfang von <em>Atemschaukel,</em> einem Buch, das sich Roman nannte. Diesmal prüfte ich den Text nicht, um Gewissheit zu finden, ob es sich für mich lohnen könnte, es zu kaufen und zu lesen. Diesmal beschäftigte mich allein die Frage, ob ich anhand dieser knappen Kostprobe die Chancen würde abschätzen können, die dieser Roman in der Konkurrenz um den Preis hatte. Ich kam, wie übrigens auch bei den übrigen fünf Titeln der Shortlist, zu einem negativen Befund. Vielleicht wäre ich aber für <em>Atemschaukel</em> eingesprungen, wenn ich statt der kurzen Textprobe das ganze Buch gekannt hätte.</p>
<p>Dass der Essener Auftritt von Herta Müller nun nicht vor den üblichen fünfzig bis hundert Verdächtigen, den hartnäckig an widerspenstiger bis avantgardistischer Literatur interessierten Stammgästen der <em>Heldenbar</em> im Grillo-Theater stattfand, sondern vor über tausend unbescholtenen Bildungsbürgern in Deutschlands größtem Kinosaal, das ist dem undurchschaubaren Ratschluss jenes Clübchens grauer Herren in Stockholm zu verdanken, die sich in der Vergangenheit bekanntlich weniger durch glasklare und nachvollziehbare Kriterien ihrer Entscheidungsfindung hervorgetan haben, als vielmehr durch den Wackelgang jenes blinden Huhns, das alle Jubeljahre auch mal ein Korn findet. Dass dieser Auftritt schließlich zu einem ganz außergewöhnlichen Ereignis gedieh, ist einem ähnlich orientierungslosen Glücksgriff des Schicksals geschuldet. Und nun ist der Zeitpunkt gekommen, da ich den Gesprächspartner der Nobelpreisträgerin all jenen vorstellen muss, die in diesem Augenblick den Namen Norbert Wehr zum ersten Mal lesen. Diesen meist etwas griesgrämig dreinblickenden, leicht magenkrank wirkenden Mann Mitte fünfzig kenne ich nun wohl schon seit 35 Jahren persönlich. Meine intensiveren Begegnungen mit ihm datieren aus der Zeit <em>vor</em> seiner Herausgeberschaft der Literaturzeitschrift <em>Schreibheft.</em> Also aus einer Zeit, an die er sich vermutlich weit weniger gut erinnert als ich. Seine Verdienste um die Art Literatur, die ohne Leute wie ihn nicht von verschwindend wenigen, sondern von gar keinen Lesern gelesen würde, sind unbestreitbar und allgemein anerkannt. Er ist für mich eins der treffendsten Beispiele für einen Menschenschlag, den die Enttäuschung seiner ersten großen Liebe zu einer noch größeren Liebe geläutert und befähigt hat. Wehr, der wenig schreibt und auch im mündlichen Verkehr ein bis zur Sprachlosigkeit wortkarger Mensch ist, fördert vielleicht gerade durch seine Zurückhaltung im Orchester der Plaudertaschen Stimmen zu Tage, die sonst gar kein Gehör fänden.</p>
<p>Genau dies geschah gestern auf der Bühne der <em>Lichtburg,</em> unter einer großen Leinwand, wo sich die beiden krähenhaften Helden des Abends an zwei schlichten Tischchen im rechten Winkel gegenübersaßen. Norbert Wehr fasste in einem einleitenden Vortrag, der genau in dem Moment abbrach, als meine Aufmerksamkeit zu ermüden drohte, die historischen und persönlichen Voraussetzungen des Romans <em>Atemwende</em> zusammen. Und ehe ich mich versah, war Herta Müller in ihr Element versetzt und schöpfte aus dem Vollen ihrer Erinnerungen an die Zeit, als sie Oskar Pastior über sein Leben als Zwangsarbeiter in Krivoi Rog und Gorlowka befragte, an die gemeinsame Reise in die Ukraine in Begleitung von <a href="http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2308838_0_3311_-sprachbilder-machen-die-wirklichkeit-ertraeglich.html">Ernest Wichner</a>. Herta Müller sprach über ihr Verhältnis zur Mutter, die doch auch Zeitzeugin und traumatisiertes Opfer der Zwangsarbeitslager war und doch nicht darüber sprechen konnte. Sie erzählte in diesen knapp neunzig Minuten so viel und so viel Erhellendes über die Entstehungsbedingungen ihres Romans, dass ich jenes Buch, so kraftvoll es sein mag, ohne Zögern für das Erlebnis dieser Erzählung hingegeben hätte. Und warum konnte sich dieses Naturereignis eines Werkstattberichts ohne störende Zwischenfragen so frei entfalten, dass es fast an ein Wunder grenzte? Weil der Gesprächspartner, den wir hier getrost als solchen in Anführungszeichen setzen können, durch größtmögliche Zurückhaltung glänzte.</p>
<p>Dass vermutlich kaum einer der eintausendzweihundertfünfzig Zuhörer so recht begriff, was ihm hier geschah, spricht wohl noch zusätzlich für die außergewöhnliche Seltenheit des Ereignisses. Dass die lokale Presse nicht mehr abzuliefern imstande war als eine holprige <a href="http://www.derwesten.de/kultur/literatur/Ueber-1000-Menschen-kommen-zu-Herta-Mueller-Lesung-id2415489.html">Pflichtberichterstattung</a>, war nicht anders zu erwarten. – Ob ich mich nun auf die Schaukel setzen und dieses Buch lesen werde? Vorläufig warte ich ab. Vielleicht befeuert der Nobelpreis ausnahmsweise einmal den Träger (hier: die Trägerin) dazu, sich selbst zu übertreffen, statt sich wie üblich auf diesem allerhöchsten Lorbeer zur letzten Ruhe zu betten.</p>
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		<title>Rundgang (VII)</title>
		<link>http://www.revierflaneur.de/2009/08/25/montag-24-august-2009-rundgang-vii/</link>
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		<pubDate>Tue, 25 Aug 2009 21:27:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
				<category><![CDATA[Provinzglossen]]></category>
		<category><![CDATA[Würfelwürfe]]></category>

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Da ich dies schreibe, sind&#8217;s noch 6 Tage, 05 Stunden, 02 Minuten und 32 Sekunden bis zu den Kommunalwahlen am kommenden Sonntag. Woher ich das so genau weiß? Von der Website der Freien Wähler &#8211; ESSENER BÜRGER BÜNDNIS, wo eine Digitaluhr den Countdown zu dieser Stimmabnahme runterzählt.
Das EBB steht in einer Linie mit ähnlichen Gruppierungen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2009/08/o-du-udo.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-2372" title="o-du-udo" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2009/08/o-du-udo-295x300.jpg" alt="" width="295" height="300" /></a></p>
<p>Da ich dies schreibe, sind&#8217;s noch 6 Tage, 05 Stunden, 02 Minuten und 32 Sekunden bis zu den Kommunalwahlen am kommenden Sonntag. Woher ich das so genau weiß? Von der <a href="http://buergerwaehlen.de/joomla/index.php">Website</a> der <em>Freien Wähler &#8211; ESSENER BÜRGER BÜNDNIS,</em> wo eine Digitaluhr den Countdown zu dieser Stimmabnahme runterzählt.</p>
<p>Das <em>EBB</em> steht in einer Linie mit ähnlichen Gruppierungen in anderen Revierstädten, die sich vor ein paar Jahren aus Kreisen des bürgerlichen Mittelstands gebildet haben, geeint durch tiefe Unzufriedenheit über den Klüngel der etablierten Parteien und die selbstgefällige Saturiertheit ihrer Lokalmatadore.</p>
<p>Liest man die Programme und Erklärungen solcher selbsternannten „Stachel im Fleisch der etablierten Parteien&#8221;, in diesem Falle zum Beispiel das <a href="http://buergerwaehlen.de/joomla/images/pdf/Manifest.pdf"><em>Essener Bürger-Manifest</em></a> und die <em><a href="http://buergerwaehlen.de/joomla/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=315&amp;Itemid=77">Essener Erklärung</a>,</em> dann findet man dort vieles getadelt, das man selbst auch tadeln würde, manches gewünscht, was wohl jeder wünschenswert findet &#8211; aber kaum einen Plan, wie und mit welchen Mitteln dieses zu vermeiden und jenes zu erreichen sei. Wenn das <em>EBB</em> bei der letzten Kommunalwahl dennoch einen Achtungserfolg verbuchen konnte, so erklärt sich das vermutlich aus der Ratlosigkeit jener Wähler, die von den traditionellen Parteien enttäuscht sind, aber davor zurückschrecken, den extremen Parteien am rechten oder linken Rand ihre Stimme zu geben.</p>
<p>Welches Potenzial in dieser mit Ratlosigkeit gepaarten Verdrossenheit steckt, das hat zuletzt die Begeisterung für den Politiksatiriker Horst Schlemmer alias Hape Kerkeling gezeigt. Nun will es die Ironie des Schicksals &#8211; denn an eine böse Absicht zynischer Werbefuzzis, die sich hier einen Scherz mit ihrem Auftraggeber erlaubt haben, wagt man nicht zu glauben -, dass der Oberbürgermeister-Kandidat des <em>EBB</em> auf den Wahlplakaten aussieht wie eine Satire der Satire. Heute flatterte mir auf der regennassen Rellinghauser Straße ein solches Udo-Bayer-Plakat vor die Füße (s. Titelbild).</p>
<p>Ich weiß ja, man soll als mündiger Bürger seine Wahlentscheidung nicht von Äußerlichkeiten abhängig machen. Aber wer es zulässt, dass ein solches imageschädigendes, mitleiderregendes, das Auge beleidigendes Bild tausendfach am Straßenrand plakatiert wird, dem mag man nicht so recht vertrauen, wenn er ankündigt, er wolle im Falle seiner Wahl das Image dieser Stadt aufbessern. Dies nur in aller Bescheidenheit und um das Mindeste zu sagen.</p>
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		<title>Dorfgeschichte (II)</title>
		<link>http://www.revierflaneur.de/2008/11/14/freitag-14-november-2008-dorfgeschichte-ii/</link>
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		<pubDate>Fri, 14 Nov 2008 13:21:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
				<category><![CDATA[Provinzglossen]]></category>
		<category><![CDATA[Würfelwürfe]]></category>

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		<description><![CDATA[
Sieben Wochen nach seiner fristlosen Kündigung als Intendant der Essener Philharmonie hat Michael Kaufmann vorgestern zu den gegen ihn in einem dezidierten Fragen- und Antwortkatalog der Theater und Philharmonie Essen GmbH (TuP) erhobenen Vorwürfen Stellung bezogen. Sich bei einer öffentlichen Pressekonferenz den Medienvertretern zu stellen, dazu reichte offenbar die Courage nicht. Stattdessen vermittelte der wirtschaftlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/11/kaufmann.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-976" title="kaufmann" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/11/kaufmann-300x266.jpg" alt="" width="300" height="266" /></a></p>
<p>Sieben Wochen nach seiner fristlosen Kündigung als Intendant der Essener Philharmonie hat Michael Kaufmann vorgestern zu den gegen ihn in einem dezidierten <a href="http://www.essen.de/Deutsch/Aktuell/Fragenkatalog_Endfassung_4_11.pdf">Fragen- und Antwortkatalog</a> der Theater und Philharmonie Essen GmbH (<a href="http://www.theater-essen.de/asp/gesamt.asp">TuP</a>) erhobenen Vorwürfen Stellung bezogen. Sich bei einer öffentlichen Pressekonferenz den Medienvertretern zu stellen, dazu reichte offenbar die Courage nicht. Stattdessen vermittelte der wirtschaftlich gescheiterte Konzerthaus-Chef seine Sicht der Dinge vor einem kleinen Kreis handverlesener Medienvertreter, sekundiert von seinem Anwalt, denn schließlich muss Kaufmann fürchten, dass jedes falsche Wort in dem nun bevorstehenden Arbeitsgerichtsverfahren gegen ihn verwendet wird.</p>
<p>Letzteres kann ich ihm nicht verübeln, schließlich hat auch die TuP ihren Katalog mit dem Vorbehalt versehen, „dass es sich bei diesem Papier nicht um eine juristische, sondern um eine rein informatorische Zusammenstellung handelt.&#8221; Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, und Scherben hat es in dieser unseligen Affäre ja nun wahrlich schon genug gegeben. Außerdem kennen beide Seiten wohl das alte Sprichwort: Coram iudice et in alto mare in manu dei soli sumus. Bei aller gebotenen Neutralität des vorurteilsfreien Beobachters einer solchen Posse komme ich aber auch nach Kenntnisnahme von Kaufmanns Gegendarstellung zu keinem neuen Ergebnis. Im Vergleich zu den detailliert nachgewiesenen Pflichtversäumnissen des Intendanten, mit Zahlen, Daten und Fakten, nimmt sich seine Selbstverteidigung sehr dürftig aus. Wenn ihm nicht mehr einfällt, als die Hauptschuld an seinen eklatanten Etatüberschreitungen dem vermutlich nicht mehr haftbar zu machenden TuP-Geschäftsführer Otmar Herren in die Schuhe zu schieben, der im Sommer dieses Jahres in den Ruhestand ging, dann kann Kaufmann mir fast schon wieder leidtun. Und dass er gar die ausgewiesenen und mittlerweile auch von der Düsseldorfer Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft <a href="http://www.warth-klein.de/">Warth und Klein</a> testierten Zahlen, die unterm Strich für die beiden letzten Spielzeiten eine Etatüberschreitung von 1.700.000 € ausweisen, achselzuckend hinnimmt, mit Kommentaren wie „im Wesentlichen nicht in meiner Verantwortung&#8221; und „kenne ich im Einzelnen gar nicht&#8221; &#8211; dann ist das doch mindestens für den gut dotierten <em>Kaufmann</em> Kaufmann ein Armutszeugnis.</p>
<p>Dass die Wogen nun überhaupt so hoch schlagen, hat zweifellos seinen Grund darin, dass Michael Kaufmann andererseits ein großartiger <em>Impresario</em> dieser Kulturinstitution gewesen ist. Der international renommierte Dirigent <a href="http://www.nmz.de/kiz/nachrichten/masur-will-in-essener-philharmonie-vorerst-nicht-mehr-auftreten">Kurt Masur</a> meint zum Beispiel, Kaufmann sei „der fähigste und wertvollste Intendant, den es in Deutschland gibt&#8221;. Und auch das feinnervige und hochgebildete Publikum der Essener Philharmonie steht treu zu seinem Ex-Intendanten und versammelt sich zu einer „Solidaritätsbekundung&#8221; anlässlich des besagten Pressegesprächs vorm Sheraton-Hotel neben der Philharmonie, um mit einem kleinen Ständchen dem Wunsch Ausdruck zu verleihen, dass Kaufmann seine Arbeit fortsetzen solle. Einerseits rührt diese fromme Hoffnung unser kunstsinniges Herz zu Tränen, andererseits zählt uns der Verstand in Heller und Pfennig vor, dass ein solcher Wunsch kaum realisierbar sein dürfte.</p>
<p>Halbwegs realistisch ist hingegen das Fazit, das der Essener Oberbürgermeister <a href="http://www.essen.de/Deutsch/Rathaus/Oberbuergermeister/Oberbuergermeister.asp">Dr. Wolfgang Reiniger</a> zur „Episode Kaufmann&#8221; an der Essener Philharmonie jüngst gezogen hat: „Das Problem des Michael Kaufmann besteht darin, dass dieser im persönlichen Umgang so gewinnende Mensch nicht willens und bereit war, finanzielle Vorgaben zu akzeptieren und sowohl das Programm der Philharmonie als auch sein persönliches Ausgabeverhalten hieran auszurichten. Es ist die intellektuelle Arroganz des Künstlers, der glaubt, sich über alles hinwegsetzen zu können.&#8221; (Leider nur <em>halbwegs</em> realistisch, lieber Herr Oberbürgermeister, denn statt „des Künstlers&#8221; hätte es richtiger wohl „des Kunstmanagers&#8221; heißen müssen. Ansonsten kann ich Ihrem Statement aus meiner jetzigen Sicht auf die Dinge, wie sie nun mal liegen, durchaus zustimmen.)</p>
<p>Wie weit sich aber bornierte Hochkultur-Fanatiker in ihrem Feuereifer zu geschmacklosen Vergleichen versteigen konnten, das hat mich anlässlich dieser Provinzposse dann doch überrascht &#8211; als ich nämlich lesen musste, mit welchen Worten der Verleger und Herausgeber <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Theo_Gei%C3%9Fler">Theo Geißler</a> (*1947) in seinem Hausorgan <a href="http://www.nmz.de/"><em>Neue Musikzeitung &#8211; nmz</em></a> diese Stellungnahme des Essener Oberbürgermeisters <a href="http://www.nmz.de/online/essens-ob-reininger-kaufmanns-intellektuelle-kuenstler-arroganz">kommentierte</a>: „Das Vokabular wird langsam gespenstisch, mit dem sich Essens Stadt-Obere vom gefeuerten Philharmonie-Intendanten Michael Kaufmann zu distanzieren suchen. Mit Formulierungen aus dem Repertoire der Reichs-Kulturkammer mischt sich jetzt Essens OB Wolfgang Reiniger in die Diskussion. Nach Rückkehr von einer Reise mit einer städtischen Delegation nach Tunis (zu viel Sonne?) erklärte Oberbürgermeister Wolfgang Reiniger zur Diskussion um den ehemaligen Philharmonie-Intendanten Michael Kaufmann &#8230; [es folgt das besagte Reiniger-Zitat]. Mit dem Vorwurf ,intellektueller Künstler-Arroganz‘ begründeten seinerzeit unter anderem die Nazis Bücherverbrennungen, Aufführungsverbote, Vertreibungen. Wie weit ist es in Essen gekommen, dass die Verantwortlichen für die Ausrichtung der Kulturhauptstadt 2010 vermutlich auch noch unbewusst in den Argumentations-Dreckkübel der kulturlosesten Zeit unserer jüngeren Geschichte greifen müssen? Sind in der Administration unserer ,Kulturhauptstadt 2010‘ nur noch geschichtslose Dilettanten und Erbsenzähler am Werk? Hart wie Kruppstahl[,] aber ein wenig weich in der Birne?&#8221; Um zum Reiniger-Kommentar anlässlich der Entlassung eines Philharmonie-Intendanten die Hetzreden der Goebbels-Meute bei der <a href="http://www.revierflaneur.de/2008/05/10/samstag-10-mai-2008-abbaustelle/">Bücherverbrennung</a> in der Nazi-Zeit zu assoziieren, dazu bedarf es wohl schon eines gerüttelten Maßes an historischer Verblendung. Unwillkürlich musste ich bei diesem maßlosen Vergleich an den <a href="http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/Finanzen-Finanzkrise;art130,2645880">Fauxpas</a> des Präsidenten des <em>ifo Instituts für Wirtschaftsforschung </em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Werner_Sinn#cite_note-11">Hans-Werner Sinn</a> (*1948) denken, der neulich die in die Kritik geratenenen Manager des Spätkapitalismus mit den verfolgten Juden im Dritten Reich gleichsetzte. &#8211; Gewährt die „Gnade der späten Geburt&#8221; (Helmut Kohl) eine Generalabsolution für Geschmacklosigkeit? Dann will ich sie jedenfalls nicht für mich reklamieren, obwohl noch ein paar Jahre jünger als die beiden hier erwähnten Herren.</p>
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		<title>Dorfgeschichte (I)</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Nov 2008 14:09:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
				<category><![CDATA[Provinzglossen]]></category>
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Leider viel zu spät veröffentlicht jetzt die Theater und Philharmonie Essen GmbH (TuP) einen „Fragen- und Antwortkatalog&#8221; zur fristlosen Entlassung des Intendanten der Philharmonie Essen, Michael Kaufmann, die deren 13-köpfiger Aufsichtsrat am 23. September mehrheitlich (mit fünf Stimmenthaltungen) beschlossen hat. Wer die ausführlichen Antworten auf die dort gestellten 17 Fragen vorurteilsfrei zur Kenntnis nimmt, kann [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/11/kruppreste.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-920" title="kruppreste" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/11/kruppreste-300x193.jpg" alt="" width="300" height="193" /></a></p>
<p>Leider viel zu spät veröffentlicht jetzt die Theater und Philharmonie Essen GmbH (TuP) einen „<a href="http://www.essen.de/Deutsch/Aktuell/Fragenkatalog_Endfassung_4_11.pdf">Fragen- und Antwortkatalog</a>&#8221; zur fristlosen Entlassung des Intendanten der Philharmonie Essen, Michael Kaufmann, die deren 13-köpfiger Aufsichtsrat am 23. September mehrheitlich (mit fünf Stimmenthaltungen) beschlossen hat. Wer die ausführlichen Antworten auf die dort gestellten 17 Fragen vorurteilsfrei zur Kenntnis nimmt, kann kaum zu einem anderen Ergebnis kommen: Die Kündigung von Kaufmann war nicht nur berechtigt, sondern auch hoch an der Zeit. Und selbst gegen den Vorwurf, dass sie zu spät erfolgt sei, muss man die Befürworter des Antrags, die sich mit ihrem Votum glücklicherweise durchgesetzt haben, in Schutz nehmen. Sie haben damit Courage bewiesen und einen allerdings schmerzlichen und unpopulären Schritt vollzogen, was ihnen nachträglich gar nicht hoch genug anzurechnen ist. (Und ich habe ihnen in meinem ersten <a href="http://www.revierflaneur.de/2008/09/24/541/">Beitrag </a>zu diesem Thema wohl in einigen Punkten Unrecht getan, was sie durch ihre behäbige Informationspolitik allerdings selbst verschuldet haben.)</p>
<p>Der Vorwurf des „Provinzialismus&#8221;, der sich gegen diese einzig richtige Entscheidung erhob, fällt nach Veröffentlichung dieses Katalogs auf die unsachlichen Lamentierer zurück, die in den folgenden Tagen unisono in einen empörten Krakeel verfielen, allen voran  auf unser meinungsführendes Provinzblättchen mit Millionenauflage, die <em>WAZ</em>, mit ihrem der deutschen Sprache nur für den Hausgebrauch seines Arbeitgebers mächtigen Zampano Wulf Mämpel, der mit seinen wetterwendischen Meinungsäußerungen als „Schaf im Wolfspelz&#8221; unter dem Pseudonym <em>Lupus</em> tagtäglich bei seinen treuen Lesern, den Wertschätzern unfreiwilliger Komik, für Erheiterung sorgt.</p>
<p>Den Leserbriefschreibern und Blogkommentierern, die sich zu diesem „peinlichen Eklat&#8221; äußerten, dürfen wir ihre unbedarften Stellungnahmen nicht verübeln, denn sie wissen es ja nicht besser, da sie schließlich in ihrer meinungsbildenden Grundversorgung auf besagtes Krawallblatt und seine gleich tönenden Ableger angewiesen sind.</p>
<p>Dass unser aller Boulevard-Berthold vom hohen Hügel herab über den Entscheid der „Wilden Dreizehn&#8221; die Nase rümpfte und dem verantwortungsvoll handelnden Gremium der TuP postwendend einen Tritt in den Hintern verpasste, das ist wiederum provinziell und weit eher mit der Gattungsbezeichnung „Schmierenkomödie&#8221; zu versehen als der gut begründete Kaufmann-Rausschmiss, der mehrfach so genannt wurde. Doch für Beitz gilt ja längst unumschränkte Narrenfreiheit, er schwebt als „Guter Gott von Ruhropolis&#8221; über den unruhigen Wassern der Kulturhauptstadt &#8211; und niemand außer einem <em>Enfant terrible</em> wie mir, das nichts mehr zu verlieren hat, traut sich &#8211; auch eine Art von Narrenfreiheit &#8211; ihm auf seine alten Tage dies zu sagen. „Sancta senilitas!&#8221;</p>
<p>Die tiefste Niederung der Provinzialität wurde aber schon zuvor durchschritten, als sich der prominenteste Mann des TuP-Aufsichtsrats, der Kulturdezernent der Stadt Essen und Geschäftsführer der RUHR.2010 GmbH, Oliver Scheytt, bei der Abstimmung am 23. September seiner Stimme enthielt (vgl. <em>WAZ</em> Nr. 236 v. 9. Oktober 2008). Das ist nicht mehr nur provinziell, diese Feigheit hat schon dörflichen Charakter: „Was sollen bloß die Nachbarn denken?&#8221; Ich bin, durchaus im wörtlichen Sinn, Nachbar dieses stimmlosen Entscheiders. So steh ich hier und kann nicht anders, als zu sagen und zu bekennen: „Du bist ne Kneifbüx, Olli!&#8221;</p>
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		<title>Ausgezählt</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Sep 2008 12:18:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Würfelwürfe]]></category>

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Zur Abwechslung mal eine Kulturnachricht aus der Provinzhauptstadt an der Ruhr. Am vergangenen Montag wurde der Gründungsintendant der Essener Philharmonie, Michael Kaufmann (47), im sechsten Jahr seiner Tätigkeit vom 13-köpfigen Aufsichtsrat der Essener Theater und Philharmonie GmbH (TuP) „wegen wiederholter Etatüberschreitung&#8221; fristlos entlassen. Mit diesem „Höhepunkt einer hässlichen Sinfonie voller scharfer Dissonanzen&#8221; (Neue Osnabrücker Zeitung) [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/09/ausverkauft.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-540" title="ausverkauft" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/09/ausverkauft-255x300.jpg" alt="" width="255" height="300" /></a></p>
<p>Zur Abwechslung mal eine Kulturnachricht aus der Provinzhauptstadt an der Ruhr. Am vergangenen Montag wurde der Gründungsintendant der Essener Philharmonie, <a href="http://www.philharmonie-essen.de/?SECTION=Service&amp;PAGE=Pressestimme&amp;NID=54">Michael Kaufmann (47)</a>, im sechsten Jahr seiner Tätigkeit vom 13-köpfigen Aufsichtsrat der <a href="http://www.ruhrwaerts.de/ruhrwaerts/index.nsf/url/6A772A4F743DDC93C12572C1005A0D81?OpenDocument">Essener Theater und Philharmonie GmbH (TuP)</a> „wegen wiederholter Etatüberschreitung&#8221; fristlos entlassen. Mit diesem „Höhepunkt einer hässlichen Sinfonie voller scharfer Dissonanzen&#8221; <em>(Neue Osnabrücker Zeitung)</em> ziehen die wirtschaftlich für dieses Abenteuer Verantwortlichen nun die Notbremse.</p>
<p>Allerdings muss sich diese &#8220;Wilde Dreizehn&#8221; wohl die Frage gefallen lassen, warum sie zwei Spielzeiten lang der eigenmächtigen Etatüberschreitung ihres Intendanten um mittlerweile 1,5 Millionen Euro zugesehen haben. Und warum sie dessen blauäugige Hans-guck-in-die-Luft-Mentalitat erst im vorigen Jahr mit einer Vertragsverlängerung bis 2013 belohnt haben. Wie soll ein solches Konzerthaus Bestand oder gar eine Zukunft haben, wenn von seinen 1.900 Stühlen im Durchschnitt pro Veranstaltung nur 722 (38 Prozent) besetzt sind, und davon noch etliche durch Besucher mit Freikarten? Das sollte selbst einem schlechten Kaufmann einleuchten, Sponsoren hin oder her. Zum Thema der unzureichenden Auslastung der Essener Philharmonie habe ich schon im April 2007 einen <a href="http://www.westropolis.de/revierflaneur/stories/3175/">kritischen Beitrag</a> geschrieben, damals noch bei Westropolis: „Jetzt sind unkonventionelle Ideen gefragt, um neue Besucher zu gewinnen. [...] Und diese Ideen müssen von Kaufmann recht bald einmal kommen &#8211; sonst sind (nach meiner unmaßgeblichen Einschätzung) seine Tage in Essen gezählt.&#8221; Die Ideen kamen nicht in den seither verstrichenen 515 Tagen &#8211; und jetzt ist Kaufmann ausgezählt.</p>
<p>Offenbar haben sich der Aufsichtsratsvorsitzende der TuP, Hans Schippmann (CDU), und seine zwölf Verschworenen zu lange von den unbestreitbaren künstlerischen Erfolgen des guten Prof. Kaufmann blenden lassen. Immerhin zeichnete der angesehene Deutsche Musikverleger-Verband ihn erst neulich noch für <a href="http://www.philharmonie-essen.de/?SECTION=Service&amp;PAGE=Pressemeldung&amp;NID=970&amp;LID=1">das beste Konzertprogramm</a> der letzten Spielzeit aus. Der immer optimistisch strahlende Intendant war zudem bei seinen Mitarbeitern überaus beliebt. So beliebt, dass seine Pressesprecherin ihm nach dem Rauswurf noch mit einer offiziellen Presseerklärung der Philharmonie ihre Solidarität bekundete &#8211; und dafür gleich auch ihren Hut nehmen durfte.</p>
<p>Mindestens vorübergehend war Michael Kaufmann auch erfolgreich beim Eintreiben von Sponsorengeldern. Seit aber feststand, dass Essen die Kulturhauptstadt 2010 ist, waren die Wartezimmerstühle vor den Vorstandsbüros in den großen Firmen wohl deutlich besser besetzt als die Stühle des Musentempels an der Huyssenallee. Die Gelder wurden knapper. Erstaunlich immerhin, dass noch vor wenigen Tagen die Gründung eines <a href="http://www.philharmonie-essen.de/?SECTION=Service&amp;PAGE=Pressemeldung&amp;NID=996&amp;LID=1">„Kuratoriums der Philharmonie Essen&#8221;</a> bekannt gegeben wurde, initiiert vom Vorstandsvorsitzenden der MAN Ferrostaal AG, <a href="http://professionals.klassik.com/pressemeldungen_im_originaltext/pressemeldung.cfm?NID=996&amp;Veranstalter=Philharmonie%20Essen">Dr. Matthias Mitscherlich</a>, und mit Beteiligung weiterer sieben Großunternehmen. Nun <a href="http://www.focus.de/kultur/musik/philharmonie-essen-kaufmann-wehrt-sich-juristisch_aid_335395.html">nennt</a> Mitscherlich die Entlassung Kaufmanns „absolut unwürdig für eine Kulturhauptstadt, schädlich für Essen und abschreckend für Geldgeber&#8221;.</p>
<p>Dass die Entlassung Kaufmanns falsch war, sagt der MAN-Vorstandschef freilich nicht. Er stört sich bloß an der Form des „Vorgangs&#8221; &#8211; vermutlich, weil er davon erst aus der <em>WAZ</em> erfuhr. Solche gekränkte Eitelkeiten von Leuten, die fremdes Geld verteilen, fehlen noch, um das Bild einer Provinzposse zu vervollständigen. Und als i-Tüpfelchen möchte ich noch den Kommentar des Leiters der Stadtredaktion des hiesigen Provinzblättchens <a href="http://www.derwesten.de/nachrichten/staedte/essen/2008/9/23/news-78877350/detail.html">zitieren</a>: „Dass auch ein Intendant sich an sein Budget halten muss, ist unstrittig. Das muss heute jede Führungskraft in seinem [!] Unternehmen.&#8221; Sollte Kaufmann von einer Intendant<em>in</em> abgelöst werden, muss Wulf Mämpel auf seine alten Tage noch deutsche Grammatik lernen. Dann sind wir endlich gewappnet für die Kulturhauptstadt Europas.</p>
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