Archiv für die Kategorie ‘Nonsens’

Pizzaraten

Samstag, 11. April 2009

Wenn uns wieder mal zu später Stunde die letzte Straßenbahn Linie 6 Richtung Pestalozziplatz vor der Nase weggefahren war, vertrieben wir uns die Zeit bis zum Eintreffen der ersten Bahn am nächsten Morgen mit Ratespielen.

Solange die Straßenbeleuchtung noch ein fahles Licht spendete, spielten wir „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist rot.” Oder blau, grün, gelb. Das war dann die Zipfelmütze des Weihnachtsmannes auf einem Werbeplakat für die Aidshilfe undsoweiter.

Ab drei Uhr brannte nur noch eine Lampe über dem Fahrplan des Wartehäuschens. Ihr Lichtkegel erhellte gewöhnlich einen großen Flatschen Erbrochenes, denn ganz in der Nähe befand sich die Pizzeria Marianna, die für ihre verdorbenen Zutaten bekannt war, weshalb sie von uns und allen regelmäßigen Besuchern dieses Kiezes strikt gemieden wurde, nicht so hingegen von arglosen Durchreisenden, die es nach Verzehr einer Pizza in aller Regel gerade noch bis zur Haltestelle schafften, wo sie dann undsoweiter.

Herbie war beim Pizzaraten unübertroffen. Wenn Wuzz und ich wie aus einem Munde auf Pizza Toscana tippten, weil wir einen öligen Schinkenstreifen und drei halbe Champignons erspäht hatten, korrigierte Herbie hämisch: „Von wegen! Was ist denn das da? Eine Krabbe. Und das? Scheibsken Salami. Capricciosa, Capricciosa!”

Erdreistete man sich, die Zuverlässigkeit seines Auges in Zweifel zu ziehen, war Herbie durchaus imstande, einem die Beweismittel handgreiflich nahezubringen. So gewann Herbie immer. Vielleicht lag es daran, dass Pizzaraten im Jahr drauf von Autoquartett abgelöst wurde.

Titelromane

Sonntag, 05. April 2009

Was haben Uwe Johnson und Wolfgang Koeppen gemeinsam? Nein, nicht, dass sie tot sind, das wäre ja ein Kalauer, dazu noch ein geschmackloser. Vielmehr soll die dumme Frage die Aufmerksamkeit des geneigten Lesers darauf lenken, dass beide ihre ungeduldigen Fans (und ihren geduldigen Verleger) jahrelang auf ein neues Buch haben warten lassen. Bei Johnson war’s der vierte Band seiner Jahrestage, bei Koeppen der vierte große Roman nach den drei Meisterwerken Tauben im Gras, Das Treibhaus und Der Tod in Rom.

Damit findet die Vergleichbarkeit aber auch schon ihr frühes Ende, denn bekanntlich hat Johnson, nach einer Unterbrechung von einem Jahrzehnt, seinen vierten Jahrestage-Band schließlich doch noch zustande und auf den Markt gebracht, wenngleich ihm dies nicht das Leben retten konnte; Koeppen hingegen ist seinem Verleger – in beiden Fällen hieß er Siegfried Unseld – vierzig Jahre lang und bis zuletzt den versprochenen, mit diesem vielfach besprochenen, ja bis in Einzelheiten durchgesprochenen Roman schuldig geblieben. (Unseld drohte Koeppen einmal, wenn er jetzt nicht endlich mit dem Manuskript herausrücke, werde er den Roman selbst schreiben, so viel er nun schon darüber wisse.)

Wer sich ein wenig mit der westdeutschen Nachkriegsliteratur auskennt, weiß das. Was vielleicht nicht jeder weiß: dass Koeppen sich zu den wiederholten Ankündigungen seines Romans immer wieder neue Titel ausgedacht hat: In Staub mit allen Feinden Brandenburgs (1950-1975), Amerikaroman (1971), Tasso (1972), Maskenball (1972), Anfang und Ende (1980), Anfänge eines Romans, als eine Art Roman (1982), Petra (1988) und Das Schiff (1991). Wenn Koeppen [s. Titelbild] doch schon angedroht hatte, es bei seinem vierten Meisterwerk mit Romananfängen zu belassen, dann ging er vielleicht noch einen Schritt weiter und hat, was nur noch niemand erkannte, tatsächlich nach Der Tod in Rom von 1954 noch acht [!] weitere Romane verfasst, die allerdings allesamt über den Titel nicht hinausgekommen sind.

Nebenbei bemerkt: Wenn neun Zehntel aller Romanciers deutscher Zunge nach 1945 ähnliche Zurückhaltung hätten walten lassen, wäre unsere Nationalliteratur der vergangenen sechs Jahrzehnte nicht nur konzentrierter im Geschmack, sondern auch günstiger in der Anschaffung.

Die koeppenschen Romantitelromane habe ich Ringels Randnotizen (S. 78) entnommen, einem kommentierten Verzeichnis von 231 Listen, das Michael Ringel von der taz 1998 unter dem Titel Das listenreiche Buch der Wahrheit zusammengetragen und 2005 in komplett überarbeiteter und ergänzter Neuausgabe im Fischer Taschenbuch Verlag in Frankfurt am Main herausgegeben hat.

Glücklos (II)

Donnerstag, 12. März 2009

So was kommt dabei heraus, wenn man einen ehemaligen Kulturstaatssekretär damit beauftragt, den Interviewer zu spielen. Dabei sollte doch eigentlich eine renommierte Wochenzeitung wie die ZEIT wissen, dass die Kunst des Interviewens kein hemdsärmelig zu bewerkstelligendes Nebengeschäft für jeden hergelaufenen Politiker und Schreiberling ist, mag er es zu noch so großer Prominenz und Macht gebracht haben.

Da stellt dieser Michael Naumann tatsächlich und ungelogen die dümmste und hohlste aller Interviewer-Fragen – und zwar keinem Geringeren als Philip Roth, dem von ihm hoch favorisierten Nobelpreis-Kandidaten: „Sind Sie glücklich, Mr. Roth?” (Wer es nicht glauben mag, kann es hier nachlesen: Die Zeit der neuen Ernsthaftigkeit. Ein Gespräch mit dem amerikanischen Schriftsteller Philip Roth über das Alter, den Antiamerikanismus und sein Leben in den Büchern; in: Die Zeit Nr. 6 v. 29. Januar 2009, S. 48.)

Und was antwortet Mr. Roth? „Ich frage mich nicht, wer oder was ich bin. Ich bin derjenige, der an diesen und mit diesen Büchern arbeitet. Schreiben ist nicht identisch mit Selbstfindung. Es gleicht mehr der Arbeit an einem Objekt, das aus Charakteren, Handlungen und Wörtern gemacht ist. Ich arbeite die ganze Zeit.” Das antwortet Mr. Roth nicht etwa auf Fragen danach, was er sich selbst fragt oder wer er ist oder was das Schreiben für ihn bedeutet oder was er die ganze Zeit über tut, wenngleich jede einzelne dieser Fragen längst nicht so bescheuert gewesen wäre wie die von Herrn Naumann gestellte. Entweder hat Mr. Roth gar nicht gehört bzw. verstanden, was Herr Naumann von ihm wissen wollte; oder dessen Frage hat ihn dermaßen perplex gemacht, dass er daraufhin nur noch völligen Unsinn zum Besten geben konnte.

Doch Herr Naumann lässt nicht locker. „ZEIT: Aber sind Sie glücklich? ROTH: Das frage ich mich niemals. ZEIT: Warum nicht? ROTH: Weil es mich nicht interessiert. Ich frage mich nur: Geht es voran mit der Arbeit? Und wenn ich an einem Buch sitze, bin ich lebendig. Ich wache morgens auf und will sofort an die Arbeit. Die schlimmste Zeit ist diejenige zwischen zwei Büchern. Dann weiß ich nicht, was ich mit mir anfangen soll. Ich gehe in drei Museen, und dann ist das erledigt. Aber was soll ich mit meiner Zeit anfangen? Ich bin einfach zum Schreiben da, und wenn ich nicht schreibe, komme ich mir vor wie ein Wagen, dessen Räder im Schnee durchdrehen.”

Jetzt wissen wir’s. Es wäre keine gute Idee, den Nobelpreis für Literatur an Mr. Philip Roth zu vergeben, denn damit würde man ihn kaum glücklich machen. Und selbst wenn man ihn glücklich machte, würde er dies vermutlich gar nicht merken, denn er fragt sich nach eigenem Bekenntnis ja niemals, ob er glücklich ist. Es interessiert ihn nicht. Und die Reise nach Stockholm würde ihn nur von der einzigen Beschäftigung abhalten, die ihn wirklich interessiert. Insofern ist es natürlich kompletter Humbug, wenn man in einem nicht namentlich gezeichneten Intro zu dem ZEIT-Interview (S. 47) liest: „Wahrscheinlich ist kein Schriftsteller so oft als Kandidat für den Nobelpreis genannt worden – eine jährliche Folter, die er wahrlich nicht verdient hat. Die Schwedische Akademie sollte sie durch eine rasche Vergabe beenden.” Da steht tatsächlich „Folter”. Ich fasse es nicht.

Glücklos (I)

Sonntag, 08. März 2009

Im Januar dieses Jahres gab der US-amerikanische Romancier Philip Roth (74) dem deutschen Verleger und ehemaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann (66) ein Interview. Äußerer Anlass des Gesprächs war das Erscheinen der deutschen Übersetzung von Roths dreiundzwanzigstem Roman, Indignation, unter dem Titel Empörung. Philip Roth ist somit ein für heutige Verhältnisse emsiger Autor. Zum Lesen kommt er nebenher offenbar kaum. „Sie schreiben sehr schnell,” meint Naumann. „Thomas Pynchon schreibt so langsam, weil er sich von seinen erdichteten Charakteren nicht trennen mag.” Mal abgesehen davon, dass Pynchon vermutlich zwanzig- oder fünfzigmal so schnell schreibt wie Roth, wenn man nämlich unterm Akt des Schreibens mehr versteht als das bloße Zu-Papier-Bringen einer Geschichte, ist die Erklärung, die Naumann für diese angebliche Langsamkeit von Pynchons Arbeit findet, vollkommener Humbug. Roth kann ihm nicht widersprechen, denn er kennt Pynchon offenkundig nicht. So fragt er Naumann über Pynchon aus, der ihn aber auch nicht kennt, sondern nur so tut als ob.

Naumann erzählt Roth noch etwas, das der nicht weiß: Im Oktober vorigen Jahres habe Horace Engdahl (60), Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, die die Nobelpreise verleiht, sich abfällig über die amerikanischen Schriftsteller geäußert. Sie seien zu empfänglich für die Trends ihrer eigenen Massenkultur, worunter die Qualität ihrer Werke leide. Daraus zieht Michael Naumann den Schluss, weder Thomas Pynchon (70) noch Don DeLillo (71), weder Paul Auster (60) noch Richard Ford (63), weder John Updike (75, inzwischen verstorben) noch sein Gegenüber habe damit wohl noch eine Chance, den Nobelpreis für Literatur zugesprochen zu bekommen. Solche Spekulationen finde ich immer ausgesprochen langweilig, wie ja dieser bestdotierte Literaturpreis der Welt ohnehin an Ödnis kaum mehr zu überbieten ist. Statt Naumanns kleine Stichelei im Gewande einer peinlichen Anbiederung mit einem Achselzucken zu quittieren, oder noch besser mit einem unendlich langgezogenen Gähnen, geht Philip Roth hier tatsächlich an die Decke wie das HB-Männchen seligen Angedenkens:

„ROTH: Also, das hat er [Horace Engdahl] nicht gesagt. ZEIT: Doch, doch. ROTH: Aber warum? ZEIT: Vielleicht hat er einen antiamerikanischen Vogel? ROTH: Jeder, der irgendetwas von Literatur versteht, weiß, dass die amerikanische Literatur seit 1945 von dauerhafter, ja größter Stärke ist. Ich könnte mindestens 12, nein 15 amerikanische Autoren nennen … Also, nein, das kann er nicht gesagt haben. ZEIT: Hat er. Aber was weiß er?” (Michael Naumann: Die Zeit der neuen Ernsthaftigkeit. Ein Gespräch mit dem amerikanischen Schriftsteller Philip Roth über das Alter, den Antiamerikanismus und sein Leben in den Büchern; in: Die Zeit Nr. 6 v. 29. Januar 2009, S. 47 f.) Es scheint ihm also tatsächlich etwas zu bedeuten, diesen Preis noch entgegenzunehmen. Nun könnte man zu Roths Gunsten vermuten, dass er bloß auf das Preisgeld in Höhe von 10 Millionen schwedischen Kronen scharf ist, das sind umgerechnet immerhin 1.086.650 US-$. Aber das ist es nicht.

Lieber Philip Roth! Jeder, der irgendetwas von Literatur versteht, weiß, dass die Vergabe des Nobelpreises noch niemals etwas über die Schönheit, Stärke, Sinnlichkeit, Originalität und formale Gediegenheit eines literarischen Werkes ausgesagt hat. Von Paul Heyse bis Harold Pinter ist die Liste der Preisträger ein Verzeichnis von Sternen zweiter bis dritter Ordnung. Marcel Proust, James Joyce, Franz Kafka, Robert Musil, Fernando Pessoa, Vladimir Nabokov, Jorge Luis Borges – sie alle sucht man vergeblich auf dieser Liste.

Das erste Buch von Philip Roth, das ich gelesen gelesen habe, war Portnoys Beschwerden. Das fischte ich als rororo-Bändchen aus einer Trödelkiste in Werden, Mitte der 1980er-Jahre. Ich habe mich streckenweise köstlich amüsiert über die Unbefangenheit, mit der er hier pubertäre Wettbewerbe – „Wer spritzt am weitesten?” – und familiäre Bräuche karikiert. In weiteren zehn Romanen von Roth war ich vermutlich auf der Suche nach etwas, das sich diesem unschuldigen ersten Leseerlebnis vergleichen ließe. Leider ohne Erfolg. Je älter Philip Roth wurde, desto „bedeutungsvoller” wurden seine Romane. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Man kann diese vielen Bücher gut lesen, sie sind unterhaltsam, abwechslungsreich, amüsant, zynisch und manches mehr. Aber zu den ganz Großen gesellt sich Philip Roth damit sicher nicht. Und insofern sollte es mich nicht wundern, wenn er in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur erhielte, zumal der alte Schwede mit dem antiamerikanischen Vogel sein Amt zum 1. Juni 2009 an den Historiker Peter Englund (50) weitergeben wird.

[Es wird noch schlimmer: Fortsetzung folgt!]

Windschief

Montag, 23. Februar 2009

Neulich sah ich wieder mal Buster Keatons Kurzfilm One Week von 1920. Mir fällt zu dem Häuschen, das der handwerklich unbegabte Bräutigam seiner Braut errichtet, stets das Oxymoron vom “genialen Dilettanten” ein.

Komischer Zufall, dass 1981 beim Festival Genialer Dilletanten im Berliner Tempodrom auch Blixa Bargeld und seine Einstürzenden Neubauten auftraten, die sich seit dem Einsturz der Kongresshalle so nannten.

Dieses Gebäude hieß bekanntlich im Volksmund “Schwangere Auster”. Am Tag, als ich zum ersten Mal Vater geworden war, verließ ich den Kreißsaal und kaufte eine Zeitung. Auf der Titelseite wurde der Einsturz der “Schwangeren Auster” gemeldet.

Franz Schuh stellt die unfreiwillige Komik des Ungeschickten in den schiefen Rahmen eines Lobs der Nutzlosigkeit: “In einem Film baut Buster Keaton ein Haus für sich und die frisch Angetraute. Die Komik beim Hausbauen mag daran erinnern, daß es nicht immer leicht ist, ein Heim zu errichten, in dem man – auf der Grundlage des einander gegebenen Ja-Wortes – bis auf weiteres geborgen west. Man macht einen Plan, und für den Zuschauer ist es lustig, wenn er auf spektakuläre Art nicht funktioniert – auch weil in Keatons Film ein Feind dazwischengefunkt hat. Der Feind trägt den schönen Namen: Rivale. Der Rivale hat die Bestandteile des Hauses umnumeriert – Keaton wird zum freien Architekten jenseits seiner eigenen Pläne. Er baut ein in alle Richtungen hin windschiefes Haus.” (Franz Schuh: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche. Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2006, S. 85.)

Mein Weblog ist auch ohne dazwischenfunkende, umnummerierende Rivalen durcheinander, windschief, schwanger. Ob’s dilettantisch ist? Ob’s genial ist? Ich selbst wohne ganz gemütlich drin, bald schon ein Jahr. Wenn Gäste kommen, zeige ich auf das Schild neben der Haustür: “Betreten auf eigene Gefahr!”

Steckertier

Freitag, 26. Dezember 2008

In sein legendäres, im Manuskript mehrere tausend Seiten umfassendes und noch immer unveröffentlichtes Tagebuch trägt er ganz zum Schluss diese beiden Sätze ein: „Am Bahnhof noch einen Kaffee aus dem Automaten. Nicht vergessen, den Becher aufzuheben, er wird noch gebraucht!” Dann geht der Chemiker Walter Erich Freiherr Karg von Bebenburg, zuletzt Angestellter eines Forschungslabors in Frankfurt am Main und Inhaber mehrerer pharmazeutischer Patente, so für einen Tranquilizer und für Kamillosan®, in den Wald bei Klingenberg nahe Aschaffenburg und setzt seinem Leben nach 52 Jahren und 265 Tagen mit in Chablis gelöstem Zyankali ein Ende. Seine Leiche wird erst einen Monat später gefunden. „Unter den Gegenständen, die die Polizei in Verwahrung nahm, war sehr verwittert die bekannte abgelederte Aktentasche. Sie hatte wie ein Kissen die Eintiefung, die ein schwerer Kopf hinterläßt. Das war im März 1980, einem spätwinterlichen Monat mit Restschnee und blauem Äther.” (Uwe Herms in: Die Horen, 1985.)

Besser bekannt ist dieser mir sehr nahestehende, hochgeschätzte Außenseiter der deutschen Nachkriegsliteratur unter dem Namen Walter E. Richartz (1927-1980). Seine vier Romane – Tod den Ärtzten (1969), Noface – Nimm was du brauchst (1973), Büroroman (1976) und Reiters Westliche Wissenschaft (1980) – habe ich ausnahmslos mit großem Gewinn gelesen, nicht obwohl, sondern gerade weil sie, weit abseits des literarischen Mainstreams jener Jahre, einen ganz eigenen Tonfall fanden und Themen zur Sprache brachten, die die zeitgeistigen Genossen des federschwingenden Gewerbes, von Andersch bis Zwerenz, links liegen ließen. Dass Gero von Wilpert und Adolf Gühring in der zweiten Auflage ihrer Erstausgaben deutscher Dichtung von 1992 diesen deutschen Dichter einer Aufnahme nicht für würdig hielten, ist nachgerade ein Skandal!

Sieben Jahre nach dem Freitod des Autors erschien im Zürcher Haffmans Verlag ein schmales und kleines Bändchen aus seinem Nachlass: Schöne neue Welt der Tiere. „Mehr als ein halbes Hundert neuer Arten nach den letzten Mutationen beobachtet und beschrieben von Dr. rer. nat. Walter E. Richartz mit neun neuen Tierbildern von Tatjana Hauptmann.” So der Untertitel. Früher hat man dergleichen zoologische Anthologie wohl „Bestiarium” genannt, durchaus auch im übertragenen Sinne. Ich denke da angelegentlich nur an Das große Bestiarium der Literatur von Franz Blei (1923).

Die Bestien aber, die Richartz in seinem nachgelassenen Werklein vorstellt, sind allesamt Mutationen einer posttraumatischen Indolenz des inferioren Menschengeistes, Zwittergezücht aus ungezügeltem Erfindergeist und archaischem Nachäffen der Natur. So zum Beispiel das Steckertier [siehe Titelbild]: „Viel häufiger kommt das Steckertier vor. Es ist aus Bakelit, Polydur, oder wie das heute so heißt, hat seitlich zwei stählerne Schutzableiter oder Blitzableiter, hinten einen sehr langen elastischen Schwanz und vorne zwei Zinken. Und es hat wirklich nichts anderes im Sinn, all sein Streben und sein Leben geht darauf hinaus, diese beiden Zinken in zwei genau zu ihm passende Metallöcher zu stecken, die wie ein Schweinerüssel aussehen. Das Gefühl dabei – das muß wirklich mächtig sein. Alles surrt und schnurrt und leuchtet und macht Musik, wenn’s passiert ist.” (Ebd., S. 43 f.)

Harald Wieser hat im Spiegel (Nr. 24 v. 1987) dem mittlerweile gänzlich in unverdiente Vergessenheit versinkenden Schriftsteller Walter E. Richartz unter dem Titel Grün ist jetzt die Farbe der Witwen einen einfühlsamen Nachruf gewidmet, erneut abgedruckt im zweiten Band von Wiesers gesammelten „Essais und Affairen”, Von Masken und Menschen (Zürich: Haffmans Verlag, 1991, S. 12-23). Darin zitiert der Juhnke-Biograph – wozu doch Namensvetternschaft verführen kann! – einen Tagebucheintrag des Porträtierten vom 1. Februar 1980, in dem wie ein hinduistisches Mantra mehrfach die Formel aufscheint: „Das blanke Entsetzen.” WER? Ist es bloß Zufall, dass sich der Name dieses verschollenen Kleinmeisters großmeisterlicher Prosa auf das unscheinbare Interrogativpronomen zusammenschnurren lässt? Ich würde mich freuen, wenn ich mit diesem spätweihnachtlichen Beitrag wenigstens bei einem dankbaren Leser die Initial-Zündung zu einer nachhaltig wirksamen Lektüre entfachen könnte.

Schreibzwang (I)

Donnerstag, 20. November 2008

Das Phänomen ist bekannt und wird hie und da in Weblogs beschrieben: Nach einem hoffnungsvollen Start mit befriedigenden Ergebnissen stellt sich plötzlich völlige Leere ein. Der Blogger schaut ratlos aufs leere weiße „Blatt” auf seinem Monitor und sucht krampfhaft nach einem Thema. Das kann doch wohl nicht wahr sein! Wo ist nur die Inspiration geblieben, die in den vergangenen Wochen und Monaten in zuverlässiger Regelmäßigkeit für die konkreten Anlässe zum Schreiben sorgte?  Soll ich tatsächlich heute über die Nominierung von Johannes Bultmann als Kaufmann-Nachfolger in der Intendantur der Essener Philharmonie schreiben?  Und wo bleibt der notwendige Drive, daraus einen lesbaren Text zu zaubern?

Die meisten Kolleginnen und Kollegen überwinden diese Schrecksekunde sehr bald und fahren achselzuckend ihren Rechner runter. Ganz cool bleiben! Ein paar Tage später fällt ihnen dann wieder was ein, worüber sie schreiben können. Sie haben den heldenhaften Mut zur Lücke, schließlich zwingt sie kein Mensch, täglich ihre Geistesprodukte im Internet abzuliefern. Oft lässt sich in der Folge eines solchen ersten Zugeständnisses an den inneren Schweinehund beobachten, dass die Lücken immer größer werden, bis der Elan der frühen Tage völlig versiegt ist. Ich habe schon Weblogs entdeckt, deren jüngstes Posting bereits ein paar Jährchen auf dem Buckel hat.

Die diszipliniertere Minorität scheut die Unterbrechung wie der Teufel das Weihwasser und wringt sich an schwachen Tagen lieber irgendeinen unausgegorenen Stuss aus dem ermatteten Hirn, notfalls eine Meditation über die Schreibblockade selbst. Für diese zum täglichen Schreiben verdammten Blogger ist das ursprünglich so unschuldige Vergnügen zur Sucht geworden, sie leiden unter Schreibzwang. Ein Tag ohne Blogbeitrag ist für sie ein verlorener Tag. Ich gehöre offenbar zu dieser zweiten Sorte.

Aber machen wir uns nichts vor: Diese Symptome und Syndrome sind ja nicht erst im Webspace entstanden. (Allenfalls sind sie hier unmittelbarer zu diagnostizieren.) Die bekanntesten Beispiele für eine akute, dann chronisch werdende Schreibhemmung aus der neueren deutschen Literaturgeschichte, Wolfgang Koeppen und Uwe Johnson, will ich nicht aufwärmen, von Hölderlin und Nietzsche ganz zu schweigen. Stattdessen serviere ich ein Zitat von einem unverdientermaßen nahezu vergessenen Zwangsschreiber, dem gebürtigen Essener und ungebärdigen Kiffer Helmut Salzinger [Titelbild, mit Fernglas im Kreis seiner Freunde, 1986]:

„Ein Joint. Zeitweise habe ich einen fürchterlichen Produktionsdruck, aber nichts zu produzieren. Es fällt mir einfach nichts ein und rein, das ich sagen wollte, raus. Also muß ein Joint her, ders lockert. – Es ist die Zwanghaftigkeit, was mich daran stört. Nicht bloß am Joint. Auch am Produzieren. [...] Das gewonnene Terrain ist längst wieder verloren. Daß ich in meinem Geschriebenen alles, mich ganz, geben müsse, diese Anstrengung übersteigt alles. Daneben bleibt nichts. Ich kann nicht mehr im Garten arbeiten, keine Wanderungen machen, wenn ich darüber schreiben will, auch das krieg ich nicht mehr hin. – Als es nicht ums schreiben ging, da konnte ich machen, was mir einfiel, und sei es schreiben, und konnte es tun. – Jetzt ist mir da wieder ein regelrechter Leistungszwang angewachsen.” (Helmut Salzinger: Nackter Wahnsinn. Die Wirklichkeit und die Suche nach ihr zwischen Konsens und Nonsens. Hamburg: Verlag Michael Kellner, 1984, S. 154.) Das Schreiben ist, wenn es mit Ernst betrieben wird, ein lebensgefährlicher Beruf.