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	<title>Revierflaneur &#187; Kistenflimmer</title>
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	<description>Kleine Schritte weg von der Mitte.</description>
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		<title>Nutzungsdauer</title>
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		<pubDate>Mon, 20 Apr 2009 11:54:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kistenflimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Würfelwürfe]]></category>

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		<description><![CDATA[
Was sich an ihrem Leben geändert habe, seit sie wieder in Arbeit ist &#8211; das wurde die ehemalige, langjährige Hartz-IV-Empfängerin Andrea Stilper anlässlich eines Radiobeitrags im Rahmen der „Funkhausgespräche&#8221; von WDR 5 gefragt.
Sie fühle sich jetzt einfach gut, klar. Ein Unterschied, der ihr zuerst einfiel, betraf ihren Fernsehkonsum. „Ja, also &#8230; ich habe als Hartz-IV-Empf&#8230; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2009/04/requiem.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-2084" title="requiem" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2009/04/requiem-360x300.jpg" alt="" width="360" height="300" /></a></p>
<p>Was sich an ihrem Leben geändert habe, seit sie wieder in Arbeit ist &#8211; das wurde die ehemalige, langjährige Hartz-IV-Empfängerin Andrea Stilper anlässlich eines Radiobeitrags im Rahmen der „<a href="http://gffstream-8.vo.llnwd.net/c1/m/1232702538/radio/fhgespraeche/wdr5_funkhausgespraeche_20090122.mp3">Funkhausgespräche</a>&#8221; von <em>WDR 5</em> gefragt.</p>
<p>Sie fühle sich jetzt einfach gut, klar. Ein Unterschied, der ihr zuerst einfiel, betraf ihren Fernsehkonsum. „Ja, also &#8230; ich habe als Hartz-IV-Empf&#8230; oder in der Zeit, in der das so war, hab ich doch verstärkt Fernsehn gekuckt, wobei tagsüber auch sehr wenig, das mach ich &#8230; das liegt mir nicht. Aber ich hab mehr Fernsehn gekuckt &#8230; mh, ja, würd ich sagen, weil ich mich so bisschen aus dem Leben so insgesamt ein bisschen zurückgezogen habe, hab ich auch mehr Fernsehn gekuckt. Jetzt ist das so, dass ich zwar immer noch das eine oder andere &#8230; die Sendung sehe, oder Nachrichten oder was mich eben interessiert, aber sehr, sehr viel weniger und &#8211; ja: Der Tag ist ganz anders ausgefüllt.&#8221; (<em>Tagessatz 4,32 €.</em> Leben und Überleben mit Hartz IV. Sendung mit Jürgen Wiebicke v. 22. Januar 2009.)</p>
<p>Dieses ganz individuelle, persönliche Bekenntnis passt gut zu folgender Kurzmeldung in der <em>FAZ:</em> „Die Fernsehnutzung der Deutschen hat im ersten Quartal 2009 um acht auf im Schnitt 235 Minuten täglich zugenommen. Der Werbevermarkter <a href="http://www.sevenonemedia.de/unternehmen/presse/pm/index.php?method=pmview&amp;pmid=26913&amp;plattform=som_de"><em>SevenOne Media</em> </a>führt das auf die Wirtschaftskrise zurück. ,Das Bedürfnis nach Ablenkung und Unterhaltung steigt‘, kommentierte man die aktuellen Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung.&#8221; (<em>Frankfurter Allgemeine Zeitung</em> Nr. 77 v. 1. April 2009, S. 35.)</p>
<p>Ob der zunehmende Fernsehkonsum tatsächlich dem Bedürfnis der TV-Nutzer zuzuschreiben ist, sich aufgrund der Wirtschaftskrise verstärkt im Fernsehen informieren zu wollen, wie 18 Prozent der Befragten der Sonderanalyse von <em>SevenOne Media </em>behaupteten? Oder ist eher die Erklärung plausibel, die Klaus-Peter Schulz, Vorstand Sales &amp; Marketing der <em>ProSiebenSat.1 Group,</em> für dieses auffällige Phänomen findet: „Die Menschen ziehen sich in ihre eigenen vier Wände zurück, das Bedürfnis nach Ablenkung steigt.&#8221;</p>
<p>Acht Minuten mehr oder weniger wären ja nicht der Rede wert, böte sich mit ihnen nicht die Chance, grundsätzlicher darüber nachzudenken, wozu Fernsehen eigentlich taugt und wozu es da ist. Ich weiß es ja schon lange: Die Glotze ist <em>der</em> Verelendungsindikator einer spätindustriellen Gesellschaft. Je mehr Zeit und Raum sie im Alltag der Menschen einnimmt, desto verwahrloster ist deren Kultur, ihre Gefühls- und Traumwelt, ihre Ethik und ihr soziales Miteinander.</p>
<p>[Titelbild: Ellen Burstyn in <em>Requiem vor a Dream</em> von Darren Aronofsky.]</p>
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		<title>TV mortal</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Dec 2008 10:21:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kistenflimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Würfelwürfe]]></category>

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		<description><![CDATA[
&#8220;A four-year-old girl died on Christmas Day following an accident at her home, it has been disclosed. It is understood she was injured when a television fell on her at home in Coedpoeth, Wrexham, on Christmas Eve. North Wales Police were called at 1820 GMT, but doctors at Liverpool&#8217;s Alder Hey Children&#8217;s Hospital were unable [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/12/fernseher1.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-1397" title="fernseher1" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/12/fernseher1-400x276.jpg" alt="" width="400" height="276" /></a></p>
<p>&#8220;A four-year-old girl died on Christmas Day following an accident at her home, it has been disclosed. It is understood she was injured when a television fell on her at home in <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Coedpoeth">Coedpoeth</a>, Wrexham, on Christmas Eve. North Wales Police were called at 1820 GMT, but doctors at Liverpool&#8217;s Alder Hey Children&#8217;s Hospital were unable to save her and she died the next day. Police said the family of the little girl, whose name has not been released, were ‘distraught&#8217;. A spokeswoman for North Wales Police said: ‘[...] The family are understandably very distraught by this tragic accident and police are making a plea for the privacy of the family to be respected at this incredibly difficult time.&#8217; She added that the North East Wales coroner&#8217;s office has taken over the investigation.&#8221; (<a href="http://news.bbc.co.uk/1/hi/wales/7802194.stm"><em>BBC News online</em></a> v. 28. Dezember 2008.)</p>
<p>In der Tat ein tragisches Missgeschick, dazu noch an Heiligabend! Um dies vorsorglich vorauszuschicken: Mein aufrichtiges Mitgefühl gilt den unglücklichen Eltern des kleinen Mädchens, die sich nun für den Rest ihres Lebens den Vorwurf machen müssen, dass sie für keinen sicheren Stand des schwergewichtigen Flimmerkastens gesorgt haben. Vermutlich war&#8217;s ein 37-Zoll-Gerät. Dabei hatten doch noch vor wenigen Wochen offizielle Stellen in Großbritannien vor Unfällen dieser Art <a href="http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/wales/south_west/7762417.stm">gewarnt</a>, nachdem der gerade mal ein Jahr alte Riyaz Ghaazi Mohamed im walisischen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Swansea">Swansea</a> von einem 33 Kilo schweren Fernseher erschlagen worden war: &#8220;I would urge parents of young children to check the stability of furniture in their home, especially when heavy objects are placed on lightweight furniture, because this is a tragedy which could easily happen again.&#8221; So der ermittelnde Coroner Philip Rogers.</p>
<p>Gleich anschließend muss ich allerdings zu bedenken geben, dass selbst diese merkwürdige Duplizität zweier tragischer Todesfälle durch TV-Absturz in keinem Verhältnis zu dem Schaden steht, den abermillionen standsicher platzierte Fernsehgeräte in den Seelen von Kindern aller Altersstufen tagtäglich anrichten, ohne dass vor diesem Zerstörungswerk auf den Panorama-Seiten unserer Tageszeitungen jemals gewarnt würde.</p>
<p>Die permanente „Verkleisterung der Gehirne&#8221; (Oswald Wiener) vollzieht sich eben ganz unblutig, wenig spektakulär, aber ungleich wirkungsvoller und folgenreicher als der Schädelbasisbruch durch die mechanische Einwirkung einer umstürzenden Glotze.</p>
<p>Wenn zwei kleine Kinder von wacklig aufgestellten Fernsehgeräten erschlagen werden, dann weckt dies unser Mitleid. Wenn aber Millionen Kinder in aller Welt tagtäglich von dem Höllenbrodem aus tausend Kanälen „erschlagen&#8221; werden, dann nehmen wir dies als eine Selbstverständlichkeit klag- und mitleidslos hin.</p>
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		<title>Dreckschleuder</title>
		<link>http://www.revierflaneur.de/2008/10/19/sonntag-19-oktober-2008-dreckschleuder/</link>
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		<pubDate>Sun, 19 Oct 2008 13:01:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kistenflimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Würfelwürfe]]></category>

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		<description><![CDATA[
Was das Fernsehen angeht, dessen inhaltliche Qualitäten seit einer Woche mal wieder durch den Veitstanz eines greisen Fernsehstars ins Gerede gekommen sind, bin ich Fundamentalist &#8211; und Totalverweigerer. Ich habe kein Empfangsgerät in der Wohnung stehen, ich sehe mir auch anderswo keine Fernsehprogramme an, gleich ob öffentlich-rechtliche oder private, ich ernähre mich intellektuell rein vegetarisch, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/10/nierentischmedium.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-769" title="nierentischmedium" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/10/nierentischmedium-300x183.jpg" alt="" width="300" height="183" /></a></p>
<p>Was das Fernsehen angeht, dessen inhaltliche Qualitäten seit einer Woche mal wieder durch den <a href="http://">Veitstanz </a>eines greisen Fernsehstars ins Gerede gekommen sind, bin ich Fundamentalist &#8211; und Totalverweigerer. Ich habe kein Empfangsgerät in der Wohnung stehen, ich sehe mir auch anderswo keine Fernsehprogramme an, gleich ob öffentlich-rechtliche oder private, ich ernähre mich intellektuell rein vegetarisch, bereite mir meine Nahrung ausschließlich aus Texten und Bildern der papierenen Provenienz, angereichert durch bequem verfügbare Zutaten aus dem Internet. Selbst wenn es weltweit keine niveauloseren Sender als <em>Arte</em> und <em>3sat</em> gäbe, würde das an meiner prinzipiellen Abneigung gegen dieses Massenmedium keinen Deut ändern. Ganz einfach gesagt: Nicht die jetzt wieder an den Pranger gestellten idiotischen <em>Inhalte</em> des Fernsehens veranlassen mich zu meiner konsequenten Abstinenz; vielmehr habe ich längst schon die <em>Form</em> ihrer Darbietung in diesem Medium als für mich grundsätzlich schädlich und insofern absolut entbehrlich erkannt.</p>
<p>Die sich gegenseitig verstärkende Wechselwirkung zwischen der fortschreitenden Trivialisierung der Inhalte im Fernsehen und den sinkenden Ansprüchen seiner Zuschauer vor der Mattscheibe ist eine Gesetzmäßigkeit, die diesem Medium von Anfang an, also seit der Nierentisch-Epoche, immanent war und die durch keine noch so gut gemeinte Gardinenpredigt eines gebildeten Großkritikers umzukehren oder auch nur zu bremsen ist. Indem die Einschaltquote, von der die Werbeeinnahme abhängt und damit die Finanzierung dieses Massenspektakels, das Programm bestimmt, reguliert sich dieses Unterhaltungssystem selbst. Ein erfolgreicher Intendant zeichnet sich schon längst nicht mehr durch Phantasie, Experimentierfreude und innovative Ambitionen aus. Vielmehr lässt er den Dingen ihren Lauf und sitzt die regelmäßig über ihn niedergehenden Medienschelten großkopferter Arroganskis lieber aus, als einen Rückgang der Quoten (und damit der Werbeeinnahmen) für seinen Arbeitgeber resp. Gehaltszahler in Kauf zu nehmen.</p>
<p>Weder die Empfänger noch die Sender haben in diesem sich selbst regulierenden System einen Handlungsspielraum. Das ist ein geschlossener Kreislauf, eine unablässig rotierende Turbine des Elends. Letztere, „die Fernsehmacher&#8221;, müssen produzieren, was gewünscht wird; erstere, „unsere lieben Zuschauer&#8221;, müssen konsumieren, was geboten wird. &#8211; Die Wahlmöglichkeit zwischen Dutzenden von Programmen, jenes „Switchen&#8221; per Fernbedienung, das die einst auf zwei Sender und die anstrengenden „Dritten&#8221; reduzierte Schmalspurofferte zum Scheinbild einer großen weiten Welt hochpushte, ist dabei nur eine Farce. Und die wenigen anspruchsvollen Sendungen erfüllen lediglich eine Alibifunktion. Entscheidend aber ist der <em>Mainstream</em>, jener reißende Fluss, der immer breiter und schneller wird und alles mit sich in den Abgrund spült, was einmal „humanistische Bildung&#8221;, „kritischer Geist&#8221; und „gepflegter Geschmack&#8221; hieß. &#8211; Das Fernsehen ist der letzte Sargnagel zur vordem schon gescheiterten Aufklärung.</p>
<p>Marcel Reich-Ranicki hat diese destruktive Allmacht des Fernsehens nicht erkannt. Sonst hätte er sich in den Jahren seines <em>Literarischen Quartetts</em> nicht zum Hofnarren machen lassen. Und selbst in der Abgeschiedenheit des Ruheständlers ist er offenbar noch nicht aus dem Spuk schlau geworden, auf den er sich da eingelassen und zu dessen Abrakadabra er erfolgreich beigetragen hat. Wenn er von dem „Dreck&#8221; angeekelt war, den er stundenlang bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises aus nächster Nähe, als unmittelbarer Augenzeuge geboten bekam und ertragen musste, dann spricht das nicht für seine intellektuelle Redlichkeit, sondern ist kläglicher Ausweis seiner erschreckenden Naivität. (Alter schützt vor Torheit nicht.) Und wenn er glaubt, durch seine trotzige Ablehnung eines Plexiglas-Obelisken und einen halbstündigen Dialog mit Thomas Gottschalk über die inhaltliche Qualität des Fernsehens diesbezüglich eine Trendwende auslösen zu können, dann muss man&#8217;s wohl schon Größenwahn nennen.</p>
<p>Die überschaubar kleine Zahl jener Zeitgenossen, die wie ich einige vermeintliche „Segnungen&#8221; unserer Zivilisation zu Beginn des dritten Jahrtausends bewusst verweigern &#8211; das Fernsehen, das Handy, das Auto, den Tourismus &#8211; wird regelmäßig mit einer ebenso überschaubaren Zahl von Invektiven bedacht: arrogant, weltfremd, antagonistisch, kulturpessimistisch. Das nehmen wir aber liebend gern in Kauf &#8211; und zwar nicht aus messianischen Motiven, um der Rettung der Welt willen, sondern aus rein egoistischen Gründen. (Hierzu wird in nächster Zeit noch einiges zu sagen sein.)</p>
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		<title>Eklat</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Oct 2008 13:04:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kistenflimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Würfelwürfe]]></category>

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		<description><![CDATA[
Die meisten Quotenknüller des Fernsehens verdanken ihren Erfolg der Hoffnung des Zuschauers auf ein ungeplantes Missgeschick. Die erregtesten Gespräche nach Live-Übertragungen von der Formel I und der Tour de France gab es in der Betriebskantine meines früheren Arbeitgebers immer nach Unfällen, je schlimmer, desto doller. Peinliche Patzer von sonst so perfekten Nachrichtensprechern, der schweigende Boxer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/10/mrr.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-731" title="mrr" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/10/mrr.jpg" alt="" width="156" height="125" /></a></p>
<p>Die meisten Quotenknüller des Fernsehens verdanken ihren Erfolg der Hoffnung des Zuschauers auf ein ungeplantes Missgeschick. Die erregtesten Gespräche nach Live-Übertragungen von der Formel I und der Tour de France gab es in der Betriebskantine meines früheren Arbeitgebers immer nach Unfällen, je schlimmer, desto doller. Peinliche Patzer von sonst so perfekten Nachrichtensprechern, der schweigende Boxer Norbert Grupe, Trapattoni und sein „Ich-habe-fertig!&#8221;-Wutausbruch, Zlatkos schlechte Manieren im „Big-Brother&#8221;-Container, Eva Hermans Nahezu-Rausschmiss bei Johannes B. Kerner, die gegenseitigen Beleidigungen von Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler im gesitteten „Literarischen Quartett&#8221;, Zinédine Zidanes Kopfstoß gegen die Brust von Marco Materazzi in den letzten Minuten des WM-Finales &#8211; das waren einige der vielen mittlerweile legendären Spontanereignisse der Fernsehgeschichte, auf die jeder Zuschauer insgeheim stets hofft, wenn er sich vor die Glotze hockt und nach spannender Entspannung giert.</p>
<p>Wem das wirkliche Leben keine Abwechslung bietet und schon gar keine Überraschungen, für den ist die Sehnsucht, zum Zeugen solcher ungeplanten Regelverstöße in aller Öffentlichkeit zu werden, ein starkes Motiv, sich den langweiligsten Quatsch aus alter Gewohnheit und in Ermangelung einer Alternative Abend für Abend, Stunde um Stunde, Jahr auf Jahr in unverbrüchlicher Treue reinzuziehen. Welch ein Elend! Welche Vergeudung von Lebenszeit, Kreativpotenzial und mentalem Volksvermögen!</p>
<p>Was für den im Live-TV übertragenen Sportevent der blutige Unfall oder das brutale Foul, das ist für die Talkshows, Quizsendungen oder Preisverleihungen der Eklat: ein kostenloser Quotenbringer allererster Güte. Seine Effizienz ist zu einem guten Teil von der Fallhöhe abhängig: der Differenz zwischen den Erwartungen des Publikums an die Akteure auf dem Bildschirm und deren skandalösem Verhalten. Wenn Dieter Bohlen bei <em>DSDS</em> einen vernehmlichen Furz ließe, wäre das für zarte Gemüter, die sich wild zappend in ein solches Format verirrt haben, vielleicht momentweise degoutant, für seine hartgesottenen Fans würde er damit aber bloß eine weitere stinkende Blase in jenem Schlammbad produzieren, in dem die Unappetitlichkeit längst vorherrschende Konvention des gewöhnlichen Umgangs miteinander geworden ist. Solche Entertainer haben&#8217;s schwer, es mit einem Ausraster noch mal auf die erste Seite der <em>Bild-Zeitung</em> zu schaffen. Wenn aber &#8211; ich phantasiere mal &#8211; ein vor Seriosität und Beherrschtheit sonst nur so strotzender <em>Tagesschau-</em>Sprecher beim Verlesen einer Unfallmeldung in Tränen ausbräche, weil seine eigene Tochter zu den Opfern zählte, dann wäre dies ein Ereignis, das „Fernsehgeschichte&#8221; schriebe und tausendfach wiederholt würde.</p>
<p>Marcel Reich-Ranicki war ein erfolgreicher Literaturkritiker in den „anspruchsvollen&#8221; Printmedien der 1960er- bis 1980er-Jahre (<em>Zeit</em> und <em>FAZ</em>), dem aber schon in dieser Tätigkeit die Zurschaustellung seiner hochrichterlichen Würde, Unabhängigkeit und Allmacht mehr bedeutete als die Wertbeständigkeit und Kommensurabilität seiner für den Tag geschriebenen Urteile. In einer Zeit, als das formale Experiment und die politische Provokation die dominierenden Kräfte der ehemals „Schönen Literatur&#8221; waren, stand sein Name für ein Beharren auf stockkonservativen Positionen, zu deren Begründung er nie viel mehr anzuführen wusste als die Rückbesinnung auf die Ideale der Klassik &#8211; und sein Lieblingsparadigma lautete allenthalben: „Literatur darf den Leser nicht langweilen.&#8221; (Mit der allerdings stets unterschlagenen Voraussetzung: „<em>Der Leser</em> bin ich.&#8221;) Im März 1988 schloss der nachmalige „Literaturpapst&#8221; dann einen Pakt mit dem Teufel und ging gegenüber seiner Würde, um seiner Eitelkeit willen, einen Kompromiss ein: Marcel Reich-Ranicki bereicherte das <em>ZDF</em> um ein „Format&#8221;, das zuvor niemand für möglich gehalten hätte, eine „anspruchsvolle Literatursendung&#8221;, in der es ausschließlich um Bücher ging und in der nicht mehr zu sehen und zu hören war als das Gespräch zwischen vier kontrovers argumentierenden Fachleuten.</p>
<p>Rückblickend betrachtet hat der mittlerweile 88-jährige Mann damit immerhin dem deutschen Buchhandel einen großen Dienst erwiesen und dafür gesorgt, dass Abermillionen Bücher, vorzugsweise die von ihm verrissenen, über den Ladentisch gingen. (Wie viele von ihnen tatsächlich von den braven Käufern gelesen wurden, das steht freilich auf einem anderen Blatt.) Ein solcher Pakt hat nun aber, wie der an der deutschen Klassik geschulte Großkritiker zweifellos wissen wird, immer seine zwei Seiten. Und so sind wir kritischen Zeitzeugen dieses traurigen Schauspiels nun dazu verdammt, einem unaufhaltsamen Niedergang zusehen zu müssen. Marcel Reich-Ranicki kann nach der Einstellung des <em>Literarischen Quartetts</em> Ende 2001 auf seine alten Tage nun doch nicht auf die öffentliche Aufmerksamkeit verzichten; er nutzt &#8211; welch ein Eklat! &#8211; die Verleihung des „Ehrenpreises der Stiftung des Deutschen Fernsehpreises&#8221; dazu, sich noch einmal ins Rampenlicht zu stellen, pünktlich zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse, indem er in die Hand beißt, die ihn viele Jahre gefüttert hat &#8211; und schafft es endlich wieder zu einer <em>Bild-</em>Schlagzeile. Wenn man sich allsonntäglich seine peinlichen Briefantworten in der <em>FAS</em> anschaut, dann hätte man allerdings gewarnt sein müssen. &#8211; Am kommenden Freitag von 22:30 bis 23:00 Uhr erhält der unsterbliche MRR die Gelegenheit, im Gespräch mit dem ebenfalls unsterblichen Thomas Gottschalk vor Millionen Fernsehzuschauern darzulegen, warum er so lange gebraucht hat, bis ihm die Erkenntnis dämmerte, dass das Fernsehen das bislang wirkungsvollste Instrument zur Kulturvernichtung in der Menschheitsgeschichte ist. Die Quoten dürften sich sehen lassen.</p>
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		<title>GEZ</title>
		<link>http://www.revierflaneur.de/2008/09/22/montag-22-september-2008-gez/</link>
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		<pubDate>Mon, 22 Sep 2008 10:21:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Revierflaneur</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Würfelwürfe]]></category>

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		<description><![CDATA[
In der vorigen Woche bekamen wir unangemeldeten Besuch. Vor der Wohnungstür stand ein ernster Herr mittleren Alters, nennen wir ihn Spyri, der mir ein Schreiben mit dem Briefkopf des Westdeutschen Rundfunks (WDR) unter die Nase hielt, seinen Namen nannte und mich mit den Worten begrüßte: „Sie sind, wie ich hier in meiner Liste sehe, ja [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/09/antennenwald.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-514" title="antennenwald" src="http://www.revierflaneur.de/wp-content/uploads/2008/09/antennenwald-300x172.jpg" alt="" width="300" height="172" /></a></p>
<p>In der vorigen Woche bekamen wir unangemeldeten Besuch. Vor der Wohnungstür stand ein ernster Herr mittleren Alters, nennen wir ihn Spyri, der mir ein Schreiben mit dem Briefkopf des <em>Westdeutschen Rundfunks</em> (WDR) unter die Nase hielt, seinen Namen nannte und mich mit den Worten begrüßte: „Sie sind, wie ich hier in meiner Liste sehe, ja auch Kunde bei uns.&#8221; Ohne mit der Wimper zu zucken, bestätigte ich dies, schickte allerdings gleich die Einschränkung hinterher: „Ja, allerdings nur als Radiohörer. Ein Fernsehgerät haben wir nach wie vor nicht.&#8221;</p>
<p>Erst nachträglich wunderte ich mich, warum sich der Kontrolleur &#8211; denn um einen solchen handelte es sich ja wohl &#8211; als WDR<em>-</em>Mitarbeiter ausgewiesen hatte und nicht als Emissär der <em>Gebühreneinzugszentrale</em> (GEZ). Inzwischen weiß ich aber, dass diese auf Provisionsbasis tätigen Gebühreneinzugsbeauftragten, wie die Leute im Amtsdeutsch heißen, von den jeweiligen Landesrundfunkanstalten ausgesandt werden. Die GEZ ist lediglich ein Dienstleistungszentrum der Sender und keine rechtsfähige Institution, die einen eigenen „Secret Service&#8221; betreiben dürfte.</p>
<p><em>„Haben</em> Sie kein Fernsehgerät &#8211; oder <em>nutzen</em> Sie es nur nicht?&#8221; Herr Spyri blätterte dabei in seinen Unterlagen, als könnte er mit ihrer Hilfe den Wahrheitsgehalt meiner Antwort auf diese bohrende Frage unverzüglich überprüfen. Das Rascheln der Papiere hätte einem Schuldbewussten nun wohl wie ein drohendes Donnergrollen erscheinen können, für mich aber galt: ‘A quiet conscience sleeps in thunder!&#8217; „Nein, wir <em>haben</em> keinen Fernseher, ob Sie&#8217;s glauben oder nicht!&#8221; Daraufhin verabschiedete sich Herr Spyri auch schon wieder. Das war ja, für beide Seiten, ein kurzes Vergnügen.</p>
<p>Zufällig befand ich mich gerade im Begriff, meinen Papierkorb zu den Abfalltonnen zu tragen, als der GEZ-Mann klingelte. Diesen Vorsatz setzte ich nun in die Tat um und trat vors Haus. Da bemerkte ich einen Polizeiwagen, der im Schritttempo unsere stille Einbahnstraße entlangfuhr und dreißig Meter weiter neben Herrn Spyri anhielt. Es kam zu einem kurzen, aber intensiven Austausch zwischen den Ordnungshütern und dem Gebührenfahnder, ganz so, als kenne man sich und kooperiere im besten Einvernehmen.</p>
<p>Ich will mich jetzt aber davor hüten, unbegründbare und erst recht unbeweisbare Verdächtigungen gegen staatliche Beamte oder einen selbstständig tätigen Subunternehmer im Auftrag einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt auszustoßen. Vielleicht haben die Polizisten Herrn Spyri bloß nach dem Weg gefragt? Vielleicht kam er ihnen ja sogar verdächtig vor, wie er da von Haus zu Haus ging, mit seinem Klemmbrett und seinen raschelnden Formularen: „Dürfen wir mal fragen, was Sie hier eigentlich machen?&#8221; Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König. Auch ist wohl ein rein&#8217;s Gewissen stets ein gutes Ruhekissen.</p>
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