Gestern meldete die konservative argentinische Tageszeitung La Nación unter Berufung auf den Distriktoberen der Piusbruderschaft in Südamerika, Pater Christian Bouchacourt, der Richard Williamson vor zwei Wochen als Leiter des Priesterseminars in La Reja abgesetzt hatte, dass dieser Argentinien in wenigen Tagen verlassen werde. Über den künftigen Aufenthaltsort von Williamson würden die Autoritäten der Bruderschaft in Europa entscheiden: “Bouchacourt dijo desconocer la fecha de partida de Williamson, pero afirmó que sería dentro de los diez días que dispone la resolución que lo expulsa del país, y señaló que su nuevo destino debe ser definido por las autoridades del movimiento, en Europa.” (Afirman que el obispo ya tenía orden de irse; in: La Nación online v. 21. Februar 2009; vgl. Bischof Williamson verlässt Argentinien; in: Spiegel online v. 21, Februar 2009.)
Etliche europäische Länder scheiden als neue Heimat für den eigenwilligen Hobbyhistoriker wohl von vornherein aus, weil dort die Leugnung des Holocaust strafrechtlich verfolgt wird, nämlich Belgien, Deutschland, Frankreich, Liechtenstein, Luxemburg, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, die Schweiz, Spanien und Tschechien. Und meine Empfehlung einer Reise nach Jerusalem war natürlich nicht ganz ernst gemeint, da auch in Israel Leugner oder Verharmloser des Holocaust wie Richard Williamson im Gefängnis landen – für bis zu fünf Jahre. Am wahrscheinlichsten dürfte also wohl sein, dass er in seine Heimat England zurückkehrt. Dass die Berichterstattung jetzt bei einer vergleichsweise so belanglosen Frage wie dieser anlangt, spricht jedenfalls dafür, dass das Thema kurz vorm Verlöschen ist und bald schon völlig erkaltet sein wird. In der Sprache der Medien sagt man dann wohl: „Das Thema ist abgeschlossen.”
Dabei ist es, wenn wir ehrlich sind, genau das ja ganz und gar nicht. Richard Williamson ist nach wie vor aufrichtig überzeugt, dass kein einziger Jude in Auschwitz in einer Gaskammer umgebracht wurde. Ob die Lektüre des Buches von Jean-Claude Pressac ihm zu einer besseren Einsicht verhelfen oder ihn gar zur Reue bewegen wird, bleibt abzuwarten. Williamson hat uns gewarnt, dass wir uns mit Geduld wappnen müssen. Vermutlich vertraut er darauf, dass in ein paar Wochen Gras über die Sache gewachsen sein wird und kein Hahn mehr nach ihm kräht. Das ist kein befriedigendes Ergebnis. – Papst Benedikt XVI. ist weiterhin das unfehlbare Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und als solches höchste Instanz in allen Fragen des Glaubens, der Weltanschauung, der Ethik. Dieser Papst hat nun zum wiederholten Mal durch seine Worte und Taten für Empörung und Unverständnis gesorgt, sowohl innerhalb seiner Kirche als auch außerhalb. Er hat nicht den Frieden und die Verständigung gefördert, im Gegenteil. Es ist auch diesmal nicht klar zu erkennen, ob der Papst schlecht beraten war, nicht gründlich genug nachgefragt hat oder gar von Intriganten in seiner Umgebung bewusst in die Falle gelockt wurde. Auch hier ist also kein Fortschritt zu verzeichnen. – Die Bewertung der Ereignisse durch die Öffentlichkeit, die Medien und das Publikum, war wie stets in solchen extrem kontrovers diskutierten Fällen nahezu vollkommen statisch. Die Neonazis feierten Williamson als Helden und Märtyrer, die Linken bedauerten, nicht mehr aus der Kirche austreten zu können, da sie dies schon vor vierzig Jahren hinter sich gebracht hätten – und die schweigende Mehrheit schüttelte betreten, verständnislos, nichtssagend den Kopf. Das bringt uns gleichfalls keinen Schritt weiter.
Jedenfalls dann nicht, wenn wir uns nun abwenden und die zahllosen Fragen, die den „Fall Williamson” nach wie vor umschwirren wie die Fliegen ein in der Sommerhitze vor sich hinfaulendes Stück Aas, unbeantwortet lassen. Dieser Fall ist ja nicht bloß deshalb abgeschlossen, weil keine sensationellen Ereignisse die Berichterstattung über ihn mehr am Leben halten.
Im Gegenteil! Jetzt kann ich mich doch erst in aller Ruhe, besonnen und planvoll diesen vielen Fragen zuwenden, die der „Fall Williamson” für mich aufgeworfen hat, ohne ständig gewärtigen zu müssen, dass meine Reflexionen und Konklusionen durch neue Ereignisse und Enthüllungen überholt werden. Somit ist jetzt der rechte Zeitpunkt gekommen, diesen Traktat in Fortsetzungen für eine Weile zu unterbrechen.
[Wird im März 2009 fortgesetzt. - Titelbild: "Detail of the interior of the gas-tight door found in the Auschwitz-Bauhof in 1945: the hemispherical grid protecting the inspection peep-hole."]






