Archiv für die Kategorie ‘Homo laber’

Christ-Birne (IX)

Sonntag, 22. Februar 2009

Gestern meldete die konservative argentinische Tageszeitung La Nación unter Berufung auf den Distriktoberen der Piusbruderschaft in Südamerika, Pater Christian Bouchacourt, der Richard Williamson vor zwei Wochen als Leiter des Priesterseminars in La Reja abgesetzt hatte, dass dieser Argentinien in wenigen Tagen verlassen werde. Über den künftigen Aufenthaltsort von Williamson würden die Autoritäten der Bruderschaft in Europa entscheiden: “Bouchacourt dijo desconocer la fecha de partida de Williamson, pero afirmó que sería dentro de los diez días que dispone la resolución que lo expulsa del país, y señaló que su nuevo destino debe ser definido por las autoridades del movimiento, en Europa.” (Afirman que el obispo ya tenía orden de irse; in: La Nación online v. 21. Februar 2009; vgl. Bischof Williamson verlässt Argentinien; in: Spiegel online v. 21, Februar 2009.)

Etliche europäische Länder scheiden als neue Heimat für den eigenwilligen Hobbyhistoriker wohl von vornherein aus, weil dort die Leugnung des Holocaust strafrechtlich verfolgt wird, nämlich Belgien, Deutschland, Frankreich, Liechtenstein, Luxemburg, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, die Schweiz, Spanien und Tschechien. Und meine Empfehlung einer Reise nach Jerusalem war natürlich nicht ganz ernst gemeint, da auch in Israel Leugner oder Verharmloser des Holocaust wie Richard Williamson im Gefängnis landen – für bis zu fünf Jahre. Am wahrscheinlichsten dürfte also wohl sein, dass er in seine Heimat England zurückkehrt. Dass die Berichterstattung jetzt bei einer vergleichsweise so belanglosen Frage wie dieser anlangt, spricht jedenfalls dafür, dass das Thema kurz vorm Verlöschen ist und bald schon völlig erkaltet sein wird. In der Sprache der Medien sagt man dann wohl: „Das Thema ist abgeschlossen.

Dabei ist es, wenn wir ehrlich sind, genau das ja ganz und gar nicht. Richard Williamson ist nach wie vor aufrichtig überzeugt, dass kein einziger Jude in Auschwitz in einer Gaskammer umgebracht wurde. Ob die Lektüre des Buches von Jean-Claude Pressac ihm zu einer besseren Einsicht verhelfen oder ihn gar zur Reue bewegen wird, bleibt abzuwarten. Williamson hat uns gewarnt, dass wir uns mit Geduld wappnen müssen. Vermutlich vertraut er darauf, dass in ein paar Wochen Gras über die Sache gewachsen sein wird und kein Hahn mehr nach ihm kräht. Das ist kein befriedigendes Ergebnis. – Papst Benedikt XVI. ist weiterhin das unfehlbare Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und als solches höchste Instanz in allen Fragen des Glaubens, der Weltanschauung, der Ethik. Dieser Papst hat nun zum wiederholten Mal durch seine Worte und Taten für Empörung und Unverständnis gesorgt, sowohl innerhalb seiner Kirche als auch außerhalb. Er hat nicht den Frieden und die Verständigung gefördert, im Gegenteil. Es ist auch diesmal nicht klar zu erkennen, ob der Papst schlecht beraten war, nicht gründlich genug nachgefragt hat oder gar von Intriganten in seiner Umgebung bewusst in die Falle gelockt wurde. Auch hier ist also kein Fortschritt zu verzeichnen. – Die Bewertung der Ereignisse durch die Öffentlichkeit, die Medien und das Publikum, war wie stets in solchen extrem kontrovers diskutierten Fällen nahezu vollkommen statisch. Die Neonazis feierten Williamson als Helden und Märtyrer, die Linken bedauerten, nicht mehr aus der Kirche austreten zu können, da sie dies schon vor vierzig Jahren hinter sich gebracht hätten – und die schweigende Mehrheit schüttelte betreten, verständnislos, nichtssagend den Kopf. Das bringt uns gleichfalls keinen Schritt weiter.

Jedenfalls dann nicht, wenn wir uns nun abwenden und die zahllosen Fragen, die den „Fall Williamson” nach wie vor umschwirren wie die Fliegen ein in der Sommerhitze vor sich hinfaulendes Stück Aas, unbeantwortet lassen. Dieser Fall ist ja nicht bloß deshalb abgeschlossen, weil keine sensationellen Ereignisse die Berichterstattung über ihn mehr am Leben halten.

Im Gegenteil! Jetzt kann ich mich doch erst in aller Ruhe, besonnen und planvoll diesen vielen Fragen zuwenden, die der „Fall Williamson” für mich aufgeworfen hat, ohne ständig gewärtigen zu müssen, dass meine Reflexionen und Konklusionen durch neue Ereignisse und Enthüllungen überholt werden. Somit ist jetzt der rechte Zeitpunkt gekommen, diesen Traktat in Fortsetzungen für eine Weile zu unterbrechen.

[Wird im März 2009 fortgesetzt. - Titelbild: "Detail of the interior of the gas-tight door found in the Auschwitz-Bauhof in 1945: the hemispherical grid protecting the inspection peep-hole."]

Christ-Birne (VIII)

Samstag, 21. Februar 2009

Richard Williamson hat in seinem bereits zitierten zweiten Interview, mit den Spiegel-Redakteuren Peter Wensierski und Steffen Winter, auf die Frage, ob er nicht Auschwitz einmal persönlich in Augenschein nehmen wolle, per Fax aus Argentinien geantwortet: „Nein, nach Auschwitz werde ich nicht fahren. Ich habe mir das Buch von Jean-Claude Pressac bestellt, auf Englisch heißt das Auschwitz. Techniques and operation of the gas chambers. Es ist nun zu mir als Ausdruck unterwegs, ich werde es lesen und studieren.” (Spiegel online, 9. Februar 2009.) Ganz nebenbei erfahren wir hier, dass der Bischof der Pius-Bruderschaft im argentinischen La Reja nahe Buenos Aires über keinen PC mit Internetzugang und Drucker verfügt, denn sonst wäre die Beschaffung des genannten Textes ja eine Angelegenheit von zehn Minuten. Wieder legt er Wert auf die Unterscheidung: „Es geht um historische Beweise, nicht um Emotionen.” Nicht nur Gottes Mühlen, auch die seines getreuen Hirten Williamson mahlen langsam: „Und wenn ich diese Beweise finde, dann werde ich mich korrigieren. Aber das wird Zeit brauchen.” Pressacs Buch hat 564 Seiten, es gründlich und aufmerksam zu lesen dürfte für einen müßigen Geistlichen, der mittlerweile seines Amtes als Rektor des Priesterseminars in La Reja enthoben ist, in zwei Wochen bequem zu schaffen sein. Indem Williamson aber hinzufügt, dass er dieses Werk nicht nur lesen, sondern auch studieren wolle, hält er sich ein Hintertürchen offen.

Nachdem nun gestern bekannt wurde, dass die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner Williamson des Landes verwiesen hat, ist er jetzt vermutlich mit seinen Umzugsvorbereitungen beschäftigt. Bis Ende nächster Woche bleibt ihm dazu Zeit, dann erlischt seine Aufenthaltsgenehmigung. Aber wohin? Ein idealer Ort, mindestens für einen unbefristeten Zwischenaufenthalt zwecks gründlichen Studiums, wäre sicher Jerusalem, genauer: Yad Vashem – die bedeutendste Stätte des Gedenkens an die nationalsozialistische Judenvernichtung. Ihr angegliedert sind die größte Bibliothek zum Holocaust (87.000 Bände) sowie ein Archiv mit Dokumenten (58.000.000 Seiten) und über 100.000 Fotografien.

Für die Reise vom Aeropuerto de Ezeiza in Buenos Aires zum Ben-Gurion-Flughafen nahe Jerusalem, mit Zwischenstopp in Frankfurt am Main, empfehle ich ein schmales Bändchen, das Protokoll einer jüdischen Ärztin, niedergeschrieben unmittelbar nach ihrer Befreiung aus Auschwitz, 1990 erstmals im französischen Original erschienen in der Zeitschrift Le Monde juif, das es seit 2005 auch in einer englischen Übersetzung unter dem Titel A Jewish doctor in Auschwitz – The Testimony of Sima Vaisman gibt. Ich las soeben die deutsche Übersetzung. (Sima Waisman: In Auschwitz. M. e. Nachw. v. Serge Klarsfeld. A. d. Frz. v. Daniele Raffaele Gambone. Düsseldorf: Lilienfeld Verlag, 2008.)

Es ist dies einer der ganz wenigen Augenzeugenberichte, die von Opfern unmittelbar nach der Befreiung aus diesem Anus Mundi geschrieben worden sind. (Sonst gibt es noch die Berichte von Xenia Gourvitch, Dr. André Leftich, Guy Kohen, Julien Unger und Serge Miller, die alle in den Jahren 1945-1947 zu Papier gebracht wurden, aber keins dieser Bücher erschien bisher in deutscher Übersetzung!) Man spürt, so man denn ein Herz hat, die absolute Wahrhaftigkeit dieses Berichts von Sima Vaisman, der kaum anklagt, aber einen – ich will nicht pathetisch werden – gleißenden Schmerz überträgt. Die Ärztin war in einer Baracke des Krankenbau-Lagers „Kanada II” untergebracht, von wo aus sie direkte Sicht auf die Südfassade des nur 50 Meter entfernten Krematoriums 4 mit seinen drei Gaskammern hatte.

„Einige junge, kerngesunde Frauen und Männer kommen auf die Seite und werden zum Badehaus geführt. Das sind die ,Glücklichen‘ [...]. Die anderen werden zu den Gaskammern, den Öfen geführt … und an unserem Block ziehen, fließen, mal in prasselndem Regen, mal unter einer sengenden Sonne, Ströme von Menschen dahin, junge Frauen mit Kindern in den Armen, Frauen, die unterwegs noch ihre Brust voller Leben, voller Saft geben, um ihre Kinder vom Weinen abzuhalten … An die Röcke klammern sich die kleinen Jungen und Mädchen, die schon gehen können, prächtige Kinder, braunhaarige und blonde, mit ihren Locken, die im Wind wippen; die kleinen Mädchen haben große Schleifen im Haar … Und junge, gesunde, starke Männer, diejenigen, die sich nicht von ihren Familien trennen wollen, die es vorziehen, mit ihnen in ,Arbeitslagern‘ zu bleiben, so wie es ihnen ihre im Sold der Deutschen stehenden Landsleute, die zu Hause geblieben sind, feierlich versprochen haben … Und junge Mädchen, und junge Leute, die ihre erschöpften Väter und Mütter stützen, krank oder gebeugt unter dem Gewicht der Bündel, der Gepäckstücke, die sie beim Aussteigen nicht den Männern haben anvertrauen wollen (unseren Häftlingen, die am Bahnhof arbeiten), die sie ihnen mit dem Versprechen, daß sie sie im Lager wiederfinden würden, abnehmen wollten. Es sind ihre Vorräte, die Windeln zum Wechseln für die Kleinen, ein Nachttopf für den Knirps, der Kochtopf, um ihm, sobald man angekommen ist, seinen Brei zu machen, eine Puppe, ein Spielzeug, es sind ihre armseligen Überbleibsel eines ganzen Lebens. [...] Der Wagen des Roten Kreuzes ist zwar da, er führt den Zug an oder folgt ihm, aber er ist beladen, er bringt das Gas für ihre Vernichtung mit.” (Vaisman, a. a. O., S. 39 f.) – Beim Zwischenstopp in Frankfurt möge Mr. Richard Williamson vielleicht daran denken, dass hier die Firma Degesch – Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung m. b. H. ihren Sitz hatte, die das Patent für Zyklob B hielt und in deren Auftrag in Dessau das Gift hergestellt wurde, das in Auschwitz zur Anwendung kam.

[Wird fortgesetzt.]

Christ-Birne (VII)

Freitag, 20. Februar 2009

Nahezu alle Argumente, die Richard Williamson anführt, um den Einsatz von Gaskammern zur Massentötung von Menschen in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern zu widerlegen, sind rein technische. Vordergründig kann man das natürlich damit erklären, dass er sich ausschließlich auf den Leuchter-Report bezieht, und das ist nun mal das Gutachten eines Technikers. (Mit der Qualifikation dieses speziellen „Technikers” Fred A. Leuchter werden wir uns später noch befassen.) Dennoch scheint mir bemerkenswert, dass sich hier ein hoher Würdenträger des katholischen Glaubens ausgerechnet mit Beweismitteln zu Wort meldet, die ihm die modernen Naturwissenschaften, Physik und Chemie, an die Hand geben – und zwar bemerkenswert gleich in zweifacher Hinsicht.

Erstens sind diese Beweismittel ja nicht auf subjektiven Glauben gegründet wie die Religionen, sondern auf Beobachtung und Messung objektiver Phänomene, wobei aus Hypothesen in langen Experimentalreihen schließlich Theorien werden, die sich durch Einfachheit, einen möglichst großen Geltungsbereich, eine elegante mathematische Formulierung und hohen Erklärungswert auszeichnen müssen, um sich langfristig im Weltbild der exakten Naturwissenschaften etablieren zu können. Dieses Weltbild hat sich bekanntlich im Zeitalter der Aufklärung, also seit dem 17. Jahrhundert, im Okzident gegen althergebrachte Vorstellungen, überholte Vorurteile und starre Ideologien durchgesetzt, und das bedeutete: insbesondere gegen die römisch-katholische Kirche und ihre Oberhäupter. – Ein weiteres Verdienst der Aufklärung war bekanntlich, erstmals einen für alle Menschen gleichermaßen gültigen Rechtsanspruch auf Freiheit begründet und gesetzlich verankert zu haben, so etwa am 26. August 1789 mit der Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen. Auch dazu hat Richard Williamson eine eigene Meinung: „Als in Frankreich die Menschenrechte proklamiert wurden, sind in ganz Frankreich Hunderttausende umgebracht worden. Wo die Menschenrechte als eine objektive Ordnung verstanden werden, die der Staat durchsetzen soll, da kommt es immer zu einer antichristlichen Politik. Wenn es darum geht, dem Einzelnen die Freiheit seines Gewissens gegen den demokratischen Staat zu erhalten, da erfüllen die Menschenrechte eine wichtige Funktion. Der Einzelne bedarf dieser Rechte gegen einen Staat, der sich als Leviathan geriert. Das christliche Verständnis vom Staat ist aber ein anderes, so dass die christlichen Menschenrechtstheorien mehr betonen, dass die Freiheit nicht Selbstzweck ist. Es geht nicht um Freiheit von etwas, sondern um Freiheit für etwas. Für das Gute.” (Peter Wensierski u. Steffen Winter: „Nach Auschwitz werde ich nicht fahren”. 14 Fragen an den Bischof der Piusbruderschaft Richard Williamson; in: Spiegel online v. 9. Februar 2009.)

Ganz möchte also Williamson auf die Errungenschaften der Aufklärung dann doch nicht verzichten. Die Freiheit der Meinungsäußerung nimmt er für sich persönlich in Anspruch, wenn er öffentlich den Massenmord an den Juden in den Jahren 1942 bis 1945 leugnen will und der demokratische Staat ihm dies verwehrt, weil er solche Behauptungen rechtlich als eine Verletzung der Ehre der unter der nationalsozialistischen Diktatur verfolgten Juden und insofern als eine schwerwiegende Beleidigung (nach §§ 185, 194 Abs. 1 Satz 2 StGB), als Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener (§ 189 StGB) und schließlich als Volksverhetzung (§ 130 StGB) bewertet und bestraft. Richard Williamson folgt aber nur seinem Gewissen und streitet für das Gute, während sich der Staat als Leviathan geriert. Für ihn soll die Freiheit nicht Selbstzweck sein, sondern nur dann gelten, wenn sie seinen, Williamsons, guten Zwecken dienlich ist. In dieser kruden Logik ist das Bundesverfassungsgericht dann vermutlich der Kopf des Hobbes’schen Ungeheuers, weil es den Anspruch der Holocaustleugner auf Meinungsfreiheit mit dem klaren Satz zurückgewiesen hat: „Erwiesen unrichtige Tatsachenbehauptungen sind kein schützenswertes Gut.” (BVerfGE 90, 241 „Auschwitzlüge” v. 13. April 1994.) – Und ähnlich selektiv lässt Richard Williamson die Ergebnisse der Wissenschaften gelten, nämlich nur dann, wenn sie seinen bizarren Urteilen entgegenkommen, die sich so als Vorurteile reinster Blüte erweisen. Von den Bibliotheken füllenden Gutachten der Physiker, Chemiker, Geologen, Psychologen, Mediziner, Historiker, Graphologen usw., die mit erdrückender Evidenz das Jahrhundertverbrechen des Holocaust beweisen, lässt er sich nicht beeindrucken. Für ihn reicht ein einziges Dokument, der Leuchter-Report, um all diese Beweise ins Reich der Fabel zu verweisen.

Zweitens aber ist bemerkenswert, dass ausgerechnet ein Anhänger der Religion, ein gläubiger Christ katholischer Konfession, Wert darauf legt, dass seine Aussagen und Behauptungen zum Schicksal der Juden im Dritten Reich nicht auf Gefühlen gründen, sondern auf historischen Fakten: “I’m not going by emotion, I’m going by … – as far as I have understood the evidence, I think for instance” etc. – Nun habe ich als Nicht-Christ schon in jungen Jahren sehr viele jener grausamen Fakten zur Kenntnis genommen, die sich für mich seither mit dem Namen Auschwitz verbinden; Fakten, die zum Beispiel durch den Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965 ans Tageslicht gekommen sind, durch die Aussagen jener Menschen, die Zeugen der Ereignisse in Auschwitz in den Jahren 1942 bis 1945 waren – und zwar sowohl der Opfer als auch der Täter. Selbstverständlich haben diese Fakten mein Gefühl angesprochen, sogar in einem Maße wie kaum etwas anderes, was mir in meinem Leben bisher begegnet ist. Diese heftigen Gefühlsregungen, ausgelöst von meiner Lektüre etwa der Dokumentation des Auschwitz-Prozesses von Hermann Langbein (Frankfurt am Main: Verlag Neue Kritik, 1995), waren: blankes Entsetzen, abgrundtiefe Verzweiflung, trostlose Trauer und heillose Scham.

Nun meldet sich öffentlich ein Christ zu Wort, gar im Range eines Bischofs und zudem noch mit dem Anspruch, als Mitglied einer konservativen Bruderschaft den wahren Glauben zu repräsentieren, und formuliert für die Auseinandersetzung mit dem Holocaust das Postulat, Gefühle auszuschalten und ausschließlich nach der Evidenz wissenschaftlicher Beweise zu urteilen. – Das ist, wenn ich es noch einmal sine ira et studio sagen soll, bemerkenswert. Wenn ich aber meinem Herzen keine Gewalt antun muss, dann darf ich sagen: Es ist degoutant.

[Wird fortgesetzt.]

Christ-Birne (VI)

Donnerstag, 19. Februar 2009

Und nun lassen wir uns mal von einem, wie es immer wieder heißt, „durchaus gebildeten Mann” oder mindestens doch „scheinbar gebildeten Mann” erklären, was in Auschwitz und den anderen Konzentrationslagern der Nazis eigentlich passiert ist, was dort jedenfalls nicht passiert ist, welche Beweise für diese Annahmen sprechen und warum nur ganz wenige, vorurteilsfreie und mutige Menschen zu dieser erstaunlichen Wahrheit durchdringen können. Richard Williamson hat also am 1. November 2008 den schwedischen TV-Reportern Ali Fegan und Lars-Göran Svensson auf die Frage “So there [in Auschwitz] was no gas chambers?” wörtlich vor laufender Kamera Folgendes erklärt, wobei er dabei stellenweise etwas undeutlich spricht – vielleicht eine Folge seiner nur notdürftig unterdrückten Erregung – und somit nicht jedes Wort zweifelsfrei zu verstehen ist:

“I believe there were no gas chambers, yes. I think the … as far as I have studied the evidence – I’m not going by emotion, I’m going by … – as far as I have understood the evidence, I think for instance people who are against what is very widely believed today about – quote unquote – ‘the Holocaust’ – I think that people … those people conclude, the ‘revisionists’ as they’re called, I think the most serious conclude that between two and three hundred thousand Jews perished in Nazi concentration camps, but not one of them by gassing in a gas chamber. – The … you may have heard of the Leuchter report? Now, Fred Leuchter was an expert in gas chambers. He designed gas chambers for three states, three of the fifty United States, for the execution of criminals. So he knew what’s involved. And he studied what the supposed gas chambers in Germany … at some point in the 1980ies … what remains of the supposed gas chambers, the crematoria at Birkenau-Auschwitz for instance. And his conclusion, his expert conclusion was it’s impossible that these could ever have served for the gassing of large numbers of people. Because cyanide gas is very dangerous. If you … let’s suppose if you gas … 300 people that you’ve crowded into one chamber, and you gas them … they will wear some clothes, [...] there were any clothes. It’s very dangerous to go in and pull out the corpses, because one whiff of gas that’s trapped in the clothing and escapes from the clothing will kill the person. It’s extremely dangerous. – In order to … once you’ve gassed people, you’ve got to get rid of the or evacuate the gas to be able to get into the chamber again to use it. To evacuate the gas you need a high chimney. If it’s a low chimney, the gas goes onto the pavement and kills anybody walking by. You need a high chimney, right? I forget how high it is, it must be. If you … if there was a high chimney, then the shadow at any … most times of day the shadow would have fallen on the ground and the allied aero photographers who flew over the camps would have picked up the shadow of this chimney. But there were never any of such shadows. There was no such chimney. – Which gets me going in Fred Leuchter’s testimony: there can’t have been gas chambers. He looks at the doors and he says the door has to be absolutely airtight. Otherwise again, the gas escapes and kills the people outside. The doors of the gas chamber that are shown to the tourists at Auschwitz are absolutely not airtight, absolutely not. So you know …”

Und damit auch meine des Englischen nicht mächtigen Leser dieses ebenso aufschluss- wie folgenreiche Statement des Bischofs Wort für Wort nachlesen können, liefere ich hier noch eine deutsche Übersetzung: „Ich glaube, es gab keine Gaskammern, ja. Ich denke, die … Soweit ich die historischen Fakten studiert habe – ich richte mich nicht nach Gefühlen, ich richte mich nach … – soweit ich die Fakten verstanden habe, denke ich zum Beispiel, dass die Leute, die sich gegen das wenden, was heutzutage weitverbreitet über den – in Anführungsstrichen – ,Holocaust‘ geglaubt wird – ich denke, dass die Leute … diese Leute kommen zu dem Ergebnis (die Revisionisten, wie sie genannt werden), die seriösesten kommen zu dem Ergebnis, dass zwischen 200.000 und 300.000 Juden in den Nazi-Konzentrationslagern umkamen, aber keiner von ihnen durch Vergasen in einer Gaskammer. – Der … Sie haben vielleicht vom Leuchter-Report gehört? Nun, Fred Leuchter war ein Experte für Gaskammern. Er konstruierte drei Gaskammern zur Hinrichtung von Verbrechern für drei Staaten, drei von den 50 US-Bundesstaaten. Er wusste also, was es damit auf sich hat. Und er untersuchte, was die angeblichen Gaskammern in Deutschland … irgendwann in den 1980ern … was von den angeblichen Gaskammern übrig ist, das Krematorium in Auschwitz-Birkenau zum Beispiel. Und seine Schlussfolgerung, seine fachmännische Schlussfolgerung war, dass es unmöglich ist, dass diese [Anlagen] jemals zur Vergasung einer großen Anzahl von Menschen hätten dienen können. Denn Cyanid-Gas ist sehr gefährlich. Wenn man … angenommen, man vergast … 300 Menschen, eingepfercht in einem Raum, und man vergast sie … Sie tragen ja Kleidung … es wird wohl Kleidung geben [...], dann ist es sehr gefährlich. Es ist sehr gefährlich, hineinzugehen und die Leichen herauszuziehen, weil ein Hauch von Gas, der in der Kleidung sitzt und aus der Kleidung entweicht, die Person umbringen wird. Es ist extrem gefährlich. – Um … wenn man die Leute schließlich vergast hat, muss man das Gas loswerden oder ableiten, um in der Lage zu sein, die Kammer wieder zu betreten, um sie zu benutzen. Um das Gas abzuleiten, braucht man einen hohen Kamin. Wenn es ein niedriger Kamin ist, fällt das Gas auf den Gehweg und tötet jeden, der vorübergeht. Man braucht einen hohen Kamin, stimmt’s? Ich habe vergessen, wie hoch er ist. Wenn man … Hätte es einen hohen Kamin gegeben, wäre der Schatten zu jeder … wäre die meiste Zeit des Tages der Schatten auf den Boden gefallen, und die alliierten Luftaufklärungs-Photographen, die über die Lager flogen, hätten den Schatten dieses Kamins bemerkt. Aber es gab niemals irgendsolche Schatten. Es gab keinen solchen Kamin. – Das bringt mich dazu, Fred Leuchters Beweis zu folgen: Es kann keine Gaskammern gegeben haben. Er sieht sich die Türen an und er sagt, die Tür muss vollkommen luftundurchlässig sein. Ansonsten wird ebenfalls das Gas nach außen dringen und die Menschen dort töten. Die Türen der Gaskammer, die den Touristen in Auschwitz gezeigt werden, sind absolut nicht luftundurchlässig. Absolut nicht. Also, wissen Sie …” [Diese Übersetzung entstand mit Unterstützung durch meine Lektorin Mico. Wieder einmal ein herzliches Dankeschön! Was wäre dieses Weblog ohne Deine Hilfe?]

Bevor ich die wenigen Beweismittel, die Richard Williamson für seine These ins Feld führt, eines nach dem anderen auf seine Stichhaltigkeit überprüfe, möchte ich zunächst das Augenmerk des geneigten Lesers auf den bemerkenswerten Umstand richten, dass unser mit fachmännischem Aplomb argumentierender Kirchenmann sich auf nur ein einziges Dokument stützt, nämlich auf Fred A. Leuchter: The Leuchter Report: The End of a Myth. Foreword by Dr. Robert Faurisson (Alabama: David Clark, o. J.). Ganz unabhängig von der Frage, wie zuverlässig diese Quelle ist, muss es doch jedenfalls verwundern, dass Williamson sie allein für hinreichend hält, der erdrückenden Beweislast ganzer Bibliotheken zum Holocaust Paroli zu bieten.

Ein solcher Ketzer gegen alle Vernunft muss entweder verückt sein – oder ein Genie, das die Meinungsknechtschaft der leichtgläubigen Masse überwindet. Prompt wurde Williamson bereits mit Galileo Galilei verglichen, der gegen den uralten Irrglauben antrat und bewies, dass die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel sei und die Sonne sich nicht um die Erde, sondern diese sich um die Sonne drehe. Wir werden sehen, ob Richard Williamson ein genialer Geist ist, der uns durch seine todesmutige Intervention zwingt, die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu zu schreiben; oder ob er zuletzt doch eher als ein naiver Fanatiker dastehen wird, der sich von seinen Ressentiments lenken ließ und sich in der Würde seines bischöflichen Amtes zu historischen Ereignissen äußerte, über die er weniger Kenntnisse besaß als ein Hauptschüler mit einer Vier minus in Geschichte und einer Eins plus in Religion.

[Wird fortgesetzt.]

Christ-Birne (V)

Mittwoch, 18. Februar 2009

Bevor wir uns der eigentlichen Kernaussage von Bischof Richard Williamson in seinem Interview von Allerheiligen 2008 zuwenden, in der es um Gasrückstände in Häftlingskleidung, lange Schatten hoher Kamine und absolut nicht luftdichte Türen geht; bevor wir uns also [s. Titelbild] mit Otto aus Ein Fisch namens Wanda fragen werden: „Wie war das noch mal im Mittelteil?”, erlauben wir uns noch einen kleinen Abstecher in den „Untergrund des kämpferischen Katholizismus und der Orthodoxie”.

Dass die Ausstrahlung der schwedischen Fernsehsendung und damit des Williamson-Interviews nahezu gleichzeitig mit der Bekanntgabe von Williamsons Rehabilitierung durch Papst Benedikt XVI. erfolgte und diesem spannungsreichen Doppelereignis dadurch weltweite Medienpräsenz zuteil wurde, war für den Vatikan ein „Super-GAU”, wie zwei hohe Diplomaten des Heiligen Stuhls unabhängig voneinander im vertraulichen Gespräch zugaben. (Stefan Ulrich: Im Labyrinth des Herrn; in: Süddeutsche Zeitung Nr. 37 v. 14./15. Februar 2009, S. 3.) Für die freie Welt des Unglaubens hingegen, der ich mich gottlob zurechnen darf, war dieser Zufall ein wahrer Segen, brachte er doch eine erstaunliche Vielzahl von Selbstzeugnissen und Bilddokumenten aus dem braunen Sumpf ans Tageslicht der überfälligen Aufklärung, von denen etliche eine eingehendere Würdigung durch den kritischen Geist durchaus verdienen.

Das jüngste Beispiel: Der aktuelle Spiegel bringt, sozusagen als Nachdreh zum Kassenknüller der vergangenen vier Wochen, eine weitere Enthüllung über das private Umfeld des Pius-Bruders Williamson. Auf der Durchreise vom Priesterseminar Nuestra Señora Corredentora im argentinischen La Reja zum Priesterseminar Herz Jesu im bayerischen Zaitzkofen machte er am 19. Oktober vorigen Jahres Zwischenstation beim international bekanntesten Holocaust-Leugner überhaupt, dem Briten David Irving. Ein Foto zeigt ihn mit Sektglas auf der Gartenparty im 400 Jahre alten Landhaus dieses rechtsradikalen Historikers, Rassisten und Antisemiten. (Michael Sontheimer u. Peter Wensierski: Zur Rechten Gottes; in: Spiegel Nr. 8 v. 16. Februar 2009, S. 36 f.) Von seiner Website hat Irving das Foto, das seinen Gast zusätzlich zu allem Übrigen noch weiter diskreditieren musste, zwar fürsorglich entfernt. Aber wieder einmal erweist sich, dass es in der Internet-Ära kaum mehr möglich ist, eine einmal gelegte Spur nachträglich zu verwischen: bits don’t burn. Und überdies: Nach allem, was wir zuvor bereits über Monsignore Williamson erfahren haben, kann uns dieser neuerliche Beweis seiner rechten Gesinnung auch nicht mehr aus der Fassung bringen.

Interessanter, weil völlig neu, war für mich der Hinweis am Schluss des gleichen Spiegel-Artikels auf eine Neofolk-Band namens Von Thronstahl und ihren Frontmann Josef Maria Klumb, der von dem charismatischen katholischen Pfarrer Hans Milch (1924-1987) in Hattersheim beinflusst wurde. Milch lehnte die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ab und bekannte sich zu Bischof Marcel Lefebvre. Nach seiner Suspendierung 1979 gründete er die „Kampf- und Sühnegemeinschaft” actio spes unica, die nach Milchs Ermordung durch einen Geisteskranken in die Bruderschaft Pius X. überging.

Wenn man sich auf der Von-Thronstahl-Website über „Ecclesia Militans” [!] bis zu dem Artikel Die reaktionäre Mobilmachung aus dem Untergrund des kämpferischen Katholizismus und der Orthodoxie durchgeklickt hat, liest man dort ein anonymes Pamphlet, entstanden offenbar im Anschluss an die „Vorfälle in Mügeln” im August 2007, als in der sächsischen Kleinstadt acht indische Textilunternehmer Opfer fremdenfeindlich motivierter Gewalt wurden. Der Autor hat für die Täter und deren „Stammesrituale” vollstes Verständnis und empfindet solche Keilereien als „durchaus gesund”, obwohl oder gerade weil er selbst nach eigenem Bekenntnis in seiner Jugend als Punk mehrfach tätlichen Angriffen bäuerlicher Jungmänner ausgesetzt war. Wen mag unser Anonymus wohl im Sinn haben, wenn er schreibt: „Es gibt Menschen hierzulande, die, weil ihr Rechenergebnis aus 2+2 nach aller Regel 4 ergab, im Gefängnis sitzen – nur wegen dieses Gedankenverbrechens. Ich konzentriere meine Gedanken gerade auf diesen Menschen, der kein Nazi, kein Skinhead, kein Mörder, kein Kinderschänder und beileibe kein Unmensch ist – und der nach wie vor daran glaubt, daß 2+2 4 ergibt.” Hier ist doch nicht etwa Ernst Zündel gemeint, der ein halbes Jahr zuvor vom Landgericht Mannheim wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde? Wenn unser Kenner der Volksseele seinen nach seiner Überzeugung menschenrechtswidrig eingekerkerten Bruder im Geiste lieber nicht beim Namen nennen möchte, so ist er doch desto freizügiger bei der Preisgabe jenes Stichwortgebers, der ihm das Motto zu seinem mutigen Bekenntnis lieferte: „Durch den Verlust der Wahrheit ist es nicht mehr möglich, zwischen gut und böse zu unterscheiden.” Na ja, ganz wörtlich ist das nicht zitiert, aber sinngemäß stimmt es schon: „Wenn es Wahrheit für den Menschen nicht gibt, dann kann er auch nicht letztlich Gut und Böse unterscheiden.” So sprach Papst Benedikt XVI. am 8. September 2007 bei seinem Besuch im österreichischen Marienwallfahrtsort Mariazell. Es geht also um Wahrheit. Da bin ich ja immer für zu haben. Otto in Ein Fisch namens Wanda interessiert sich auch für die Wahrheit. Er liest sogar Philosophiebücher. Als ihn Wanda Gerschwitz einen Affen nennt, hält er ihr entgegen: „Affen lesen nicht Philosophiebücher.” Darauf Wanda: „Doch, das tun sie, Otto, sie verstehen sie bloß nicht.”

[Wird fortgesetzt.]

Christ-Birne (IV)

Dienstag, 17. Februar 2009

Warum konnte sich Richard Williamson augenblicklich an einen Ausspruch erinnern, den er im April 1989, also vor nahezu zwei Jahrzehnten, getan hatte? Vermutlich deshalb, weil ihm dieses schauderhafte Bekenntnis schon damals einige Scherereien eingetragen hatte: “There was not one Jew killed in the gas chambers. It was all lies, lies, lies. The Jews created the Holocaust so we would prostrate ourselves on our knees before them and approve of their new State of Israel. [...] Jews made up the Holocaust, Protestants get their orders from the devil, and the Vatican has sold its soul to liberalism.”

Als Williamson seinem Herzen mit diesen Worten Luft machte, da gab es in der Pius-X.-Gemeinde im kanadischen Sherbrooke, die ihm andächtig lauschte, offenbar einen wachen Geist, der diesen finsteren Obskurantismus nicht hinnehmen wollte. Dieser Unbekannte floh eilends aus der Kirche Notre-Dame-de-Lourdes, rannte die Rue McManamy hinab zur nächsten Polizeistation und erstatte Anzeige gegen den christlichen Holocaust-Leugner. Denn was Williamson von der Kanzel herab verkündet hatte, gilt auch in Kanada als Straftat.

„Der Toronto Star berichtete über den Vorfall und konfrontierte den damaligen Erzbischof von Halifax, James Hayes, mit Williamsons Holocaust-Leugnung. – Der Erzbischof wiegelte ab und versuchte, den Vorfall herunterzuspielen. Der Skandal zog jedoch weitere Kreise, wenn auch die Anzeige versandete, weil Williamson sich einige Zeit in Québec nicht mehr sehen ließ.” (Peter Wensierski: Wie die Piusbrüder gegen Juden, Muslime und Schwule hetzen; in: Spiegel online v. 3. Februar 2009.) Williamson hatte sich vermutlich längst wieder ins St. Thomas Aquinas Seminary in Winona (MN) verdrückt, wo er von 1983 bis 2003 als Rektor beschäftigt war.

Interessant daran ist mit Blick auf die aktuellen Ereignisse, dass auch jener mittlerweile längst emeritierte Erzbischof James Hayes, der sich schützend vor Williamson stellte, alles andere war als ein reaktionärer katholischer Fundamentalist. Im Gegenteil! “Archbishop Hayes participated in the Second Vatican Council, and brought the teachings of the Council home to the Archdiocese of Halifax. He worked to bring to birth a Church which would be rooted firmly in the teachings of Vatican II. He is well respected locally, nationally and internationally as a leader in the liturgical renewal and an effective advocate for the renewal of the whole Church.” (Homepage der Erzdiözese von Halifax.)

Der Toronto Star ist die größte Tageszeitung Kanadas. Selbstverständlich berichtete sie in den letzten Wochen ausführlich über den Fall Williamson. Das Archiv des Toronto Star scheint allerdings nicht gut sortiert zu sein – oder die dort tätigen Journalisten sind nicht sonderlich auf Zack. Denn merkwürdigerweise wird in keinem der Artikel erwähnt, dass es der Toronto Star war, der zuerst über die Holocaust-Leugnung des Bischofs Williamson berichtet hatte. Vielleicht schreibe ich mal einen Leserbrief nach Toronto.

[Wird fortgesetzt.]

Christ-Birne (III)

Samstag, 14. Februar 2009

Den schwedischen Fernsehleuten war wohl nicht recht klar, was für ein hochexplosives Interview sie da am 1. November 2008 unversehens auf Video gebannt hatten. Zurück in Stockholm gingen sie in aller Ruhe daran, ihre Reportage über die Bruderschaft SSPX fertigzustellen. Immerhin waren sie überrascht gewesen, dass Bischof Williamson überhaupt so kurzfristig bereit gewesen war, ihnen Rede und Antwort zu stehen: “Much to our surprise, he agrees to an interview.” Dass sich jener Geistliche, der den schwedischen Konvertiten Sten Sandmark zum Diakon weihte, ganz unverblümt und unmissverständlich als Holocaust-Leugner outete, war schon eine Neuigkeit für ihre an kirchlichen Themen interessierten Zuschauer. Daraus ließ sich was machen. Aber dass sie knapp drei Monate später mit ihrer Sendung im schwedischen Fernsehen die größte Kirche der größten Weltreligion in argen Erklärungsnotstand bringen würden, das hätten sie sich vermutlich kaum träumen lassen.

Bei ihren Recherchen vor der Fahrt nach Zaitzkofen hatten Ali Fegan und Lars-Göran Svensson herausgefunden, dass die Piusbrüder in der letzten Zeit in mehreren altehrwürdigen schwedischen Kirchen Messen nach altem Ritus gelesen hatten. Die zuständigen Pfarrer hatten erkennbar bona fide gehandelt, als sie ihre Gotteshäuser diesem erzreaktionären Stoßtrupp allein selig machenden Glaubens zur Verfügung stellten. Ali Fegan klappte ein ums andere Mal sein Laptop auf und spielte den verdatterten Geistlichen das Williamson-Interview vor. Die rechtschaffenen Männer, die in der Reportage regelrecht vorgeführt werden, sind aufrichtig entsetzt – und der schon fast anklagende Tonfall, mit dem Fegan ihnen ihre Naivität vorhält, macht mir diesen investigativen Reporter, bei all seinen Verdiensten, doch ein wenig unsympathisch. Wenn er hier auf die Falschen drischt, ist das allenfalls damit zu entschuldigen, dass er für seine Fassungslosigkeit offenbar vorläufig kein besseres Ventil findet.

Das Interview ist bloß ein Schnipselchen von zwei Minuten und zehn Sekunden in der insgesamt 55 Minuten langen TV-Reportage. (Genau genommen sind es zwei Schnipselchen: von 34:38 bis 36:20 und von 36:37 bis 37:05.) Bei YouTube gibt es eine wesentlich längere Version von fast sechs Minuten, wahlweise auch mit deutschen Untertiteln. In den übrigen 53 Minuten wird der Konvertit Sten Sandmark ausgiebig befragt, der von einer rechtsradikalen oder antisemitischen Unterwanderung der Piusbruderschaft nichts wissen will oder solche Tendenzen mindestens doch für unerheblich hält. Die Diakonatsweihe wird gezeigt. Historische Aufnahmen illustrieren die nötigen Erläuterungen zum Zweiten Vatikanischen Konzil und zum Schisma des Bischofs Marcel Lefebvre. Auch die lesbische Kirchenkritikerin Fiametta Venner wird von Fegan befragt: Ob sie für möglich halte, dass Richard Williamson vor zwanzig Jahren in Kanada in einer Messe den Holocaust geleugnet habe? Davon sei ihr zwar nichts bekannt, sie halte es aber durchaus für sehr gut möglich, da diese Meinung von anderen Anhängern der Piusbruderschaft nachweislich geteilt werde. Namentlich erwähnt wird in diesem Zusammenhang der in Schweden bekannte Rechtsradikale Jonas de Geer, der in seinem Weblog von den Orkney-Inseln aus prompt auf den „Fall Williamson” reagiert hat.

Die Erstausstrahlung der Reportage in Schweden am 21. Januar 2009 wäre vermutlich weitgehend unbemerkt geblieben, hätte nicht Papst Benedikt XVI. zufällig am selben Tage seine Entscheidung zur Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der Piusbruderschaft unterschrieben und der Welt verkünden lassen.

Welcher Teufel mag Bischof Williamson bloß geritten haben, als er sich selbst, seine Bruderschaft, die römisch-katholische Kirche und deren Oberhaupt durch ein paar unbedachte Äußerungen vor laufender Kamera ins Zwielicht setzte? Ich kann mir diesen Lapsus nur mit seiner Eitelkeit erklären. Als er erfuhr, dass ein Fernsehteam aus dem fernen Schweden eigens in dieses bayerische Kaff gereist war, um über die von ihm vorgenommene Diakonatsweihe zu berichten, da konnte er nicht widerstehen und gewährte gnädig ein Interview. Im argentinischen La Reja in Moreno ist man eben doch etwas ab vom Schuss und entsprechend ausgehungert nach öffentlicher Aufmerksamkeit, zumal wenn man sich als Kirchen- und Weltenretter sieht. Als dann Ali Fegan gleich eingangs auf den zwanzig Jahre alten „Vorfall” in Kanada zu sprechen kam, hätte Williamson dieser offenichtlichen Falle auf mancherlei Weise ausweichen können. „Darüber möchte ich nicht sprechen, heute geht es um die Weihe.” – „Das ist lange her, ich erinnere mich nicht.” – „Das ist missverständlich zitiert, aus dem Zusammenhang gerissen.” Solche Ausflüchte hätte ihm keiner übel genommen. Aber Richard Williamson leidet offenbar unter einem Märtyrer-Komplex, gepaart mit einem Wahrhaftigkeits-Spleen. Trotzig bekennt er die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Dass ihm durchaus bewusst war, worauf er sich damit einließ, wird ganz am Schluss deutlich, wenn er sagt: “Now be careful, I beg of you! This is against the law in Germany. If there was a German, someone of the German state, you could have me thrown into prison before I leave Germany. I hope that’s not your intention.” („Nun seien Sie vorsichtig, ich bitte Sie! Dies ist gegen das Gesetz in Deutschland. Wenn es da [zeigt hinter sich auf die Tür] einen Deutschen gäbe, einen Vertreter des deutschen Staates, dann könnten Sie mich ins Gefängnis werfen lassen, bevor ich Deutschland verlasse. Ich hoffe, das ist nicht Ihre Absicht.”)

[Wird fortgesetzt.]