Archiv für die Kategorie ‘Siemsen’

Twardy

Montag, 05. Mai 2008

Auch Hans Siemsen, wir sprachen bereites mehrfach von ihm, hat gelegentlich für Die Weltbühne geschrieben. Am 20. Januar 1921 erschien dort sein entzückender Aufsatz Bilder von Kindern, anlässlich einer Ausstellung in der Buch- und Kunsthandlung Twardy in Berlin, Potsdamerstraße 13, „deren einziger Raum nicht größer war als ein sehr kleiner Zigarettenladen“. (Zit. nach Hans Siemsen: Schriften II. Kritik – Aufsatz – Polemik. Essen: TORSO Verlag, 1988, S. 128-130.)

Hans Siemsen war gewiss ein großer Melancholiker. Neben den Bildern der Arbeiterkinder hingen auch ein paar Bilder von erwachsenen Arbeitern. Siemsen vergleicht nun diese mit jenen, und es überkommt ihn eine große Traurigkeit. Unter den Kinderzeichnungen entdeckte er „ganz entzückende, ganz unwahrscheinlich schöne Sachen“, die Bilder der Erwachsenen aber waren „nur zu geschickte, aber ganz phantasielose, leere und hohle Kompositionen, oberflächliche Skizzen.“ (Siemsen, a. a. O.)

Was war denn bloß der Grund, so fragt sich Hans Siemsen, dass unterm Erwachsenwerden diese ursprüngliche Kreativität, ja schöpferische Genialität des Kindes auf der Strecke bleiben musste? Für Siemsen ist dies kein Wunder: „Was soll in dieser Erziehungsmühle, in diesem Folterautomaten, in den wir oben als Kinder hineinfallen und unten als ,fertige‘ Menschen herauspurzeln, was soll in dem noch übrigbleiben vom Künstler und Dichter in uns? […] Die Schulen, wie sie heute sind, hindern uns mit List und Gewalt daran, uns die Erkenntnisbäume selbst zu suchen und die Äpfel selbst zu pflücken. Sie servieren uns statt dessen wohlkonfektionierte, eingemachte und immer, aber immer mit Saccharin gesüßte Normalfrüchte. Einige kriegen davon das Kotzen. Die meisten verspeisen sie willig und brav – und haben nun nicht bloß ihre Unschuld verloren, sondern, was viel schlimmer ist, die konfektionierte Normal-Erkenntnis, Normal-Bildung, Normal-Geschicklichkeit dafür im Leibe.“ (Siemsen, ebd.)

Aber was war das nur für ein zigarettenladenkleines Kunstkabinett, dessen Inhaberinnen schon Anfang der 1920er-Jahre auf den Gedanken kamen, Bilder von Kindern auszustellen? Tatsächlich wurde ich im Internet fündig und erfuhr dort, dass Käthe und Emma Twardy am 20. Mai 1919 in Zoppot im Freistaat Danzig eine Buch- und Kunsthandlung gegründet hatten, die im Herbst 1920 nach Berlin expandierte, wo sie in der Potsdamerstraße 12 [?] unter dem Namen „Buch- und Kunstheim K. & E. Twardy“ ein kleines Lokal bezog. Da Herwarth Waldens „Sturm“-Verlag samt Galerie und Privatwohnung vis-à-vis in der Potsdamerstraße 134a beheimatet war, verkehrten bei Twardy bald Künstler wie Kandinsky, Archipenko und Moholy-Nagy.

Nach Hitlers „Machtergreifung“ verlieren sich die Spuren der rührigen Damen Twardy im Dunklen. Nach zwei Umzügen 1933 und 1934 innerhalb von Berlin erlischt die Firma. Im Adressbuch des Deutschen Buchhandels von 1936 ist sie nicht mehr verzeichnet.

Siemsen, die Zweite

Freitag, 04. April 2008

Mittlerweile bin ich mit meinen Nachforschungen zu Leben und Werk des vergessenen homosexuellen Schriftstellers Hans Siemsen (1891-1969) ein gutes Stück vorangekommen. Die seltene, dreibändige Werkausgabe im Essener Torso-Verlag fand ich doch tatsächlich in der hiesigen Stadtbibliothek – einsortiert unter Heimatkunde! So ganz abwegig ist das nicht einmal, denn Siemsen hat in Essen nicht nur seine letzten Lebensjahre verbracht; er hat hier offenbar auch viel früher einmal, nämlich in den 1920er-Jahren, in der Alfredstraße 23 eine Zweitwohnung gehabt.

Hans Siemsen beschloss sein Leben als „Pflegefall“ im Essener Otto-Hue-Haus, einem Altenheim der Arbeiterwohlfahrt in der Barthel-Bruyn-Straße 46 in Essen-Holsterhausen, in das er im November 1953 eingeliefert wurde. „Dort vegetierte er noch fast sechzehn Jahre dahin, pflegebedürftig, teilnahmslos und geistig isoliert. Wenn man Siemsen fragte, ob er nicht Papier zum Schreiben haben wolle, soll er gesagt haben: ,Nein, nichts mehr.‘ – Sein einziger Kontakt war zuletzt nur noch eine Pflegerin; nicht einmal der Pförtner des Altenheims kannte seinen in der Öffentlichkeit längst vergessenen Namen.“ So Herausgeber Dieter Sudhoff in seinem Nachwort zu der schmalen Sammlung von Siemsens „Erlebnissen“ und Feuilletons, die jüngst im Berliner Verlag Das Arsenal unter dem Titel Nein! Langsam! Langsam! erschienen ist.

Sehr langsam nähere ich mich diesem Vergessenen, zögerlich und behutsam, als könnte ich durch übertriebene Neugier, durch meine zupackende Wissbegier jenen Zauber zerstören, der von den wenigen mir bislang bekannten Siemsen-Texten ausgeht. Eben sah ich dank Google-Bildersuche erstmals Hans Siemsens Gesicht, ein Jugendbild wohl aus den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts. Mit ungläubigem Staunen nehme ich zur Kenntnis, dass einen Autor, der 1924 das erste Buch über das Stummfilm-Genie Charlie Chaplin schrieb, heute in Deutschland kaum jemand mehr kennt. Bereits vier Jahre zuvor hatte Siemsen in der Weltbühne über Chaplins Film A Dog’s Life geschrieben – zu einer Zeit, als noch kein einziger Chaplin-Film in Deutschland gelaufen war. Und 1926 schrieb er die deutschsprachigen Zwischentitel zu Charlies frühem Meisterwerk.

Der dritte Band der Torso-Ausgabe von Siemsens Schriften, der die erhaltenen Bruchstücke seiner Korrespondenz öffentlich machte, überliefert zahlreiche Briefe an ihn von Muschelkalk Ringelnatz, mit bürgerlichem Namen Leonharda Pieper, der Ehefrau von Kuttel Daddeldu. (Siemsens Antworten dürfen wohl endgültig als verloren gelten. Mit jedem von Muschelkalks Briefen bedauert man diesen Verlust mehr.) Der Verleger und Herausgeber dieser Ausgabe, Michael Föster, schrieb in seinem Vorwort zum dritten Band der Schriften: „[…] selbst lange Korrespondenzen sind nur teilweise erhalten […] und in der Regel waren die Briefe des einen oder anderen, selten die Briefe beider Partner aufzufinden. Wir sehen also nur die eine Seite, hören nur das Echo, nicht den Ton, auf den es antwortet. Oder umgekehrt: Wir lesen die Frage, aber nicht die Antwort.“

Nach allem, was ich in so kurzer Zeit von und über Hans Siemsen erfahren habe, bleibt mir vorläufig nur, dem Berliner Verlag Das Arsenal und seinem Verleger Peter Moses-Krause viel Glück und einen langen Atem zu wünschen bei dem verdienstvollen Unternehmen, einen ebenso zarten wie präzisen Schreiber, einen sinnenfrohen Flaneur und liebenswürdigen Menschen aus nahezu völliger Vergessenheit in die hoffentlich aufmerksamere Gegenwart hinüberzuretten.

Hans Siemsen

Freitag, 28. März 2008

Gestern sprach mich Beate Scherzer in der Buchhandlung proust an: ob ich den Autor Hans Siemsen kenne? „Hm! Schon mal gehört.“ Der Hintergrund: Im Verlag Das Arsenal (Berlin) erscheint dieser Tage der erste Band einer Werkausgabe von Siemsen. Ursprünglich war mal eine Veranstaltung bei proust mit dem Herausgeber Dieter Sudhoff geplant. Doch der ist, kaum älter als ich, im Juni vorigen Jahres plötzlich verstorben. Ob ich nicht vielleicht Lust hätte, mich mit dem Thema mal zu beschäftigen?

Heute hatte ich Zeit, mich über diesen Hans Siemsen (1891-1969) eingehender zu informieren. Der Mann scheint tatsächlich interessant zu sein. Er entstammt einer protestantischen Pfarrersfamilie aus Hamm. Seine älteren Geschwister Anna und August Siemsen saßen in den 1930er-Jahren als Abgeordnete für die SPD im Reichstag. Nach dem ersten Weltkrieg lebte Hans Siemsen als freier Schriftsteller in Berlin. Er schrieb für verschiedene avantgardistische und linke bis linksliberale Zeitschriften wie Pan, Franz Pfemferts Die Aktion und für die Weltbühne.

Vor fast vierzig Jahren ist Siemsen, nahezu völlig vergessen, in einem Heim der Arbeiterwohlfahrt in Essen gestorben. Nach der Flucht vor den Nazis nach Frankreich, vorübergehender Internierung, völliger Mittellosigkeit, einem kärglichen Dasein als Rundfunkjournalist in New York war er bei seiner Rückkehr in die Heimat Anfang der 1950er-Jahre ein zerstörter Mann, Alkoholiker – ein Pflegefall. (Schon mit Joseph Roth soll Siemsen im Pariser Exil gesoffen haben.)

Vor zwanzig Jahren brachte Michael Föster in seinem Essener Torso-Verlag eine dreibändige Ausgabe der Schriften von Hans Siemsen heraus. Diese verdienstvolle Edition ist heute selbst auf dem dank Internet so gut erschlossenen Antiquariatsmarkt eine Rarität; eher findet man noch die Erstausgaben seiner Bücher zu Preisen um 30 Euro. Der mittlerweile auch längst verstorbene Föster, der eine Villa gleich bei mir um die Ecke besaß, hat ein Magazin für Homosexuelle namens Torso herausgebracht. Auch Hans Siemsen war ein Schwuler.

Morgen muss ich mal in meinen Bücherkatakomben suchen. Irgendwo in einer tief vergrabenen Kiste müsste sich noch das eine oder andere Heft von Torso finden lassen. Mit viel Glück könnte eins dieser Hefte einen Aufsatz von Föster über Hans Siemsen enthalten. Das war schon immer so: Wenn ich das Gefühl habe, dass sich mir eine fremde Biographie entzieht, weil die Quellenlage dürftig ist; wenn ich ein vergangenes Leben zu meinen Füßen wie ein schmales Rinnsal versickern sehe – dann ist erst recht meine brennende Neugier geweckt.