Archiv für die Kategorie ‘Siemsen’

Verunnoseln

Samstag, 28. Juni 2008

„Wer suchet, der findet!“ Mit dieser Ermunterung suchte mein Vater mich, den Fünfjährigen, zu beschwichtigen, wenn ich wieder mal mein kleines Papierscherchen nicht finden konnte und jähzornig mit dem Fuß aufstampfte, den Tränen nahe. Die Erfahrung, dass sich handfeste Gegenstände unter der Hand in Luft auflösen können, gehörte zu den frühesten Erschütterungen meines eben erst erwachenden Selbstbewusstseins. Noch heute kann mich zur Weißglut bringen, wenn ich wieder einmal meine Brille oder mein Schlüsselbund nicht finde, die sich doch unzweifelhaft irgendwo versteckt haben müssen, denn ein anderes Sprichwort meines mit Redensarten reich versehenen Vaters lautete: „Das Haus verliert nichts!“ Aber es ersinnt scheinbar immer wieder neue Schlupfwinkel, in denen es das Gesuchte hartnäckig meinen Blicken entzieht.

Der gesunde Menschenverstand sagt mir natürlich, dass es keineswegs die toten und unbeseelten Dinge sind, die mir einen solchen Streich spielen. Auch sind die Wohnräume, die erst durch mich und meine Mitmenschen mit Leben, wahlweise mit Ordnung oder Chaos erfüllt werden, keine Trickdiebe und Zauberkünstler, die uns als böswillige Akteure des Verbergens an der Nase herumführen. Seit Sigmund Freud die Aufmerksamkeit darauf gelenkt hat, dass allen menschlichen Fehlleistungen eine tiefere Bedeutung zukommt und es somit auch keineswegs ein zufälliges Missgeschick ist, wenn sich plötzlich ein dringend benötigter Gegenstand hartnäckig unseren Blicken entzieht; seither wissen wir, dass hinter diesem schwer erklärlichen Verschwinden eine Absicht steckt, eine versteckte, freudianisch gesagt: unbewusste.

Die Sprache, unbestechlich wie immer, entlässt uns ohnehin nicht aus der Verantwortung. Ich bin es, der die Brille verlegt, das Schlüsselbund verbumfiedelt, die Schere verbaselt hat. Heute habe ich für das unfreiwillige und unbeabsichtigte Versteckspiel mit uns selbst ein neues Verb gelernt: verunnoseln. „Wissen Sie, was verunnoseln ist? Eine Sache verunnoseln, heißt eine Sache verlieren. Vielmehr, wie wir in der Schule sagten: ,Du hast meinen Federhalter verloren gemacht!‘ Verloren machen – das ist verunnoseln.“ (Hans Siemsen: Wannsee; in Otto Schoff: Das Wannseebad. Berlin: Verlag Galerie Alfred Flechtheim, 1921; hier zit. nach Nein! Langsam! Langsam! Berlin: Das Arsenal, 2008, S. 108.) Der nahezu völlig verloren gegangene Flaneur Hans Siemsen beschwert sich in diesem Vorwort über den Kunsthändler und Verleger Flechtheim, dass dieser sein erstes Vorwort verlegt habe – und darum nun ein zweites benötige: „Er hat es so sorgfältig weggelegt, daß es nun kein Mensch mehr wiederfinden kann. Er hat es verunnoselt.“

Tempi passati! Heute bedürfen Autoren keiner Verleger mehr, um sich in solche Verlegenheit zu bringen. Sie verunnoseln ihre unveröffentlichten Manuskripte höchstpersönlich, indem sie als Blogger ihre eigenen Verleger sind. So widerfuhr es mir in den vergangenen drei Tagen mit meinen längst fertigen, so hübschen Würfelwürfen für den 25. bis 27. Juni. Spurlos verschwunden. Unauffindbar. Ich werde die zunächst in meiner ordentlichen Handschrift verfertigten Texte vermutlich in ein Buch gelegt haben. Ein besseres Versteck gibt es in diesem Haushalt nicht. Nun ist der vorzeitige Verlust von drei unter mancherlei Qualen geborenen Geisteskindern zwar höchst bedauerlich, aber einen guten, tieferen Grund wird es für diese Verunnoselung, wenn wir dem weisen Doktor aus der Wiener Berggasse 19 glauben dürfen, ganz gewiss gegeben haben.

Und sei es das Erlernen eines neuen Wortes, das nicht einmal Google bisher kannte.

Asta

Mittwoch, 25. Juni 2008

asta

Die „Roaring Twenties“, dieses gewiss später zu sehr verklärte, in der Unklarheit seiner unaufgelösten Widersprüche aber ebenso gewiss explosiv-schöpferische, gärende und temporeiche, fragende und fragwürdige Jahrzehnt, verbrachte Hans Siemsen in Berlin, der Reichshauptstadt und deutschen Metropole der Boheme.

Helmut Kreuzer hat in seiner wegweisenden Monographie über den anarchischen Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft der Bedeutung des Café-Hauses, der Künstlerkneipe und des Kabaretts ein eigenes Kapitel gewidmet. (Die Boheme. Beiträge zu ihrer Beschreibung. Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1968, S. 202-216.) Die Anziehungskraft solcher Lokalitäten erklärt er mit einem Polgar-Zitat aus dem ambivalenten Bedürfnis der Einzelgänger, „die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen“.

Siemsen verkehrte „in einem kleinen Lokal in der Passauer Straße“ in Berlin-Tempelhof, in dem sich der Verleger Ernst Rowohlt mit seinen Autoren traf: „Franz Hessel, Joachim Ringelnatz, Hans Siemsen, mitunter war auch Asta Nielsen dabei und hörte, den ausgestreckten Zeigefinger unter dem Kinn, wortlos und unnahbar den Gesprächen zu. Noch ihr Schweigen schien einen dänischen Akzent zu haben. Sie schminkte sich nie, wenn sie ausging, und kleidete sich möglichst unauffällig, beinahe schlampig, teils um nicht erkannt zu werden, teils aus dem bei Schauspielern nicht selten anzutreffenden Wunsch, sich gehenzulassen, wenn man nicht spielte.“ (Hans Sahl: Memoiren eines Moralisten / Das Exil im Exil. München: Luchterhand Literaturverlag, 2008, S. 172.)

In ihrer Autobiographie Die schweigende Muse (1946) schreibt sie zwar über ihren Freund Joachim Ringelnatz; Hans Siemsen kommt darin nicht vor. Dabei hat Siemsen doch ein so bezauberndes Feuilleton über die Stummfilmdiva und zugleich über die ästhetische Sensation des frühen Films geschrieben: „Das Erstaunliche und Bewundernswerte,“ so heißt es da, war dank Asta Nielsens mimischem Genie „nicht mehr die technische Leistung des neuen Wunderapparates, den man ,Kinematograph‘ nannte, sondern ein menschliches Gesicht und die Suggestion, die von ein paar großen Augen und von ein paar schmalen, zuckenden Lippen ausging. Es stellte sich heraus, daß das einfache, alltägliche menschliche Antlitz wunderbarer, seltsamer und phantastischer sein konnte als der phantastische Apparat. Nicht mehr der Apparat, sondern der Mensch war die Hauptsache. Die Kunst hatte über die Technik gesiegt.“ (Hans Siemsen: Asta Nielsen. In: Film und Volk. Berlin. Heft 2, April 1928; hier zit. nach Schriften II. Kritik – Aufsatz – Polemik. Essen: TORSO Verlag, 1988, S. 161.)

Der Stummfilmstar, der am Tonfilm scheiterte, hat sich frühzeitig auf die Ostseeinsel Hiddensee in sein Haus Karusel zurückgezogen, wo Joachim Ringelnatz die Freundin gelegentlich besuchte. Renate Seydel, die dort eine kleine Buchhandlung betreibt, hat ein Buch über Asta Nielsen herausgegeben, das ich noch nicht kenne und in dem Hans Siemsen vermutlich nicht vorkommt. – Was ist das noch gleich für ein Vogel, dessen Gesang unsere menschliche Stimme zum Verstummen bringen möchte? Luscinia luscinia, so hat Linné 1758 den Sprosser genannt. Sein Ruf ist laut, mit einer breiten Varietät von Trillern, Schnalzlauten und Pfiffen.

Eccentrics (IV)

Freitag, 20. Juni 2008

vorprogramm

Na klar doch, auch Alfred Polgar der Große hat ein kleines Prosastück über die Eccentrics geschrieben. (Er schreibt sie, eingedeutscht, „Exzentriks“.) Da steckt mal wieder mehr drin, als hineinpasst. Polgars Miniaturen platzen ja, so gertenschlank sie auch sein mögen, immer aus allen Nähten.

Ganz allgemein sagt Polgar über die aus der Mitte an den Rand Geschleuderten und über unser Verhältnis zu ihnen viel in wenigen Worten, also das Wesentliche: „Exzentriks sind leibhaftige Pamphlete wider Würde, Ernst, Haltung. Dafür dankt ihnen unser Herz, befriedigt wie ein Subalterner, der des Gebots, das ihn sein Lebenlang drückt und beugt, ein Weilchen spotten darf. Exzentriks erlösen vom Übel der Schwerkraft. Sie verhelfen zu einer Vision vom Spielzeughaften der Welt … und so zu Kindheits-Glück. Unter ihren Griffen wackelt die Kausalität wie Baggesens Tellerbau; wenn sie einstürzt, ist das Musik unserem Hirn.“ (Alfred Polgar: Exzentriks. Zuerst erschienen im Berliner Tageblatt, Abendausgabe v. 22. Dezember 1927, S. 2; hier zit. nach Musterung. Kleine Schriften, Band 1. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2004, S. 364 f.)

Sehr speziell nennt und erklärt Polgar ein paar Beispiele, von denen Baggesens Tellerbau vielleicht das eindringlichste ist. Baggesen? Der Name kommt mir doch bekannt vor? Ach ja, richtig: Ich habe doch neulich erst bei Hans Siemsen von diesem „Dichter im Porzellanladen“ gelesen. Siemsen beschreibt einen Auftritt des komischen Jongleurs im Berliner „Wintergarten“, während Polgar ihn in Wien gesehen haben dürfte. Die Details sind die gleichen. Vermutlich war „der alte Baggesen“, wie Siemsen ihn nennt, 1927 auf Europatournee. (Vgl. Hans Siemsen: Baggesen im Wintergarten. Zuerst erschienen im 8-Uhr-Abendblatt, Berlin, v. 19. Februar 1927; hier zit. nach Nein! Langsam! Langsam! Hrsg. v. Dieter Sudhoff. Berlin: Das Arsenal, 2008, S. 36.)

Offenbar war Baggesen vor achtzig Jahren ein Publikumsmagnet. Er füllte große Säle und war in aller Munde. Umso erstaunlicher ist, dass man ihn bei Wikipedia nicht findet. Und selbst bei Google musste ich mich bis zur zehnten Seite durchklicken, bis ich endlich einen Hinweis auf ihn fand. Am 30. Juni 1893 berichtete die New York Times in einem kurzen Artikel über einen Auftritt Baggesens im „Madison Square Garden“: Wonderful Contortionist Baggesen. – Carl Baggesen, the contortionist who performs nightly in the roof entertainment at Madison Square Garden, gave a special performance yesterday afternoon for a number of doctors and newspaper men, in the concert hall of the Garden. Baggesen twisted and turned himself into all sorts of positions, turning so far around as to make it appear that his spinal column was in line with the position ordinarily occupied by the breast bone.“

So gelenkig war Baggesen dreißig Jahre später vermutlich nicht mehr, dass er als Schlangenmensch sein Publikum bezaubern konnte. Aber sein Spiel mit dem Tellerstapel und mit einem klebrigen Fliegenpapier muss immerhin noch komisch und atemberaubend genug gewesen sein, um selbst anspruchsvolle Zuschauer wie Siemsen und Polgar in seinen Bann zu ziehen. Jetzt wissen wir immerhin, dass Baggesen mit Vornamen Carl hieß. Und nun entdecke ich, dass auch Kurt Tucholsky diesem Varieté-Künstler einmal großes Lob spendete, als er meinte, dass in „den Tellerkunststücken eines großen Jongleurs mehr Geist und Esprit stecken [könne] als in den furchtbaren und geschmacklosen Radauliedern unserer Humoristen.“ (Peter Panter: Varieté und Kritik. Zuerst erschienen in Die Weltbühne Nr. 30 v. 27. Juli 1922, S. 88; hier zit. nach Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in 10 Bänden, Band 3. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1975, 236.) – Exzentriker sind, so scheint es, für den Augenblick und nicht für die Unsterblichkeit gemacht.

Kazett

Samstag, 14. Juni 2008

siemsen-ja-und-nein

Ich lese gerade im Rahmen meiner Beschäftigung mit dem nahezu verschollenen deutschen Schriftsteller Hans Siemsen dessen Buch Russland ja und nein (Berlin: Ernst Rowohlt Verlag, 1931). Im Herbst 1930 hatte Siemsen im Auftrag der Frankfurter Zeitung eine sechswöchige Reportagereise in Stalins Reich unternommen. Obwohl das Buch, der Titel deutet es ja schon an, alles andere als ein Lobgesang auf den Kommunismus sowjetischer Prägung ist, hatte er damit sein Bleiberecht im bald aufziehenden Dritten Reich endgültig verwirkt. Dass die Nazis es erst am 31. Dezember 1938 auf ihre „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ setzten, kann man vielleicht am ehesten mit ihrer Unbildung und Ignoranz erklären. Schon bei den Bücherverbrennungen im Frühjahr 1933 waren ihnen beim Zusammenstellen ihrer Listen ja etliche kuriose Fehler unterlaufen.

Im kurzen Vorwort zu seinem Russland-Buch schreibt der Autor: „Von den Sowjet-Russen können wir viel lernen, von ihren Fehlern und den Fehlern, die sie machen und gemacht haben, ebensogut wie von ihren Vorzügen und Leistungen. […] Ich habe in Rußland viel gelernt. Im Guten wie im Bösen. Vielleicht nützt es ein paar Menschen, wenn ich davon erzähle.“ (A. a. O., S. 5.)

Hier klingt unter der Tarnkappe vornehmer Bescheidenheit bereits jener resignative Ton an, der in den wenigen erhaltenen Briefen Siemsens aus den Jahren des Exils schließlich dominieren wird. Es ist doch alle Hoffnung vergeblich, die große Utopie ist gescheitert – dies ist, zwischen den Zeilen, die verzweifelte Botschaft von Siemsens Reisebericht.

Ob es vor nun 77 Jahren ein paar Menschen „genützt“ hat, dieses Buch zu lesen, ist mehr als fraglich. Heute aber ist die Lektüre, was mich betrifft, durchaus Gewinn bringend, in vielen kleinen Details bedenkenswert und erhellend. So wenn Siemsen über das Schicksal der verwahrlosten, verwaisten, vagabundierenden Kinder in Russland schreibt: „Zur selben Zeit aber wurden im selben Rußland stehlende Kinder einfach niedergeschossen, aus den Zügen, mit denen sie als blinde Passagiere fuhren, herab und unter die Räder geworfen, eingefangen, laufen gelassen und wieder eingefangen, von Razzien zusammengetrieben in Gefängnissen und Konzentrationslagern kaserniert und, wenn keine Lebensmittel, wenn selbst trockenes Brot einfach nicht mehr da war, wieder entlassen, wieder auf die Straße geschickt.“ (Ebd., S. 37.)

Da springt es mich also an, dieses Wort „Konzentrationslager“, das sich wenig später zum Kainsmal eines faschistischen Regimes mausern sollte, welches das Verbrechen des Jahrhunderts längst schon plante. Anfangs kürzten die neuen Herren im Land der Dichter und Denker das Schreckenswort noch, was ja auch nahe liegend ist, mit „KL“ ab. Angeblich waren es dann die SS-Wachmannschaften in den Menschenvernichtungsfabriken, die später der Abkürzung „KZ“ wegen ihres härteren Klanges den Vorzug gaben. In einem Buch aus dem Jahr 1931 steht das Wort da noch in aller Unschuld. Und der Stalinismus fand bald ein eigenes, viel weicher klingendes für die gleiche schmutzige Angelegenheit: Gulag.

Zoff im Bedford

Freitag, 30. Mai 2008

bedford

New York, 30. Mai 1942 – heute vor 66 Jahren. Der 35-jährige Schriftsteller Klaus Mann bekommt Besuch in seinem Appartement im Hotel Bedford, 118 East 40th Street, Manhattan. Seit September 1938 wohnt Mann nun schon hier, zeitweilig unter einem Dach mit anderen namhaften Hitler-Flüchtlingen, Künstlern und Autoren wie Vicki Baum, Curt Riess oder Billy Wilder. Und auch jener Hubertus Prinz zu Löwenstein residiert vorübergehend hier, der vielen Verfolgten mit seiner „American Guild for German Cultural Freedom“ die Flucht ins amerikanische Exil ermöglicht hatte.

Da jedoch die USA keine mutmaßlichen Kommunisten aufnahmen, erfand Löwenstein folgenden Trick. Zunächst besorgte er den Flüchtlingen ein Visum für Mexiko, ein Land, das weniger zimperlich in seinen Einreisebestimmungen war. Der Weg dorthin führte aber über die USA, die immerhin ein Transitvisum auch in „verdächtigen Fällen“ nicht verweigerten. Hatten seine „Rescue Cases“ erst einmal ihren Fuß auf US-amerikanischen Boden gesetzt, dann setzte sich Löwenstein für sie ein, indem er ihnen Affidavits hilfsbereiter „Sponsoren“ verschaffte. Auf einer undatierten Liste solcher „Rescue Cases Attended to the American Guild for German Cultural Freedom“ tauchen unter den laufenden Nummern 26 und 31 auch folgende Personen auf: „Siemsen, Dr. Hans: Withdrawn“ und „Dickhaut, Walter, Both affidavits from Burrichter referred to Dr. Losenfeld“.

Wir wissen nicht, warum der Name Hans Siemsen in dieser Liste mit einem Doktortitel versehen wurde. Mitte Juni 1941 war er auf der SS Guinee von Lissabon kommend in New York eingetoffen, mit dem gleichen Schiff, auf dem auch Hans Sahl und Valeriu Marcu das rettende Ufer erreichten. Wohl aber wissen wir, wer jener Walter Dickhaut war, der schließlich nicht in New York, sondern auf Kuba landete, nämlich eben jener Walter D., der das Vorbild für Siemsens Hitlerjungen Albrecht Goers abgab, sein Geliebter. Ob es mit dem Affidavit für Dickhaut doch nicht geklappt hat? Für Ende 1941 vermerken die „Daten zu Leben und Werk“ im ersten Band der Siemsen-Ausgabe von Michael Föster jedenfalls: „Zunehmende Vereinsamung, wozu der Verlust seines Freundes Walter […] beiträgt. Alkoholismus, ständige Geldnot.“ (Hans Siemsen: Schriften. Verbotene Liebe und andere Geschichten. Essen: TORSO Verlag, 1986, S. 257.)

Am 30. Mai 1942 steht also der 51-jährige Hans Siemsen bei Klaus Mann im Hotel Bedford auf der Matte. Über diesen Besuch berichtet Mann in seinem Tagebuch: „Äußerst unangenehme Szene mit Hans Siemsen, der hereinplatzt – schwitzend und unappetitlich – und sofort in eine dieser lauten, nutzlosen und beschämenden politischen Diskussionen verfällt. Er schreit [Manns Freund] Christopher [Lazare] und mich an, als wir es wagen, seine Theorie in Frage zu stellen, alle Deutschen verabscheuten den Krieg und seien insgesamt ein wunderbares, friedliebendes Volk. Ungehobelt, stumpfsinnig und verrückt, besteht er auf seinem Standpunkt – chauvinistisch und brutal wie ein Nazi, oder eher, wie ein echter Deutscher. Was für eine abscheuliche Rasse! Wie absolut bar jeder Vernunft und jeder Höflichkeit! Es ist diese Mischung aus Roheit und Hysterie, die sie zur Geißel der Zivilisation macht. Wie recht ich habe, konsequent jeden Umgang mit diesem bornierten, lärmenden Pöbel zu vermeiden (mit der Ausnahme von vielleicht fünf oder sechs alten und vertrauten Freunden.)“ (Klaus Mann: Tagebücher 1940 – 1943. Hrsg. v. Joachim Heimannsberg, Peter Loemmle u. Wilfried F. Schoeller. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1995, S. 96.)

Das Bild, das Klaus Mann hier von Siemsen zeichnet, passt nun so gar nicht zu jenem Verfasser zarter Prosastücke, dem intimen Freund von Joachim Ringelnatz und Renée Sintenis, dem schwulen Pastorensohn, einfühlsamen Liebhaber und naturverliebten Flaneur, den wir aus seinen Schriften und Briefen kennen. What happened that this shit happened?

Adolf Goers

Montag, 19. Mai 2008

goers

Nachdem Hans Siemsen im Januar 1934 die Flucht nach Paris geglückt war, lernte er dort im Februar 1936 den ebenfalls aus Deutschland geflohenen 21-jährigen Walter D. kennen und verliebte sich in ihn. Im Jahr darauf verarbeitete Siemsen dessen Erlebnisse in der Hitlerjugend zu seinem letzten Buch: Die Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers. Obwohl sich Alfred Döblin für eine Publikation verwendet, erscheint dieser entlarvende Bericht über die Methoden des NS-Staates bis zum Kriegsende lediglich in einer englischen Übersetzung (Hitler Youth, 1940). Als der Düsseldorfer Komet-Verlag 1947 endlich die deutschsprachige Originalausgabe auf den Markt bringt, findet das Buch kaum noch Leser. Die Deutschen haben nach dem verlorenen Krieg andere Sorgen und wollen ihren schrecklichen Irrtum so schnell wie möglich vergessen.

Über die Geschichte der Hitlerjugend gibt es mittlerweile mehrere ausführliche Monographien, die die Organisationsstruktur und die demagogischen Erfolgsrezepte dieser nationalsozialistischen Jugendorganisation in allen wesentlichen Details transparent werden lassen. Siemsens Erfahrungsbericht eines Betroffenen übertrifft jedoch in seiner subjektiven Unmittelbarkeit, in der beklemmenden Schilderung der Gewissensnöte eines Heranwachsenden naturgemäß jede dieser nüchternen, streng sachbezogenen Darstellungen der HJ.

Zudem thematisiert das Buch, für seine Zeit ein zusätzliches Wagnis, die Homosexualität als verdrängte und doch untergründig wirksame Triebkraft solcher männerbündischen Zusammenschlüsse. „Ich komme nun zu einem peinlichen und heiklen Kapitel.“ So leitet Siemsen diese Passagen gegen Ende seines letzten Buches ein. „Ich spreche nicht gern davon. Aber es muß sein. Die Homosexualität spielt in der HJ eine große, eine wichtige, nicht eine nur zufällige Rolle.“ (Dass Klaus Theweleit 1977 in seinen Männerphantasien diese Passagen von Siemsens Buch nicht berücksichtigt hat, kann ich mir nur damit erklären, dass er es schlicht nicht kannte.)

Vielfach musste Siemsen Personennamen fälschen, um niemanden, der noch im „Dritten Reich“ lebte, zu gefährden. Manchmal trog ihn auch sein Gedächtnis, so z. B. als er den jugendlichen Hauptdarsteller im Propagandafilm Hitlerjunge Quex (1933) Jürgen Ried nennt. Das war vielmehr der Titel eines Romans von Erich Ebermayer (1931). Tatsächlich hieß der spätere Geliebte des Reichsjugendführers Baldur von Schirach Jürgen Ohlsen. An vielen überprüfbaren Stellen beweist der Autor hingegen ein gutes Gedächtnis für Namen und Zusammenhänge, so im Falle des ohne sein Wissen der SS einverleibten Turnierreiters Axel Holst. Man kann Siemsen vertrauen, dass seine Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers größtenteils auf Tatsachen beruht.

Im Juni 1941 traf Hans Siemsen, dem zuvor mit knapper Not die Flucht von Paris nach Marseille gelang, in New York ein. Auch sein Freund Walter D. entkam über den Atlantik den Verfolgern, landete aber in Kuba. Die Trennung von seinem Geliebten gab Siemsen vermutlich den Rest. Er verfiel dem Alkohol, kehrte erst Ende der 1940er-Jahre nach Deutschland zurück und starb am 23. Juni 1969 in einem Altenheim der Arbeiterwohlfahrt in Essen-Holsterhausen, ohne je wieder eine Zeile veröffentlicht zu haben.

Siemsen über Chaplin

Donnerstag, 15. Mai 2008

chaplin

Vorgestern habe ich so allerlei von Hans Siemsen aus Antiquariaten über ZVAB bestellt. Endlich war zum Beispiel die dreibändige Werkausgabe aus dem Essener TORSO-Verlag im Angebot, nicht billig, aber in bester Erhaltung, nahezu wie neu. Eine Stunde später schellte das Telefon. Ein Essener Antiquar war dran und fragte, ob ich das eben georderte Chaplin-Bändchen von Siemsen nicht persönlich bei ihm abholen wolle. Schließlich seien es ja nur zehn Minuten zu Fuß und so würde ich mir doch die Portokosten sparen. Das nenne ich Service.

Gestern dann hielt ich das noch nicht mal 50 Seiten starke Heftchen von 1924 in Händen, die erste Veröffentlichung über Chaplin in deutscher Sprache überhaupt, erschienen im Feuer-Verlag zu Leipzig, mit 18 Bildern nach Film-Ausschnitten, „Der Sammlung Meister zweiundzwanzigster Band“. Der vordere Umschlag war leicht knickspurig, der schmale Rücken etwas lädiert, der Preis aber völlig angemessen.

Ich setzte mich auf eine Parkbank im nahen Stadtgarten und las: „Ich muß von Osnabrück nach Bremen fahren.“ Das ist als erster Satz in einem Büchlein über den berühmtesten Stummfilmstar der Welt einigermaßen ungewöhnlich. Weiter geht ’s: „Und ich habe nicht soviel Geld, daß ich D-Zug fahren kann.“ Aha, da lässt sich ein Zusammenhang immerhin vorstellen. Charlie tritt ja in seinen Slapsticks vorzugsweise als Habenichts auf. Gibt es nicht einen Film, in dem er als Hobo, als „schwarzer Passagier“, auf dem Tender durch die Lande reist?

Nun aber folgen Siemsens dritter und vierter Satz: „Das heißt, vielleicht habe ich soviel Geld. Ich darf es nur nicht für den D-Zug ausgeben.“ Indem ich das lese, sehe ich den Autor an einer klapprigen Schreibmaschine sitzen, an einer ,Gabriele‘ von Triumph oder an einer ,Erika‘ von Seidel & Naumann. Nachdem Siemsen fein säuberlich und tippfehlerfrei seine ersten beiden Sätze zu Papier gebracht hat, fällt ihm ein, dass der zweite Satz eigentlich, „vielleicht“ nicht ganz den Tatsachen entspricht. Und so schreibt der um Wahrheit bemühte Schriftsteller einen dritten und vierten Satz, um die Sache zurechtzurücken.

Und heute? Ich z. B. würde den zweiten Satz im Handumdrehen auf dem Monitor löschen und nun schreiben, wie es sich tatsächlich verhielt. Aber was ginge dabei verloren! Die kleine Flüchtigkeit, deren Korrektur doch gerade den Charme dieses Erzählens ausmacht – sie verschwände auf Nimmerwiedersehen im digitalen Nirwana. Wenn ich Siemsens Prosa lese, dann wird mir bewusst, dass unser heutiger Schreibkomfort neben vielen Vorzügen auch seine Nachteile hat. Diese Umwegigkeit, diese sanften Schlenker, wie er mal rechts, mal links vom Pfad abkommt, um dann über Stock und Stein zurückzufinden – das entspricht doch eigentlich dem Wesen eines Flaneurs weit eher als die Gradlinigkeit, der Zeilengehorsam meiner disziplinierten Schreibweise am „Rechner“. Tempi passati! Wenn die Not nicht mehr herrscht, sind auch die aus ihr geborenen Tugenden unrettbar verloren.