Archiv für die Kategorie ‘Auburtin’

Donnerstag, 16. April 2009: Korbes et al.

Freitag, 17. April 2009

Morgen lese ich vor angemeldetem Publikum in einer Oberhausener Psychotherapie-Praxis.

Die Einladung dorthin verdanke ich Ullas Freundschaft zu Eva, einer der beiden Therapeutinnen, die seit vorigem Jahr mit ihrer Freundin und Geschäftspartnerin Eva zu Gast bei meinen Literarischen Soireen ist.

Ungewohnt an dieser Situation ist, dass ich vor mehrheitlich Fremden lese. (Selbst bei der Siemsen-Matinee im Grillo-Theater am 26. Oktober vorigen Jahres setzte sich etwa die Hälfte meines Publikums aus meinen langjährigen „Fans” zusammen.)

Deshalb ging ich bei der Komposition des Programms auf Nummer sicher und wählte sieben nicht allzu lange Texte aus, die hoffentlich erheitern werden, ohne mit ihrem teils etwas makabren Hautgout allzu sehr zu brüskieren. Von den dreißig Plätzen in dem hellen, freundlichen Gruppenraum der Praxis sind nach Auskunft der beiden Evas zwei Drittel durch Voranmeldungen besetzt. Ob alle angemeldeten Personen tatsächlich erscheinen werden, bleibt zudem abzuwarten. Immerhin hat sich das frühlingshafte Osterwetter gestern verabschiedet. Ein spontaner Biergartenbesuch dürfte also kaum als Konkurrenz zu meiner Soiree gefährlich werden.

Wie üblich spiegelt sich in meiner Textauswahl einerseits mein aktuelles literarisches Interesse wieder, insofern ich Kostproben von Alfred Polgar und Victor Auburtin aufgenommen habe; andererseits habe ich auf einige meiner erprobten und bewährten „Evergreens” zurückgegriffen, die zum Thema – Klitzekleine Katastrophen – passen, so etwa die schröckliche Geschichte des verschluckten Auges von Hermann Harry Schmitz [siehe Titelbild] und Herr Korbes von den Gebrüdern Grimm. Besondere Mühe habe ich mir mit den Programmzetteln gegeben, die ich als limitierte, nummerierte und signierte Einblattdrucke auslegen werde.

Mittwoch, 7. Januar 2009: Seligkeiten?

Mittwoch, 07. Januar 2009

Ob jene Antworten, die Victor Auburtin auf die Frage nach seinen „acht Seligkeiten” gab, einer Aufforderung durch eine Zeitung der 1920er-Jahre folgten, oder ob er sich diese Frage selbst gestellt hatte – und warum gerade acht und nicht fünf oder zehn? Ich weiß es (noch) nicht. Meine Quellen verweigern dazu eine genaue Auskunft. (Vgl. Victor Auburtin: Schalmei. A. d. Nachlass hrsg. v. Wilmont Haacke. Hamburg: Hans von Hugo Verlag, 1948, S. 213; wieder abgedruckt in Victor Auburtin: Sündenfälle. Hrsg. u. m. e. Nachw. v. Heinz Knobloch. München · Wien: Albert Langen · Georg Müller, 1970, S. 382.)

„Was mir wohl das Liebste war in diesem Leben; meine acht Seligkeiten. Nämlich:
1. Muscheln sammeln am Meeresstrande.
2. Am Kamin sitzen, abends, und den griechischen Plato lesen, ohne im Lexikon nachschlagen zu müssen.
3. Nachts zu Schiff von der See aus die Blinkfeuer [!] einer fremden Küste sehen.
4. Ein kleines Kätzchen, das ein Rüpel in den Rhein warf, retten; und am nächsten Tage sehen, daß es bei den Gärtnersleuten gut aufgehoben ist.
5. Einen starken Sommerdurst mit einer großen Kristallschale voll Champagnerwein stillen.
6. Oktobertag in Chartres in der Landschaft Beauce, wo es die schönste Kirche und die besten Rebhuhnpasteten gibt.
7. Und dann das Höchste: . . . . . . . . . . . . . . . . .
8. Aber leider auch: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .”

Unweigerlich gerate ich beim Lesen dieser Aufzählung von Seligkeiten ins Nachdenken. Wie würde wohl meine eigene Antwort auf diese Frage ausfallen? Das eine oder andere beseligende Erlebnis fällt mir ein – aber dann zweifle ich doch, ob es für mich schon an der Zeit ist, ein solches Resümee zu ziehen. Rebhuhnpastete habe ich noch nicht gekostet, Kirchen und fremde Küsten haben mich schon immer kalt gelassen. Das Sammeln von Büchern macht mir mehr Freude als das Sammeln von Muscheln, ohne mich doch wirklich zu beseligen. Einen Kamin mit munter knisterndem offenem Feuer hätte ich wohl gern, und ebenso würde es mich vermutlich vergnügen, den Plato im Original lesen zu können. Aber Seligkeit? Das ist für mich dann doch eher etwas ganz anderes.

Ohne vorgreifen zu wollen: Die Geburt meiner fünf Kinder, wenn sie dann endlich „das Licht der Welt erblickt” hatten, „alles dran war”, die Mutter den schmerzvollen Vorgang überlebt hatte: das war tatsächlich beseligend – und besonders selig machend, als es (zweimal) nicht im Krankenhaus geschah. Katzen? Eine Katze, namens Mia, hatten wir auch mal. Sie wurde von einem eiligen Autofahrer am 1. November 1995 überrollt, unmittelbar vor der LXXIV. Literarischen Soiree. Kein Grund für seliges Angedenken. Nun lebe ich seit fast zehn Jahren mit einer Hündin unter einem Dach. Fremde Menschen bleiben vor ihr stehen und sind regelmäßig berührt von Lolas Vollkommenheit: „Du bist aber ein schönes Tier!” Das ist aber nicht mein Verdienst, wenngleich mich solche Komplimente immer wieder erfreuen.

Beseligend? Ist allenfalls die Aussicht darauf, dass ich es einst nicht nötig haben werde, zwei der acht Antworten durch Pünktchen zu ersetzen, wie es der schamvolle Auburtin tut. Aber bis dahin ist es hoffentlich noch ein weiter Weg.

Dienstag, 30. Dezember 2008: Totenträume

Dienstag, 30. Dezember 2008

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden ungezählte Deutsche, die sich leichtsinnigerweise Anfang August noch in Frankreich aufhielten, unter dem Vorwand der feindlichen Spionage verhaftet. Ich vermute, dass mit den Franzosen im Deutschen Reich nicht viel anders verfahren wurde. Krieg folgt ja im Großen und Ganzen, aber auch in allen Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten der alttestamentarischen Regel: „Auge um Auge, Zahn um Zahn” (Ex 21, 24) – und bedeutet somit den sündhaften Verstoß gegen die radikale Forderung des Mannes aus Nazareth (Mt 5, 39), stattdessen die andere Wange hinzuhalten.

Einer dieser harmlosen Zivilisten, die es zu Kriegsbeginn eiskalt erwischt, ist der begnadete Feuilletonist Victor Auburtin (1870-1928), der als Auslandskorrespondent des Berliner Tageblatts von September 1911 bis Ende Juli 1914 in Paris weilt. Dem genussfreudigen Bonvivant wird zum Verhängnis, dass er sich bei der Flucht in die Schweiz auf der Zwischenstation in Dijon von einer herrlichen Aalpastete, einem prachtvollen Rehrücken und zwei Flaschen moussierenden Burgunderweines zum Bleiben verführen lässt – „denn so unvernünftig die Welt auch geworden sein mag, bleibe ich doch besonnen genug, um mich zu erinnern, daß man in Dijon gut ißt.” (Zit. nach Victor Auburtin: Was ich in Frankreich erlebte und die Literarischen Korrespondenzen aus Paris 1911-1914. Werkausgabe, Bd. 3. Berlin: Verlag Das Arsenal, 1995, S. 369.)

Zwei Tage später sitzt der allzu optimistische Gourmet als politischer Häftling in Zelle 11 des Gefängnisses von Besançon, das er erst am 21. Januar 1915 wieder verlassen wird – aber nur, um für die kommenden zwei Jahre, sieben Monate und 18 Tage mit hunderten deutscher Leidensgefährten in einem Internierungslager auf Korsika „verwahrt” zu werden. Über die nutzlos verschwendeten Jahre seiner Gefangenschaft hat Auburtin in seinem bereits Anfang 1918 in Genf erschienenen Carnet d’un boche en France berichtet, das noch im gleichen Jahr in der deutschsprachigen Originalfassung unter dem Titel Was ich in Frankreich erlebte im Verlag Mosse in Berlin erschien und in der erwähnten Werkausgabe (S. 355-441) erfreulicherweise wieder – oder soll man schon sagen und warnen: „noch”? – greifbar ist.

Über die Traumwelt des Gefangenen schreibt der Traumtänzer Auburtin: „Ich bedenke die Träume, die man als Gefangener hat. Sie sind bedeutend und eindringlich und ganz anders als die Träume der Menschen in der Freiheit. Oft träume ich – und meine Mitgefangenen ebenso – von den toten Freunden und Verwandten, an die ich jahrelang nicht mehr gedacht habe; sie erscheinen mir freundlich, sehen mich gütig an, und ich wohne mit ihnen in engen, traulich erhellten Zimmern. Seitdem mein Vater während meiner Gefangenschaft gestorben ist, träume ich stets von ihm, und sein besorgter Geist kommt zu mir durch die öde Sturmnacht des entlegenen Meeres. Neben diesen düsteren Totenträumen sind Phantasmen von leuchtender Helligkeit: weiße Pferde, sattellose, galoppieren marmorgepflasterte Straßen entlang; ein unermeßlich breiter Strom fließt spiegelnd; ich sitze im strahlend hellen Theater in der Tiefe einer Loge und sehe ein Gewühl wunderbarer Frauen, die schwere Perlenketten um die Schultern tragen.” (S. 444 f.)

Wenn das wache Leben zum öden Albtraum wird, treibt die Traumwelt umso farbigere Blüten.

[Titelbild: Ausschnitt aus Le rêve von Henri Rousseau, 1910.]


Freitag, 19. Dezember 2008: Das Leben

Freitag, 19. Dezember 2008

„Es lebte ein Mann, der war ein sehr tätiger Mann und konnte es nicht übers Herz bringen, eine Minute seines wichtigen Lebens ungenützt verstreichen zu lassen.

Wenn er in der Stadt war, so plante er, in welchen Badeort er reisen werde. War er im Badeort, so beschloß er einen Ausflug nach Marienruh, wo man die berühmte Aussicht hat. Saß er dann auf Marienruh, so nahm er den Fahrplan her, um nachzusehen, wie man am schnellsten wieder zurückfahren könnte.

Wenn er im Gasthof einen Hammelbraten verzehrte, studierte er während des Essens die Karte, was man nachher nehmen könne. Und während er den langsamen Wein des Gottes Dionysos hastig hinuntergoß, dachte er, daß bei dieser Hitze ein Glas Bier wohl besser gewesen wäre.

So hat er niemals etwas getan, sondern immer nur ein nächstes vorbereitet. Er war nie einer ganzen und gesunden Minute Herr, und das war gewiß ein merkwürdiger Mann, wie du, lieber Leser, nie einen gesehen hast.

Und als er auf dem Sterbebette lag, wunderte er sich sehr, wie leer und zwecklos doch eigentlich dieses Leben gewissermaßen gewesen sei.”

[Ausnahmsweise in hektischen Zeiten mal „nur" ein Zitat. Das Feuilleton Das Leben von Victor Auburtin (1870-1928) erschien 1911 in der Sammlung Die Onyxschale im Verlag von Albert Langen in München. - In neuerer Zeit hat sich der Berliner Verleger Peter Moses-Krause um die Wiederentdeckung dieses vergessenen Meisters der Kleinen Form verdient gemacht. In seinem Verlag Das Arsenal erscheint seit 1994 eine auf sechs Bände angelegte Werkausgabe Auburtins, mustergültig ediert und in herzerfrischend schöner Ausstattung. Deren zweitem Band, Die Onyxschale und Die goldene Kette sowie andere Kleine Prosa aus dem Simplicissimus bis 1911, entnehme ich (von Seite 149) frecherweise diesen wundersamen Text und auch das Titelbild, in der Hoffnung, den einen oder anderen kennerischen Leser so auf ein verkanntes Genie der Kurzprosa aufmerksam machen zu können.]