Archiv für die Kategorie ‘Against the Day’

AtD VII.3

Samstag, 10. Januar 2009

Seinen ersten Bedeutungswandel erlebte das Wort „Äther” noch im antiken Griechenland, als eine Art „fünftes Rad am Wagen” der Vier-Elemente-Lehre, die Erde, Wasser, Feuer und Luft als die Grundstoffe ansah, aus denen sich alles Seiende zusammensetzt. Jedem dieser ursprünglichen Elemente waren nach Aristoteles zwei von insgesamt vier Eigenschaften – heiß, kalt, feucht und trocken – zugeordnet. Die Erde ist demnach kalt und trocken, das Wasser kalt und feucht, das Feuer heiß und trocken und die Luft heiß und feucht. Und auch die platonischen Körper wurden zu diesen Grundstoffen in Beziehung gesetzt, indem der Würfel der Erde entsprach, das Ikosaeder dem Wasser, das Tetraeder dem Feuer und das Oktaeder der Luft.

Schon weil es bekanntlich nicht vier, sondern fünf platonische Körper gibt, lag es nahe, dass es noch ein fünftes Element geben müsste, um auch dem Dodekaeder Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Als solches wurde bald, mit allerdings sehr unterschiedlichen Deutungen, der Äther ausgemacht: „Später gilt der Äther als einer der Grundstoffe, als eine Art feinster Luft, immer noch als etwas ,Göttliches‘ [...]. Bei den Pythagoreern (Philolausfragment) kommt der Äther als fünftes Element vor, so besonders bei Aristoteles.” (Eisler, a. a. O.) – „Im Philolaos-Fragment, in der [vermutlich fälschlich Platon zugeschriebenen] ,Epinomis‘ und wahrscheinlich in den Dialogen des Aristoteles, insbesondere aber in seiner Schrift ,Über die Philosophie‘[,] erscheint Ä[ther] als Q[uintessenz], als ein Element, welches von den anderen vier getrennt und verschieden ist. In der späteren Überlieferung gelten beide Wörter [Äther und Quintessenz] als Synonyma.” (Kurdzialek in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, a. a. O.)

Aus unserer geschichtsvergessenen Umdeutung des Wortes Quintessenz als „Endergebnis, Hauptgedanke, -inhalt, Wesen einer Sache” (Duden Fremdwörterbuch. Mannheim / Wien / Zürich: Bibliographisches Institut, 1974, S. 610) hat sich seine ursprüngliche Bedeutung, „das fünfte Seiende”, nahezu rückstandslos verflüchtigt, denn das, was buchhalterisch gesprochen „unterm Strich steht”, ist doch etwas ganz anderes als das, was „alles durchdringt und umfasst”. Da lobe ich mir doch meinen „Genius”, der ungleich vollkommener den Hintergrund dieses Wortes und seines Bedeutungswandels ausleuchtet: „Quintessénz, f. (von lat. quínta esséntia, fünfte Seinsstufe) bei den Pythagoräern: der Äther, d. h. die feine Himmelsluft als fünfter Urstoff; dann: feinster Auszug aus einer Sache, durch (fünfmaliges) Ausziehen aus einem Körper gewonnener feinster, reinster Stoff [...].” (Adolf Genius: Neues großes Fremdwörterbuch. Regensburg: Josef Habbel, 1933, S. 798.)

Dass der postmoderne, neoklassische Roman Against the Day in fünf Teile gegliedert ist: Das Licht über den Welten (1-118|11-179), Islandspat (119-428|181-641), Bilokationen (429-693|643-1030), Gegen den Tag (695-1062|1031-1564) und Rue du Départ (1063-1085|1565-1596), das mag „nur” ein Zufall sein. – Dass ich meine täglich-alltäglichen Einlassungen zu unserem kindlich-menschlichen Missgeschick prinzipiell in fünf Absätzen vom Stapel lasse, folgt hingegen einer inneren Notwendigkeit: der Quersumme von 23, was die Quersumme von nine-eleven ist, wenn man die Jahreszahl hinzuzieht. Bin ich zahlenverrückt? (Wem’s zur Erklärung meiner ungeordneten Einlassungen dienlich ist, dem sei auch dies zugestanden.).

Alles Quatsch? Vielleicht. Denn eben lese ich: „Den fünften Platonischen Körper, das Ikosaeder, kannten die frühen Pythagoräer noch nicht.” (David Wells: Das Lexikon der Zahlen. A. d. Engl. v. Klaus Volkert. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1990, S.59.)

[Titelbild: Der Himmel über Jerusalem aus der Mitteltafel des Epiphanias-Altars von Hieronymus Bosch, um 1510.]

AtD VII.2

Freitag, 09. Januar 2009

Die lange Geschichte des Wortes „Äther” (gr. αίθήρ, lat. aethēr) weist mancherlei Übereinstimmungen mit der ebenso langen Geschichte des Wortes „Gott” (gr. θεός, lat. deus) auf. Schon im Ursprung bezeichnet der Begriff Äther etwas Gottgleiches: „Aristoteles sieht in αίθήρ den Ausdruck, mit dem die ersten Menschen die Göttlichkeit des obersten Himmels bezeichneten. Als etwas ,Göttliches‘ (αίθέρα, δĩαν, σωμα θεĩον) erscheint Ä[ther] bei Homer, Hesiod, Empedokles, Anaxagoras, Aristoteles und den Stoikern. Euripides, Zenon, Kleanthes, Ennius rufen in ihm die Gottheit an; in den orphischen Hymnen preist man ihn als Nus [vernunftbegabten Geist] des Allgottes.” (Marian Kurdzialek: Äther; in: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. v. Joachim Ritter et al. Basel: Schwabe Verlag, 1971-2007, Bd. I, S. 2078.) Diese ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist noch ganz im Mythos verwurzelt: „In mythischer Form tritt der Äther auf bei Hesiod als Sohn des Erebos (Finsternis) und der Nyx (Nacht). In der orphischen Dichtung erscheint er als Weltseele, als Zeus.” (Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Berlin: Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn, 1904, Bd. I, S. 97.) Und ganz ohne Nachweis sichernder Quellen behauptet ein frühes Konversationslexikon, Äther sei zuallererst, nämlich in der Mythologie der „Sohn des Chaos, von welchem der Himmel, die Erde u[nd] das Meer ward; mit der Erde erzeugte er viele Ungeheuer; [...].” (Pierer’s Universal-Lexikon der Vergangenheit und Gegenwart oder Neuestes encyclopädisches Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe. Altenburg: Verlagsbuchhandlung Pierer, 1857-1865, Bd. I, S. 885.)

Die Unterscheidung in einen „unteren” und einen „oberen” Himmel ist ja, bei naiver Betrachtung, durchaus nachvollziehbar. Unten ziehen die Wolken vorbei, zufällige Gebilde, keine wie die andere, flüchtig und jede für sich unwiederholbar in ihrer vom Wind gezausten Form. Darüber aber strahlt bei klarem Himmel tagsüber ein tiefes Blau, das sich nach Sonnenuntergang in ein undurchdringliches Schwarz verwandelt, allein erhellt von den immergleichen Sternen, die größtenteils nach einem unwandelbaren Plan übers Firmament ziehen und ihre Position zueinander niemals ändern. Und schließlich gibt es dort noch den Mond, der in seiner Bahn und seiner Zu- und Abnahme ebenfalls ewigen Gesetzen gehorcht.

Insofern erscheint der „untere” Himmel (gr. αήρ, lat. āēr), dessen launisches Erscheinungsbild von den unvorhersehbaren Zufälligkeiten des Wetters bestimmt ist, dem menschlichen Leben mit seinen Überraschungen und Wechselfällen sehr nah, während der „obere” Himmel in seinen ewig währenden Bewegungsabläufen einem weit überlegenen Ordnungsprinzip unterworfen ist, Ausdruck eines göttlichen Gesetzes und Abbild göttlicher Allmacht.

Hinzu kommt noch, dass sich selbst dem schlichtesten Verstand irgendwann die Frage stellt, was denn jenseits dieses oberen Himmels ist. Bei Betrachtung des grenzenlosen Raumes trifft uns die Einsicht in die Unendlichkeit – die wir beim besten Willen nicht verstehen können und die uns schaudern lässt.

Der Äther, so Professor Vanderjuice, „war schon immer eine religiöse Frage. Manche glauben daran, andere nicht, und keiner wird den anderen überzeugen, im Augenblick ist es reine Glaubenssache.” (58|90-91)

AtD VII.1

Donnerstag, 08. Januar 2009

Im VII. Kapitel von Das Licht über den Weiten, Teil Eins seines letzten Romans, stellt Thomas Pynchon seine gründlichen Leser erstmals auf eine harte Probe. Die müssen schon die Bereitschaft aufbringen, sich sehr weit auf die wechselvolle Begriffsgeschichte eines Wortes einzulassen, das in mehr als zwei Jahrtausenden abendländischer Erkenntnisentwicklung eine zentrale Rolle gespielt hat und erst in neuester Zeit nahezu endgültig zum alten Eisen geworfen wurde: Äther (im Original: Æther). Sonst dürfte ihnen mancher Witz in diesem Kapitel verborgen bleiben.

Der von mir über alles, über alle geschätzte, gesetzte Lichtenberg hat 1789 in sein Sudelbuch notiert: „Der kompläsante Äther.” (Georg Christoph Lichtenberg: Schriften und Briefe. Erster Band: Sudelbücher. Hrsg. v. Wolfgang Promies. München: Hanser, 1968, S. 776: Heft J [879].) Und wenngleich der bucklichte Weltgeistreiche damit vermutlich C2H5-O-C2H5 meinte, die chemische Verbindung Diethylether, die Mitte des 19. Jahrhunderts vorübergehend als erstes Narkosemittel und längere Zeit auch als Rauschmittel Verwendung fand, so trifft sein Adjektiv ebenso gut den Äther der Metaphysik und Physik: kompläsant, vom französischen complaisant, das soviel heißt wie „höflich, gefällig, entgegenkommend, bereitwillig, willfährig, nachgiebig”.

Dabei wurzelt das griechische Wort αίθήρ ursprünglich nicht in irdischen Rätseln, sondern fiel vom Himmel herab: „Nach altgriech. Vorstellung bestand der Luftraum über der Erde aus zwei verschiedenen Luftzonen, aus einer unteren, niederen Schicht, die durch neblig-wolkige und dicke Luft gekennzeichnet ist āểr [...], und aus einer himmelsfernen, äußerst feinen und klaren Luftzone, die zugleich als Wohnsitz der unsterblichen Götter galt. Diese letztere heißt nach dem in südlichen Gegenden besonders hell und strahlend erscheinenden Firmament, mit dem sie identifiziert ist, gr. aithếr ‘das Glühende, Brennende’”. (Duden Etymologie. Mannheim / Wien / Zürich: Bibliographisches Institut, 1963, S. 38.)

Man könnte das Wort Äther, wenn man seine Geschichte durch die letzten dreiundzwanzig Jahrhunderte seit Aristoteles verfolgt, in Lichtenbergs Sinne auch als ein „liebedienerisches” bezeichnen, insofern es sich jedem neuen Welträtsel an die Brust schmiss, um bloß nicht aufs Altenteil geschoben zu werden und in völliger Bedeutungslosigkeit zu versinken. Es gleicht insofern einer hässlichen alten Jungfer, die partout nicht wahrhaben will, dass es nichts mehr werden wird mit der Liebesnacht im warmen Bett der Erkenntnis – da mag Nobelpreisträger George F. Smoot reden, was er will.

Hier hat Pynchon endlich wieder ein Fass nach seiner Façon aufgemacht – ich wurde langsam in Erwartung dessen auch schon etwas ungeduldig -, das es sich lohnen dürfte, bis auf den letzten Tropfen auszuschlürfen. (Und was die Pynchonians bislang aus dieser Steilvorlage ihres Meisters gemacht haben, ist ja wohl wenig mehr als ein albern missglückter Fallrückzieher über die Tribüne.)

AtD VII (57-80|89-123)

Samstag, 03. Januar 2009

Dieses Kapitel erzählt die Geschichte des Technikers und späteren Fotografen Merle Rideout und seines Töchterchens Dahlia, genannt „Dally”, die uns erstmals bei der Landung der Inconvenience am Rande der Chicagoer Weltausstellung begegnet sind (26-29|45-49). „Eines Tages” – so hebt ein Rückblick an, der uns zurückführt in die 1880er-Jahre und in ein Laboratorium der Yale University in New Haven (CT) versetzt, wo Rideout mit seinem Freund Professor Vanderjuice ein denkwürdiges Gespräch über Äthertheorie und Lichtgeschwindigkeit führt. Die beiden beschließen, dass Rideout zur Case Western Reserve University in Cleveland (OH) reisen soll, um sich über den neuesten Stand der Forschung durch den dort tätigen Physiker Michelson unterrichten zu lassen. Während in der Stadt gerade die Jagd nach dem Desperado Blinky Morgan Tagesgespräch ist, macht sich Rideout mit den dort zahlreich vertretenen Licht- und Äthertheoretikern bekannt und lernt in diesem zwielichtigen Umfeld den freiberuflichen Photographen Roswell Bounce kennen. Nebenher verschwendet er viel Zeit und Geld in den örtlichen Whiskey-Saloons und im Etablissement der Schwestern Madge und Mia Culpepper. (57-61|89-95)

Schließlich versteigt sich Rideout zu der kühnen Theorie, der Gangster Blinky Morgan und Michelsons Kollege Edward Williams Morley seien ein und dieselbe Person. Sein neuer Freund Roswell bringt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück, indem er ihn für das praktische Handwerk des Photographierens begeistert. Seinen ursprünglichen Plan, Michelson zu besuchen, verliert er darüber ganz aus den Augen. (61-66|95-103) – Er lernt stattdessen Erlys Mills Snidell kennen und wird Vater, verliert seine Frau dann aber bald wieder an den Zauberer Luca Zombini. Wie sich dies genau zutrug, erfahren wir aus den Gesprächen, die Rideout mit seiner Tochter Dahlia führt. (66-69|103-107)

Zurück in der „Gegenwart”, der Zeit nach dem Ende der Weltausstellung von 1893. Vater und Tochter ziehen durch die Lande, Merle schlägt sich mehr schlecht als recht als Photograph durchs Leben, während „Dally” davon träumt, irgendwann ihre Mutter – einem „Duft am Rande ihrer Erinnerung” – wiederzubegegnen. (69-72|107-111)

Während die Jahre verstreichen, nimmt Merle Rideout auch mancherlei andere Arbeiten dankend an: als Klingelmonteur, Schindelmacher, Zaunflicker, Kabelverleger und Blitzableiter-Vertreter. Der Techniker und seine Tochter machen schließlich die Bekanntschaft mit einem sehr anhänglichen Kugelblitz. Irgendwann in den San Juan Mountains (CO), jedenfalls schon im neuen, 20. Jahrhundert, wird dem Vater klar, dass seine Tochter bald flügge sein wird und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie ihn verlässt. (72-75|111-116)

Merle entdeckt in einem Tabakladen in Denver (CO) zufällig einen alten Zeitungsartikel über Erlys, die inzwischen mit Zombini und einem Dutzend Kindern in einem gemütlichen, wunderschönen Haus in New York lebt. Er lernt Webb Traverse kennen, einen Bergbauingenieur im kleinen Hellkite-Werk bei Telluride. Die beiden führen ein reichlich abgedrehtes Gespräch über Alchemie und die Explosivität von Edelmetallen. „So kam es, dass Merle und Dally [...] ihre Zelte für die nächsten paar Jahre im San Miguel County aufschlugen.” (75-80|116-123)

AtD VI.12

Samstag, 06. Dezember 2008

Ich muss eingangs gestehen, dass ich vermutlich der einzige volljährige Mensch auf diesem Erdenrund bin, der noch nie in seinem Leben ein Glas Bier getrunken hat. Im Alter von vielleicht fünf Jahren ließ mich ein Schalk mal an einem solchen Glas nippen – und das hat mir für den Rest meines Lebens gereicht. Nicht, dass ich darüber zum Temperenzler geworden wäre, wahrlich nicht! Aber Bier? Da verzichte ich dankend.

Insofern bin ich ein blutiger Laie, wenn sich jetzt die Frage stellt, wie wohl Franz Ferdinand das „green beer” gemundet haben mag, das in der Boll Weevil Lounge kredenzt wurde, in jener „Negerbar” in der South State Street, in die ihn seine Abenteuerlust verschlug – den gelangweilten Blaublüter auf der Suche nach dem letzten Kick, den er abseits der ausgetretenen Touristenpfade gefunden zu haben meint: “Squalid! [...] I love it!” (47|75)

„Helles” hat ja üblicherweise die Farbe von gesunder Pisse, während „Alt” eher auf unmittelbar bevorstehendes Nierenversagen hindeutet. Aber grün? Damit das Gesöff diesen Farbton annimmt, muss schon der Heilige Patrick mit seinem magischen Schlüssel allerlei Kräutlein von der Grünen Insel in den Gerstensaft einrühren. (In unseren profanen Zeiten behelfen sich die kommerziellen Hersteller dieses Partyknüllers vorm St. Patrick’s Day mit Lebensmittelfarbe.)

Was aber dieser Studentenulk, der traditionell um den 17. März herum veranstaltet wird und vermutlich von irischstämmigen Einwanderern ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten eingeschleppt wurde, in einer Chicagoer „Negerbar” zu suchen hat, noch dazu spät im Herbst, das wird wohl auf immer Thomas Pynchons Geheimnis bleiben.

Grün ist einerseits, streng wissenschaftlich betrachtet, der Farbreiz, der vom menschlichen Auge wahrgenommenen wird, wenn Licht dessen Retina mit einer spektralen Verteilung trifft, bei der das Maximum im Wellenlängenintervall zwischen 520 und 565 Nanometern liegt. Aus dem unschärferen Blickwinkel sprichwörtlicher Farbenkunde ist Grün die Hoffnung. Doch für diesen ebenso bierseligen wie schießwütigen Spross eines dem Untergang geweihten Adelsgeschlechts kommt, wie wir Nachgeborenen wissen, alle Hoffnung, gleich welcher Farbe, zu spät.

AtD VI.11

Samstag, 06. Dezember 2008

In welchem Licht zeigt sich uns der Anarchistenprediger im Arbeiter-Overall (statt der Soutane), am Rednerpult (statt von der Kanzel herab), in jenem Varietétheater (statt in einer Kirche), vor seiner Zuhörerschaft (statt vor der Gemeinde), zu den Klängen eines Akkordeons (statt einer Orgel)? Und so sind es auch keine anheimelnden Altarkerzen, die diesen Prediger flankieren. Ein Paar Gaslampen mit Welsbach-Glühstrümpfen („a pair of gas lamps with Welsbach mantles”) beleuchtet das hochgewachsene Individuum namens Reverend Moss Gatlin, das angetreten ist, die Unzufriedenheit der Mühseligen und Beladenen zu schüren. (49|78)

In allen Einzelheiten kopiert also diese atheistische Veranstaltung die christliche Liturgie, wenngleich mit den betont nüchternen und bescheidenen Mitteln der Deklassierten. Die rituellen Formen fast zweitausend Jahre währender religiöser Indoktrination sind offenbar nicht mit einem Handstreich wegzuwischen.

Und was genau ist nun ein „Welsbach-Glühstrumpf”? Der österreichische Chemiker und Unternehmer Dr. Carl Auer, Freiherr von Welsbach entwickelte 1885 ein Verfahren, bei dem er Baumwollfäden mit den Salzlösungen Seltener Erden (wie Neodym oder Praseodym) tränkte und die getrockneten Fäden verbrannte. Zurück blieb ein Gerüst aus deren Oxiden, das ein starkes Strahlungsvermögen zeigte. Dieses Gespinst, das auch unter dem Namen „Auerstrumpf” bekannt wurde, ergab in den Gaslampen bei geringerem Verbrauch ein deutlich helleres Licht und war bis zum Siegeszug der elektrischen Beleuchtung das Mittel der Wahl, wenn es galt, Licht ins Dunkel zu bringen.

Das Auerlicht ist vielleicht nicht ganz zufällig auch der Blickfang in einem der bedeutungsvollsten und rätselhaftesten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts: Étant donnés: 1. la chute d’eau 2. le gaz d’éclairage … von Marcel Duchamp (1887-1968), das als dessen künstlerisches Testament gewertet wird. Zwanzig Jahre lang, von 1946 bis 1966, hat Duchamp an dieser mysteriösen Installation gearbeitet, die heute im Philadelphia Art Museum zu besichtigen ist, nachdem er sich zuvor ganz von der bildenden Kunst verabschiedet und sich ausschließlich mit dem Schachspiel befasst hatte.

Der Betrachter tritt vor ein poröses Holztor und erblickt durch zwei Ritzen zwischen den Planken einen halb verdeckten, nackten Frauentorso, der mit weit gespreizten Schenkeln auf dem Boden liegt und seine rasierte Scham exponiert. Die linke Hand hält eine Auerbach-Lampe steil nach oben. Im Hintergrund zeigt sich eine arkadische Landschaft mit einem durch Lichteffekte animierten Wasserfall. – In der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 1968 verstarb der größte Künstler des vergangenen Jahrhunderts nach einem gemütlichen Gastmahl mit seiner Frau Alexina („Teeny”) und den Freunden Jean-Jacques Lebel und Man Ray im gesegneten Alter von 81 Jahren an einem Lachanfall. Auf seinen Grabstein in Rouen ließ er die Inschrift meißeln: « D’ailleurs, c’est toujours les autres qui meurent. »

AtD VI.10

Freitag, 05. Dezember 2008

Die Anarchisten-Versammlung, die Lew als Spitzel im Auftrag von W. C. I. besucht, erweist sich als eine sangesfrohe Veranstaltung. Auf dem Programm steht u. a. Hubert Parrys jüngst erfolgte, im Text leicht abgewandelte Vertonung von William Blakes Jerusalem. (49|78)

Dieses Gedicht des englischen Poeten, Naturmystikers, Malers und Kupferstechers (1757-1827) erschien 1804 im Vorwort [Preface, siehe Titelbild] zu seinem „prophetic book” Milton, a poem: “And did those feet in ancient time / Walk upon England’s mountains green? / And was the holy Lamb of God / On England’s pleasant pastures seen? // And did the Countenance Divine / Shine forth upon our clouded hills? / And was Jerusalem builded here / Among these dark Satanic mills? // Bring me my bow of burning gold: / Bring me my arrows of desire: / Bring me my spear: O clouds unfold! / Bring me my chariot of fire. // I will not cease from mental fight, / Nor shall my sword sleep in my hand / Till we have built Jerusalem / In England’s [this our] green and pleasant land.” – (In freier Übersetzung: „Und sind wohl in alter Zeit diese Füße / Über Englands grüne Berge gewandelt? / Und wurde das heilige Gotteslamm wohl / Auf Englands lieblichem Weidland gesehn? // Und strahlte wohl das göttliche Antlitz / Hervor auf unsre umwölkten Hügel? / Und wurde Jerusalem wohl erbaut / Inmitten satanisch-finstrer Mühlen? // Bringt mir meinen Bogen aus glühendem Gold! / Bringt mir meiner Sehnsucht Pfeile! / Bringt meinen Speer: O Wolken, teilt euch! / Bringt mir meinen feurigen Streitwagen. // Ich werde vom geistigen Kampf nicht lassen / Noch soll das Schwert in meiner Hand je ruhn, / Bis wir haben Jerusalem in Englands [unserem] / lieblich grünem[n] Land gebaut.”)

Die Vertonung des Gedichts als Chorstück durch den englischen Komponisten C. Hubert H. Parry (1848-1918) war 1893 allerdings nicht „jüngst erfolgt”, sondern entstand erst 1916, mehr als zwanzig Jahre später. Und das Workers’ Own Songbook, aus dem die versammelte Anarchistengemeinde dieses und ein weiteres Lied (Fierce as the winter’s tempest) sich selbst zu Gehör bringt, scheint gar Pynchons ureigenste Erfindung zu sein. Nicht, dass er das nicht dürfte, wir haben es ja hier schließlich mit einem Roman zu tun und nicht mit einem historischen Sachbuch. Aber die Grenze zwischen Fakt und Fiktion sollte klar gezogen werden.

Mit der Bezugnahme auf William Blake allgemein, und speziell auf dessen Gedicht And did those feet in ancient time, stellt uns der Autor jedenfalls einen bunten Strauß von Assoziationen zur neueren, ursprünglich anarchisch-rebellischen Popkultur der Jahre 1960 ff. auf den Tisch, die von Aldous Huxleys The Doors of Perception (1954) über die Rockband The Doors (1965-1973) bis hin zu den zahlreichen Coverversionen des Jerusalem-Songs reichen: von der Adaption der Hymne auf der 1973 erschienenen Schallplatte Brain Salad Surgery der Rockband Emerson, Lake & Palmer bis zum Solo-Album The Chemical Wedding des Iron-Maiden-Sängers Bruce Dickinson von 1998.

Dass diese vermeintlich aufrührerische Versammlung aber in einem Raum stattfindet, der Lew an eine Kirche erinnert – „vielleicht hatte es mit dem Hall, dem Geruch zu tun” -, das ist vielleicht die eigentliche Botschaft dieser Passage: Anarchismus als eine konsequente Fortsetzung des Frühchristentums mit anderen Mitteln.