Seinen ersten Bedeutungswandel erlebte das Wort „Äther” noch im antiken Griechenland, als eine Art „fünftes Rad am Wagen” der Vier-Elemente-Lehre, die Erde, Wasser, Feuer und Luft als die Grundstoffe ansah, aus denen sich alles Seiende zusammensetzt. Jedem dieser ursprünglichen Elemente waren nach Aristoteles zwei von insgesamt vier Eigenschaften – heiß, kalt, feucht und trocken – zugeordnet. Die Erde ist demnach kalt und trocken, das Wasser kalt und feucht, das Feuer heiß und trocken und die Luft heiß und feucht. Und auch die platonischen Körper wurden zu diesen Grundstoffen in Beziehung gesetzt, indem der Würfel der Erde entsprach, das Ikosaeder dem Wasser, das Tetraeder dem Feuer und das Oktaeder der Luft.
Schon weil es bekanntlich nicht vier, sondern fünf platonische Körper gibt, lag es nahe, dass es noch ein fünftes Element geben müsste, um auch dem Dodekaeder Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Als solches wurde bald, mit allerdings sehr unterschiedlichen Deutungen, der Äther ausgemacht: „Später gilt der Äther als einer der Grundstoffe, als eine Art feinster Luft, immer noch als etwas ,Göttliches‘ [...]. Bei den Pythagoreern (Philolausfragment) kommt der Äther als fünftes Element vor, so besonders bei Aristoteles.” (Eisler, a. a. O.) – „Im Philolaos-Fragment, in der [vermutlich fälschlich Platon zugeschriebenen] ,Epinomis‘ und wahrscheinlich in den Dialogen des Aristoteles, insbesondere aber in seiner Schrift ,Über die Philosophie‘[,] erscheint Ä[ther] als Q[uintessenz], als ein Element, welches von den anderen vier getrennt und verschieden ist. In der späteren Überlieferung gelten beide Wörter [Äther und Quintessenz] als Synonyma.” (Kurdzialek in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, a. a. O.)
Aus unserer geschichtsvergessenen Umdeutung des Wortes Quintessenz als „Endergebnis, Hauptgedanke, -inhalt, Wesen einer Sache” (Duden Fremdwörterbuch. Mannheim / Wien / Zürich: Bibliographisches Institut, 1974, S. 610) hat sich seine ursprüngliche Bedeutung, „das fünfte Seiende”, nahezu rückstandslos verflüchtigt, denn das, was buchhalterisch gesprochen „unterm Strich steht”, ist doch etwas ganz anderes als das, was „alles durchdringt und umfasst”. Da lobe ich mir doch meinen „Genius”, der ungleich vollkommener den Hintergrund dieses Wortes und seines Bedeutungswandels ausleuchtet: „Quintessénz, f. (von lat. quínta esséntia, fünfte Seinsstufe) bei den Pythagoräern: der Äther, d. h. die feine Himmelsluft als fünfter Urstoff; dann: feinster Auszug aus einer Sache, durch (fünfmaliges) Ausziehen aus einem Körper gewonnener feinster, reinster Stoff [...].” (Adolf Genius: Neues großes Fremdwörterbuch. Regensburg: Josef Habbel, 1933, S. 798.)
Dass der postmoderne, neoklassische Roman Against the Day in fünf Teile gegliedert ist: Das Licht über den Welten (1-118|11-179), Islandspat (119-428|181-641), Bilokationen (429-693|643-1030), Gegen den Tag (695-1062|1031-1564) und Rue du Départ (1063-1085|1565-1596), das mag „nur” ein Zufall sein. – Dass ich meine täglich-alltäglichen Einlassungen zu unserem kindlich-menschlichen Missgeschick prinzipiell in fünf Absätzen vom Stapel lasse, folgt hingegen einer inneren Notwendigkeit: der Quersumme von 23, was die Quersumme von nine-eleven ist, wenn man die Jahreszahl hinzuzieht. Bin ich zahlenverrückt? (Wem’s zur Erklärung meiner ungeordneten Einlassungen dienlich ist, dem sei auch dies zugestanden.).
Alles Quatsch? Vielleicht. Denn eben lese ich: „Den fünften Platonischen Körper, das Ikosaeder, kannten die frühen Pythagoräer noch nicht.” (David Wells: Das Lexikon der Zahlen. A. d. Engl. v. Klaus Volkert. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1990, S.59.)
[Titelbild: Der Himmel über Jerusalem aus der Mitteltafel des Epiphanias-Altars von Hieronymus Bosch, um 1510.]






