Seit zwei Monaten ruht meine Lektüre von Thomas Pynchons Against the Day. Scheint so, als wäre ich da etwas rausgekommen. Die Frage drängt sich auf, woran das lag. Weil äußere Umstände, andere Bücher, drängendere Fragen mich auf andere Wege führten? Oder weil speziell dieses VII. Kapitel mich weniger zu interessieren vermochte als die vorangegangenen? Wie dem auch sei, jedenfalls erweist sich so die AtD-Serie als ein diesem Weblog besonders gemäßer Zeitnehmer, mit ihren langen Pausen nach hastigem Beginn, ihren Unregelmäßigkeiten, ihrem stotternden, unberechenbaren Rhythmus.
Der heutige Beitrag soll nicht mehr sein als ein schwacher Viertelstundenschlag in dunkler Nacht, der die Botschaft bringt: Das Projekt ist noch nicht gestorben und endgültig verstummt. Für mehr reicht es momentan nicht; wollte ich mehr, müsste ich zunächst die 34 Seiten dieses VII. Kapitels gründlich und dann die über 80 ihm vorangehenden Seiten oberflächlich wiederlesen. Auch meine bislang 64 Beiträge zu Against the Day wären noch einmal zu überfliegen. Das kann dauern und muss vorläufig noch warten.
Hier will ich nur festhalten, dass mir gelegentlich aus unerwarteten Richtungen kleine Reminiszenzen an Pynchons Geschichte zufliegen, z. B. gleich mehrfach zum österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand. So lese ich gerade eben in einem wundervollen Buch über den Beginn des letzten Jahrhunderts einen Abschnitt über den Wiener Architekten Adolf Loos (1870-1933), der 1910 das Publikum mit seinem berühmten, völlig schmucklosen Haus am Michaelerplatz schockierte: „Dort, in unmittelbarer Nähe der allerhöchsten Anwesenheit Seiner Majestät, zeigte sich eine Häuserfront von geradezu aggressiver Funktionalität, ein Gebäude ohne Ornamente, eigentlich ohne Fassade. [...] In der sogenannten guten Gesellschaft zeigte man sich besonders schockiert über den Mangel an Respekt gegenüber der kaiserlichen Familie, denn einige Mitglieder des Hauses Habsburg schäumten vor Wut. Der als reaktionär bekannte Erzherzog Franz Ferdinand schwor, die Hofburg nie wieder vom Michaelerplatz aus zu betreten, und der Kaiser selbst ordnete an, daß alle Gardinen zum Platz hin geschlossen sein müßten, wann immer er gezwungen war, diesen Teil des Palastes zu betreten.” (Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914. München: Carl Hanser, 2009, S. 86; Hervorhebung von mir.)
Auch Franz Ferdinands Lieblingsgewehr, sein doppelläufiger Mannlicher, ist mir neulich als Lieblingswaffe eines Reichsjägermeisters begegnet. War es Hermann Göring? Winston Churchill? Wilhelm II.? War es in Menschenrauch oder irgendeinem Feuilleton? Ich finde die Stelle nicht wieder. Dass die Jägerei als maßloses Gemetzel eins der liebsten Freizeitvergnügen der dekadenten Aristokratie vor hundert Jahren war, kann man jedenfalls kurz und knapp bei Blom nachlesen, wo der vulgäre Frauenheld und Fettwanst König Edward VII. als besonders lächerliches Exemplar dieser Art von strotzender Männlichkeit vorgeführt wird. Und über Wilhelm II. heißt es dort: „[...] kaum etwas machte Wilhelm so glücklich, als vor einer scheinbar unendlichen Strecke erschossener Tiere photographiert zu werden.” (Blom, a. a. O., S. 60.)
Zeitweise war ich mir beim Pynchon-Projekt vielleicht wie jemand vorgekommen, der versteckte Anspielungen reihenweise abknallt wie die Karnickel bei der Treibjagd. Möglich, dass auch dieser fade Beigeschmack meinen anfänglichen Eifer etwas gedämpft hat. Mit frischem Elan werde ich mich auf diesem Terrain vermutlich erst dann zurückmelden, wenn ich einen überzeugenderen Ansatz für meine Kommentare gefunden habe.






