Archiv für die Kategorie ‘Against the Day’

AtD VII.10

Samstag, 25. April 2009

Seit zwei Monaten ruht meine Lektüre von Thomas Pynchons Against the Day. Scheint so, als wäre ich da etwas rausgekommen. Die Frage drängt sich auf, woran das lag. Weil äußere Umstände, andere Bücher, drängendere Fragen mich auf andere Wege führten? Oder weil speziell dieses VII. Kapitel mich weniger zu interessieren vermochte als die vorangegangenen? Wie dem auch sei, jedenfalls erweist sich so die AtD-Serie als ein diesem Weblog besonders gemäßer Zeitnehmer, mit ihren langen Pausen nach hastigem Beginn, ihren Unregelmäßigkeiten, ihrem stotternden, unberechenbaren Rhythmus.

Der heutige Beitrag soll nicht mehr sein als ein schwacher Viertelstundenschlag in dunkler Nacht, der die Botschaft bringt: Das Projekt ist noch nicht gestorben und endgültig verstummt. Für mehr reicht es momentan nicht; wollte ich mehr, müsste ich zunächst die 34 Seiten dieses VII. Kapitels gründlich und dann die über 80 ihm vorangehenden Seiten oberflächlich wiederlesen. Auch meine bislang 64 Beiträge zu Against the Day wären noch einmal zu überfliegen. Das kann dauern und muss vorläufig noch warten.

Hier will ich nur festhalten, dass mir gelegentlich aus unerwarteten Richtungen kleine Reminiszenzen an Pynchons Geschichte zufliegen, z. B. gleich mehrfach zum österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand. So lese ich gerade eben in einem wundervollen Buch über den Beginn des letzten Jahrhunderts einen Abschnitt über den Wiener Architekten Adolf Loos (1870-1933), der 1910 das Publikum mit seinem berühmten, völlig schmucklosen Haus am Michaelerplatz schockierte: „Dort, in unmittelbarer Nähe der allerhöchsten Anwesenheit Seiner Majestät, zeigte sich eine Häuserfront von geradezu aggressiver Funktionalität, ein Gebäude ohne Ornamente, eigentlich ohne Fassade. [...] In der sogenannten guten Gesellschaft zeigte man sich besonders schockiert über den Mangel an Respekt gegenüber der kaiserlichen Familie, denn einige Mitglieder des Hauses Habsburg schäumten vor Wut. Der als reaktionär bekannte Erzherzog Franz Ferdinand schwor, die Hofburg nie wieder vom Michaelerplatz aus zu betreten, und der Kaiser selbst ordnete an, daß alle Gardinen zum Platz hin geschlossen sein müßten, wann immer er gezwungen war, diesen Teil des Palastes zu betreten.” (Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914. München: Carl Hanser, 2009, S. 86; Hervorhebung von mir.)

Auch Franz Ferdinands Lieblingsgewehr, sein doppelläufiger Mannlicher, ist mir neulich als Lieblingswaffe eines Reichsjägermeisters begegnet. War es Hermann Göring? Winston Churchill? Wilhelm II.? War es in Menschenrauch oder irgendeinem Feuilleton? Ich finde die Stelle nicht wieder. Dass die Jägerei als maßloses Gemetzel eins der liebsten Freizeitvergnügen der dekadenten Aristokratie vor hundert Jahren war, kann man jedenfalls kurz und knapp bei Blom nachlesen, wo der vulgäre Frauenheld und Fettwanst König Edward VII. als besonders lächerliches Exemplar dieser Art von strotzender Männlichkeit vorgeführt wird. Und über Wilhelm II. heißt es dort: „[...] kaum etwas machte Wilhelm so glücklich, als vor einer scheinbar unendlichen Strecke erschossener Tiere photographiert zu werden.” (Blom, a. a. O., S. 60.)

Zeitweise war ich mir beim Pynchon-Projekt vielleicht wie jemand vorgekommen, der versteckte Anspielungen reihenweise abknallt wie die Karnickel bei der Treibjagd. Möglich, dass auch dieser fade Beigeschmack meinen anfänglichen Eifer etwas gedämpft hat. Mit frischem Elan werde ich mich auf diesem Terrain vermutlich erst dann zurückmelden, wenn ich einen überzeugenderen Ansatz für meine Kommentare gefunden habe.

AtD VII.9

Dienstag, 24. Februar 2009

Heim zu Against the Day, aus der rauen Wirklichkeit des frühen 21. zurück in die nicht minder raue Unwirklichkeit des späten 19. Jahrhunderts, in die Ätherära der Maxwell-Lorentz-Theorie und der Michelson-Morley-Experimente, als sich noch nicht entschieden hatte, ob die Lehre vom Sein (Ontologie) künftig nun ein Teilgebiet der Metaphysik oder eine Disziplin der Physik sein würde.

Im Fahrwasser dieser seriösen Forschung tummeln sich, wenn wir Thomas Pynchon glauben wollen, der Merle Rideout nach Cleveland (OH) begleitet, allerlei dubiose Scharlatane und Sektierer, „darauf bedacht, sich im Strahlen des Äther-Drift-Experiments zu sonnen”, Erfinder von durch Lichtmaschinen angetriebenen Fahrrädern, Diätfanatiker, die behaupten, sich von nichts anderem als von Licht ernähren zu können, Sonnenanbeter, die sich im Morgengrauen im Park versammeln, und Lichtsüchtige, die mit psychosomatischen Beschwerden wie Schweißausbrüchen und Juckreiz auf Lichtmangel reagieren (59-60|92-93).

Hellhörig werden wir Leser in Germany natürlich, wenn in diesem Zusammenhang auch von „Lichtariern” („Lightarians”) die Rede ist. Nähern wir uns hier etwa jenem völkischen Mystizismus aus der Frühzeit des Naziwahns, als aus Blut und Boden, Volk und Rasse, Licht und lohender Flamme die Verheißung eines endzeitlichen Reiches zusammengebraut wurde? Dass schließlich eher die grobstofflichen Substanzen, der harte Kruppstahl und das zähe Leder, im Ringen um die Weltherrschaft eine Rolle spielen sollten, war ja in den goldigen Zwanzigerjahren noch nicht absehbar. Vom Lichtarier als dem freien Menschen der Zukunft schwärmte da noch die nationalkonservative Frauenrechtlerin Mathilde Ludendorff (1877-1966), während der Jugendstilkünstler Fidus, vulgo Hugo Höppner (1868-1948), die zyklische Kreisstruktur des Lebens, die Rückkehr des Mannes in den göttlichen Mutterschoß und die Verschmelzung der Geschlechter mit dem Pinsel beschwor – vor allem aber die Erlösung durch das Licht in seinem vielfach abgewandelten Lichtgebet [s. Titelbild], das zeitweise wohl berühmter war als Rodins Le Penseur. Interessant übrigens, dass beide Lichtanbeter, die Frau Ludendorff ebenso wie der Herr Höppner, beim Fürsten der Finsternis, Adolf Hitler, schon früh in Ungnade fielen.

Vielleicht bezieht sich Thomas Pynchon aber auch auf „Lichtarier” neuerer Zeiten. So haben die Kommentatoren im Pynchon-Wiki darauf hingewiesen, dass die als „Breatharians” bekannt gewordenen Jünger der australischen Fastenkünstlerin Jasmuheen, vulgo Ellen Greve (* 1957), gelegentlich auch als „Lightarians” bezeichnet werden. Ulrich Holbein hat der „Kosmotelepathin, Liquid-Pranierin, Lichtarbeiterin, Channeling-Esoterikerin, Metaphysikberaterin” Jasmuheen einen ausführlichen Artikel in seinem Narratorium gewidmet. Dort liest der staunende Liebhaber fester und flüssiger Gaumenfreuden: „Sie trat einer Gruppe bei, die um die Energiefelder des Körpers kreiste, auf dem Sektor Breatharianism (Atemluftismus), bzw. Liquidarismus, Pionierarbeit leistete, Methoden entwickelte, einen Lichtkörper zu entwickeln, mit Lichtwesen medial in Kontakt zu treten und mit deren Hilfe normale grobstoffliche Ernährung fallenzulassen, auch nichts mehr zu trinken und sich nur noch von Prana – flüssigem Licht – zu ernähren, was Jasmuheen ab 1993 dann auch tat.” (A. a. O., S. 468.)

Warnung! Unter den Anhängern des Breatharianism bzw. Lightarianism sind bereits die ersten Todesopfer zu beklagen. Wer sich dennoch einem Selbstversuch unterziehen will, sollte zuvor unbedingt diese Informationen zur Kenntnis nehmen.

AtD VII.8

Donnerstag, 15. Januar 2009

Eine außergewöhnliche Eigenschaft des Lichtes muss noch Erwähnung finden. Bereits die Griechen hatten erkannt, dass es sich extrem schnell fortpflanzt, so schnell jedenfalls, dass sich seine Geschwindigkeit lange Zeit nicht messen ließ. Aristoteles nahm sogar an, dass sich Licht unendlich schnell ausbreite, während Empedokles für eine endliche Geschwindigkeit plädierte. Diese beiden Hypothesen bestanden lange Zeit nebeneinander, ohne dass sich für oder gegen die eine oder andere ein endgültiger Beweis finden ließ. So blieben Johannes Kepler (1571-1630) und René Descartes (1596-1650) der aristotelischen Theorie treu, während Avicenna (980-1037) und Galileo Galilei (1564-1642) Empedokles’ Annahme folgten.

Zwischen 1668 und 1672 gelang es dem jungen dänischen Astronom Ole Rømer (1644-1710) bei der Beobachtung der Verfinsterung der vier Jupitermonde, einen Beweis für die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit zu finden, wenngleich seine Messergebnisse noch sehr ungenau waren. Sein französischer Kollege Giovanni Cassini (1625-1712) hatte soeben die Zeit zwischen zwei Mondverfinsterungen gemessen und für den Jupitermond Io den Wert von 42,5 Tagen ermittelt. Als nun Rømer diese Beobachtungen über einen längeren Zeitraum wiederholte, stellte er anhand von Cassinis Tabellen auffällige Abweichungen von dessen Zahlen fest. Er erklärte sich diese richtig durch die veränderte Beobachtungsposition, da die Erde bei ihrem Umlauf um die Sonne auch ihre Distanz zum Jupiter ändert. Weil aber damals der Durchmesser der Erdumlaufbahn noch nicht genau bekannt war, kam Rømer für die Geschwindigkeit des Lichts auf den noch sehr ungenauen Wert von c = 214.000 km/s. Immerhin war der Däne unbestreitbar der erste Astronom, dem durch naturwissenschaftliche Beobachtung und mathematische Berechnung der Beweis gelang, dass sich Licht mit endlicher Geschwindigkeit ausbreitet.

Doch die Zeit war offenbar noch nicht reif, das alte Dogma von einer „augenblicklichen Lichtausbreitung” zu überwinden. Ole Rømers brillante Beweisführung fand bei seinen Zeitgenossen wenig Anklang. Allein Christiaan Huygens pflichtete ihm bei, weil die Erkenntnis der endlichen Lichtgeschwindigkeit seiner Wellentheorie des Lichts entgegenkam. Die Autorität des Aristoteles wirkte über zwei Jahrtausende hinweg noch immer stärker als die Plausibilität moderner Beobachtungen und Berechnungen.

Erst ein halbes Jahrhundert später gelang dem Engländer James Bradley (1693-1762), wieder durch eine astronomische Beobachtung, erneut der Beweis endlicher Lichtausbreitung, als er eine Abweichung zwischen den errechneten und tatsächlichen Positionen der Sterne feststellte, die sogenannte Aberration des Lichts, für die er einen Winkel von 21 Bogensekunden ermittelte. Diese scheinbare Ungenauigkeit erklärte sich Bradley zutreffend durch die Lichtgeschwindigkeit, für die er einen Wert errechnete, der nur noch um ein Hundertstel vom heute gültigen Wert c = 299.792,458 km/s abwich.

Bis zur terrestrischen Messung der Lichtgeschwindigkeit war es aber auch dann noch ein weiter Weg; und bis zum Michelson-Morley-Experiment in Against the Day und damit zurück zum Ausgangspunkt meines wissenschaftshistorischen Exkurses muss ich die Geduld des Lesers vermutlich noch etwas strapazieren. Darum unterbreche ich diesen Ausflug in die Geschichte der Erkenntnis – auch auf Anraten meiner gründlichsten und kritischsten Leserin – für ein Weilchen, um mich wieder anderen, aktuelleren und möglicherweise kurzweiligeren Themen und Fragen zuzuwenden.

[Titelbild: A diagram of Jupiter (B) eclipsing its moon Io (DC) as viewed from different points in earth's orbit around the sun; in: Olaf (Ole) Roemer: Démonstration touchant le mouvement de la lumière trouvé par M. Römer de l'Académie Royale des Sciences. 7. Dezember 1676, S. 234. - In engl. Übers. zuerst ersch. u. d. T.: A Demonstration Concerning the Motion of Light; in: Philosophical Transactions of the Royal Society, Nr. 12 v. 25. Juni 1677, S. 893-94.]

AtD VII.7

Mittwoch, 14. Januar 2009

„Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. // Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. / Finsternis über Urwirbels Antlitz. / Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser. // Gott sprach: Licht werde! Licht ward. / Gott sah das Licht: daß es gut ist. / Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis. / Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht! / Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.” (Die Schrift. Verdeutscht v. Martin Buber gemeinsam m. Franz Rosenzweig. Heidelberg: Lambert Schneider, 1976, Bd. I, S. 9.)

Der niederländische Astronom, Physiker und Mathematiker Christiaan Huygens (1629-1695), zugleich ein geschickter Linsenschleifer und Freund seines Landsmannes, des Mikroskop-Baumeisters Antoni van Leeuwenhoek (1632-1727), vertrat auf der Grundlage seiner Himmelsbeobachtungen mit dem noch neuen Teleskop die Ansicht, dass Licht immateriell sei (womit er der Auffassung von Descartes folgte), sich wellenförmig ausbreite und darum auf ein Medium oder „Fluidum” angewiesen sei, dem er 1690 den alten Namen „Äther” gab und das er sich als eine äußerst feine Flüssigkeit vorstellte.

Sein englischer Konkurrent Isaac Newton (1643-1727), der der praktischen Astronomie mit dem von ihm 1672 ersonnenen Spiegelteleskop ein zuverlässigeres Instrument an die Hand gegeben hatte, widersprach dem „Lichtbild” des Holländers. Da Newton beobachtet hatte, dass einzelne Lichtstrahlen unveränderliche Eigenschaften haben, gelangte er zu der Überzeugung, Licht bestehe aus (unveränderlichen und atomähnlichen) Lichtteilchen (Korpuskeln). Auf den „Äther” als Medium zur Fortpflanzung seiner Lichtpartikel wollte oder konnte Newton aber keineswegs verzichten – wenngleich er sich dieses ursprünglich als feinste Materie gedachte Fluidum später unter dem Einfluss von Henry More (1614-1687), eines Theologen aus der Schule der „Cambridge Platonists”, als okkulte Kraft dachte und somit der alten Versuchung erlag, eine Unbekannte in seinen Berechnungen mit einem irrationalen Platzhalter zu füllen.

Dass dann trotzdem Newtons Theorie des Lichts fast ein Jahrhundert lang den Ton in der Physik  angab, muss nicht verwundern, denn sein fleißiges Hauptwerk Opticks: or, a Treatise of the Reflexions, Refractions, Inflexions and Colours of Light (1704) beeindruckt noch heute durch seine klare Systematik, seine kluge Ausgewogenheit zwischen Experiment und Theoriebildung, seine anschauliche Sprache und mathematische Genauigkeit. Aber es sollte ein anderer kommen: der Londoner Augenarzt und Physiker Thomas Young (1773-1829). Er war es zuvörderst, der der Newton’schen Korpuskulartheorie des Lichts den Todesstoß versetzte.

Und ein weiteres Genie sollte sich auf Youngs Seite stellen. – Ich war noch nie in Paris. Wenn ich aber doch einmal der „Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts” (Walter Benjamin) einen Besuch abstatten sollte, dann werde ich ihr Wahrzeichen, den Eiffelturm, aus einem einzigen Grund besuchen: um auf der ersten Etage in goldenen Lettern, neben 71 anderen „bedeutenden Franzosen”, auch den Namen von Augustin-Jean Fresnel (1788-1827) lesen zu können – und das, obwohl ich doch eigentlich ein „geisteswissenschaftlich orientierter Mensch” bin. – „Es werde Licht!”, so sprach Gott (nach Luthers Übersetzung). Aber es ward nur Zwielicht. Bis heute.

[Titelbild: Flagge des Freistaats Ökotopia.]

AtD VII.6

Dienstag, 13. Januar 2009

Den zweiten Bedeutungswandel erfuhr der Ätherbegriff, der zuletzt noch durch Friedrich Wilhelm Schelling (1775-1845) seine romantische Renaissance im abgetragenen Kleid einer anachronistischen Träumerei erleben durfte, im Zeitalter der Aufklärung. Schellings Naturphilosophie war aber schon zu seiner Zeit nicht viel mehr als das späte Aufflackern überlebter Hirngespinste am Rande jener ideengeschichtlichen Autobahn, auf der die materialistischen Schwerlaster in die verheißungsvolle Zukunft naturwissenschaftlich abgeklärter Seinserkenntnis donnerten.

In dieser Übergangsphase bedeutete das plötzlich verarmte Wort Äther, das zwar am Hungertuch nagte, aber dennoch seinen Geist nicht aufgeben wollte oder konnte, „die hypothetisch angenommenen Materieteilchen von unmeßbarer Feinheit und praktischer Gewichts- und Trägheitslosigkeit mit rein mechanischen Eigenschaften (Druck und Stoß). Dieser Ätherbegriff spielte eine große Rolle bei Versuchen zur Erklärung der Schwerkraft und der Ausbreitung des Lichts. So schuf Descartes ein auf dem Begriff des Äthers (des zweiten der drei von ihm angenommenen Grundelemente der Materie) und der Bewegung seiner Teilchen unter dem Einfluß zentrifugaler Kräfte aufbauendes kinetisches Modell zur Erklärung der Schwerkraft, und Huygens bediente sich des Ätherbegriffs bei der Aufstellung seiner Wellentheorie des Lichts. Während die Theorie der Schwerkraft Descartes’ im Folgenden durch die Theorie der Schwerkraft Newtons verdrängt wurde, erhielt sich die Theorie der Wellennatur des Lichts von Huygens und mit ihr die Hypothese von der Existenz des Äthers auch über die folgenden Jahrhunderte hinweg.” (Philosophisches Wörterbuch. Hrsg. v. Georg Klaus u. Manfred Buhr. [Ost-]Berlin: das europäische buch, 1972, Bd. 1, S. 129.)

Hieraus lernen wir: Bevor ein hoffnungsvolles Wort stirbt, gibt eher ein hoffnungslos verrotteter Staat seinen Geist auf. In den mathematisch-physikalischen Versuchen zur Erklärung der Gravitation überwinterte der Äther bis zum nächsten, nun schon dritten Bedeutungswandel.

Das zweibändige Philosophische Wörterbuch der DDR, von dem der Rowohlt-Verlag als Lizenznehmer der heimlichen Geistesbrüder im Osten im Jahr des Herrn 1972, immer die Nase im Wind und den Schwanz nach dem Trend ausgerichtet, in einer wohlfeilen dreibändigen Taschenbuch-Ausgabe unter dem Titel Marxistisch-leninistisches Wörterbuch der Philosophie, gleich 17.500 Exemplare auf den Markt warf; dieses konkurrenzlos billige, bestechend umfangreiche und dazu noch so zeitgemäße Nachschlagewerk war vor dreißig Jahren für einen wissbegierigen Zweifler wie mich, mit dürftigem Taschengeld versehen, das Mittel der Wahl auf dem ehrgeizigen Weg zu höherer Erkenntnis. Das biedere, bei Felix Meiner in Hamburg erschienene Wörterbuch der philosophischen Begriffe konnte gegen diese Konkurrenz aus dem Osten jedenfalls nicht bestehen, zumal es viel teurer war.

Dennoch vermisste ich im „Klaus-Buhr” immer wieder viele Stichwörter. Auf Seite 456 sind es gleich zwei: „Gravitation” – und „Gleichheit”. Da musste ich bis vorgestern warten, auf den „Ritter”, in dem beide Begriffe (S. 9353 f. und S. 9962-9969) erschöpfend erklärt und ausgedeutet werden.

AtD VII.5

Montag, 12. Januar 2009

Heute vor hundert Jahren starb in Göttingen der Mathematiker und Physiker Hermann Minkowski im Alter von nur 42 Jahren an einem Blinddarm-Durchbruch. Wenige Monate zuvor, am 21. September 1908, hielt er auf der 80. Naturforscherversammlung in Köln einen Aufsehen erregenden Vortrag, unter dem schlichten Titel Raum und Zeit, in dem er sich dazu aufschwang, die Zeit als vierte, gleichwertige Dimension in das bis dahin gültige Weltbild einzuführen. „Von Stund’ an”, so hatte Minkowski gleich eingangs etwas pathetisch ausgerufen, „sollen Raum für sich und Zeit für sich völlig zu Schatten herabsinken und nur noch eine Art Union der beiden soll Selbständigkeit bewahren.” (Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Leipzig: B. G. Teubner, 1908, Bd. XVIII, 1. Abt., Heft 2, S. 75-88.)

Mit etwas Glück kann man diese Rede heute als Separatdruck im Antiquariatsbuchhandel erstehen, wenn man bereit und in der glücklichen Lage ist, für diese knapp 14 Seiten 1.500 € zu berappen. Dabei ist doch, bei Licht betrachtet, ein solcher Tarif für die handfeste Druckversion der Umstürzung eines alten und zugleich für die Begründung eines neuen Weltbildes in schlichtem Einband kaum als Spottpreis zu bezeichnen. (Die erfolgreiche Operation einer Appendizitis ist heute vermutlich billiger zu haben.)

Um seine radikal neue Sicht auf die altvertraute Welt – die nach Minkowskis glaubwürdigem Bekenntnis „auf experimentell-physikalischem Boden erwachsen” ist – sogleich mit dem strahlenden Königsmantel neuer Begriffe zu bekleiden, schüttelte er aus dessen Ärmel Worte wie Weltpunkt, Weltlinie und Weltpostulat, die sich aber fürderhin und posthum in der Terminologie des mathematisch-naturwissenschaftlichen Weltbilds leider nicht etablieren konnten. Wenn man nicht alles selbst macht!

Minkowski gründet seinen erkenntnistheoretischen Geniestreich auf den „berühmte[n] Interferenzversuch von Michelson” (S. 80) und auf die Maxwell-Lorentzsche Theorie (S. 86). Auch der Äther kommt an einer ebenso bedeutungsvollen wie rätselhaften Stelle (S. 80) vor. Über alles setze ich aber den Schlusssatz des IV. der insgesamt V Kapitel seiner Abhandlung und Rede, der da lautet: „Man kann danach das Wesen dieses [Welt-]Postulates mathematisch sehr prägnant in die mystische Formel kleiden:” (S. 86)

Nachdem ich aus aktuellem Anlass in meinen Ausführungen zur Begriffsgeschichte des Wortes Äther etwas vorgeprescht bin, werde ich morgen wieder da ansetzen, wo ich sie gestern unterbrach. Solche Exkursionen müssen doch wohl im Raum-Zeit-Kontinuum gelegentlich mal erlaubt sein, oder?

[Titelbild: Ausschnitt aus der Titelseite von Hergé: Tim und Struppi - Kohle an Bord. Hamburg: Carlsen Verlag, 1970.]

AtD VII.4

Sonntag, 11. Januar 2009

In den folgenden Jahrhunderten bis zur Neuzeit behauptete sich der Äther-Begriff als alles verbindende, göttliche Entität, wenngleich er dabei mancherlei Umdeutungen durchmachte und wahlweise als lichtartig, beseelt, himmlisch-astral, überirdisch vorgestellt wurde. So behauptete Cicero in seinen Gesprächen in Tusculum (um 45 v. Chr.) mit Berufung auf Aristoteles, die Seelen seien von der gleichen Quintessenz wie die Sterne. Der frühchristliche Philosoph Origenes (2. Jh. n. Chr.) vermutete, dass dem Äther eine entscheidende Rolle bei der Wiederauferweckung des Leibes von den Toten zukomme. Die Peripatetiker Kritolaos und Diodor behaupteten, dass sowohl die Gottheit als auch die Seelen aus Äther bestünden, während die Neuplatoniker Porphyrios (3. Jh. n. Chr.) und Proklos (5. Jh. n. Chr.) annahmen, dass die Körper der Dämonen und Engel aus Äther gemacht seien und diese „feinste Materie” den Seelen zugleich als Vehikel diene.

Bei soviel überschwänglicher Bedeutungsvielfalt des Äthers bzw. der Quintessenz konnte die christliche Gotteslehre leicht schon mal auf Abwege geraten, wie es Anfang des 13. Jahrhunderts dem Pariser Theologen David von Dinant widerfuhr, als er Gott und die Welt auf eine gemeinsame Materie zurückführte – er nennt sie „Hyle” – und damit einen ketzerischen Pantheismus begründete. Seine Schriften wanderten im Jahre 1210 umgehend auf den Scheiterhaufen.

Im 16. Jahrhundert befassten sich Agrippa von Nettesheim und Paracelsus erneut mit dem Urstoff, den sie „spiritus mundi” nannten. Ihnen galt der Äther als Medium zwischen Geist und Körper, eine samenentfaltende Kraft, das Prinzip der Belebung und Veränderung. Alle Wesen bestehen nach ihnen zunächst aus einem elementarischen, irdischen, sichtbaren Leib, neben dem es aber stets noch ein himmlisches, astralisches, unsichtbares Wesen gibt, „spiritus”, das Substrat aller Materie. Diese Quintessenz wollten diese beiden wackeren Alchemisten der Renaissance in ihren Laboratorien absondern, was ihnen aber vermutlich ebensowenig gelang wie die Versuche ihrer Zunftgenossen zur Goldsynthese oder der Herstellung des „Steins der Weisen“.

Dieser experimentelle Wissensdurst und Erkenntnishunger fand dann am 17. Februar 1600 seinen vorläufigen Abschluss, als der Naturphilosoph und Pantheist Giordano Bruno [siehe Titelbild] auf dem Campo de’ Fiori in Rom bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. Er hatte den Äther als einen unermesslichen und beseelten, alle Körper durchdringenden „spiritus universi” identifiziert, der das ganze Weltall durchdringe, allgegenwärtig und allmächtig, mächtiger als jeder begrenzte Gott menschlicher Vorstellung. – Ich folge hier, wie in den bisherigen Beiträgen zur Begriffsgeschichte von „Äther”, der sachlichen Darstellung von Marian Kurdzialek. (In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, a. a. O., S. 2079-2081.)

„In solchem Maße besessene Ätheristen” wie Giordano Bruno landeten zu seiner Zeit auf dem Scheiterhaufen, dreihundert Jahre später dann „normalerweise zu einem längeren Aufenthalt in Newburgh” (61|95), nämlich im Cleveland State Hospital, auch bekannt unter den Namen Northern Ohio Lunatic Asylum, Newburgh State Hospital oder Cleveland Developmental Center. – Aber ich will nicht vorgreifen.