XI.21: „Welche Qualen ziehen Sie dem Tod vor?“ – Ich erinnere mich an genau drei Gelegenheiten, bei denen körperliche Schmerzen so unerträglich waren, dass ich mir wünschte, zu sterben: irgendwann in der Kindheit, als ein Ohrenschmerz unbekannter Ursache mich überwältigte; an den Wundschmerz nach der Operation an meinem rechten Fuß am 20. Juli 1972; und an eine außergewöhnliche Migräneattacke wohl im Jahr 1989, aus der mich ein Notarzt mit einer Spritze befreien musste, nachdem ich begonnen hatte, mit dem Kopf gegen die Wand zu hämmern. Alle körperlichen Qualen unterhalb dieser Toleranzschwelle ziehe ich somit dem Tod vor, wobei ich mir vorstellen kann, dass mich auch schwächere Schmerzen in einen Lebensüberdruss treiben könnten, wenn sie dauerhaft sind und unbehebbar scheinen, sodass sie mich an allem hindern, was mir das Leben lebenswert macht. Wenn auch seelische Qualen gemeint sind, dann erinnere ich mich an den höllischen Zeitabschnitt zwischen August 1969, als mein Vater starb, und November 1975, als ich mich glücklich verliebte, in der mir das erhoffte Nichts nach dem Tod meist angenehmer erschien als das Dasein zwischen Aufwachen und Einschlafen.
XI.22: „Wenn Sie an ein Reich der Toten (Hades) glauben: beruhigt Sie die Vorstellung, daß wir uns alle wiedersehen auf Ewigkeit, oder haben Sie deshalb Angst vor dem Tod?“ – Erstens glaube ich nicht nur nicht an einen Hades, sondern weiß, dass dieses Totenreich nur in der Einbildung unverschuldet unaufgeklärter Vorfahren existierte (und schuldhaft unaufgeklärter Zeitgenossen noch immer existiert). Zweitens bedarf ich keiner Beruhigung angesichts meines persönlichen Todes, vor dem ich Angst nur habe im Hinblick auf meine diesseitigen Pflichten, nicht wegen einer wie auch immer ausgeschmückten Jenseitigkeit, die bloßes Wunschdenken oder Wahngebilde ist.
XI.23: „Können Sie sich ein leichtes Sterben denken?“ – Ja, als ein hohes Ideal: Wenn eine vollkommene Lebenssattheit erreicht ist: alle Zweifel ausgeräumt, alle Pflichten erfüllt und alle Genüsse ausgekostet sind – und wenn ich darauf vertrauen könnte, durch meinen Tod niemandem das Gefühl einer Entbehrung zu hinterlassen.
XI.24: „Wenn Sie jemand lieben: warum möchten Sie nicht der überlebende Teil sein, sondern das Leid dem andern überlassen?“ – Tertium datur: Gleichzeitigkeit wäre das ideale Dritte. Da diese Variante so selten und damit unwahrscheinlich ist, entschuldige ich meinen Egoismus vorab mit der Hoffnung, dass sie um mich nicht so sehr trauern wird wie ich um sie.
XI.25: „Wieso weinen die Sterbenden nie?“ – Ist das so? Die Fragestellung scheint mir (wie manch andere in diesen Fragebogen) unseriös, denn sie unterstellt eine unbeweisbare Tatsache. Allenfalls könnte man die immer noch reichlich gewagte Behauptung aufstellen, dass nie ein weinender Sterbender beobachtet wurde. Aber dann dürfte die Frage ja höchstens lauten, wieso unter Beobachtung Sterbende niemals weinen. Vielleicht, weil sie sich schämen, bis zuletzt? Die allein Sterbenden weinen vielleicht sehr häufig, wer will das denn bestreiten? Und welchen Unterschied macht es für die Überlebenden, welche Gemütsverfassung die Sterbenden zuletzt an den Tag legen? Ist es von Belang? Der Moment dieses Übergangs erfährt seine Bedeutung doch allein daraus, dass wir den Betroffenen über seine Erfahrung hiervon anschließend nicht mehr befragen können. Drei Anthologien letzter Worte auf dem Totenbett habe ich studiert und erinnere mich nicht, dass dort von Tränen der Sterbenden je die Rede war. Aber das hat nichts zu bedeuten, denn in diesen Büchern kommen ja nur die redseligen Sterbenden vor, die vielleicht nur deshalb nicht weinen, weil sie das Reden für ein vornehmeres Tun halten als das Weinen. Mit welchem Recht? Die ,Heulsusen‘ finden eben nicht so leicht Dokumentare in der Bücherwelt. Das allerletzte Wort auf diese letzte Frage überlasse ich Egon Friedell: ,Vorsicht, bitte!‘ (Zit. nach Hans Halter: Ich habe meine Sache hier getan. Berlin: Bloomsbury Berlin, 2007, S. 86.)






