Archiv für die Kategorie ‘Würfelwürfe’

AtM XI.21-25 (Schluss)

Samstag, 31. Juli 2010

parkfriedhof

XI.21: „Welche Qualen ziehen Sie dem Tod vor?“ – Ich erinnere mich an genau drei Gelegenheiten, bei denen körperliche Schmerzen so unerträglich waren, dass ich mir wünschte, zu sterben: irgendwann in der Kindheit, als ein Ohrenschmerz unbekannter Ursache mich überwältigte; an den Wundschmerz nach der Operation an meinem rechten Fuß am 20. Juli 1972; und an eine außergewöhnliche Migräneattacke wohl im Jahr 1989, aus der mich ein Notarzt mit einer Spritze befreien musste, nachdem ich begonnen hatte, mit dem Kopf gegen die Wand zu hämmern. Alle körperlichen Qualen unterhalb dieser Toleranzschwelle ziehe ich somit dem Tod vor, wobei ich mir vorstellen kann, dass mich auch schwächere Schmerzen in einen Lebensüberdruss treiben könnten, wenn sie dauerhaft sind und unbehebbar scheinen, sodass sie mich an allem hindern, was mir das Leben lebenswert macht. Wenn auch seelische Qualen gemeint sind, dann erinnere ich mich an den höllischen Zeitabschnitt zwischen August 1969, als mein Vater starb, und November 1975, als ich mich glücklich verliebte, in der mir das erhoffte Nichts nach dem Tod meist angenehmer erschien als das Dasein zwischen Aufwachen und Einschlafen.

XI.22: „Wenn Sie an ein Reich der Toten (Hades) glauben: beruhigt Sie die Vorstellung, daß wir uns alle wiedersehen auf Ewigkeit, oder haben Sie deshalb Angst vor dem Tod?“ – Erstens glaube ich nicht nur nicht an einen Hades, sondern weiß, dass dieses Totenreich nur in der Einbildung unverschuldet unaufgeklärter Vorfahren existierte (und schuldhaft unaufgeklärter Zeitgenossen noch immer existiert). Zweitens bedarf ich keiner Beruhigung angesichts meines persönlichen Todes, vor dem ich Angst nur habe im Hinblick auf meine diesseitigen Pflichten, nicht wegen einer wie auch immer ausgeschmückten Jenseitigkeit, die bloßes Wunschdenken oder Wahngebilde ist.

XI.23: „Können Sie sich ein leichtes Sterben denken?“ – Ja, als ein hohes Ideal: Wenn eine vollkommene Lebenssattheit erreicht ist: alle Zweifel ausgeräumt, alle Pflichten erfüllt und alle Genüsse ausgekostet sind – und wenn ich darauf vertrauen könnte, durch meinen Tod niemandem das Gefühl einer Entbehrung zu hinterlassen.

XI.24: „Wenn Sie jemand lieben: warum möchten Sie nicht der überlebende Teil sein, sondern das Leid dem andern überlassen?“ – Tertium datur: Gleichzeitigkeit wäre das ideale Dritte. Da diese Variante so selten und damit unwahrscheinlich ist, entschuldige ich meinen Egoismus vorab mit der Hoffnung, dass sie um mich nicht so sehr trauern wird wie ich um sie.

XI.25: „Wieso weinen die Sterbenden nie?“ – Ist das so? Die Fragestellung scheint mir (wie manch andere in diesen Fragebogen) unseriös, denn sie unterstellt eine unbeweisbare Tatsache. Allenfalls könnte man die immer noch reichlich gewagte Behauptung aufstellen, dass nie ein weinender Sterbender beobachtet wurde. Aber dann dürfte die Frage ja höchstens lauten, wieso unter Beobachtung Sterbende niemals weinen. Vielleicht, weil sie sich schämen, bis zuletzt? Die allein Sterbenden weinen vielleicht sehr häufig, wer will das denn bestreiten? Und welchen Unterschied macht es für die Überlebenden, welche Gemütsverfassung die Sterbenden zuletzt an den Tag legen? Ist es von Belang? Der Moment dieses Übergangs erfährt seine Bedeutung doch allein daraus, dass wir den Betroffenen über seine Erfahrung hiervon anschließend nicht mehr befragen können. Drei Anthologien letzter Worte auf dem Totenbett habe ich studiert und erinnere mich nicht, dass dort von Tränen der Sterbenden je die Rede war. Aber das hat nichts zu bedeuten, denn in diesen Büchern kommen ja nur die redseligen Sterbenden vor, die vielleicht nur deshalb nicht weinen, weil sie das Reden für ein vornehmeres Tun halten als das Weinen. Mit welchem Recht? Die ,Heulsusen‘ finden eben nicht so leicht Dokumentare in der Bücherwelt. Das allerletzte Wort auf diese letzte Frage überlasse ich Egon Friedell: ,Vorsicht, bitte!‘ (Zit. nach Hans Halter: Ich habe meine Sache hier getan. Berlin: Bloomsbury Berlin, 2007, S. 86.)

AtM XI.16-20

Freitag, 30. Juli 2010

derhimmelwarblaununherrschtdienacht

XI.16: „Haben Sie schon Tote geküßt?“ – Nein. Als ich die Frage zum ersten Mal las, dachte ich: Wie kann man nur! Als ich darüber nachdachte, wer dafür in meinem Fall in Frage käme, erschien es mir doch nicht mehr so abwegig. Ich hoffe aber, dass mir erspart bleibt, einen solchen jedenfalls doch zu späten Liebesbeweis in Erwägung zu ziehen.

XI.17: „Wenn Sie nicht allgemein an Tod denken, sondern an ihren persönlichen Tod: sind Sie jeweils erschüttert, d. h. tun Sie sich selbst leid oder denken Sie an Personen, die Ihnen nach Ihrem Hinschied leidtun?“ – Weder dies noch jenes. Wenn ich nach meinem Tod ,Mäuschen spielen‘ könnte, würde mich allenfalls schockieren, wie schnell auch meine allernächsten Angehörigen zur Tagesordnung übergehen, sich über Trivialitäten austauschen, gar lachen usw. Aber da ich dies ja jetzt vorab ganz nüchtern erwäge, könnte mich das dann doch wieder nicht aus der Fassung bringen. Und dass es Menschen gibt, denen es ohne mich wirklich langfristig schlechter geht als in der Zeit meines Daseins, das glaube ich ebenfalls nicht. So wichtig nehme ich mich nicht, gerade im privaten Rahmen bin ich vermutlich eher entbehrlich bzw. leicht zu ersetzen.

XI.18: „Möchten Sie lieber mit Bewußtsein sterben oder überrascht werden von einem fallenden Ziegel, von einem Herzschlag, von einer Explosion usw.?“ – Mal so, mal so. Ich halte mich für alle Varianten offen und warte ab, was das Schicksal für mich in petto hat. Vielleicht entgeht mir mein Sterben ja auch ganz, indem ich meine Lebensgeister in völliger Umnachtung aufgebe. Warten wir’s ab!

XI.19: „Wissen Sie, wo Sie begraben sein möchten?“ – Das möchte ich meinen Hinterbliebenen überlassen, denn sie sind es ja, die gegebenenfalls für die Kosten, Pacht und Pflege aufkommen müssen. Auch weiß ich nicht, ob sie eines konkreten Ortes bedürfen, um meiner zu gedenken, noch ob sie überhaupt ein Bedürfnis verspüren, an mich erinnert zu werden.

XI.20: „Wenn der Atem aussetzt und der Arzt es bestätigt: sind Sie sicher, daß man in diesem Augenblick keine Träume mehr hat?“ – Nein. Ich halte es aber auch für irrelevant, denn es gibt ja kurz drauf keine Instanz mehr, die sich dieser Träume erinnern könnte.

AtM XI.11-15

Donnerstag, 29. Juli 2010

leichenfeldnachweltkriegzwei

XI.11: „Wenn Sie gerade keine Angst haben vor dem Sterben: weil Ihnen dieses Leben gerade lästig ist oder weil Sie gerade den Augenblick genießen?“ – Abgesehen davon, dass dieser Fragesatz ,gerade‘ daherkommt wie auf zwei Holzbeinen: Für mich ist die Angst vorm Sterben kein Dauerzustand, sondern seltene Ausnahme. In der Regel denke ich nicht an Tod und Sterben, und keineswegs nur oder vorzugsweise dann, wenn ich den Augenblick genieße oder wenn mir das Leben zu einer Last wird.

XI.12: „Was stört Sie an Begräbnissen?“ – Das kann ich nicht sagen, denn ich habe noch nie an einem Begräbnis teilgenommen; sondern lediglich an zwei Trauerfeiern. Bei der ersten war ich zur Teilnahme verpflichtet, wie der größte Teil der Gäste neben mir auch. Eine einflussreiche Persönlichkeit wurde dort verabschiedet. An besonders störende Einzelheiten kann ich mich nicht erinnern. Allenfalls war ich etwas angespannt, weil ich nicht ganz genau wusste, wie ich mich zu verhalten hatte. Ein ernstes Gesicht zu schneiden, wenn mir eigentlich zum Lachen zumute ist, macht mir nichts aus, da bringe ich noch ganz andere mimische Bluffs zuwege. Bei meiner zweiten Feier am frisch verschlossenen Sarg hielt ich die Trauerrede. Anwesend waren nur meine allernächsten Angehörigen, meine Mutter, meine Schwester und mein Schwager, meine Frau und unsere Kinder, sowie zwei Angestellte des Bestattungsunternehmens, die sich im Anschluss anerkennend über die Professionalität meiner rhetorischen Leistung äußerten. Hauptperson dieser Veranstaltung war meine 98-jährige Großmutter mütterlicherseits. Es war mir eine Freude, ihr diesen letzten Dienst erweisen zu dürfen. Hat mich etwas gestört? Auch in diesem Falle nicht. – Allenfalls stört mich an den mancherlei Begräbnissen, zu denen ich zwar eingeladen war oder bei denen ich doch immerhin aus freien Stücken hätte erscheinen können, denen ich aber bewusst und aus wohlerwogenen Gründen fernblieb, dass sie bei mir über den Tag hinaus den Rest eines Schuldgefühls hinterließen, wider alle Vernunft und doch untilgbar. Damit kann ich aber leben, es wird mein ausweichendes Verhalten auch in der Zukunft nicht ändern, das dem Verdikt des Heraklit folgt: ,Man soll Leichen eher wegwerfen als Mist.‘

XI.13: „Wenn Sie jemand bemitleidet oder gehaßt haben und zur Kenntnis nehmen, daß er verstorben ist: was machen Sie mit Ihrem bisherigen Haß auf seine Person beziehungsweise mit Ihrem Mitleid?“ – Was wird aus der Kerzenflamme, wenn sie ausgepustet wird? Ein verglimmendes Lichtlein und ein immer feiner werdender Faden Rauch. So vergehen und verblassen mit den Jahren auch alle Gefühle, die wir mit verstorbenen Personen verbinden, oder?

XI.14: „Haben Sie Freunde unter den Toten?“ – Viel mehr als unter den Lebenden, so viel ist gewiss; und die verlässlicheren ohnehin, denn sie können mich nicht mehr enttäuschen.

XI.15: „Wenn Sie einen toten Menschen sehen: haben Sie dann den Eindruck, daß Sie diesen Menschen gekannt haben?“ – Tote Menschen ,in natura‘, also als Leichen, habe ich mit Ausnahme meiner oben (XI.12) erwähnten Oma noch nicht gesehen, auf Fotos oder in Filmen natürlich oft. Andererseits ist der Eindruck, einen Menschen zu kennen oder gekannt zu haben, stets fragwürdig, dead or alive. Was also soll die Frage? Allenfalls taugt sie als Inspirationsquelle für den Drehbuchautor eines Blockbusters. Der Held sieht aus der Ferne in einer fremden Stadt einen Menschen, den er längst gestorben glaubte. Er heftet sich an dessen Fährte und kommt dabei einem finsteren Geheimnis auf die Spur. Moral: Auch deinem Allernächsten kannst du nicht trauen.

AtM XI.6-10

Mittwoch, 28. Juli 2010

totenmaskeferdinandprinzvonpreussen

XI.6: „Wovor haben Sie mehr Angst: daß Sie auf dem Totenbett jemand beschimpfen könnten, der es nicht verdient, oder daß Sie allen verzeihen, die es nicht verdienen?“ – Wir verdienen alle das Gleiche, nämlich auf dem Totenbett bessere Ideen zu haben als andere zu beschimpfen oder anderen zu verzeihen. Kann denn das andauernde Bewerten anderer in Wort und Tat nicht endlich einmal ein Ende haben? Wenigstens auf dem Totenbett?

XI.7: „Wenn wieder ein Bekannter gestorben ist: überrascht es Sie, wie selbstverständlich es Ihnen ist, daß die andern sterben? Und wenn nicht: haben Sie dann das Gefühl, daß er Ihnen etwas voraushat, oder fühlen Sie sich überlegen?“ – Es ist mir nicht selbstverständlich. Ich empfinde es immer, ganz gleich ob bei nahen Bekannten oder wildfremden Prominenten, als eine extreme Außergewöhnlichkeit, wenn er oder sie gestorben ist. So fern mir ansonsten Bazon Brock ist, so sehr hat er mir doch aus dem Herzen gesprochen mit seiner geglückten Sentenz: ,Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muss aufhören.‘ Selbst wenn jene, die es gerade traf, eher zu meinen Feinden zählten, war ich doch immer empört darüber, dass ihr Weggang sie mir und meiner Abneigung definitiv entzog. Und immer empfand ich es als eine Torheit erster Ordnung, als religiösen Kitsch, diese Flucht einen ,Heimgang‘ zu nennen, wo es doch ein Abzug in die fernste Fremde ist. Ob die Hingegangenen mir etwas voraushaben, vermag ich nicht zu sagen; sicher aber habe ich ihnen dies voraus: dass ich ihren Abgang von hier aus betrachten konnte.

XI.8: „Möchten Sie wissen, wie Sterben ist?“ – Ich weiß es doch, denn ich sterbe seit ich denken kann täglich um ein Geringes, bis ich endlich gar nicht mehr bin.

XI.9: „Wenn Sie sich unter bestimmten Umständen schon einmal den Tod gewünscht haben und wenn es nicht dazu gekommen ist: finden Sie dann, daß Sie sich geirrt haben, d. h. schätzen Sie infolgedessen die Umstände anders ein?“ – Ja.

XI.10: „Wem gönnen Sie manchmal Ihren eigenen Tod?“ – Immer allen nur das Beste.

[Titelbild aus: Das letzte Gesicht. Zürich – Leipzig: Orell Füssli Verlag, 1929, Abb. 38 (Ausschnitt).]

AtM XI.1-5

Dienstag, 27. Juli 2010

irgendwannistebenende

XI.1: „Haben Sie Angst vor dem Tod und seit welchem Lebensjahr?“ – Eine meiner frühen Kindheitserinnerungen: Ich habe vom Tod eines Menschen erfahren und frage meinen Vater, der mir vorm Schlafengehen eine gute Nacht wünscht, ob jeder Mensch sterben müsse. ,Ja.‘ Ob ich auch sterben müsse? ,Ja, aber bis dahin ist es ja noch eine sehr, sehr lange Zeit. Du bist ja gerade einmal geboren.‘ Ob es denn gar kein Mittel dagegen gebe? ,Nein.‘ Doch das Thema lässt mir keine Ruhe. Am nächsten Abend frage ich ihn, ob es nicht möglich sei, dass die Menschen irgendwann etwas gegen das Sterben erfinden. ,Das ist sehr unwahrscheinlich.‘ Aber die Menschen haben doch schon so viele Sachen erfunden, die es vorher nicht gab. ,Ja, vielleicht. Unmöglich ist auch das nicht.‘ Inzwischen hoffe ich nicht mehr darauf, diese Erfindung zu erleben, aber nicht deshalb, weil sie noch immer weit außerhalb der technischen Möglichkeiten liegt, sondern weil ich sie nicht mehr für erstrebenswert halte, weder für den einzelnen Menschen, noch für die Menschheit insgesamt, noch für die restliche Natur auf der Erde. Für diesen Gesinnungswandel gibt es verschiedene Gründe. (Einer davon, der vielleicht philosophisch anspruchsvollste, ist zum Beispiel in der Erzählung El inmortal von Jorge Luis Borges versteckt.)

XI.2: „Was tun Sie dagegen?“ – Wenn ich noch etwas gegen den Tod habe, dann ist es die Sorge, er könnte mich zu einem Zeitpunkt ereilen, an dem ich meine Angelegenheiten hienieden noch nicht zu einem befriedigenden Ende gebracht und meine Hinterlassenschaften noch nicht hinreichend geordnet habe. Aber manchmal zweifle ich auch, ob dies überhaupt jemals möglich ist und ob ich mir nicht nur vorspiele, dass für mich hier noch so viel zu tun sei, damit ich eine Legitimation habe, am Leben zu bleiben.

XI.3: „Haben Sie keine Angst vor dem Tod (weil Sie materialistisch denken, weil Sie nicht materialistisch denken), aber Angst vor dem Sterben?“ – Ich denke weder ,materialistisch‘ noch ,nicht materialistisch‘, so einfach ist das mit meinem Denken nicht – und übrigens geht es bei solchen Angelegenheiten wie denen von Sterben und Tod auch nicht nur um mein Denken. Vor dem Sterben fürchte ich mich tatsächlich, denn ich weiß, dass dies mitunter ein sehr schmerzvoller und langwieriger Vorgang sein kann, der einen Menschen im schlimmsten Fall dazu bringt, seine Würde zu verlieren. Ich hoffe, dass mir bis zuletzt die Möglichkeiten und die Kraft erhalten bleiben, einen solchen elenden ,finalen Zustand‘ zu vermeiden, bzw. dass die mir Nahestehenden ihn mir ersparen können.

XI.4: „Möchten Sie unsterblich sein?“ – Nein. (Vielleicht allenfalls in der ewigen Fortdauer meiner besten Lebensäußerungen, die aber für die Nachwelt auch nicht an meine Person oder meinen Namen geknüpft sein müssen.)

XI.5: „Haben Sie schon einmal gemeint, daß Sie sterben, und was ist Ihnen dabei eingefallen: a. was Sie hinterlassen? b. die Weltlage? c. eine Landschaft? d. daß alles eitel war? e. was ohne Sie nie zustandekommen wird? f. die Unordnung in den Schubladen?“ – Ja, drei oder fünf Situationen gab es, da war mir brenzlig zumute. Noch vor ein paar Wochen gab es Hinweise auf Krebs in den ableitenden Harnwegen. Was fiel mir da ein? Dass ich (a. & f.) ein ziemliches Chaos hinterlassen würde, wenn jetzt alles ganz schnell ginge. Dass (b.) die Weltlage jedenfalls aussichtslos ist, ob mit mir oder ohne mich. Dass das, was (e.) durch mich zustandegekommen ist und das ich keineswegs ,eitel‘ nennen würde, für mehrere Durchschnittsleben reicht. Und dass ich (c.) meine letzten wachen Momente gern im Anblick einer ganz bestimmten Landschaft zubrächte, aus einer ganz bestimmten Perspektive betrachtet.

AtM X. Intermezzo

Montag, 26. Juli 2010

loveparadeduisburgzweitausendzehn

Das Ziel ist in Sicht. Der letzte Fragebogen widmet sich, wie könnte es anders sein, jenen ,letzten‘ Fragen nach Sterben und Tod. Hier könnte es noch einmal spannend werden.

Der Fragende selbst, dem man zeit seines reifen Erwachsenenlebens kaum jemals ohne Pfeife im Mund begegnen konnte, wie man auf zahlreichen Fotos zwischen 1948 und 1984 sehen kann, hätte gute Aussicht auf ein Bronchialkarzinom gehabt, oder einen Krebs auf der Zungenspitze. Es war dann aber ein Darmkrebs, mit Metastasen auf der Leber, was ihn zur Strecke brachte.

Fast ein Jahrzehnt vorher hatte er sich mit dem Unausweichlichen sehr unmittelbar auseinandergesetzt, als er seinen guten Freund Peter Noll auf eine ,Abschiedsreise vom Leben‘ nach Ägypten begleitete. Der an Blasenkrebs erkrankte Noll hatte nach der Diagnose alle lebensverlängernden medizinischen Maßnahmen abgelehnt und über seinen Entschluss und dessen Folgen für sein restliches Leben in einem Buch berichtet, das posthum mit der Totenrede von Max Frisch erschien (Diktate über Sterben und Tod. Zürich: Pendo Verlag, 1984). Neuerdings kann man auch nachlesen, was Frisch über die Ägyptenreise 1982 tagesaktuell notiert hat (Entwürfe zu einem dritten Tagebuch. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2010). Man könnte sich fragen, ob er die eine oder andere Frage im XI. Fragebogen von 1971 anders gestellt hätte, unterm Eindruck dieser unmittelbaren Konfrontation. Aber ich stelle mir solche biographischen Fragen, die mich zu Beginn meiner Einlassung auf die Fragebogen noch beschäftigt haben, längst nicht mehr. Woran mag das liegen? Ich muss wohl gestehen, dass mir bei der Analyse der Frisch’schen Fragen sowohl die Achtung für die Person als auch das Interesse an dem Schriftsteller und Intellektuellen Max Frisch abhandengekommen ist. Aber da es mehr oder weniger dumme Menschen wohl geben mag, aber dumme Fragen mindestens insofern nicht, als sich eine kluge Antwort noch auf jede Frage denken lässt, bemühe ich mich auf der letzten Etappe um einen Abschluss mit Anstand.

In seinem Dritten Tagebuch bringt der Fragensteller angesichts des sterbenden Freundes folgendes Memento mori zu Papier: „Im Gegensatz zu Peter kenne ich meine Todesursache noch nicht – was nicht heisst, dass ich mehr Zeit habe als er. Zeit wofür?“ (A. a. O., S. 67.)

Die Antwort, die sich der Dichter selbst darauf gibt, gebietet mir mein Takt zu verschweigen.

AtM X.21-25

Sonntag, 25. Juli 2010

onecediofghana

X.21: „Wieso?“ – Entfällt, da mir ja keine Arbeitskräfte außer der eigenen gehören (s. unten Antwort zu Frage X.20).

X.22: „Leiden Sie manchmal unter der Verantwortung des Eigentümers, die Sie nicht den andern überlassen können, ohne Ihr Eigentum zu gefährden, oder ist es die Verantwortung , die Sie glücklich macht?“ – Ach, die Verantwortung für mein Eigentum hält sich sehr in Grenzen, wie sich auch der Umfang meines Eigentums selbst in Grenzen hält. Ich erwähnte ja bereits bei anderer Gelegenheit, dass nicht einmal die obligatorischen Ausstattungsstücke kleinbürgerlichen Komforts, wie ein Automobil oder ein Fernsehempfangsgerät, zu meinem Privateigentum zählen. Viel weniger noch muss ich mir über Immobilienbesitz, Firmenbeteiligungen, Investmentfonds oder Auslandskonten den Kopf zerbrechen. Einzig mein Eigentum an Büchern ist überdurchschnittlich umfangreich und macht mir spätestens vor einem weiteren Wohnungswechsel immer wieder beträchtliche Sorgen. Nach dem letzten Umzug wohnt der größte Teil meiner Bibliothek nun nicht mehr mit mir unter einem Dach, was eine günstige Voraussetzung dafür ist, mich innerlich von ihm zu lösen, um ihn nahezu schmerzfrei veräußern zu können. (Wenn ich diese Fragebogen-Strapaze hinter mich gebracht habe, werde ich hier gelegentlich von der weitaus lustvolleren und lehrreicheren Beschäftigung berichten, die in diesen Sommerwochen die gründliche Durchsicht meines kompletten Buchbestands für mich ist.)

X.23: „Was gefällt Ihnen am Neuen Testament?“ – Diese Frage wird ja vermutlich bewusst im Rahmen einer kritischen Betrachtung des Verhältnisses zum Eigentum gestellt. An beiden Testamenten gefällt mir, dass sie unsere Sprache spätestens seit Luthers Übersetzung um viele prägnante und manche poetische Bilder bereichert haben, deren Herkunft freilich den meisten Nutzern nicht mehr bewusst ist. Wer weiß denn noch, dass mit der sprichwörtlichen „Wurzel allen Übels“ ursprünglich die Habsucht gemeint war (1 Tim 6, 10)? Sehr nahe ist mir die Stelle im Matthäus-Evangelium, wo vom ,wahren Schatz‘ die Rede ist (Mt 6, 19-21). Allerdings verorte ich den Hort dieses Schatzes nicht wie dort im Himmel oder in meinem Herzen, sondern als aufgeklärter Mensch in meinem Hirn.

X.24: „Da zwar ein Recht auf Eigentum besteht, aber erst in Kraft tritt, wenn Eigentum vorhanden ist: könnten Sie es irgendwie verstehen, wenn die Mehrheit Ihrer Landsleute, um ihr Recht in Kraft zu setzen, Sie eines Tages enteignen würde?“ – Nein, …

X.25: „Und warum nicht?“ – … denn bei mir gibt es nichts zu holen.