Seine unschuldigen Spiele blieben ihm merkwürdigerweise immer dann in Erinnerung, wenn sie ein plötzliches Ende durch ein unverständliches Verbot der Großen fanden. Und immer war dieser Abbruch ebenso schmerzhaft, wie der Genuss des nun Verweigerten lustvoll gewesen war. So hatte er durch einen Zufall entdeckt, dass die Brüste seiner Mutter unter der Kleidung eine merkwürdige Art von Nachgiebigkeit zeigten, vergleichbar dem Gummiball seiner Kinderhupe. Wenn Mama ihn auf den Arm nahm, dann drückte er gegen einen Busen, der sich ein wenig eindellen ließ. Und wenn er sein Fäustchen zurückzog, dann stülpte sich die Delle sofort wieder aus. Dazu rief er laut, voll freudiger Begeisterung: „Tuut-tuut!“ Seine Eltern amüsierten sich hierüber zunächst über alle Maßen, und er selbst war auch überaus vergnügt bei diesem ausgelassenen Spiel. Schon sehr bald aber wurde Mama dessen überdrüssig und verweigerte ihm seinen Spaß, noch dazu ohne jede Begründung! Schmollend verkroch er sich hinter einem Sessel im Wohnzimmer und wollte nicht getröstet werden. Nie wieder machte er danach „Tuut-tuut!“ Dieser Spaß war ihm verleidet. Und noch mehr als darunter litt er an dem Geheimnis, das seine Eltern daraus machten, warum sie ihm etwas verbieten mussten, dass sie doch selbst bisher offenkundig genossen hatten. – Erst ganz viel später begriff er: dass es die Schaumgummieinlagen in den BHs jener Jahre waren, die den komischen Effekt bewirkten; und dass seine Eltern wohl befürchteten, prüde Erwachsene könnten als zufällige Zeugen dieses Spielchens dem naiven Jux des Kindes ein sexuelles Motiv unterstellen, das es in einem Knaben dieses Alters doch unbedingt zu unterbinden gälte. Peinliche Szenen und einer womöglich noch viel größeren Irritation ihres Söhnchens wollten sie vermutlich vorbeugen, indem sie dem Treiben selbst einen Riegel vorschoben.
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Weicher Widerstand
Donnerstag, 09. Februar 2012Sein erster Gesprächspartner
Freitag, 03. Februar 2012Weil er in den ersten sieben Jahren seines Lebens ohne Geschwister war und besonders die Zeit vor dem Einschlafen, allein in seinem Bettchen in dem kleinen Kinderzimmer, ihm sein Alleinsein unangenehm werden ließ, begann er irgendwann mit sich selbst zu sprechen: zunächst nur still in seinem Kopf, dann auch leise vor sich hin flüsternd. Dieser Gewohnheit kam sehr entgegen, dass ihm gerade in dieser Zeit seine Großmutter von Vaters Seite eine kleine Puppe schenkte, die sie selbst aus einer großen hölzernen Garnrolle als Leib, etwas bunter Wolle als Kleid und Haarpracht und Watte als Füllstoff für den Kopf und die fünf biegsamen Extremitäten gebastelt hatte. Dieser lustige grüne Kerl war von Stund an allabendlich sein zutraulicher, treuer und verständnisvoller Gesprächspartner. Er führte lange Zwiesprache mit ihm, fragte seinen Troll – so der Name, den man ihm gegeben hatte – nach seiner Meinung, stritt gar mit ihm und vertrug sich wieder mit ihm. Später dachte er oft, wann immer ihm das urige Püppchen zufällig in die Hände fiel, dass mit ihm alles begonnen hatte, in vollkommener Einsamkeit mit sich selbst und in munterer Gesellschaft mit einer verkleideten Garnrolle: seine Freiheit, seine Phantasie, seine Sprechlust; und selbst seine kritische Urteilskraft – insofern nämlich der Troll ungehemmt seine Selbstzweifel zur Sprache brachte.
Seine früheste Erinnerung
Montag, 23. Januar 2012Wenn er sich nicht täuscht, dann hatte er vor zwanzig oder dreißig Jahren noch ein paar deutliche Erinnerungen aus seiner allerfrühesten Kindheit bewahrt, also aus der Zeit, da er noch nicht einmal laufen und kaum sprechen konnte. Aber diese Bilder sind inzwischen wohl auf Nimmerwiedersehen versunken. Immerhin ein klares Bild ist ihm noch aus der Kinderwagenzeit verblieben, vielleicht nur deshalb, weil es ein Foto gibt, das eine sehr ähnliche Situation abbildet. Diese Schwarzweiß-Fotografie klebt in einem orangefarbenen, quadratischen Album, das seine Eltern liebevoll für ihren ersten und einzigen Sohn anlegten – schon bevor er überhaupt zur Welt gekommen war. Wann immer er in dem Album blätterte und jenes Foto betrachtete, rief es in ihm die Erinnerung wach, die übrigens eine durchaus unangenehme war und noch immer ist. Er sitzt angegurtet in diesem ,Sportwagen‘ im Stil der 1950er Jahre. Seine Mutter (rechts im Bild) hat gerade eine andere junge Mutter getroffen, die sie offenbar kennt. Die beiden Frauen plaudern miteinander, das Gespräch nimmt kein Ende. Er quengelt, will aus dem Wagen heraus: ,Wann gehen wir denn endlich heim?‘ Sein Kopf tut ihm weh, zudem ist ihm kalt, denn es ist wohl noch Winter. Mit dem anderen Kind kann oder will er nichts anfangen. Endlich erscheint sein Vater und befreit ihn aus seiner misslichen Lage. Im Hintergrund links ist der städtische Saalbau zu sehen, rechts am Horizont der Schornstein einer Brauerei. Das Jahr 1958 hat gerade begonnen.
Er beschließt
Donnerstag, 19. Januar 2012Als er auf seinem zuletzt immer beschwerlicher und unübersichtlicher werdenden Weg einen Punkt erreicht hatte, da ihm die Kräfte schwanden und er die Orientierung verlor, beschloss er, für eine Weile zu rasten und seine lange Reise bis hierher noch einmal von Anbeginn zu überdenken. Vielleicht würde er bei dieser Rückschau eine Stelle finden, an der er in die Irre gegangen war. Vielleicht würde er aber am Ende auch zu dem Ergebnis kommen, dass alles bis ganz zuletzt seine Richtigkeit hatte; dass nämlich auch die Verirrungen und sogar das schließliche Scheitern nichts anderes bedeuteten, als die Erfüllung seines ihm beschiedenen Schicksals. So machte er sich also ein zweites Mal auf den Weg und befragte seine Erinnerung nach dem Sinn seines scheinbar schlichten und in Wahrheit doch so rätselvollen Daseins.



