Abrakadabra

Ein knapper Überblick, was den Leser in den 26 alphabetisch sortierten Würfelwurf-Rubriken meines Weblogs erwartet.

[Stand: Ende 2008 – also völlig überholt. Eine komplette Überarbeitung ist längst überfällig, lohnt sich aber vielleicht nicht mehr, da ich heute, im Februar 2012, nicht einmal weiß, wie lange ich mein Weblog überhaupt noch in Betrieb halten kann. Selbst die überschaubaren Kosten für Webhosting, Internet-Zugang und Virenschutz stehen auf dem Prüfstand …]

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Against the DayJeder fängt einmal ganz klein an. Bevor ich zu schreiben begann, habe ich gelesen, vorzugsweise Romane, und damit bis heute nicht ganz aufhören können. Am Ende der Romangeschichte (und vielleicht meines Romanlesens) steht die Lektüre dieses jüngsten Romans von Thomas Pynchon, den ich so langsam und gründlich lese wie nie einen Roman zuvor. Wenn ich ihn ausgelesen haben werde, wird zugleich dieses Projekt an sein Ende gekommen sein. Von „Interpretationen” halte ich dabei wenig, diese Kaffeesatzleserei hat mir die Schule restlos ausgetrieben. Vom Lesen dieses Romans verspreche ich mir allenfalls eine letzte Erkenntnis über das Lesen selbst.

B noch offen

CaissaDie Göttin des Schachspiels steht hier stellvertretend, in ihrer zwielichtigen Authentizität, für das Spiel in all seinen Facetten, als eine Hetäre, die uns sterbliche Menschen in ihrem vergänglichen Tun zum Müßiggang verführt und die uns verheißt, uns mit ihren bezaubernden Reizen ein Fleckchen vom Paradies abzutrotzen, jenes Gartens Eden, den wir, wenn wir nur dieser Chimäre nachlaufen wollen, desto gewisser verfehlen werden. Doch mit welchem Recht kann sich, wer niemals dem zweckfreien Spiel frönte, sehnend nennen unter den Sterblichen?

Dingwelt„Die vielen Dinge machen arm.” So hieß vor vielen Jahren ein erfolgloses Buch von Peter Mosler, das und den Jörg Schröder wenig später in Uwe Nettelbecks Republik mit Hohn und Spott bedachte. Vielleicht ist tatsächlich der Titel das Beste an dieser spät geborenen Gesinnungsschrift der Alt-68er. Die Frage, was die vielen Dinge, mit denen wir uns umgeben, mit uns anstellen: ob sie uns tatsächlich nützlich sind oder uns im Gegenteil belasten, diese im Zeitalter des grenzenlosen Konsumismus nicht ganz unwesentliche Frage harrt jedenfalls noch einer gründlichen Untersuchung. Hier unterzieht der Flaneur die Dingwelt, mit der er sich in den vergangenen Jahrzehnten umgeben hat, einer kritischen Inventur.

EccentricsMir scheint evident: Lebensweise, Geisteshaltung und Gefühlslage meiner Zeitgenossen in den „reichen” Industrienationen der Ersten Welt werden in einem überschaubaren Zeitraum zu einem globalen Kollaps führen, der im schlimmsten Fall auch den Rest, richtiger: die große Mehrheit unserer Spezies wenn nicht auslöschen, so doch auf einen primitiven, prähistorischen Zustand unserer gemeinsamen Entwicklung zurücksetzen wird. Angesichts dieser pessimistischen Perspektive scheint es mir angebracht, mich eingehend mit jenen Individuen zu befassen, die in ihrem Leben, Denken und Empfinden extreme Positionen abseits vom Mainstream bezogen haben.

FlanerieDie beschleunigte Mobilität, per Auto, Bahn oder Flugzeug, ist nicht nur einer der Grundpfeiler des spätkapitalistischen Luftschlosses, das wir uns auf Kosten der natürlichen Grundlagen unseres irdischen Daseins errichtet haben – sie beschädigt auch unsere Selbstwahrnehmung und unser natürliches Verhältnis zu Raum und Zeit. Diese Einsicht erwächst freilich allein aus der konsequenten Verweigerung solcher Beförderungsmittel, nicht aus dem abstrakten Nachdenken über ihre alltägliche Nutzung. Nur wer geht, versteht!

Godzilla – Der ritualisierte Hokuspokus aller Religionen, die uns immer noch über die Endlichkeit unseres persönlichen Daseins hinwegtrösten wollen, mit Versprechungen eines ewigen Jenseits oder einer immerwährenden Wiedergeburt, obwohl wir doch längst schon viel mehr unter der vorhersehbaren Endlichkeit unserer Spezies leiden, wird vielleicht der definitiv beste Treppenwitz der Weltgeschichte sein. Dennoch darf der aufgeklärte Geist nicht in dem Bemühen nachlassen, dem Altväterglauben seinen langen Bart abzuschneiden und die Sterblichen zu mahnen, ihr Heil und das ihrer Nachgeborenen allein im Diesseits wenn schon niemals zu finden, so doch immer zu suchen.

H noch offen

I noch offen

J noch offen

Kistenflimmer - Das Fernsehgerät ist das mit Abstand wirkungsvollste und verheerendste Instrument der Domestizierung und Reglementierung unserer natürlichen Geistesgaben. Sein Gebrauch, der seit seiner Einführung kontinuierlich immer noch mehr ungelebte Lebenszeit verschlingt, die von ihm Abhängigen ihrer Individualität beraubt und zu einer gehorsam in fremden Diensten werkelnden und brav die angepriesenen Waren kaufenden Masse macht, vernichtet mit der alltäglichen Ausstrahlung seiner „Programmvielfalt” tatsächlich die mögliche Vielfalt des Menschseins zugunsten einer erschreckenden Konformität. Nur wer nicht fernsieht, sieht, was ihm sonst entgeht!

LangsamkeitDie unablässige Beschleunigung ist nicht nur in unseren körperlichen Bewegungsformen ein Diktat unseres Zeitalters. Vielmehr durchdringt die beständige Forderung nach Tempoerhöhung alle unsere Handlungsweisen, von “Fastfood” bis “Mausklick”. Wir haben keine Zeit zu verlieren – und verlieren gerade dabei unser wertvollstes Gut, die in inniger Bedachtsamkeit und konzentrierter Aufmerksamkeit zugebrachte Zeit unseres unwiederbringlichen Lebens. Darum muss der anachronistische Appell an die nicht nur an den ebenso hastigen Passanten, sondern an sich selbst vorbeieilenden Hektiker unserer Tage lauten: Haltet inne! Langsam! Ihr kommt noch früh genug an unser aller Ziel!

M noch offen

Nonsens - In einer auf Produktivität und Effizienz abgestellten Welt, in der selbst noch Fest und Spiel, Traum und Witz, Müßiggang und Liebelei einem rigiden Utilitarismus unterworfen sind, bleibt als eine der letzten romantischen Inseln im Atoll unserer Lüste der Unsinn. Maschinen, die nichts hervorbringen, fiktive Landkarten, Sprachen, die niemand spricht und Zeichen, die nichts bedeuten, Sammelleidenschaften um ihrer selbst willen – dies sind die Wahrzeichen einer Menschlichkeit jenseits eines alles beherrschenden Nützlichkeitsstrebens, das unsere Spezies hart an den Abgrund gebracht hat.

Oikos - „Grün ist die Hoffnung.” Dieses Sprichwort stammt aus einer Zeit, in der die explosive Vermehrung des Homo sapiens sapiens mit all ihren Folgen für die restliche belebte Natur auf diesem Planeten unsere kreativen Techniken zur Selbstregulierung noch nicht überforderte. Längst aber müssen wir sehen, dass der rasant sich verschärfende Widerspruch zwischen dem unbegrenzbaren Wachstum unseres Wirtschaftens (Ökonomie) und dem ebenso rapiden Schwund der naturgegebenen Ressourcen unserer begrenzten Heimat, des irdischen Globus (Ökologie), auf eine finale Katastrophe zusteuert. Das „Prinzip Hoffnung”, von dem Ernst Bloch einst sprach, ist bloß noch ein Nebelschwaden über schwelenden Städten und brennenden Vorstädten; und sein Satz „In unsere Hände ist das Leben gegeben” (aus: Geist der Utopie) hat längst schon keine Gültigkeit mehr.

Provinzglossen - Man soll das Geringe nicht missachten. Was sich vor der eigenen kleinen Haustür abspielt, gibt oft ein treffenderes Bild vom Getriebe dieser Welt ab, als es ein distanzierter Blick auf die größeren Zusammenhänge unseres Erdenrunds zu vermitteln vermag, der ja zudem in aller Regel nur durch die entschärfenden Filter der Presseagenturen möglich ist. Man soll das Geringe jedoch auch nicht überschätzen, und so ist die Glosse die allein angemessene Form für die politischen Possen der Kulturhauptstadt, die hier nur ganz nebenbei gestreift werden, wie der Rüde den Laternenpfahl markiert.

Q noch offen

Reviergänge - Die fußläufig erreichbare Umwelt ist eine menschgemäße Wirklichkeit. Und wenn der Radius dieser Welterkundungen durch öffentliche oder private Verkehrsmittel auf Tagesfahrtweite expandiert wird, ist dies zwar ein peinliches, weil grundsätzlich inakzeptables Zugeständnis an den „Turbomobilismus” (null Treffer bei Google) – doch selbst ein radikaler Zufußgeher wie der Revierflaneur ist gelegentlich zu Kompromissen bereit.

Snapshot - Die Kamera als Begleiterin des Flaneurs auf all seinen Wegen verfeinert die Aufmerksamkeit für das scheinbar Nebensächliche, das sonst leicht übersehen wird. Fotos von unterwegs erlauben ein zweites Hinschauen und gründlicheres Nachdenken über die verborgenen Schönheiten und Hässlichkeiten der Stadtlandschaft. Das beiläufig Erschaute wird so, in der Tradition von Eugène Atget, zur Facette in einem nie zu vollendenden Stadtpanorama contre-jour.

Time Machine – Wenn der heutige Tag wenig hergibt, dann doch immer noch die Gelegenheit, in den Fächern, Schubladen und Hinterstübchen der Vergangenheit, notfalls auch in ihren Katakomben und auf ihren Dachspeichern nach den Rückständen ferner Tage zu forschen. Der Revierflaneur war zeitlebens ein leidenschaftlicher Aufbewahrer, und so birgt sein Kramladen sicher noch manches Kuriosum, von dem er selbst längst nichts mehr weiß.

U noch offen

Verzeichnisse – Unsere chaotische Welt in eine alphabetische, numerische, chronologische oder gar systematische Ordnung zu bringen, das ist ein alter, nie einzulösender Menschheitstraum. Kataloge und Lexika, Karteien und Atlanten, kurzum: Verzeichnisse aller Art vermitteln eine Geborgenheit und Sicherheit, die das wirkliche, ungeordnete und unberechenbare Leben niemals zu spenden vermag. Diese Rubrik widmet sich liebevoll und andächtig den denkwürdigsten Zeugnissen dieses Genres.

Werke – Dieses Weblog ist der vorläufige, vielleicht auch endgültige Schlusspunkt eines lebenslangen, größtenteils erfolglosen Lese-, Schreib- und Vorlesewerks. Immerhin soll es hier in groben Umrissen dokumentiert werden.

Xenographien – ˙uöɥɔs sǝ ʇsı ɥɔop pun ˙uɹǝɟɟızʇuǝ ʇɥɔıu sǝ uuɐʞ ɥɔı ‘pıǝl ɹıɯ ʇnʇ

Y noch offen

Zentrifuge – Mit den bekannten Worten Dantes: „Wer hier eintritt, der lasse alle Hoffnung fahren.” Und mit den weniger bekannten Worten Walter Benjamins aus seinem Passagen-Werk: „Die Moderne, die Zeit der Hölle. Die Höllenstrafen sind jeweils das Neueste, was es auf diesem Gebiete gibt. […] Die Totalität der Züge zu bestimmen, in denen dies ,Moderne‘ sich ausprägt, heißt die Hölle darstellen.”

One Response to “Abrakadabra”

  1. Revierflaneur» Blogarchiv » Montag, 17. November 2008: Abrakadabra Says:

    […] ist, sei es wie es will, eine gute Überschrift für die geheime, geheimnisvolle, irrationale Struktur, die diesem Weblog zugrunde liegt und die […]

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