Noxos Cassetten

Ich lernte ihn neulich als Zuschauer bei einem Squash-Turnier in D. kennen. Noxo verkaufte vor der Halle selbstbespielte Musik-Cassetten. Ich hätte gar nicht gewusst, dass es für diese archaische Tonaufzeichnungs- und -wiedergabetechnik heute noch Trägermedien und Apparate im Handel gibt. (Vielleicht hat Noxo Restbestände aufgekauft. Ich muss ihn bei Gelegenheit mal fragen.) „Was ist denn da drauf?“ Ich war neugierig geworden, als ich entdeckte, dass jeder einzelnen Cassette liebevoll selbstgebastelte Booklets beigegeben waren, akribisch vollgetextet mit einer gestochen scharfen, winzig kleinen Handschrift. Und offensichtlich war jedes Stück ein Original! „Was da drauf ist? Och, ganz verschieden.“ So seine vage Antwort. „Musik, jede Menge Geräusche von drinnen und draußen, Hauptsache aber meine Gedanken. Also gesprochen natürlich, von mir persönlich.“ Er hatte tatsächlich eine bemerkenswerte Stimme. Wenn ich mal einen guten Tag habe, werde ich versuchen, sie zu beschreiben. Ich griff blindlings in den Koffer und zückte mein Portemonnaie. „Macht siebenfünfzig.“ Ich gab ihm zehn Euro und winkte ab. Eigentlich will ich mir meinen Hang zu solchen Spendabilitäten ja abgewöhnen, aber in diesem Fall konnte ich nicht widerstehen, so meine Begeisterung über den exzentrischen Einfall einer Ein-Mann-Tonproduktions-Fabrik zum Ausdruck zu bringen. Meine Großzügigkeit sollte sich lohnen, denn statt des Wechselgelds steckte mir Noxo nun seine Visitenkarte zu. Darauf war er selbst mit einem monströsen Kopfhörer unter einem Schild mit der Aufschrift Empfang abgebildet, dazu sein Name, seine E-Mail-Adresse und Handynummer. „Wenn es dir gefallen hat und du mehr willst.“ Dass er mich geduzt hatte, fiel mir erst viel später auf.

Ich musste eine Weile suchen, bis ich ganz hinten in unserer Abstellkammer einen alten Ghettoblaster gefunden hatte, mit dem ich Noxos Cassette abspielen konnte. Sie trägt den Titel Das Kalifat des Hohen Tapezierers und ist mit silbernem Glimmer beklebt. Zunächst hört man Straßenlärm, undeutliche Stimmen schwellen an und wieder ab. Wohl vorbeieilende Passanten. Gelegentlich vernimmt man Satzfragmente, dazu Schritte auf Straßenpflaster, mal schneller, mal langsamer. Dann ändert sich plötzlich die Geräuschkulisse, es wird ruhiger. Jemand begrüßt offenbar Noxo, dessen unverwechselbare Stimme mit einem etwas bemühten Scherz antwortet. Dann folgt die Musikeinlage einer englischsprachigen Sängerin, die mir unbekannt ist. Im Refrain ihres Songs ist von einem blue-coloured poncho die Rede.

Und dann geht ’s los! Noxo sagt: „Herzlich willkommen bei Noxos Nachtwachen. Wir verabschieden den zehnten und begrüßen den elften Dezember 2009. Alle Schlüssel sind ausgegeben, die Gäste schlummern in ihren Bettchen. Was liegt an?“ Und dann plaudert Noxo munter drauflos. Ich frage mich, ob er sich vorher Notizen gemacht hat, denn er arbeitet eine ganze Reihe von Fragen ab, die ihm offenbar am Tag durch den Kopf gegangen sind. Manchmal nimmt er auf aktuelle Ereignisse Bezug. Oft erwähnt er einen seiner sehr zahlreichen Freunde und Bekannten. Einmal erinnert er sich an seine Kindheit. Und immer wieder spinnt er sich auch einfach was zusammen; dann hört es sich so an, als spräche er im Halbschlaf. Die einzelnen Episoden einer Nachtwache sind durch Musikstücke voneinander getrennt. Einen speziellen Geschmack scheint Noxo nicht zu haben. Seine Auswahl reicht von gregorianischen Chorgesängen bis zu Freejazz. Selbst ein Karnevalsschlager wird mir zugemutet. Einen direkten Zusammenhang zu Noxos benachbarten Monologen könnte ich nicht feststellen. Vielleicht habe ich aber hierfür bloß noch nicht den passenden Schlüssel gefunden.

Immerhin fand ich einige der Episoden doch so interessant, dass ich beschloss, mit Noxo in Kontakt zu treten, allein schon deshalb, um weitere Cassetten zu bestellen. Ich hatte aber außerdem den Plan ins Auge gefasst, Auszüge seiner nächtlichen Monologe in meinem Blog zu veröffentlichen, wozu ich natürlich sein Einverständnis einholen musste. Noxo fühlte sich sehr geschmeichelt. Leider käme zu spät, da bereits ein Freund, „so ein Computergenie“, einen eigenen Podcast für ihn vorbereite. Ich beeilte mich klarzustellen, dass ich ja gar nicht seine Original-Tondokumente ins Netzt stellen wollte, sondern nur die reinen Texte, vom Band abgeschrieben. „Ja klar, das kannst du natürlich gern machen! Meinst du denn, das liest einer? Schick mir mal den Link, Alter.“ Ob ich denn auch meine eigenen Gedanken dazu veröffentlichen dürfe? „Ja super! Dass du auch denken kannst, hätte ich nicht gedacht. Da bin ich aber mal gespannt!“

Ein paar Tage später lag ein Päckchen mit fünf Cassetten neueren Datums in meinem Briefkasten. Den größten Teil habe ich in den letzten Wochen angehört. Es gibt große Qualitätsschwankungen. Auch eigenen sich längst nicht alle Episoden zur Verschriftlichung. Manche leben hauptsächlich von Wortspielen und Betonungen. Noxo ist ein guter Stimmenimitator und beherrscht etliche Dia- und Soziolekte. Aber mit einigen dieser Monologe will ich doch den Versuch einer Publikation in meinem Blog wagen. In den nächsten Tagen starte ich hier also eine neue Serie. Noxos Gastauftritt ehrt mich und mein Weblog.

[Meine eigenen Kommentare zu seinem O-Ton setze ich in eckige Klammern.]

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