Abgrund mit Schleimrand

Die bittere Wahrheit über den Menschen ist unter den Menschen verständlicherweise wenig angesehen. Sie wenden sich ab von den Miesmachern, den Pessimisten, den Zynikern und verbuchen deren ätzendes Genöle unter Misanthropie, also als Krankheit. Dass vielleicht die Menschheit selbst die für den Rest der irdischen Schöpfung schlimmste Krankheit sein könnte, die Errettung dieser Restnatur nur durch die Ausrottung des ,Untiers‘ (Ulrich Horstmann) vielleicht noch möglich – diese naheliegenden Einsichten passen nicht in die Zeit. Haben wir nicht wahrlich schon genug Probleme mit unserer Existenzsicherung, als dass wir uns noch weitere aufhalsen könnten durch die Infragestellung unserer Existenzberechtigung?

Wir optimistischen Misanthropen müssen bescheidener sein: „Wer auch immer, aus Zerstreutheit oder aus Unzulänglichkeit, die Menschheit […] nur ein klein wenig in ihrem Vormarsch aufhält, ist ihr Wohltäter.“ Ein klitzekleinwinzig wenig tut man dies ja schon, wenn man sich selbst bremst, vom Marschschritt ins Schleichen verfällt, gar stehen bleibt und zurückschaut. (Ungefähr das ist es ja, was ich hier probiere.)

Doch ob dies Wenige und immer weniger Werdende genügt? Wohl kaum.

Der Philosoph Emile M. Cioran, den ich soeben zitiert habe und der heute vor hundert Jahren im siebenbürgischen Reschinar nahe Hermannstadt geboren wurde, faszinierte den jungen Mann, der ich 1979 war, durch seinen radical chic am Rande des Abgrunds. Spätestens seit seinem natürlichen Tod am 20. Juni 1995 scheinen mir die gebetsmühlenhaften Insinuationen von Ciorans Selbstmordabsichten entwertet, wie Spiegelfechtereien eines narzisstischen Poseurs.

Immerhin möchte ich seine Bücher in meinen wenigen verbliebenen Regalen (noch) nicht missen; am wenigsten seine Syllogismen der Bitterkeit, denen ich für heute einen weiteren Aphorismus entnehme: „Die Würde der Liebe liegt in der ernüchterten Zuneigung, die einen schleimigen Moment überlebt.“ (A. d. Frz. v. Kurt Leonhard. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1969, S. 54 & S. 89.) – um allerdings hinzuzufügen: … und deren Sinn im gleißenden Augenblick vor diesem Moment.

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