Kein koscheres Wort

measchearimamosschliak

Manche Bücher habe ich bloß gekauft und gelesen, weil ich beim Blättern in ihnen zufällig auf ein Zitat über den Zufall gestoßen bin.

So las ich etwa am 26. Februar 1987: „Später, 1945, habe ich mich aus Stalins Land hinausgeschmuggelt und bin nach Lublin gegangen. Dort traf ich meine Jugendfreundin wieder. Daß wir uns wiedersahen, war ein Wunder, aber wenn man keinen Glauben hat, kann man Wunder nicht erkennen. Wir hatten für alles nur eine Antwort: Zufall. Die Welt sei Zufall, der Mensch sei Zufall, und alles, was mit ihm geschieht, sei Zufall.“

Diese Stelle steht gleich auf der ersten Seite des Kurzromans Der Büßer von Isaak B. Singer, wenn man das Vorwort und die kurze Einleitung außer acht lässt. Ich arbeitete damals in der größten Buchhandlung der Stadt und kaufte das Buch vom Fleck weg, obwohl das schmale Bändchen stolze 26 Mark kostete und noch nicht einmal fadengeheftet ist. Ich wollte wissen, wie es kam, dass der Ich-Erzähler vom Zufall abgekommen war und warum er nun, da er dies schrieb, Wunder wieder erkennen konnte. Auf der letzten Seite notierte ich seinerzeit, dass ich das Buch an einem Tag, „in einem Zug“ gelesen hatte. – Ziemlich weit hinten im Buch finden wir den Ich-Erzähler in Jerusalem wieder, im Lernhaus der Sandzer Chassidim. Dort fragt ihn Reb Chaim, der Hausherr, warum er ausgerechnet in dieses Haus gekommen sei. Er antwortet:

„Ich bin zufällig vorbeigegangen und hab das Lernhaus entdeckt. Es war reiner Zufall.“ – „Zufall? … Et …“ – Wieder hörte ich den Ausdruck, den ich im Hause des alten Rabbis in New York gehört hatte. Diese Juden glaubten nicht an den Zufall. – Nach einer Weile sagte er: „Zufall bedeutet ,aufs Geratewohl‘. Die Aufgeklärten behaupten, die Welt sei bloß ein Zufall; der gläubige Jude aber weiß, daß alles vorausbestimmt ist. ,Zufall‘ ist kein koscheres Wort …“ (Isaak Bashevis Singer: Der Büßer. A. d. Am. v. Gertrud Baruch. München / Wien: Carl Hanser Verlag, S. 111 f.)

Was Et bedeutet? „,Da bin ich mir nicht so sicher‘, ,Darauf kann ich verzichten‘, ,Das ist nicht unsere Art‘, ,Da habe ich meine Zweifel‘ – und viele ähnliche Äußerungen religiöser Skepsis gegenüber weltlichen Versprechungen und Hilfsmitteln.“ (Ebd., S. 55.)

[Titelbild: Umschlagfoto des zitierten Buches von Amos Schliak: In einer Straße von Mea Schearim bei Regen. – © Carl Hanser Verlag.]

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