Westropolis – ein Epilog (I)

westropolis

Dieser Tage bekam ich Weihnachtspost vom Comunity Management der Redaktion von DerWesten, dem Internetportal der WAZ-Gruppe in Kooperation mit dem WDR. Die Absenderin bedankte sich bei mir und den Lesern und Kulturfreunden, die „uns“ durch ihre Text- und Bildbeiträge zu der Kulturplattform Westropolis viele interessante und lehrreiche Eindrücke aus der Kulturlandschaft an Rhein und Ruhr vermittelt hätten. Mit der ersten Person Mehrzahl sind wohl einerseits die Comunity Manager bei DerWesten gemeint, andererseits können auch die Leserinnen und Leser in aller Welt mitgedacht werden, die Westropolis in den vergangenen knapp vier Jahren seit Mitte Februar 2007 besucht haben.

Viele waren das vermutlich nie. Und zuletzt dürften die Besucherzahlen wohl noch weiter in den Keller gesackt sein, wenn man von den gegen null tendierenden Kommentarzahlen auf die Gesamtfrequenz hochrechnen will. Dabei hatte das Kulturportal ursprünglich gute Aussichten, sich für das Ruhrgebiet zu einem etablierten Online-Forum für lebendige und unabhängige Kulturberichterstattung zu mausern. Das Webdesign und die Bedienfunktionen konnten sich durchaus sehen lassen. (Entwickelt hatte die Webseite vi knallgrau aus Wien, auf der Basis der hauseigenen Multimedia-Blog-Software twoday media.) Zudem zeichnete sich am Horizont das Kulturhauptstadt-Jahr 2010 ab, das sicher genügend Inhalte für eine lebendige und interessante Kulturberichterstattung bieten würde. Entsprechend aufgeregt reagierten Pottblog, Gelsenclan & Co, die angestammte Blogger-Szene im Revier, auf den Newcomer mit dem reichen Onkel im Hintergrund, der selbst überregional für kurzfristige Aufmerksamkeit sorgte.

Westropolis war gerade gestartet, da hörte ich von diesem „Experiment“. (So nennt es ja zum Abschluss jetzt „Das westropolis-Team“.) Zu diesem Zeitpunkt war für mich bereits absehbar, dass ich nach fast 30 Jahren in festen Anstellungen bald wegen Unternehmensstilllegung auf der Straße stehen würde. Zuletzt war ich u. a. als Redakteur für den Internet-Auftritt eines mittelständischen Verlagshauses tätig gewesen, das Schreiben für Online-Medien war mir also durchaus vertraut: „Knackige Headlines! Bündige Teasertexte! Kurze Sätze! Süffige Geschichten! Das Wichtigste zuerst! Viele Bilder! – Parole: Denk immer an den Döfsten!“ Mit dieser Referenz und jenen Qualifikationen stellte ich mich im frischmöblierten Großraumbüro von DerWesten an der Friedrichstraße in Essen vor und wurde nach Ablieferung einiger Kostproben aus meiner Feder zu meiner Verwunderung vom Fleck weg als regelmäßiger Beiträger engagiert, drei Beiträge pro Woche. Von Mitte April 2007 an prangte mein Zylinderporträt neben ein paar Kollegen im rechten Frame der Westropolis-Seite unter der Titelzeile „Gastautoren“. Mit von der Partie waren anfangs die Westfälische-Rundschau-Redakteure Nadine Albach und Bernd Berke, die Buchautoren Hatice Akyün und Johannes Groschupf, der Dramaturg Christian Scholze, der Musikjournalist Ingo Juknat sowie die Filmjournalistin, Buchautorin und Bloggerin Else Buschheuer; kurz drauf kam noch Jürgen Overkott hinzu, ebenfalls von der WR.

Ich stürzte mich gleich mit Feuereifer in die Arbeit und probierte in den folgenden 16 Monaten allerlei aus. Ich beließ es allerdings nicht beim Schreiben von Artikeln, sondern beteiligte mich auch eifrig als Kommentator, sowohl unter meinen eigenen als auch unter den Beiträgen anderer Autoren. Gerade die lebhafte Diskussion der Texte schien mir ja den besonderen Reiz der Bloggerei auszumachen, im Unterschied zu den langsamen Printmedien, in denen es als „Resonanzboden“ allenfalls eine stiefmütterlich unterhaltene Leserbriefspalte gibt. Hinzu kam, dass ich als Autor keine statistischen Auswertungen zu den Klickzahlen auf meine Artikel erhielt – angeblich gab es dergleichen Statistiken nicht. So war das einzige aussagekräftige Feedback, das ich zu meiner Arbeit erhielt, die Resonanz in den Kommentaren. Ich setzte also meinen Ehrgeiz darein, möglichst viele Kommentare „einzufahren“. Ob das der Qualität meiner Beiträge immer zuträglich war, will ich dahingestellt sein lassen.

Jetzt, wo der Vorhang fällt, scheint evident, dass das Pilotprojekt Westropolis bloß der Absicherung der unerfahrenen Entscheider bei der WAZ-Gruppe diente, um daran risikolos zu testen, ob vi knallgrau ein solches Großobjekt wie den Internet-Auftritt des Zeitungsriesen wohl hinbekäme. Anschließend ließ man den Versuchsballon noch ein Weilchen schweben, er kostete ja kaum was. An einem selbstgestellten Anspruch war vi knallgrau allerdings völlig gescheitert, hatte es über Westropolis doch geheißen, diese vorerst eigenständige Plattform im Kulturbereich solle nach dem Launch von WestEins (so der Arbeitstitel von DerWesten) in das Gesamtportal nahtlos eingegliedert werden können. Davon konnte freilich zu keiner Zeit die Rede sein. Der Button auf Westropolis wirkte bei DerWesten von Anfang an und bis zuletzt wie ein Fremdkörper, wie der verschämte Hinweis auf ein ungeliebtes Kind. – Was mich betrifft, so habe ich meine Arbeit für Westropolis als eine wertvolle Zeit in bester Erinnerung, mit vielen unvergessenen Begegnungen und nützlichen Erfahrungen. Ich nehme die Liquidation des Unternehmens darum zum Anlass, mich öffentlich an einige meiner vielleicht lehrreichsten Erlebnisse zu erinnern, den Kommenden zu Nutz und Frommen, allen anderen zur Unterhaltung oder Übelnahme.

[Zur nächsten Folge.]

3 Responses to “Westropolis – ein Epilog (I)”

  1. Ingo Scherlinski Says:

    Volle Zustimmung; ein zum Experiment missbrauchtes Kind, das viele weitere und bessere Anlagen in sich trug.

    Für mich nach einem Vierteljahrhundert WAZ keine neue Erfahrung, sondern bloße Bestätigung dutzendfach zu beobachtender Fehler.

    Wünsche Ihnen und der Familie ein persönlich befriedigendes neues Jahr!

    “Möge das Haar auf Ihren Zehen niemals schütter werden!”

  2. Gerd Schütte Says:

    besten dank für ihre artikel. die waren alle sehr lesenswert.
    übrigens die waz habe ich zum 31.12.2010 gekündigt.

  3. Zum Ende von Westropolis | Hart gerockt Says:

    […] Der Revierflaneur, ursprünglich Mitglied des Haupt-Autorenteams bei Westropolis, hat eine Art Nachruf […]

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