Archiv für Dezember 2010

Kalter Kaffee

Freitag, 31. Dezember 2010

schwarzeflammen

Als ich heute vor einem Jahr, nur halb im Scherz, diese finstere Prognose für 2010 aufstellte, konnte ich noch nicht ahnen, wie strapaziös und gefahrvoll dieses nun endlich vergehende Jahr werden würde – für mich persönlich ebenso wie für den Rest der Welt. Dabei richte ich meinen Blick ja nicht einmal ungeschützt auf die teils traurige, teils erschreckende, teils ekelerregende, teils todlangweilige Wirklichkeit selbst, sondern meist nur auf deren sprachliches bzw. schriftliches Abbild. Doch das reicht mir schon, aber satt!

Längst finde ich kein noch so schwaches Anzeichen mehr, das auf Besserung deutete. Grundsätzlich entpuppen sich alle frohen Botschaften aus der Wirtschaft als Horrormeldungen, wenn ich sie vor einem weiteren zeitlichen und räumlichen Horizont ans Licht halte. Wie kann ich mich – um nur ein Beispiel anzuführen – darüber freuen, wenn in Deutschland neuerdings Beschäftigungsrekorde gefeiert werden, da ich doch weiß, dass diese erstaunliche Trendwende insbesondere von unserem rasant boomenden Autoexportgeschäft mit China ausgelöst wurde. An dieser Entwicklung ist ja nun gar nichts erfreulich! Erstens sollte man ein Land, das Jahr für Jahr seinen eigenen Weltrekord vollstreckter Todesurteile übertrifft und einen Friedensnobelpreisträger im Gefängnis verwahrt, eher mit einem Handelsboykott belegen, als seine Führungsschicht mit Luxuskarossen zu versorgen. Zweitens ist die Beihilfe zur Privatmotorisierung in einem Schwellenland mit demnächst 1,4 Milliarden Einwohnern ökologisch betrachtet eins der schlimmsten Verbrechen, das wir dem Globus antun können. Drittens werden sich diese Chinageschäfte ohnehin bald als ein Strohfeuer erweisen, denn die Ingenieure im Reich der Mitte arbeiten seit Jahren schon mit Unterstützung versierter Hacker fieberhaft an einem west-östlichen „Know-how-Transfer zum Null-Tarif“ von nie dagewesenen Ausmaßen und noch nicht absehbaren Folgen. Viertens erweist sich die Abhängigkeit, in die wir uns mit diesen Exportgeschäften begeben haben, als fatale Falle: Wir hängen am Tropf – und dieses Bild passt noch in anderer Hinsicht, sind wir doch auch demographisch eine Gesellschaft, die zunehmend zum Pflegefall degeneriert.

Wenn ich noch einen Schritt weiter zurücktrete und mir eine Grundwahrheit in Erinnerung rufe, die mich in meiner Jugend Mitte der 1970er-Jahre erreichte und die bei aller Patina, die sie mittlerweile vielleicht angesetzt hat, im Kern immer noch über jeden Zweifel erhaben ist, dann erscheint mir das Tagesgeschäft, das die gewählten oder selbsternannten Politiker als Sachwalter unserer und der Interessen unserer Kinder und Kindeskinder betreiben, wie ein blindwütiges Pfuschwerk. Im Jahr 1972 veröffentlichte der Club of Rome seine Studie The Limit of Growth, deren Prognosen sich in manchen Details vielleicht als falsch erwiesen haben mögen. Aber die schon im Titel deutlich ausgesprochene Erkenntnis, dass die Möglichkeiten wirtschaftlichen Wachstums auf dieser Erde begrenzt sind, erweist seine Wahrheit in den alltäglichen Horrormeldungen über die schrecklichen Folgen, die wir angerichtet haben, indem wir diese Grenzen nicht respektierten und heute mehr denn je ignorieren.

Noch keine Neujahrsansprache keines Bundekanzlers kam ohne die Beschwörung des wirtschaftlichen Wachstums aus, das ist auch zu diesem Jahreswechsel nicht anders. Diesmal vermeiden Angela Merkels Redenschreiber zwar das mittlerweile vielleicht doch etwas suspekt gewordene Wort „Wachstum“, aber nur, um den gleichen Wahnsinn in andere Wörter zu kleiden. Nachdem die Bundeskanzlerin einige Leistungen der Bundesregierung im zurückliegenden Jahr 2010 aufgezählt hat, resümiert sie: „Das alles trägt zu Zusammenhalt und Wohlergehen bei. Denn Wohlergehen und Wohlstand – das heißt nicht nur ,mehr haben‘, sondern auch ,besser leben‘? Dafür brauchen wir Sie, die Menschen, die etwas besser machen wollen, die sagen: Geht nicht, gibt ’s nicht, die eine Idee haben und den Mut, sie auch umzusetzen.“ (Angela Merkels Neujahrsansprache für 2011; hier nach Welt Online.) – Es geht also wie gehabt um ein Mehr, um quantitatives Wachstum; und die Spitzfindigkeit, dass doch auch Qualität eine Rolle dabei spielen soll, indem ein Besser ins Spiel gebracht wird, ist schnell entlarvt. Schon bei den Ideen, die die Tüftler der Republik mutig verwirklichen sollen, damit die Erfindernation ihren Ruf als solche verteidigen kann, stutzt man und fragt sich, warum hier nicht von einer „guten Idee“ die Rede ist. Dass die bloße Machbarkeit noch kein hinreichendes Plazet für die geschäftstüchtigen Macher sein kann, ihre womöglich zerstörerischen Geisteskinder auf die Menschheit loszulassen, kommt dieser Kanzlerin erst gar nicht in den Sinn. Ideen sind gut, wenn sie sich rechnen und Arbeitsplätze schaffen, das ist nach wie vor das Credo dieser Politik. Eine solche Rhetorik braucht nur 17 Wörter, um den „Ausstieg aus dem Ausstieg“, die Rückkehr zur Atomkraft also, in einen ökologischen und zugleich wirtschaftlichen Geniestreich umzulügen: „Wir gehen den Weg zur modernsten Energieversorgung der Welt, die Klima und Umwelt schont und bezahlbar ist.“ (Angela Merkels Neujahrsansprache für 2011, a. a. O.)

Vorhersagen für das kommende Jahr kann ich mir sparen. Es wird schlimmer, das ist gewiss. Also gilt es der Wahrheit zuliebe, unbarmherzig Schwarzmalerei zu betreiben, Tag für Tag das Elend beim Namen zu nennen. Und wie kann man das durchhalten? Günther Anders kennt folgendes Mittel: „Denjenigen aber, die, von der düsteren Wahrscheinlichkeit der Katastrophe gelähmt, ihren Mut verlieren, denen bleibt es übrig, aus Liebe zu den Menschen die zynische Maxime zu befolgen: ,Wenn ich verzweifelt bin, was geht ’s mich an! Machen wir weiter, als wären wir es nicht!‘“ (Günther Anders: Thesen zum Atomzeitalter; in: Die atomare Drohung. München: C. H. Beck, 1983, S. 105.) – So auch ich 2011.

Heinrich Funke: Das Testament (VI)

Montag, 27. Dezember 2010

Heinrich Funke Das Testament (VI)

Ich weiß schon, warum ich Heinrich hier als „Künstler“ vorgestellt habe – und nicht etwa als „Künstler und Autor“, was ja immerhin insofern nahegelegen hätte, als das hier vorgestellte Opus ein Bild- und Wort-Werk ist. Aber der Umgang mit den Wörtern ist Heinrichs starke Seite nicht, das wird wieder bei diesem unbeholfenen Satz deutlich. „Die tiefste Erfahrung lautet nicht Freiheit sondern Ohnmacht“. Eine Erfahrhung kann nicht „lauten“, das spürt man spätestens, wenn man mit einer Frage auf diese Satzaussage zielt: „Wie lautet die tiefste Erfahrung?“ Nein, das ist nicht bloß altbacken, sondern schief bis zum Umfallen. Allenfalls ginge noch „heißt“. Aber warum wählt er nicht die simpelste, doch so naheliegende Variante und schreibt schlicht und schön: „Die tiefste Erfahrung ist nicht Freiheit sondern Ohnmacht“?

Aber wir wissen ja, was das Verb meinen und der Satz bedeuten soll. Viel größere Schwierigkeiten habe ich mit dem Adjektiv „tief“. Was sind denn tiefste Erfahrungen? Haben Erfahrungen überhaupt Tiefe, gar eine mess- und vergleichbare? Und wie soll das Maß zum Vergleich von subjektiver Erfahrungstiefe noch zu deren kollektivem Ausloten tauglich sein? Ich versuche einmal, das Problem an einem konkreten Beispiel von Erfahrung zu erläutern und dabei nicht gleich den Superlativ in den Blick zu nehmen. Ich habe Zahnschmerz erfahren und ich habe Ohrenschmerzen erfahren. Ein Ohrenschmerz-Anfall, an den ich mich noch gut erinnere, war wohl schlimmer als mein schlimmster Zahnschmerz-Anfall. So könnte ich sagen, dass die Erfahrung von Ohrenschmerzen für mich tiefer war als die von Zahnschmerzen. Andererseits hatte ich bisher wesentlich häufiger Zahn- als Ohrenschmerzen, weshalb erstere dann doch die tieferen Spuren bei mir hinterlassen haben. Und wenn ich mich jetzt mit jemandem unterhalte, der ebenfalls bereits sowohl unter Ohren- als auch unter Zahnschmerzen gelitten hat, und dieses Gegenüber widerspricht mir nun energisch: „Aber nein, meine Zahnschmerzen waren viel schlimmer, viel ,tiefer‘, wenn du so willst, als meine Ohrenschmerzen!“ – dann wäre es doch unsinnig, bloß wegen meiner entgegengesetzten Erfahrung auf der allgemeinen Aussage zu beharren: „Ohrenschmerzen sind schlimmer – ,tiefer‘ – als Zahnschmerzen!“

Meine Bedenken gegen diese, um das Mindeste zu sagen, gewagte These von der tiefsten Erfahrung kann ich vielleicht am besten verdeutlichen, wenn ich noch ein paar weitere Vergleichssätze nach dem hier vorgegebenen Muster danebenstelle. Wie wäre es etwa mit: „Schmerz ist eine tiefere Erfahrung als Lust.“ Ist Lust denn überhaupt eine tiefe Erfahrung? Spricht man nicht vielmehr und mit gutem Grund im Gegenteil von höchster Lust? Tatsächlich wäre meiner Erfahrung, was Ohnmacht und Freiheit betrifft, dieser Satz viel näher: „Ohnmacht ist die tiefste, Freiheit die höchste Erfahrung.“ Und noch besser träfe es meine Sicht der Dinge, wenn dieser doch etwas zu allgemeine Satz noch begrenzt würde, etwa so: „Ohnmacht ist die tiefste, Freiheit die höchste Erfahrung unserer Grenzen.“

Aber, bitte! Ich bin ja hier nicht der Künstler und Autor, sondern bloß der Interpret – und als solcher habe ich das Gegebene hinzunehmen, wie es nun einmal vor mich tritt.

Die drei etwas verknittert aussehenden Herren – Chinesen? Philosophen? Mönche? – in ihren wallenden Gewändern stehen beieinander, als müssten sie sich über etwas beraten. Sie haben sich wohl um ein Fass herum versammelt, aus dem sie vielleicht Wein oder Wasser geschöpft haben. Sie haben möglicherweise die Macht, mit vereinten Kräften das Fass umzustoßen, sodass sich sein Inhalt, ganz gleich ob Wasser oder Wein, auf den Boden ergießt. Sie sind frei, dies zu tun und können ihre zwar sinnlose, aber folgenreiche Tat als einen Akt der Freiheit empfinden. Anschließend aber, wenn der Durst sich wieder meldet und der Wein oder meinetwegen auch das Wasser durch die Ritzen des Pflasters in den Boden gesickert ist, dann werden sie in ohnmächtiger Wut die Erfahrung machen, dass es nicht in ihrer Macht steht, das verschwendete Gut wieder ins Fass zurückzubringen. Und diese Wut wird mindestens dann eine tiefere Erfahrung sein als das Gefühl der Freiheit während der sinnlosen Tat, wenn die drei Herren elendiglich verdursten.

Ghana (V) – Bürgerkrieg beim Nachbarn

Sonntag, 26. Dezember 2010

fluchtuebergrenzen

Vor zwei Jahren war Ghana für mich ein afrikanischer Staat neben vielen anderen. Und Afrika war der arme Kontinent, Europas schlechtes Gewissen seit der Kolonisation und der Sklavenverschiffung gen Amerika, ein Erdteil der blutrünstigen Diktatoren seit Idi Amin und der Hungerkatastrophen seit Biafra, auch der Bürgerkriege und blutigen Umstürze, der Menschenschlächtereien und Epidemien, nebenbei auch der Ursprungsort von Aids – der Schwarze Kontinent eben, in doppelter Hinsicht: black skin and black sin.

Seither hat einer meiner Söhne ein Jahr in Ghana gelebt, hat dort seine Frau gefunden und sie mit nach Deutschland gebracht. Vor einer Woche ist meine Enkeltochter Liana zur Welt gekommen. Mein Verhältnis zu Ghana ist nach diesen Ereignissen, auf die ich zwar kaum Einfluss nehmen konnte, dennoch ein gewandeltes. Ob ich es will oder nicht: Ghana ist mir nun unversehens ans Herz gewachsen, es liegt mir jedenfalls näher als einer unserer geographischen Nachbarstaaten, näher als zum Beispiel Polen.

Seit einigen Wochen ist im westlichen Nachbarstaat von Ghana, in der Elfenbeinküste (République de Côte d’Ivoire), der Teufel los. Der amtierende Präsident, Laurent Gbagbo, hält sich schon seit fünf Jahren ohne legitimen Wahlentscheid an der Macht. Am 31. Oktober dieses Jahres fand nun endlich eine erste Wahlrunde statt, bei der sich Gbagbo vor seinem schärfsten Konkurrent Alassane Ouattara als Favorit durchsetzte. Bei der Stichwahl am 28. November errang dann Ouattara die Mehrheit. Dies wollte aber Gbagbo nicht akzeptieren und ließ sich, internationalen Protesten zum Trotz, als Präsident vereidigen. Sein Konkurrent gab nicht klein bei und ließ sich ebenfalls vereidigen. Seither hat die Elfenbeinküste zwei amtierende Präsidenten und steht kurz vor einem Bürgerkrieg. In meiner Tageszeitung kommt das Land dennoch nur unter „ferner liefen“ vor. Am Dienstag meldet dpa, dass die EU ein Einreiseverbot für Laurent Gbagbo verhängt habe – als ob dem selbsternannten Präsidenten, der sich seit der Wahl in seinem Amtssitz verschanzt, der Sinn nach einer Europareise stünde! Am Donnerstag meldet AFP, dass deutschen Staatsangehörigen vom Auswärtigen Amt die Ausreise aus Ghana empfohlen werde, da der Machtkampf zwischen Gbagbo und Ouattara jederzeit „auch großflächig in Gewalt umschlagen“ könne. In der Weihnachtsausgabe der Süddeutschen lese ich, dass bereits 200 Menschen in Ghana bei Unruhen zu Tode gekommen seien und die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg wachse. Und heute entnehme ich den Radionachrichten im WDR, dass bereits tausende Menschen aus der Elfenbeinküste ins benachbarte Ausland geflohen seien.

Die Gefahr rückt immer näher, zumal ich weiß, dass die Familie meiner Schwiegertochter in unmittelbarer Nähe der Grenze zur Elfenbeinküste lebt. Ihr Heimatort heißt Dormaa-Ahenkro, eine Kleinstadt mit rund 20.000 Einwohnern. Im aktuellsten Reiseführer für Ghana lese ich: „Die Hauptstraße führt von Sunyani über Berekum schnurstracks nach Dormaa-Ahenkro (80 km), einem Örtchen mitten im Regenwald an der Grenze zu Côte d’Ivoire. Es war einmal viel mehr los hier, nun ,sprudeln‘ die Menschenströme nicht mehr wie früher über die Grenze. Der Grenzposten in Dormaa-Ahenkro ist nur noch für den ,kleinen Grenzverkehr‘ zwischen den beiden Völkern, die eng miteinander verwandt sind, wichtig. – Die eigentliche Grenze liegt noch 7 km weiter westlich von Dormaa-Ahenkro in Badukrom bzw. Gonnokrom. Sehr wenige Autos fahren über diese Grenze zu Zielen in Côte d’Ivoire. Normalerweise ist ein Umsteigen in einer der beiden Grenzstädte notwendig, wobei Gonnokrom besser für den Grenzübertritt per Auto geeignet ist. Gäste mit etwas Zeit sollten Badukrom besuchen, da das Städtchen eine Kuriosität ist. Die Hälfte davon ist ghanaisch und die andere Hälfte ivorisch, Grenzmarkierungen sind jedoch nicht vorhanden. Man geht einfach zu Fuß durch den Ort und begegnet zwei verschiedenen Welten.“ (Jojo Cobbinah: Ghana. Praktisches Reisehandbuch für die „Goldküste“ Westafrikas. Frankfurt am Main: Peter Mayer Verlag, 2009, S. 386.)

Wenn die Grenzen dort so offen sind, dann ist Veronicas Heimat vielleicht schon von Menschen aus dem Nachbarstaat überlaufen, so denke ich. Aber dann erfahre ich aus anderen Quellen, dass die Flüchtlinge nicht nach Osten, sondern ins westlich angrenzende Liberia strömen – und atme auf. Meine Schwiegertochter selbst bekommt von all dem übrigens gar nichts mit. Sie hat jetzt ganz andere Sorgen, muss sich um das kleine Töchterchen kümmern. Wie sehr doch unser ganzes Sinnen und Trachten davon abhängt, was uns nah ist und was fern. Und insofern ist auch klar, da mache ich mir nichts vor, was mir bei aller Empathie stets am nächsten ist: Ich, ich, ich!

Westropolis – ein Epilog (I)

Samstag, 25. Dezember 2010

westropolis

Dieser Tage bekam ich Weihnachtspost vom Comunity Management der Redaktion von DerWesten, dem Internetportal der WAZ-Gruppe in Kooperation mit dem WDR. Die Absenderin bedankte sich bei mir und den Lesern und Kulturfreunden, die „uns“ durch ihre Text- und Bildbeiträge zu der Kulturplattform Westropolis viele interessante und lehrreiche Eindrücke aus der Kulturlandschaft an Rhein und Ruhr vermittelt hätten. Mit der ersten Person Mehrzahl sind wohl einerseits die Comunity Manager bei DerWesten gemeint, andererseits können auch die Leserinnen und Leser in aller Welt mitgedacht werden, die Westropolis in den vergangenen knapp vier Jahren seit Mitte Februar 2007 besucht haben.

Viele waren das vermutlich nie. Und zuletzt dürften die Besucherzahlen wohl noch weiter in den Keller gesackt sein, wenn man von den gegen null tendierenden Kommentarzahlen auf die Gesamtfrequenz hochrechnen will. Dabei hatte das Kulturportal ursprünglich gute Aussichten, sich für das Ruhrgebiet zu einem etablierten Online-Forum für lebendige und unabhängige Kulturberichterstattung zu mausern. Das Webdesign und die Bedienfunktionen konnten sich durchaus sehen lassen. (Entwickelt hatte die Webseite vi knallgrau aus Wien, auf der Basis der hauseigenen Multimedia-Blog-Software twoday media.) Zudem zeichnete sich am Horizont das Kulturhauptstadt-Jahr 2010 ab, das sicher genügend Inhalte für eine lebendige und interessante Kulturberichterstattung bieten würde. Entsprechend aufgeregt reagierten Pottblog, Gelsenclan & Co, die angestammte Blogger-Szene im Revier, auf den Newcomer mit dem reichen Onkel im Hintergrund, der selbst überregional für kurzfristige Aufmerksamkeit sorgte.

Westropolis war gerade gestartet, da hörte ich von diesem „Experiment“. (So nennt es ja zum Abschluss jetzt „Das westropolis-Team“.) Zu diesem Zeitpunkt war für mich bereits absehbar, dass ich nach fast 30 Jahren in festen Anstellungen bald wegen Unternehmensstilllegung auf der Straße stehen würde. Zuletzt war ich u. a. als Redakteur für den Internet-Auftritt eines mittelständischen Verlagshauses tätig gewesen, das Schreiben für Online-Medien war mir also durchaus vertraut: „Knackige Headlines! Bündige Teasertexte! Kurze Sätze! Süffige Geschichten! Das Wichtigste zuerst! Viele Bilder! – Parole: Denk immer an den Döfsten!“ Mit dieser Referenz und jenen Qualifikationen stellte ich mich im frischmöblierten Großraumbüro von DerWesten an der Friedrichstraße in Essen vor und wurde nach Ablieferung einiger Kostproben aus meiner Feder zu meiner Verwunderung vom Fleck weg als regelmäßiger Beiträger engagiert, drei Beiträge pro Woche. Von Mitte April 2007 an prangte mein Zylinderporträt neben ein paar Kollegen im rechten Frame der Westropolis-Seite unter der Titelzeile „Gastautoren“. Mit von der Partie waren anfangs die Westfälische-Rundschau-Redakteure Nadine Albach und Bernd Berke, die Buchautoren Hatice Akyün und Johannes Groschupf, der Dramaturg Christian Scholze, der Musikjournalist Ingo Juknat sowie die Filmjournalistin, Buchautorin und Bloggerin Else Buschheuer; kurz drauf kam noch Jürgen Overkott hinzu, ebenfalls von der WR.

Ich stürzte mich gleich mit Feuereifer in die Arbeit und probierte in den folgenden 16 Monaten allerlei aus. Ich beließ es allerdings nicht beim Schreiben von Artikeln, sondern beteiligte mich auch eifrig als Kommentator, sowohl unter meinen eigenen als auch unter den Beiträgen anderer Autoren. Gerade die lebhafte Diskussion der Texte schien mir ja den besonderen Reiz der Bloggerei auszumachen, im Unterschied zu den langsamen Printmedien, in denen es als „Resonanzboden“ allenfalls eine stiefmütterlich unterhaltene Leserbriefspalte gibt. Hinzu kam, dass ich als Autor keine statistischen Auswertungen zu den Klickzahlen auf meine Artikel erhielt – angeblich gab es dergleichen Statistiken nicht. So war das einzige aussagekräftige Feedback, das ich zu meiner Arbeit erhielt, die Resonanz in den Kommentaren. Ich setzte also meinen Ehrgeiz darein, möglichst viele Kommentare „einzufahren“. Ob das der Qualität meiner Beiträge immer zuträglich war, will ich dahingestellt sein lassen.

Jetzt, wo der Vorhang fällt, scheint evident, dass das Pilotprojekt Westropolis bloß der Absicherung der unerfahrenen Entscheider bei der WAZ-Gruppe diente, um daran risikolos zu testen, ob vi knallgrau ein solches Großobjekt wie den Internet-Auftritt des Zeitungsriesen wohl hinbekäme. Anschließend ließ man den Versuchsballon noch ein Weilchen schweben, er kostete ja kaum was. An einem selbstgestellten Anspruch war vi knallgrau allerdings völlig gescheitert, hatte es über Westropolis doch geheißen, diese vorerst eigenständige Plattform im Kulturbereich solle nach dem Launch von WestEins (so der Arbeitstitel von DerWesten) in das Gesamtportal nahtlos eingegliedert werden können. Davon konnte freilich zu keiner Zeit die Rede sein. Der Button auf Westropolis wirkte bei DerWesten von Anfang an und bis zuletzt wie ein Fremdkörper, wie der verschämte Hinweis auf ein ungeliebtes Kind. – Was mich betrifft, so habe ich meine Arbeit für Westropolis als eine wertvolle Zeit in bester Erinnerung, mit vielen unvergessenen Begegnungen und nützlichen Erfahrungen. Ich nehme die Liquidation des Unternehmens darum zum Anlass, mich öffentlich an einige meiner vielleicht lehrreichsten Erlebnisse zu erinnern, den Kommenden zu Nutz und Frommen, allen anderen zur Unterhaltung oder Übelnahme.

[Zur nächsten Folge.]

Heinrich Funke: Das Testament (V)

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Heinrich Funke Das Testament (V)

Das zweite Masereel-Bild lässt uns wieder in eine Gaststätte schauen, diesmal in ein Café, wie wir in Spiegelschrift auf der Glastür links hinten lesen können. Wenn wir die beiden Bilder nebeneinanderhalten, dann fällt auf, dass hier trostlose Leere herrscht – während die Trostlosigkeit im vorigen Bild gerade von der Überfüllung herrührte, gerade so, als sollte durch diese Gegenüberstellung deutlich werden: Dem Gast kann es kein Wirt recht machen! Entweder fühlt er sich beengt, oder er leidet unter Vereinsamung. Und natürlich könnte man diese Einsicht vom Gast auf den Menschen ganz allgemein übertragen, der sich auch selten wirklich rundum wohl fühlt in seiner Haut und in seiner Behausung.

Liege ich mit dieser Einschätzung überhaupt richtig? Vielleicht bilde ich mir das Missbehagen der Menschen, die ich in dieser Kneipe und in diesem Café hocken sehe, ja bloß ein. Das ist insofern nicht ganz abwegig, als ich noch nie ein eifriger Kneipenbesucher war und mich in den letzten Jahren schon aus wirtschaftlichen Gründen dort noch rarer gemacht habe. Insofern hätte ich allen Grund, die beiden Bilder mit einem Missbehagen zu betrachten, denn wenn mich die dort gezeigten Orte geselligen Beisammenseins anheimelten, müsste ich ja neidisch werden. Dann wäre meine Empfindung abgründiger Trostlosigkeit, die mich bei der Betrachtung beider Bilder befällt, ein ganz persönlicher Schutzreflex, von dem ich keineswegs eine allgemeingültige Interpretation ableiten dürfte.

Und nun dieser Satz, der wieder wie eine Ermahnung klingt: „Der Finger der auf den Mond zeigt ist nicht der Mond“. Dies könnte allerdings ein Fingerzeig von allgemeinerer Gültigkeit sein, der sich dann ganz grundsätzlich auf unsere Wahrnehmung und insofern auch auf die Betrachtung dieser Linolschnittfolge bezöge. Wir sollen demnach Bild und Text nicht zu eng auffassen und schon gar erst recht dem Zusammenspiel von beidem weitesten Raum lassen.

Ich kenne diese Sentenz nur in einer (allerdings entscheidend) abgewandelten Form: „Wenn der Weise auf den Mond zeigt,“ so heißt es in einem aus dem alten China überlieferten Sprichwort, „sieht der Idiot nur den Finger.“ Hierbei drängte sich mir allerdings immer die Frage auf, warum der vermeintlich Weise denn ein offenbar so untaugliches Mittel einsetzt, wenn er dem Idioten den Mond zeigen will. Ein weiser Lehrer wäre er dann jedenfalls nicht.

Aber auch das will ich gern noch konzedieren, dass es vielleicht Weise geben mag, deren Weisheit dermaßen fern von allen gewöhnlichen Blickrichtungen siedelt, dass auch der gutwilligste Hingucker darüber zum Idioten wird. Nicht selten sah ich aber solche, die beim Anblick des Fingers höchstes Vergnügen empfanden und sich nicht bloß gut unterhalten, sondern auch belehrt fanden. Wollen wir ’s ihnen nicht gönnen? Und was sind wir selbst für arme Tröpfe, wenn wir mit Fingern auf solche zeigen und sie Idioten nennen.

Nichts gefunden?

Mittwoch, 22. Dezember 2010

hohlblase

Doch, auch heute gäbe es Stoff genug für meine Zeitungsschelte. Allein, ich war nicht in der rechten Stimmung und muss überdies feststellen, dass ich mir mit meinem Alltäglichkeits-Versprechen für diese Rubrik ein etwas zu enges Korsett umgeschnallt habe. Heute blieb mir schlicht die Puste weg!

Es zeigte sich, dass ich mir selbst solch ein unscheinbares Kläpschen auf die Pfoten der Redakteure nicht mal eben so zwischen Frühstücksei und Stuhlgang abquetschen kann. (Ich weiß, das ist ein schiefes Bild!) Man denke nur an die gestrige Glosse über die Papst-Ansprache. Dazu ist schon einiges an Recherche und mühseligem Textvergleich nötig. Es kostet Zeit und auch Kraft. Zudem stehe ich bei diesen Kritiken an den Kolleginnen und Kollegen unter besonderem Druck, möchte ja um Himmels willen bloß selbst keinen noch so kleinen Fehler machen, denn die Blamage tu ja besonders weh, wenn man mit Steinen schmeißt und plötzlich feststellt, im Glashaus gesessen zu haben.

Darum korrigiere ich mich wieder einmal und modifiziere meine Selbstverpflichtung dahingehend, dass ich mindestens dann ein Zitat aus der Süddeutschen des Tages aufs Korn nehme, wenn ich sonst keinen Beitrag veröffentliche. Es soll ja nicht darauf hinauslaufen, dass ich nur noch „Sprechblasen“ ablasse, so wichtig ist mir das morgendliche Ärgernis der Zeitungslektüre auch wieder nicht. Genauer gesagt: bei Weitem nicht.

Dass ich mir selbst etwas Druck mache, ist ansonsten schon okay! Ich neige nämlich dazu, die Zügel gelegentlich schleifen zu lassen. Mir läuft aber die Zeit davon. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch bei einem Autor, der die Verlangsamung zum Hauptziel seiner Fortbewegung deklariert hat, sowohl in seiner Arbeit als auch in seinem übrigen Leben.

Heute jedenfalls habe ich nicht nötig, mich über den folgenden Werbeslogan in einer Buchrezension zu echauffieren: „Wenn es ein Buch gibt, das die Wall Street beschreibt, wie sie wirklich ist, dann ist es dieses: […].“ (Alexander Mühlauer: Die großen Helden; in: SZ Nr. 296 v. 22. Dezember 2010, S. 26.) Meine treuen Leser werden sich vermutlich selbst denken können, was mich an diesem Satz auf die Palme bringt. Heute darf ich einmal faul sein. Und überhaupt habe ich ja schon einen Blogbeitrag geschrieben – nämlich diesen hier, in dem ich erkläre, warum ich heute blau machen darf [s. Titelbild].

Unvorstellbare Dimension?

Dienstag, 21. Dezember 2010

blase4

Gestern stellte ich noch für die fernere Zukunft in Aussicht, die Unpäpstlichkeit der päpstlichen Rhetorik an einem Beispiel vorzuführen, will sagen: dass der Papst sich beileibe nicht so klar und deutlich ausdrückt, wie es von ihm als der maßgebenden Stimme der katholischen Kirche zu erwarten wäre. Heute nun scheint mir die Süddeutsche ein Kostpröbchen dieser Unklarheit auf dem Silbertablett zu liefern – vorausgesetzt, man traut ihrer redaktionellen Redlichkeit.

Anlass der Berichterstattung war die Ansprache des Papstes an die Römische Kurie mit den traditionellen Weihnachtsgrüßen. Den Inhalt der Botschaft fasst meine Tageszeitung so zusammen: „Die Kirche müsse überlegen, ,was falsch war an unserer Botschaft‘, und die ,Demütigung‘ als Aufruf zur Erneuerung begreifen. Das Ausmaß des Missbrauchs, wie es in diesem Jahr offenbar wurde, habe ,eine unvorstellbare Dimension‘ angenommen, sagte Benedikt vor den im Vatikan versammelten Kardinälen und Bischöfen. ,Wir wissen um die besondere Schwere dieser von Priestern begangenen Sünde und unsere entsprechende Verantwortung‘, sagte der Papst. Die Verbrechen müssten aber auch in einem breiteren gesellschaftlichen Kontext gesehen werden, etwa im Zusammenhang mit der Verbreitung von Kinderpornographie und Sextourismus. So sei Pädophilie noch in den siebziger Jahren nicht so verpönt gewesen wie heute.“ (Papst fordert Selbstkritik; in: SZ Nr. 295 v. 21. Dezember 2010, S. 6; gleichlautend im Internet bei www.sueddeutsche.de.) Nun sind nur wenige Worte dieser Nachricht, nämlich genau 25, als wörtliche Zitate durch Anführungszeichen kenntlich gemacht. Zudem beruft sich die Zeitung auf Nachrichtenagenturen (dpa und dadp). Somit ist Vorsicht geboten, denn wenn ich nun diese Worte auf die Goldwaage lege, dann will ich nicht später zerknirscht zugeben müssen, dass meine Kritik bloß auf Übersetzungsfehlern, Verdrehungen und Verkürzungen beruht.

Aber immerhin schien mir doch ein Ausdruck eindeutig genug, um mein Missfallen bekunden zu können. Dass das Außmaß des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch katholische Geistliche „eine unvorstellbare Dimension“ angenommen habe, fand ich sprachlich unscharf und inhaltlich enttäuschend. Ist mit der Dimension der rein zahlenmäßige Umfang gemeint? Dann verstehe ich nicht, was daran unvorstellbar sein soll. Nichts kann man sich doch präziser vorstellen als eine Zahl oder einen Prozentsatz von Tätern. Eher schon kann ich mir denken, dass vielleicht die Vorstellungskraft eines katholischen Geistlichen damit überfordert ist, sich das Ausmaß der Verderbtheit seiner Glaubensbrüder, in jedem einzelnen Fall und in allen schrecklichen Einzelheiten, auszumalen. Aber wenn das so wäre, dann müsste man doch fragen, woher eine solche Weltfremdheit denn rührt – und ob sie nicht geradezu ,systemimmanent‘ ist in einer Kirche, die die Religion über das Leben stellt. Wenn nun aber der Papst selbst dem Ausmaß des Missbrauchs eine „unvorstellbare Dimension“ abliest, muss ich mir Sorgen machen, den eine für viele Millionen Anhänger vorbildliche Instanz sollte doch über genügend Vorstellungsvermögen verfügen, um nicht von den alltäglichen Lastern der übelsten Sünder überrascht zu werden.

So etwa gedachte ich, den in der SZ zitierten Passus – „unvorstellbare Dimension“ – zu demontieren. Sicherheitshalber suchte ich aber im Internet den vollständigen Text der päpstlichen Weihnachtsbotschaft an die Kurie und wurde auch sehr schnell fündig. In dieser Übersetzung – die Ansprache wurde vom Papst wie üblich in lateinischer Sprache verlesen – lauten die von den Presseagenturen zusammengefassten Passagen so: „Wir müssen fragen, was in unserer Verkündigung, in unserer ganzen Weise, das Christsein zu gestalten, falsch war, daß solches geschehen konnte. […] Wir müssen diese Demütigung als einen Anruf zur Wahrheit und als einen Ruf zur Erneuerung annehmen. […] [Wir waren] erschüttert, gerade in diesem Jahr in einem Umfang, den wir uns nicht hatten vorstellen können, Fälle von Mißbrauch Minderjähriger durch Priester kennenzulernen, die das Sakrament in sein Gegenteil verkehren, den Menschen in seiner Kindheit – unter dem Deckmantel des Heiligen – zuinnerst verletzen und Schaden für das ganze Leben zufügen. […] Der besonderen Schwere dieser Sünde von Priestern und unserer entsprechenden Verantwortung sind wir uns bewußt. Aber wir können auch nicht schweigen über den Kontext unserer Zeit, in dem diese Vorgänge zu sehen sind. Es gibt einen Markt der Kinderpornographie […]. Von Bischöfen aus den Ländern der Dritten Welt höre ich immer wieder, wie der Sextourismus eine ganze Generation bedroht und sie in ihrer Freiheit und Menschenwürde beschädigt. […] In den 70er Jahren wurde Pädophilie als etwas durchaus dem Menschen und auch dem Kind Gemäßes theoretisiert.“ (Monumentale Ansprache Benedikts XVI. an die Römische Kurie; zit. nach www.kath.net, 20. Dezember 2010, 14:00 Uhr.) Es geht also nicht um eine Dimension, sondern um den Umfang des Missbrauchs. Und der ist nicht dem Papst nach wie vor unvorstellbar, sondern die Gemeinschaft der Gläubigen – die meint wohl das „wir“ – hatte es sich nicht vorstellen können, dass so viele Priester auf diesen Abweg gerieten. Daran ist nun tatsächlich nichts auszusetzen. Ich hätte dem Papst Unrecht getan, wenn ich mich auf die „Zitate“ in der Süddeutschen verlassen hätte.

Übrigens bedarf es nur eines kurzen Gegoogels, um an diesem Beispiel wieder einmal zu sehen, dass die Pressevielfalt in den deutschsprachigen Ländern wie so oft nur noch eine vermeintliche ist. In allen Artikeln, die über die päpstliche Ansprache berichten, tauchen die gleichen Versatzstücke der Agenturen auf. Nicht eine der großen Zeitungen macht sich die Mühe, die ja wohl offizielle und vollständige Veröffentlichung des österreichischen Online-Magazins kath.net zu lesen und auf dieser Textgrundlage einen „gerechteren“ Artikel zu verfassen. Erbärmlich!