Kleines 1×1 der Buchbeschreibung (XVI)

unterstreichungenundmarginaliebbeispemann

Sehr verbreitet ist das freihändige Unterstreichen oder Anmarkern einzelner Worte, das Markieren von Textzeilen, ja ganzer Absätze, das Anstreichen längerer Passagen am Rand und das Niederschreiben kurzer oder auch längerer Marginalien auf dem Außensteg oder als ,Fußnoten‘ auf dem Fußsteg. Verwendet werden hierzu weiche oder harte Bleistifte, Kopier- und Buntstifte in allen Farben, Kugelschreiber, Federhalter, Tintenfüller, in neuerer Zeit auch Textmarker in allen möglichen und unmöglichen Farben, vorzugsweise in floureszierenden oder gar phosphoreszierenden Gelb- oder Grüntönen.

Meist sind solche Hinterlassenschaften eifriger Leser nicht oder nur mit einem Aufwand zu beseitigen, den der Wert selbst des lupenrein sauberen Buches nicht rechtfertigt. Und doch kann ich nicht leugnen, dass mich gelegentlich die individuellen, manuellen Hinzufügungen in Büchern mehr beschäftigen und bewegen als der ,neutrale‘ Inhalt der Bücher selbst, werfen erstere doch eine Reihe von Fragen auf, die nicht bloß detektivisch veranlagten Sammlern manch reizvolle Stunde des Grübelns und Spekulierens bescheren können.

Was mögen das etwa für Menschen sein, denen es offenbar ein unabweisliches Bedürfnis ist, alle paar Seiten ihrer heftigen Zustimmung oder auch ebenso heftigen Ablehnung expressiven Ausdruck zu verleihen, indem sie den Blattrand mit Ausruf- oder Fragezeichen garnieren? Von solchen wohl meist cholerisch veranlagten Lesern findet man dort eine reiche Vielfalt stakkatohafter Kurzkommentare dieser Art: ,Ach was!‘ – ,So, so.‘ – ,Wiedenn-wodenn-wasdenn?‘ – ,Seit wann?‘ – ,Unsinn?‘ – ,Hört, hört …‘ – ,Olala!‘ – ,Nett gesagt.‘ – ,Sehr wahr!‘ – ,Damals schon?‘ – ,Prüfen!‘ – ,Siehe oben S. 80.‘ – ‚Äußerst fragwürdig.‘ – ,Überholt.‘ – ,Pfui!‘ – ,Schön wär’s ja!‘ – ,Autor wiederholt sich.‘ – ,Etc. pp.‘ – ,Kommt mir bekannt vor.‘ – ,Quelle?‘ – ,Bravo!‘ – ,Oha!‘ – ,Ich glaub’s nicht!‘ – ,Wenn das so einfach wär …‘ – ,Muss wohl heißen: Pessimismus! – ,Heute kaum noch. (s. EU!)‘ – ,Rechenfehler?‘ – ,Empörend!‘ – ,Lachhaft!!‘ – ,Falsch!!!‘ usw. (Alle Beispiele aus einem vom unbekannten Vorbesitzer kraftvoll annotierten Exemplar der Memoiren eines prominenten deutschen Nachkriegspolitikers.) Solche Leser erwarten offenbar von der Lektüre keineswegs neue Einsichten, gar die Korrektur eigener Vorurteile. Sie wissen längst schon, was falsch ist und was wahr. Und so lesen sie Bücher allein deshalb, um ihre unumstößlichen Wahrheiten bestätigt zu sehen, ganz gleich, oder der Autor mit ihnen einer Meinung ist (dann applaudieren sie ihm), oder ob er das Gegenteil behauptet (dann pfeifen sie ihn aus).

Gänzlich andere Motive muss man jenen fleißigen Stricheziehern unterstellen, die mit ihren diversen Stiften zwischen den Zeilen unterwegs sind, um das eigentlich Wesentliche eines Textes (genauer: das, was sie dafür halten) aus dem vielen Unwesentlichen (genauer: aus dem, was sie dafür halten) herauszuschälen und für alle Zeiten blitzschnell verfügbar zu machen. Für diese leicht ungeduldige Sorte Leser zählen vor allem die konkreten Ergebnisse ihrer Bemühungen. Sie stellen gern Fragen wie: ,Und was heißt das jetzt unterm Strich?‘ – ,Aber was folgt für mich ganz konkret daraus?‘ – ,Lässt sich das auch in einem einfachen Satz auf den Punkt bringen?‘ Für solche Menschen wurden vermutlich einst die Zehn Gebote des alttestamentlichen Dekalogs ersonnen. Die Folgen sind bekannt! Als ,terrible simplificateur‘ hat zuerst Jacob Burckhardt diesen gefährlichen Typus bezeichnet, der danach trachtet, alle Weisheit dieser Welt an seinen plumpen Fingern abzählen zu können und ganze Bibliotheken zu einer Handvoll Thesen einzudampfen.

Rührend wird aber selbst dieser Thesen- und Parolenschmied gelegentlich; wenn er nämlich die Kontrolle über seinen Stift verliert und ganze Absätze, ja seitenweise jede Zeile unterstreicht. Dann führt er sein Vorhaben unwillkürlich selbst ad absurdum, denn abwegig ist es ja von vornherein insofern, als ein Buch nun einmal genau den Umfang hat, den es hat. So ist es hinzunehmen, so ist es zu belassen, da gibt es nichts hinzuzutun oder wegzunehmen. Und auch zu streichen oder hervorzuheben ist da nichts. Wenn man schon partout einen Extrakt aus einem Buch für sich persönlich ziehen will, dann tue man dies doch in einem separaten Heft und verunziere nicht das feine Buch mit seinen ungehobelten Einfällen [s. Titelbild].

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