Kleines 1×1 der Buchbeschreibung (XIII)

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Naturgemäß betreffen echte Beschädigungen zuallererst den Bucheinband, dann erst das ,Innenleben‘, den papierenen Buchblock mit dem geistigen Inhalt des körperlichen Objekts. Schließlich dient ja der Einband dem Schutz dieses Wesenskerns. Wenn er Angriffe aller Art abwehrt und dabei selbst oberflächlichen oder auch tiefer gehenden Schaden nimmt, so ist dies nicht mehr als seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, so möchte man meinen.

Andererseits gilt manchen Bücherfetischisten ein makelloser, unversehrter Einband als der schönste Schmuck des Buches. Genau besehen nehmen solche Leute aber doch eine reine Äußerlichkeit für das Eigentliche, die Kleidung und Maskerade für das nackte Wesen, für das sie gemacht sind. Spätestens an dieser Entgleisung wird deutlich, dass Bücherliebhaber nicht unbedingt auch Leser sein müssen, et vice versa. Ich kannte einen Sammler, der mir stolz ein wunderbar gebundenes Exemplar von Boccaccios Decamerone unter die Nase hielt, das er vor vielen Jahren bei einem Antiquar in Palermo erstanden hatte: Ganzleder, goldgeprägte Titel auf Rücken und Deckel, echte Bünde, dies alles in tadelloser Erhaltung. Bei genauerer Untersuchung dieses Schmuckstücks erwies es sich allerdings als Blindband, enthielt es doch nur lauter unbedruckte Seiten. Ich brachte es nicht übers Herz, ihn auf dieses kleine Defizit hinzuweisen, und beließ ihn in seinem Glauben, einen Schatz in seiner Sammlung zu bergen.

Einbände können Flecken aller Art aufweisen. Sie können einreißen, was ihnen bei Pappeinbänden besonders häufig an den viel strapazierten Gelenken widerfährt. Aber auch Leinenbände neigen dort zu Verschleiß. Sie können Stauchungen erleiden, vorzugsweise am Kapital oder an der Basis des Rückens. Auch die Ecken sind oft gestaucht oder gar umgeknickt. Der Buchblock reißt vielfach an den Innengelenken aus dem Einband, einzelne Lagen oder Seiten können sich lösen, wozu besonders die vorderen und hinteren Partien des Buches neigen. Schließlich ist der Schnitt rundum anfällig gegen Beschädigungen durch spitze, scharfe, harte und schwere Gegenstände oder durch Stürze von hohen Regalbrettern, wodurch Seiten zudem knickspurig werden oder einreißen können.

Eine besondere Erwähnung verdienen an dieser Stelle die Buchumschläge, die ja insofern eine schon beinahe dekadente Übertreibung bedeuten, als sie zum „Schutz des Schutzes“ dienen, indem sie nämlich den schützenden Einband ihrerseits einhüllen und die oberflächlichsten Abnutzungen von diesem fernhalten sollen. Schutzumschläge sind daher folgerichtig die ersten Opfer von Beschädigungen. Sie ziehen Flecken förmlich an, bleichen aus, reißen ein und werden knickspurig [s. Titelbild]. Es gibt tatsächlich Sammler, die darum die Schutzumschläge ihrer Bücher in separaten Behältnissen aufbewahren und die Bücher, so sie sie doch einmal aus dem Schrank nehmen, um gar darin zu lesen, ersatzweise in lederne Futterale kleiden, um sie so vor allen Gefahren zu bewahren.

Und dann gibt es noch Beschädigungen durch unbewussten Vandalismus, etwa durch Kleinkinder, die die Schwarz-Weiß-Illustrationen in einer Klassikerausgabe in einem unbeobachteten Moment mit Wachsmalstiften kolorieren, oder durch unwissende Hausangestellte, die die rückseitig unbedruckten Seiten herausreißen und als Einkaufszettel nutzen. Hier gilt tatsächlich der alte Satz des Terentianus Maurus: Habent sua fata libelli.

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