Kleines 1×1 der Buchbeschreibung (XI)

schutzumschlaglichtrandig

In den ersten zehn Folgen habe ich jene Erkennungsmerkmale eines Buches vorgestellt, die allen Exemplaren eines Titels gemeinsam sind, wenn sie in jungfräulicher Reinheit, eins wie das andere ununterscheidbar gleich, die Druckerei und Binderei verlassen und als makellose Neuerscheinungen in den Buchhandlungen eintreffen. Das sind, wie wir gesehen haben, der Autorenname und gegebenenfalls die Namen weiterer Mitarbeiter, der Titel auf dem sauberen Titelblatt, Name und Ort des Verlags, das Erscheinungsjahr, der Umfang nach Seiten, das Format, die Einbandart und zuletzt noch fallweise die graphische Gestaltung.

Sobald aber das einzelne Buch seinen ersten privaten Besitzer erreicht hat, ist es einer Vielzahl von erodierenden, makulierenden, gar ruinierenden Geschehnissen ausgesetzt, die Spuren auf seinem empfindlichen Corpus hinterlassen und es damit unterscheidbar machen von allen Geschwistern seiner Auflage, und zwar in der Regel ein für alle Male. Fast immer mindern solche Spuren den ästhetischen oder praktischen Wert des Buches. Es wird aber auch von Fällen zu reden sein, in denen im Gegenteil eine manchmal sogar erhebliche Wertsteigerung zu verbuchen ist, wenn nämlich diese Spuren Rückschlüsse auf die Provenienz eines Buches erlauben oder dieses spezielle Exemplar sonstwie veredelt wurde. (Vielleicht eröffne ich hier gelegentlich eine neue Serie, in der ich einige der solcherart ,getrüffelten‘ Bücher meiner Bibliothek vorstelle und erzähle, wie sie in meinen Besitz gelangten.)

Was nun die Art der Spuren betrifft, die fast alle Bücher nach einer gewissen ,Lebenszeit‘ an sich tragen, so kann man vier große Gruppen unterscheiden: Alterung, Abnutzung, Beschädigung und Kennzeichnung.

Alterungsspuren können selbst bei pfleglichem Gebrauch und schonender Lagerung auftreten, etwa wenn das Papier von so schlechter Qualität ist, dass es mit den Jahren nachdunkelt, der Schutzumschlag oder Einband lichtrandig wird usw. Ein privater Sammler wird die Ansprüche professionell eingerichteter Archive kaum herstellen können, die ihre Bestände bei gleichbleibender Luftfeuchtigkeit und Temperatur konservieren und so dem Zahn der Zeit mit allerdings beträchtlichem Kostenaufwand trotzen. Immerhin wird man den legendären ,Bücherwurm‘, der früher als tierischer Buchschädling gefürchtet war, in heute üblichen hygienischen Verhältnissen einer Wohnung mit Standardkomfort kaum mehr antreffen. Auf der Hut sein sollte man allerdings vor versteckten Verfallsbeschleunigern im Buch. So kann die an sich ja verständliche Gewohnheit, Kritiken und Rezensionen zwischen den Seiten des besprochenen Buches zu verstecken, nach etlichen Jahren für böse Überraschungen sorgen, wenn nämlich solche Zeitungsartikel, auf billigstes Papier gedruckt, nachgedunkelt sind und die Bräunung auf die Buchseiten überschlug. Auch Werbekarten des Verlags haben gelegentlich einen solchen unwillkommenen Effekt. Nicht nur das Raumklima, sondern auch das Sonnenlicht kann zu sichtbarer Alterung führen, wenn die Einbände oder Buchrücken ihm dauerhaft ausgesetzt sind und hierdurch ausbleichen. Solche Verfärbungen sind besonders unschön, wenn unterschiedlich große Bücher nebeneinander standen und sich darum die Bleiche fleckenweise abzeichnete. Austrocknung des Leims tritt besonders bei der ersten Generation gelumbeckter Bücher häufig auf, als diese Bindetechnik noch nicht ausgereift war. Trotz aller Vorsicht führt dies bald zum Bruch der Bindung, in manchen Fällen bis hin zur ,Loseblattsammlung‘. Buchumschläge mit Cellophan-Kaschierung, eine Mode – oder eigentlich Unsitte – der 1960er- und 1970er-Jahre, verlieren ihren glanzvollen Teint auch ohne menschliches Zutun von den Rändern her durch Abplatzen der hauchdünnen Kunststofffolien. (Hilft man nach, um die hässlichen Fransen und Fetzen loszuwerden, reißt man leicht auch schon mal Fehlstellen in die darunterliegende Farbschicht. Dies fällt dann allerdings in die Kategorie ,Beschädigung‘.)

Und schließlich können auch lästige Geruchsspuren zur Beeinträchtigung des Buchgenusses beitragen. Möglicherweise rührt der strenge Duft daher, dass Bücher ihr Heim mit starken Rauchern teilen mussten? Weit häufiger begegnen in den Kisten der Trödler und Flohmarkthändler Bücher, die durch feuchte Lagerung muffig geworden sind, wogegen es noch kein Heilmittel zu geben scheint. Der Erfinder eines nachhaltigen ,Bücherdeodorants‘ würde sich jedenfalls große Verdienste unter den Sammlern erwerben und könnte mit dem Verkauf eines patentierten Mittels an sie und die Händler reich und berühmt werden.

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