Archiv für April 2010
Geschützt: Monte Verità
Donnerstag, 08. April 2010Gleichgewicht des Schreckens
Mittwoch, 07. April 2010Gestern haben US-Außenministerin Hillary Clinton (*1947) und US-Verteidigungsminister Robert Gates (*1943) ein neues Strategiepapier der Obama-Regierung zum zukünftigen Umgang ihres Landes mit Atomwaffen vorgestellt. Diese 2010 Nuclear Posture Review (NPR) gilt vorläufig für die nächten fünf bis zehn Jahre und wurde allgemein als ein Fortschritt auf dem Weg zu einer globalen atomaren Abrüstung begrüßt, wobei die Meinungen wie üblich auseinandergingen, ob es sich hierbei nun um einen kleinen oder großen Fortschritt handelt.
Ich persönlich musste wieder einmal feststellen, dass mein eigenes Wissen über diese für die Zukunft der Menschheit doch so existenzbestimmende Frage lückenhaft bis falsch ist. Ich hatte bisher nämlich angenommen, dass die USA als freiheitlicher und friedliebender Staat Atomwaffen nur dann einsetzen würden, wenn ein feindlicher Aggressor sie zuvor mit Atomwaffen angegriffen hätte oder ein solcher Angriff unmittelbar bevorstünde und anders nicht abgewendet werden könnte.
Nun lese ich in dem gestern veröffentlichten Fact Sheet des U. S. Department of Defense Office of Public Affairs: “The United States will not use or threaten to use nuclear weapons against non-nuclear weapons states that are party to the Nuclear Non-Proliferation Treaty (NPT) and in compliance with their nuclear nonproliferation obligations.” Mit anderen Worten: Die USA hätten bisher auch Staaten mit Nuklearwaffen angreifen können, die solche Waffen nicht einmal selbst besitzen, geschweige denn sie gegen die USA zum Einsatz gebracht hätten oder dies wenigstens angedroht hätten. Und auch nach der neuen Selbstverpflichtungs-Erklärung schließen die USA nicht aus, Staaten mit Nuklearwaffen zu attackieren, die den Atomwaffensperrvertrag nicht unterschrieben haben, ganz gleich ob diese nun über solche Waffen verfügen oder nicht (#2.1 des Fact Sheet). Zurzeit sind dies allerdings nur die beiden erklärten Atommächte Indien und Pakistan sowie die beiden „vermutlichen“ Atommächte Israel und Nordkorea. Wenn ich es recht verstehe, dann könnten die USA somit selbst nach den fortschrittlichen neuen Regeln ein Atombömbchen auf meine Heimatstadt fallen lassen, wenn Deutschland unter Einhaltung der dreimonatigen Kündigungsfrist seine Zugehörigkeit zum Atomwaffensperrvertrag aufkündigen würde.
Aber keine Panik! Schließlich wollen die USA künftig nur unter „extremen Umständen“ und zur „Verteidigung ihrer vitalen Interessen“ zu diesem allerletzten Mittel greifen (#2.2 des Fact Sheet). Was das genau heißen würde, möchte ich mir vorläufig nicht ausmalen. Schließlich gibt es ja Szenarios, mit denen man weitaus wahrscheinlichere Katastrophen heraufbeschwören kann. Da ist z. B. noch immer die ungeklärte Frage, wie die mit Kernkraftwerken bestückten Staaten einen terroristischen Angriff dieser unzureichend gepanzerten Objekte durch gezielte Flugzeugabstürz oder panzerbrechende Waffen verhindern wollen. Fest steht wohl, dass selbst in Deutschland mindestens sieben Reaktoren gegen einen solchen Anschlag nicht ausreichend geschützt sind (Brunsbüttel, Philippsburg 1, Isar 1, Biblis A und B, Neckarwestheim 1 und Unterweser). Wie es im benachbarten Ausland aussieht, etwa in Tschechien oder im mit AKWs geradezu bepflasterten Frankreich? Ich will es lieber gar nicht wissen.
Einerseits soll man auch kleine Fortschritte begrüßen, in einer Welt, die zu Hoffnung so wenig Anlass gibt. Andererseits darf man sich nicht durch solche kleinen Fortschritte darüber hinwegtäuschen lassen, wie weit wir noch immer von einer langfristig stabilen Friedenssicherung auf diesem Planeten entfernt sind.
Hörfunk (IV)
Sonntag, 04. April 2010Gute Nachrichten für Alan-Bangs-Fans! Der Deutschlandfunk-Ableger DRadio Wissen hat den Meister der Popmusikansage – welch ein Euphemismus – zur Wiederbelebung seines legendären Nightflight gewinnen können.
In einer Preface-Sendung wurde Bangs von Nail Al Saidi und Julia Rosch in der „Redaktionskonferenz“ am 31. März 2010 zu seiner bewegten Geschichte am Mikrofon befragt. Man merkte dem zuletzt von den Sendern nahezu kaltgestellten Moderator an, wie sehr er den Augenblick dieses Comebacks herbeigesehnt hat. Und ich war erleichtert, ihn hier in alter Frische vernehmen zu können.
Was Bangs sagt, ist niemals nur so dahingesagt – und kommt ihm doch ganz entspannt über die Lippen. Da redet einer, der es nicht nötig hat, mit einem festen Konzept im Kopf durch die Sendung zu marschieren. Ein Gedanke ergibt sich organisch aus dem anderen.
Der Zuhörer wird mal zustimmen, mal anderer Meinung sein, das ist oft genug ja auch eine Frage des (Musik-)Geschmacks. Aber unterhaltsam sind diese nächtlichen Monologe immer gewesen. Das liegt zu einem guten Teil wohl auch daran, dass Bangs getrost darauf verzichten kann, seine Sendezeit mit langweiliger Faktenhuberei und degoutanten Skandalgeschichten zu füllen. In seinen besten Sendungen war die Musik schließlich nur der angenehme Ausgangpunkt für kluge Meditationen über Literatur und Kunst, die Liebe und das Leben, Ängste und Sehnsüchte, Versuchung und Verzweiflung, Glück und Unglück, Irrtum und Erlösung. Und es spricht einiges dafür, dass Bangs an diese schöne Tradition auf dem neuen Nightflight anknüpfen will. So hat er zum Beispiel angekündigt, in einer Sendung seine Begeisterung für Herman Melvilles Bartleby zu bekunden und zu erklären. (Damit rennt er bei mir natürlich offene Türen ein; vgl. meine XXIII. Literarische Soiree). Hoffentlich gewährt man ihm bei diesem Sender und in diesem Format die nötigen Freiräume, um seine unkonventionellen Spaziergänge durch die Popmusikgeschichte und -gegenwart ohne Fußfesseln und Scheren im Kopf unternehmen zu können.
Ab heute und künftig immer sonntags von 23:05 Uhr bis Mitternacht lauschen wir also neugierig bei DRadio Wissen auf Alan Bangs und seinen neuen Nightflight. Ich wünsche guten Start, weiten Flug und sichere Landung und werde hier sicher zu gegebener Zeit meine Meinung über das neue Hörfunk-Highlight kundtun.
[© Titelbild: Umschlagillustration von Lutz Kober zu Alan Bangs: Nightflights. Das Tagebuch eines Dee Jay. Düsseldorf u. Wien: Econ Verlag, 1985.]
Google fünf Jahre verspätet
Freitag, 02. April 2010Heute erfreut uns Google wieder einmal mit einem seiner lustigen Rätselbilder, die in unregelmäßigen Abständen die sechs bunten Buchstaben des Firmennamens aus chronikalischem Anlass verschönern.
Zum 2. April 2010 sehen wir also eine dunkelrote Blüte, der ein zwergenhaftes Mädchen im schulterfreien Abendkleid entspringt, zwei weiße Garnrollen und ein Nadelkissen mit sieben Stecknadeln.
Woran soll diese Kinderbuchillustration erinnern? Wenn wir mit dem Mauszeiger über das Bild fahren, werden wir schnell belehrt: „200ster Geburtstag von Hans Christian Andersen“ steht in dem ALT-Tag, das sich dann öffnet [s. Titelbild]. Klickt man auf das Bild, so erscheinen nacheinander noch vier weitere Illustrationen.
Nun weiß ich allerdings genau, dass der 200. Geburtstag des dänischen Märchendichters heute vor genau fünf Jahren gefeiert wurde. Ich selbst habe nämlich am 1. April 2005 eine Literarische Soiree zu seinen Ehren veranstaltet und mit meinen Gästen sozusagen in diesen Geburtstag reingefeiert.
Hans Christian Andersen wurde am 2. April 1805 (nicht 1810!) in Odense geboren, da beißt keine Maus einen Faden von ab. Google ist mit 100 Milliarden Dollar zurzeit die wertvollste Marke der Welt – und sollte nicht in der Lage sein, das korrekte Geburtsjahr eines weltberühmten Märchendichters zu ermitteln? Nun wurden die Andersen-Bilder nicht nur bei Google Deutschland, sondern auf allen Google-Homepages weltweit gezeigt – und natürlich auch bei Google Dänemark! Allerdings ist überall sonst die Datierung im ALT-Tag korrekt: „HC Andersens 205-års fødselsdag“ heißt es z. B. in Dänisch. Bloß die deutschen Google-Betreuer waren so bräsig, das Jubiläum um fünf Jahre abzurunden. Vielleicht mochten sie nicht glauben, dass ein so „unrunder“ Geburtstag wie der 205te solchen Aufwand rechtfertigte.


