Ich und der Grimme Online Award

unterholz

Wie ich gerade zu meinem maßlosen Entsetzen feststellen musste, ist mein Weblog für den diesjährigen Grimme Online Award vorgeschlagen worden. Dieser Preis wird seit 2001 vom Adolf-Grimme-Institut vergeben, um „Qualität im Netz“ zu fördern und die Aufmerksamkeit auf herausragende publizistische Online-Angebote zu lenken, die einem hochwertigen Qualitätsanspruch gerecht werden. So weit, so gut. Die Preise werden in den drei Kategorien – Information, Wissen und Bildung, Kultur und Unterhaltung – vergeben. Hier wird’s schon kitzlig, denn ich bin in allen diesen Ressorts aktiv und wüsste nicht, was mir am meisten am Herzen liegt: Die Vermittlung aktueller Informationen, begleitet von vertiefenden Analysen? Der Wissenstransfer im Dienste von Bildung, Beratung und Aufklärung meiner Leser? Oder deren Unterhaltung auf formal und inhaltlich hohem Niveau, durch die Darstellung kreativer Konzepte abseits des Meinstreams? Aber vielleicht ist ja gerade für solche Wanderer zwischen den Welten, Flaneure abseits ausgetretener Pfade wie mich die vierte Kategorie erfunden worden, der Grimme Online Award Spezial. Er prämiert innovative und qualitativ herausragende Konzepte und Beispiele für publizistisch relevante Web-Angebote sowie publizistische Einzelleistungen von besonderer Qualität, die den ersten drei Kategorien nicht zuzuordnen sind.

Obwohl jeder Internet-Nutzer und Online-Anbieter zwischen dem 15. Januar und dem 15. März 2010 jedes beliebige deutschsprachige Internetangebot vorschlagen konnte, zähle ich auf der nunmehr geschlossenen Vorschlagsliste nur 1.420 Webadressen. Das finde ich einerseits lächerlich wenig, soll es doch schon vor Jahren mehr als eine Million Weblogs in Deutschland gegeben haben. Andererseits ist es schauderhaft viel für die bedauernswerten sieben Mitglieder der Nominierungskommission, die nun vor der Aufgabe steht, alle eingereichten Vorschläge zu sichten und eine Vorauswahl zu treffen, die dann zur Preisfindung an die ebenfalls siebenköpfige Jury weitergereicht wird. Ich habe mir die Liste mit den 1.420 Links eben mal ausgedruckt. Sie ist 19 Seiten lang, obwohl ich die Schrift auf 8 Punkt heruntergedimmt habe. Da die Kandidaten strikt in der Reihenfolge des Eingangs aufgeführt werden, die letzten zuoberst, ergibt sich ein buntes Durcheinander. Ich stehe an Position 1.035, zufällig zwischen www.scoolz.de und www.karrierebibel.de. Dem „Schüler Magazin“ direkt vor mir fehlt schon im Untertitel was, nämlich ein Bindestrich. Im Forum geht’s dort um Penislängenvergleich und die Frage, wann endlich die Brüste wachsen. Von hinten raunt ein smarter Wirtschaftsjournalist mir ins Ohr, dass ich mich mit meiner speckigen grauen Kordjacke besser gleich ins Wachsfigurenkabinett, Abteilung Moorleichen begeben soll. Das ist Jochen Mai, Autor eines Buches namens Karrierebibel, in dem definitiv alles drinsteht, was ich für meinen beruflichen Erfolg, zum Beispiel als Blogger, wissen muss. Und da dieser ultimative Ratgeber gar nicht ultimativ genug sein kann, ergänzt Jochen Mai dessen Inhalte auf seiner gleichnamigen Website regelmäßig um die allerneuesten Erfolgsrezepte.

Ich bin weder jung im Sinne von Scoolz noch erfolgreich im Sinne der Karrierebibel. Wie konnte ich mich nur auf diesen Webcontest verirren? Wer hat sich diesen grausamen Scherz mit mir erlaubt? Und was kann ich dagegen tun?

Leider geben die Statuten des Preises keine Auskunft über einen Fall wie meinen. Vermutlich ist der durchschnittliche Blogger rattenscharf auf diese Auszeichnung. Ich wüsste ja gern, wie viele der übrigen 1.419 Online-Anbieter sich selbst beworben und wie viele einen guten Freund vorgeschickt haben, weil ihnen dieses Ranschmeißerische nicht so liegt. Rätselhaft ist ja übrigens auch, dass die Verantwortlichen beim Adolf-Grimme-Institut direkt nach Ablauf der Frist von zweitausend eingegangenen Vorschlägen tönten. Vielleicht gehören ja die fehlenden 581 Webadressen unbescholtenen Leuten meiner Kragenweite, die sich augenblicklich ans Institut gewandt und um Löschung ersucht haben? Oder der Dublettenabgleich wurde erst nach Herausgabe der Pressemeldung vorgenommen?

Sei es, wie es sei. Vielleicht lassen die Verantwortlichen des Grimme Online Award im Eduard-Weitsch-Weg ja in regelmäßigen Abständen eine promovierte Praktikantin nach „Grimme Online Award“ googeln. Die stößt dann vielleicht auf diesen Beitrag in meinem Blog und liest folgendes Statement: „Liebe Damen und Herren der Nominierungskommission des Grimme Online Award! – Lassen Sie sich von meinem Weblog www.revierflaneur.de nicht aufs Glatteis führen. Zwar ist sein äußeres Erscheinungsbild schlicht und bescheiden. Zwar drückt der Autor seine wenigen Gedanken klar und deutlich aus und bemüht sich dabei um die Einhaltung aller geltenden Regeln der deutschen Sprache und Schrift. Hinter dieser Fassade aus Wohlanständigkeit und Korrektheit tun sich jedoch Abgründe auf! Auf Schritt und Tritt lauern Anarchie und Aufruhr, Verführung der Jungen und Alten zu Trotz und Widerspruch, Verhöhnung der Werktätigen und Erfolgreichen, Leugnung gängiger Glaubenssätze, Zweifel an unumstößlichen Wahrheiten – und dies alles in so geschickter Tarnung, dass es Ihnen gar nicht aufgefallen wäre, hätte ich Sie hier nicht darauf gestoßen. Jede lautere Zweckorientierung, wie Sie sie in Ihrer Ausschreibung zum Ausdruck bringen, ist diesem Weblog wo nicht fremd, so doch verdächtig. Machen Sie sich und mich nicht unglücklich! Lassen Sie die Finger von diesem Blog! – Ihr Revierflaneur.“

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