Lesertypologie (I)

typen

Menschenklassifikationen sind ein unterhaltsamer Zeitvertreib. Es gibt teusendundein Kriterium der Klassifizierung, da sind der Phantasie des Menschensammlers wahrlich keine Grenzen gesetzt. Aus verständlichen Gründen interessiert mich besonders eine Typologie meiner Mitmenschen, nämlich die nach ihrem Verhalten als Leser.

Im Hinblick hierauf sind zunächst grundsätzlich Nichtleser von Lesern abzugrenzen, welch letztere dann etwa in Gelegenheits- und Vielleser geschieden werden können, oder in freiwillige und Zwangsleser. Bevor man in einem weiteren Schritt, was vielleicht am nächsten liegt, nach der Art der Lektüre fragt, z. B. die Gruppen der Krimileser, Leser historischer Sachbücher oder Gedichtleser bildet, gibt es aber noch einige andere Merkmale zur Unterscheidung, die die spezielle Art und Weise des Lesens betreffen. Hier gibt es eine Reihe von spezifischen Eigenarten, die mir bei meiner Beobachtung des Leserverhaltens in meiner weitläufigen Bekanntschaft und früher auch bei meinen Kunden immer wieder begegnet sind.

So gibt es gar nicht wenige Leser, die ein Buch grundsätzlich bis zur letzten Seite, also zu Ende lesen, es „auslesen“, wie man auch sagt, ganz gleich, ob es ihnen gefällt oder nicht. Diese Leser scheinen ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn sie die Lektüre mittendrin abbrechen. Vielleicht geben sie die Hoffnung nicht auf, dass das Buch doch noch eine überraschende Wendung zum Guten nimmt, unterhaltsamer wird oder tiefsinniger, ganz nach ihren jeweiligen Erwartungen. Ist es zum Beispiel ein Roman, dessen Handlung voller Widersprüche und logischer Fehler steckt, dann erhoffen sie sich einen genialen Clou, der im Nachhinein diesen ganzen Blödsinn plausibel werden lässt.

Ich habe immer schon vermutet, dass es sich bei diesem Typ in der Regel um einen auch sonst zu Sparsamkeit neigenden Menschen handelt, der schlecht verträgt, bei einem nur zur Hälfte konsumierten Produkt nicht ganz auf seine Kosten zu kommen. Interessanterweise bevorzugen nach meiner Beobachtung solche Leser dicke Bücher: je dicker, desto besser. (Ob der Umkehrschluss gilt, dass Liebhaber dicker Bücher grundsätzlich Geizkragen sind? So weit würde ich nicht gehen. Überhaupt sollte man, wenn man sich mit Klassifikationen und Typologien beschäftigt, immer auf der Hut sein vor leichtfertigen Verallgemeinerungen.)

Was nun mich selbst als Leser betrifft, so gebe hier gleich offen und ehrlich zu, dass ich mich keineswegs verpflichtet fühle, ein Buch auf Teufel komm raus zu Ende zu lesen, bloß weil ich einmal die Nase hineingesteckt habe. Ich gestehe weiter, dass ich in meinem langen und wechselvollen Leserleben weitaus mehr Bücher zu lesen begonnen, als zu Ende gelesen habe. Die Gründe, warum ich die Lektüre unterbreche, oft genug dann ganz abbreche, sind sehr vielfältig. Mal hält das jeweilige Buch nicht, was die Kritik versprach. Oder es mag zwar in seiner Art ganz ausgezeichnet sein, entspricht aber momentan nicht meinem Bedürfnis. Vielleicht passt es auch bloß atmosphärisch nicht zu meiner augenblicklichen Stimmung. Dann wieder geht mir ein scheinbar unbedeutendes Detail so sehr gegen den Strich, dass ich das Buch sofort aus der Hand legen muss, wenn es hart kommt mitten im Satz. Oder aber es ereignet sich in meinem wirklichen Leben eine Trivialität, die mich zunächst nur für Stunden oder Tage aus dem Lesen eines ganz passablen Buches herausreißt. Ich bin fest entschlossen, sobald die Gelegenheit wieder günstiger ist, zu diesem Buch zurückzukehren. Das Lesezeichen steckt an der richtigen Stelle zwischen den gelesenen und den ungelesenen Seiten. Und doch finde ich nicht mehr zurück in die Zusammenhänge der Geschichte. Mit diesem und jenem Namen vermag ich keine konkreten Vorstellungen mehr zu verbinden. Ich blättere zurück und versuche, den Faden wieder aufzunehmen, stoße auf Passagen, die mir nun völlig fremd erscheinen und so vorkommen, als hätte ich sie beim ersten Lesen irrtümlich überschlagen. Schließlich gebe ich auf und greife nach einem anderen Buch, auf dessen Beginn ich ohnehin eigentlich schon neugieriger war als auf die Fortsetzung des angebrochenen, das mir nun entsetzlich fade erscheint, wenn ich nur von Ferne daran schnuppere. So treu ich als Liebhaber von Menschen bin, so untreu bin ich als Genießer von Büchern.

[Wird fortgesetzt.]

One Response to “Lesertypologie (I)”

  1. martin Says:

    Was soll ich schreiben? – Ich lese gerne hier!! – Hier bin ich, wenn ich so schreiben darf, im “Fluss”. – Danke für deine öffentlichen Worte.

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