Heute las ich mal wieder auswärts und vor fremdem Publikum. Die Vorsitzende des Kneipp-Vereins Oberhausen hatte aus der Zeitung von meinen Literarischen Soireen gelesen und mich für den monatlichen „Klönabend“ engagiert. Im Programmheft wurde diese Veranstaltung so angekündigt: „An diesem Abend liest Herr Manuel Heßling aus seiner literarischen ,Hausapotheke‘. Ein unterhaltsames, humoristisches Programm. Herr Heßling liest seit über 20 Jahren vor Publikum.“ Ich war darauf vorbereitet, dass mich hier ein überwiegend älteres Publikum erwarten würde. Dass aber das Interesse der jüngeren Generationen an der doch gewiss sehr wirksamen Lebensweise des Pfarrers Kneipp [siehe Titelbild] offenbar vollständig erloschen zu sein scheint, erschreckte mich dann doch etwas. Immerhin war die Akustik des Saals im „Haus Union“ hervorragend. Die etwa zwanzig Zuhörer, überwiegend Damen, folgten meinem Vortrag zunächst etwas skeptisch, dann zunehmend erheitert.
Ich las das Gespräch über das Alter des alten Alfred Polgar, zwei groteske Texte von Victor Auburtin und Hermann Harry Schmitz, zwei Gedichte (Der Wundermann von Hermann Löns und Tagebuch eines Herzkranken von Erich Kästner) und zwei frühe Feuilletons von Joseph Roth, die mir besonders am Herzen lagen. (Wieder einmal musste ich erfahren, dass das, was mir besonders am Herzen liegt, nicht so gut ankommt.)
Richtig stolz war ich auf meinen letzten Programmpunkt, Roths Von Barfußgängern und Wassertretern, einen Text also, der sich tatsächlich direkt mit den Kneippianern beschäftigte, und zwar des Jahres 1919. Das war ein echter Zufallsfund und thematisch ja ein Volltreffer. Dass der Autor sich über die Anhänger Kneipps lustig machte, hatte ich eingangs mit der Bitte entschärft, die Zuhörer sollten doch Joseph Roth nicht allzu böse sein. Er habe, als er in verhältnismäßig jugendlichem Alter elendig an seinem Alkoholismus verreckte, seine Wasserabstinenz bitter büßen müssen.
Die eigentliche Lesung dauerte wunschgemäß genau eine Stunde, mit An- und Abfahrt kostete es mich vier Stunden. Etwa die gleiche Zeit hatte ich zuvor in die Textauswahl und die Anfertigung des Programmzetels investiert.
Wozu der ganze Aufwand? Weil es mir Spaß macht. Man kommt unter Leute. Andere Leute.

“Literarische Hausapotheke”? Das klingt ja grausamer als das “Potpourri bunter Melodien”.
Und zu Roths Joseph könnte ich, müsste ich noch viel mehr kommentieren, aber wer will schon bare Schwärmereien lesen.
Psst! Muss denn Gutgemeintes immer böse Gemeinheiten auf sich ziehen?
Aber wie wäre es, zu Roth und in Zeiten des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, mit unbaren Schwärmereien?