Montag, 1. Februar 2010: Zootiere im Krieg

brengira

Dass wir Menschen nicht davor zurückschrecken, auch hilflose Tiere in unseren Kriegen auf vielfältige Weise einzusetzen, als Meldegänger, Transportmittel und lebende Land- oder Wasserbomben, das ist inzwischen hinlänglich bekannt und wurde jüngst auch Gegenstand einer umfassenden Darstellung.

Das erbarmungswürdige Bild, das die Zootiere in den europäischen Großstädten unter dem Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs boten, ging mir immer schon besonders zu Herzen. Zufällig stieß ich heute gleich zweimal auf literarische Zeugnisse zu diesem traurigen Thema.

April 1941: „In seinen Kriegserinnerungen erwähnte Churchill das Leiden der Tiere im Belgrader Zoo. ,Ein verletzter Storch stakste am größten Hotel der Stadt vorbei, das in Flammen stand. Ein Bär bewegte sich verwirrt und halbbetäubt mit langsamem, unsicherem Gang durch das Inferno zur Donau hinunter.‘“ (Winston S. Churchill: The Second World War. Bd. 3: The Grand Alliance. Boston 1950, S. 174 f.; hier zit. nach Nicholson Baker: Menschenrauch. A. d. Engl. v. Sabine Hedinger u. Christiane Bergfeld. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2009, S. 338.)

Februar 1945: „Als gegen Ende des letzten Krieges Dresden von den Flugzeugen der Alliierten in einer einzigen Nacht fast dem Erdboden gleichgemacht wurde, bekam auch der Zoo in einem Park, der ein wenig dem Bois de Boulogne glich, schwere Treffer ab. Viele Tiere (darunter auch einige gefährliche) flohen aus ihren Käfigen mit den zerstörten Gittern und flüchteten sich in diesen Wald, wo sie auf Einwohner und Einwohnerinnen trafen, die wie sie geflüchtet waren. Nichts Schlimmes geschah, versichert man, denn der Schrecken, der Tiere und Menschen zermalmte, hatte einen Frieden wie in einem irdischen Paradies zwischen ihnen gestiftet. Und – Romantik oder Redensart – man erzählt sogar, daß die einen sich gegen die andern schmiegten.“ (Michel Leiris: Die Spielregel. Band 4: Wehlaut. A. d. Frz. v. Hans Therre. München: Matthes & Seitz, 1999, S. 76.)

Ob es noch mehr Zeugnisse dieser Art gibt? Immerhin habe ich noch herausgefunden, dass Alexander Kluge 1995 gemeinsam mit dem Autor von Der Brand, Jörg Friedrich, einen Kurzfilm über Zootiere im Bombenkrieg gemacht hat. (München: Kairos-Film; Premiere: 30. Oktober 1995.) – Ich werde dieses düstere Kapitel weiter im Auge behalten.

3 Antworten zu “Montag, 1. Februar 2010: Zootiere im Krieg”

  1. Günter Landsberger sagt:

    Auch das Buch Krieg im Stein. Erlebtes, Geschenes, Gehörtes aus dem Kampfgebiet des Karsts von Ernst Decsey, Graz: Leykam, 1915 gehört hierher, insbesondere das Kapitel “Hymnus auf die Esel” (S. 169-176).

  2. Günter Landsberger sagt:

    Um wie vieles besser als Menschen es gelegentlich Zootieren in Russland ging, hab ich mal irgendwo im 1. Band von Solschenizyns Archipel Gulag gelesen. Ich müsste daraufhin noch einmal genauer nachschauen.

  3. Günter Landsberger sagt:

    In der Ausgabe vom 7. März 1920 von Der neue Tag veröffentlichte Joseph Roth seine journalistische Arbeit Tiere, die mit folgenden Sätzen beginnt: “Im Schönbrunner Park kann man wieder die Tiere sehen. In den Käfigen sind nur noch sehr wenige. Der Wolf läuft rasend das Gitter entlang, auf und ab, verzweifelt, daß er kein Stückchen Brot hat, um es den hungrigen Leuten zuzuwerfen, die ihn besichtigen.” (Ingeborg Sültemeyer: Das Frühwerk Joseph Roths 1915-1926. Studien und Texte, Wien 1976, S. 188) Später (am 7. April 1923) erschien der gesamte Feuilletontext etwas gestrafft und auch vom Gestus her etwas verändert im Vorwärts unter dem Titel Zoo im Frühling (ebd., S. 203 f.). Er endet jetzt sarkastisch und beziehungsreich mit den Worten: “Der Mensch ist gut …” (S. 204).

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