Müßiggang A-Z

dischmatt

Wann immer ich ein Thema langfristig in den Blick nahm, musste ich kaum besondere Mühen darauf verwenden, alles zu dem betreffenden Gegenstand lesens- und bedenkenswerte durch angestrengte Recherchen ans Licht zu bringen. Es reichte vielmehr, mit der nötigen Geduld abzuwarten, dann warf mir der günstige Zufall irgendwann alles zugehörige Material vor die Füße. Ja, mehr noch: Manches, das ich auf diese Weise entdeckte, wäre auch mit bestem Willen durch keine gezielte Suche aufzustöbern gewesen.

Dieser Tage, da ich mich ja als selbsterklärter Flaneur für verwandte Gegenstände wie Caféhäuser, Dandys, dolce far niente, Faulheit (und das Recht auf sie), Freizeit, Gelassenheit, das Goldene Zeitalter, hypnagogische Zustände, Langeweile, madrugada, Oblomowerei, Taugenichtse und Nichtstuer schon aus sozusagen professionellen Gründen interessieren muss, plumpste mir nun zufällig ein neu erschienenes Buch auf den Tisch, das diese Stichworte, neben vielen anderen nah und fern verwandten, lexikalisch abhandelt: das Wörterbuch des Müßiggängers von Gisela Dischner (Bielefeld u. Basel: Edition Sirius im Aisthesis Verlag, 2009).

Die Autorin (* 1939) war vor ihrer Emeritierung 2004 drei Jahrzehnte lang Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hannover und genießt den wohl verdienten Ruhestand wie viele ihrer Altersgenossinnen in einer Hängematte auf Mallorca [s. Titelbild]. Dass diese Lesehaltung mit den disziplinierteren Techniken wissenschaftlichen Arbeitens schwer vereinbar ist, leuchtet jedem ein, der mit einer solchen Tätigkeit einmal sein Brot hat verdienen oder Reputation hat erwerben müssen. Nun liegt es ja nahe, eine derart entspanntere Arbeitshaltung als dem Thema adäquat ganz bewusst zu favorisieren. Und dazu passt, dass sich Gisela Dischner gleich eingangs in ihrem Vorwort zu solchermaßen gelockerten Sitten offen bekennt und überdies ankündigt, kein fertiges Buch abgeliefert zu haben. Vielmehr bittet sie den Leser um Mitarbeit, oder richtiger: um seine spielerische Beteiligung: „Der Müßiggänger, genannt M., wünscht sich einen Leser als Mitspieler. Seine Gedanken zu den ,Stich-Wörtern‘, die nicht hintereinander, sondern nach Lust und Laune lesend erkundet werden können, lassen sich ergänzen, korrigieren, bedenken. […] Der Leser kann den Anregungen nachgehen im Müßiggang der Wortfolgen, seine eigenen Lektüren geliebter Autoren miteinbeziehen und neue Beziehungen zu den Wörtern herstellen, sie neu beseelen. […] Der M. fühlt sich als geistiger Flaneur. Der geistige Flaneur ist ununterbrochen im Zustand erhöhter Wahrnehmung. Seine aufmerksam-gelassene Konzentration ist nur mit dem Qualitativen beschäftigt – Quantität, die der Marktlogik folgt, interessiert ihn nicht. […] Das Geistige ist mit dem materiellen körperlich realisierten Flanieren häufig verbunden: In diesem Sinne ist der Flaneur fleißig – er arbeitet ständig gegen die Gewohnheit, die nur zum bloßen Wiedererkennen führt.“ (Ebd., S. 5.) – Ich würde diese schönen Worte gern kommentarlos stehen lassen, kann aber zwei gewiss kleinliche Fragen doch nicht unterdrücken: Ob der stolze Preis von 24,80 € fürs (gelumbeckte!) Buch etwa auch nicht der Marktlogik folgt? Und warum die Autorin sich zu der von ihr beschriebenen Form von Müßiggang erst so spät, nämlich im materiell vermutlich einigermaßen komfortabel ausgestatteten Rentenalter hat durchringen können?

Das Buch erscheint nicht von ungefähr in einer Zeit, in der hierzulande eine große und ständig zunehmende Zahl von Menschen vor Erreichen des „verdienten Ruhestandes“ in die Arbeitslosigkeit entlassen wird. Wenngleich ich demoskopische Untersuchungen hierzu nicht kenne, bin ich überzeugt, dass die Mehrheit der Betroffenen nicht allein unter den materiellen Einbußen leidet, die mit diesem Verlust lohnabhängiger Beschäftigung gewöhnlich verbunden sind, sondern insbesondere auch an der Beschädigung ihres Selbstwertgefühls. Der Müßiggang, den sie nicht frei gewählt haben, zu dem sie vielmehr durch den Entzug einer lange eingeübten Alltagsroutine meist sehr abrupt gezwungen wurden, erscheint ihnen als ein deprimierender und beschämender Zustand der Leere und Sinnlosigkeit. Einem kleinen, feinen Teil dieses wachsenden Heeres von ausrangierten ehemaligen Werktätigen mag ein solches Wörterbuch helfen, ihre neu gewonnene Freiheit ohne Brotarbeit in einem freundlicheren Licht zu sehen. Alle anderen würden seinen Inhalt, so sie es denn zur Kenntnis nähmen, vermutlich als blanken Hohn auffassen.

Unterm Stichwort „Flaneur“ zitiert Dischner übrigens, neben dem unvermeidlichen Walter Benjamin, eine Passage aus einem Essay von Jorge Luis Borges: „Ich wollte diesem Spaziergang keine besondere Richtung vorschreiben: ich sorgte für eine besonders breite Skala zufallender Möglichkeiten, um nicht den Zustand der Erwartung durch den zwangsläufigen Vorausblitz auf eine einzige unter ihnen zu erschöpfen.“ (Aus: Eine neue Widerlegung der Zeit und 66 andere Essays. Frankfurt am Main: Eichborn Verlag, 2003, S. 276; hier zit. nach Dischner, a. a. O., S. 74.) Die Machart des Buches erinnert mich übrigens an jene gigantische Zitatmontage, die Hartmut Dietz unter dem Titel Neuer Physiologus seit vielen Jahren im Internet wachsen und gedeihen lässt. Und in der Tat drängt sich doch auf, dass für dergleichen Wildwuchs von Zitaten, Definitionen, Assoziationen zu einem weitläufigen Thema das neue Medium weitaus besser geeignet gewesen wäre als das altehrwürdige Buch – gerade auch dann, wenn Gisela Dischner es mit der Einladung zur Beteiligung ihrer Leser ernst meint.

[Titelbild aus dem besprochenen Buch von © Gerlinde Knaus.]

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